Fürchtet euch nicht! (Weihnachten 2016 zu Lk 2,10 mit Joh 16,33b)

Fürchtet Euch nicht! – Ob damit in dieser Weihnachtsnacht nicht schon alles gesagt ist?! Ist das die Botschaft für uns am Ende dieses Jahres, das ein „Jahr der Ängste“ war?

Predigt Heiligabend 2016

Gegen die Angst

Lk 2,10 mit Joh 16,33b

Schon vor dem schrecklichen Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt haben Umfragen hervorgebracht: Selten sind die „Ängste der Deutschen“ innerhalb eines Jahres so stark gestiegen.

 

Die Welt scheint immer stärker aus den Fugen zu geraten: Sicherheiten brechen weg. Wo wir uns unbeschwert in der Öffentlichkeit bewegten – da werden manche zurückhaltener, vorsichtiger.

Wo wir stolz sein konnten auf unsere offene Gesellschaft und unsere Meinungsfreiheit – da erleben wir, wie Hasstieraden verbreitet werden, absichtlich falsche Fakten gestreut und mit Emotionen Politik gemacht wird.

Was bisher heilig war – wir haben es beim Brand der Lutherkirche vor 1 ½ Jahren selber erlebt -., ist nicht mehr sicher.

 

Das macht Angst – und ich spüre diese tiefe Sehnsucht zur heiligen Nacht, dass mit ein „Fürchte dich nicht“ eingeflüstert wird:

Verliere nicht den Kopf und deinen Kompass in unübersichtlichen Zeiten! Nicht deine Menschenfreundlichkeit, nur weil andere hassen und anderen das Hassen lehren!

 

Lass dich nicht bange machen: Du stehst in einer Gemeinschaft, die heute Nacht auf die ungewöhnlichste aller Geschichten hört: Denn in das Alltägliche einer Geburt wird das gesamte Geheimnis des Lebens und der Gottesoffenbarung gelegt. Es geht um ein Kind und den glücklichen, wundersamen Beginn des Lebens. Unter welchen Schmerzen bringt die Mutter ihr Kind zur Welt – und welche Verantwortung und welcher Wert erwächst daraus für das schutzlose Leben?

 

Lass dich nicht bange mache, auch wenn ein solches schutzloses Leben schnell ausgetilgt werden kann – der Herodes lauert hinter der Stallecke, auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt, ja, vielleicht auch auf belebten Plätzen vielleicht in unserem Land. Aber: Die Freude über das Leben siegt! Die Hoffnung ist stärker als die Angst.

 

II.

Angst ist etwa Gesundes und Menschliches: Sie macht uns wach und aufmerksam, handlungsfähig, hilft zu überleben.

 

Aber wehe, die Falschen machen mit der Angst Politik! Es ist so einfach Angst einzuflösen, weil die Welt immer schneller und unübersichtlicher wird, immer mehr Nachrichten um die Welt fliegen, weil in jeder Gesellschaft ein Potential von Wut und Hass und Zerstörung zu finden und zu aktivieren ist.

 

Angst weitet dann nicht die Sinne, sondern Enge macht sich breit. Fakten zählen nicht, nur Gefühle und Eindrücke. Die Angst vor den Fundamentalisten gesellt sich zur Angst der Fundamentalisten.

 

III.

Auf der Landessynode hat unsere westfälische Präses Annette Kurschuss ihren Bericht zur Angst gesprochen. Manchen Gedanke nehme ich heute mit in diese Predigt. Überraschend und rührend zu gleich: Sie hat uns Altenaer als ein eindrückliches Gegenbeispiel gegen die Angst und gegen die Enge benannt. Sie sagte:

 

Ein eindrückliches Gegenbeispiel konnte ich […] in der Evangelischen Kirchengemeinde in Altena erleben. Unbekannte hatten in der Lutherkirche mitten in der Nacht ein Feuer gelegt; der erst kurz zuvor kostspielig renovierte Kirchenraum war unbenutzbar, die Orgel schwer beschädigt. Bei meinem Besuch anlässlich dieses Geschehens war ich tief beeindruckt, mit welcher für mich überraschenden Weite der Herzen und Gedanken die Pfarrerin der Gemeinde, das Presbyterium und die Mitarbeitenden, mit denen ich sprach, nach dem ersten Schock der misslichen Situation begegneten. Kein Wort des Verdachts gegen die überdurchschnittlich vielen Fremden in dieser kleinen Stadt, keine Spekulationen über mutmaßliche Täter, keine feindselige oder resignierte Reaktion. Stattdessen eine pragmatische Analyse der Lage, ein zuversichtlicher Blick nach vorn, eine Nachbarkirche bot spontan „Asyl“, die Verantwortlichen rückten näher zusammen und spürten in dieser Gemeinsamkeit unerwartet neue Kraft.

 

War Euch das bewusst? – War Euch klar, dass andere Menschen uns abgespürt haben, dass wir hier anders gehandelt haben? Sicher spontan anders, aber doch im Nachgang auch bewusst und sicher – und irgendwie auch selbstverständlich. Mit Wut im Bauch, ja, mit so vielen Fragen nach dem Warum, aber doch weitestgehend ohne übersteigerte Angst!

 

Und wie viel Energie ist freigesetzt worden, wenn die Energie sich nicht gegen Andere wendet. Im März wird die Kirche wieder eröffnet. Wir haben uns nicht unterkriegen lassen! Wir haben unsere Haltungen nicht geändert! Wir haben getan, was wir zu tun hatten! Wir haben – so glaube ich – die Engel rechts und links der Kanzel sprechen gehört: „Fürchtet Euch nicht!“

 

III.

Ist das eine zu hohe Erwartung, wenn man das von allen erwarten würde? Oder von denen, die ruhig geblieben sind oder sich gar abgewandt haben?

 

Erreicht das „Fürchte dich nicht“ der Weihnachtsbotschaft die Menschen, die von Angst in die Enge getrieben sind?

 

Sollten wir die Ängste der Menschen nicht ernster nehmen, wie die es fordern, die vorher die Ängste selbst geschürt haben?

 

Menschen zuhören, sie ernst nehmen – ja! –Aber lasst uns ihnen auch sagen, wo ihre Ängste übersteigert sind.

 

Ich möchte Menschen nicht erlauben, dass ihre Ängste sich gegen Andere wenden oder das gesellschaftliche Klima bestimmen.

Nicht schönfärben, natürlich nicht! Aber die Wahrheit zumuten! Differenzieren statt vereinfachen!

 

IV.

Der erwachsene Jesus hat – als sich seine Jünger änstigen, wie die Zeit ohne ihn werden würde – zu deren Angst gesagt (Joh 16,33b):

„In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

 

Er sagt eben nicht: In der Welt müsst ihr keine Angst haben, sondern: Die Angst gehört zum Leben dazu.

 

Die „Welt“ (kosmos) ist im JohEv der Ort, wo Gott und seinem Sohn Unverständnis und Hass entgegenschlägt. Aber als ob die Menschwerdung Gottes aber nochmals eine nachträgliche Bestätigung bräuchte, heißt es aber im JohEv auch: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn sandte.“

 

Angst gehört zum Leben dazu. Dieser Gott hat die Angst am eigenen Leibe gespürt, im Garten Gethsemane, am Kreuz, als Jesus Todesangst hat.

 

Aber in diesem Jesus von Nazareth überwindet Gott die Angst. Die Geburt dieses Kindes ist der Ankerpunkt für die Angst der Menschen, die „Fürchte-Dich-Nicht“-Botschaft, die buchstäblich Hand und Fuß bekommt.

 

Jesus kann im JohEv aus der Perspektive von Ostern her sagen: „In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

 

IV.

Martin Luther war bis auf die Knochen von der Angst vor einem strafenden Gott gepeinigt. Dann entdeckte er in der Bibel den gnädigen Gott.

 

Luther nahm hinsichtlich der Angst hat eine entscheidende Unterscheidung vor: Er unterschied zwischen Sicherheit und Gewissheit.

 

Sicherheit im Leben – das wusste er schon in Zeiten von Epidemien, Kriegen und willkürlichen Fürsten -: Sicherheit im Leben gibt es nicht. Dessen werden wir in diesen Tagen auch wieder schmerzhaft bewusst, davon können die Flüchtlinge, die aus Syrien oder Afghanistan zu uns gekommen sind, berichten, wenn inzwischen dazu im Stande sind.

 

Es gibt keine Sicherheit. Aber Luther betont: Aber Gewissheit. Luther entdeckte eine tragende Beziehung zu Gott, der so liebevoll und gnädig ist, dass er der Menschheit unverdientermaßen seinen eigenen Sohn schenkt. Das macht gewiss:

 

Dass immer neu frei werde von Angst durch seine Vergebung und seinen Zuspruch. Dass Gott immer treu mit mir verbunden bleibt, weil er diese Welt liebt und letztlich sogar diese Welt, so sehr sie auch aus den Fugen gerät, überwunden hat.

Wie wäre es, wenn wir das weihnachtliche „Fürchte dich nicht“ mit in das Reformationsjubiläum nähmen? Als eigentliches Thema, das wir Evangelische der Welt sagen könnten und vorleben?! Wenn wir nicht bange sein müssten?

 

In dieser Nacht üben wir uns ein: zu hören „Fürchte dich nicht!“ und zu singen von „Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut“, was Gott wohlgefällt.

 

Und gesagt ist tatsächlich alles mit den Worten des Engels: „Fürchtet Euch nicht!“ Amen.