Mein Weihnachsmoment …

Ich habe mich nach dieser Heiligen Nacht gesehnt. Ich bin froh, sie heute mit Ihnen zusammen zu feiern.

Wenn wir später „O, du fröhliche“ singen und das „Welt ging verloren / Christ ist geboren“ erklingt, dann fällt von mir, wie jedes Mal, die Last eines ganzen Jahres ab. Predigt Heiligabend 2025 – Blickpunkt Sythen

Dann habe ich meinen kleinen großen Weihnachtsmoment, wie einen heiligen Schauer, an dem alles gut ist und die Welt einen Moment stehenbleibt.

Ich weiß nicht, warum das so ist, und warum immer bei „O, du fröhliche“: Vielleicht habe ich Weihnachten in der Kirche ein Leben lang eingeübt – und mir oft das Singen der Weihnachtslieder wirklich für den Heiligabend aufgehoben. Ganz sicher ist eine berufliche Beschäftigung mit Weihnachten nicht von der Hand zu weisen.

Aber davon unabhängig: Ich spüre einfach diese tiefe Sehnsucht nach dem Weihnachtsmoment, an dem sich alles heil und licht anfühlt, die Dankbarkeit für mein Leben den Körper erwärmt, die alten Sätze klingen:

Christ, der Retter ist da.

Oder die Botschaft des Engels:

Ich verkündige euch große Freude …

Dann wird es Weihnachten, einfach ganz von alleine, wie ich es am Anfang sagte. Ohren spitzen, Sinne schärfen, Flugmodus anstellen.

Es sind wohl die kleinen Momente, in denen Weihnachten seine verändernde Kraft entfalten. Darauf traue ich mehr denn!

Die besondere Kraft könnte die Botschaft an sich sein: Gott wird selber Mensch. Er „entäußert sich selbst“, nimmt Gestalt eines Dieners, eines Menschensohns an (Phil 2).

Gott möchte uns nicht alleine lassen mit uns selbst und dieser Welt:

Welt ging verloren / Christ ist geboren.

Gott setzt sich dem ganz normalen Leben aus, der Verletzbarkeit, sogar der Sterblichkeit, sofort und unmittelbar: Maria und Josef müssen direkt nach der Geburt mit dem Kind fliehen. Ein Gott in einer Krippe, nicht im Königspalast, nicht im Tempel, sondern in der absoluten – nächtlichen – Alltäglichkeit von Hirten. Geboren von einer jungen Frau, die nicht einmal verheiratet ist.

Man müsste meinen: Wenn sich die Menschen der modernen Welt schon mit Gott an sich schwertun – was ist das für ein Gott, ein so naher Gott, dessen Stärke in seiner vermeintlichen Schwäche und Verwundbarkeit liegt?!

Tatsächlich hat das Christentum diese Gottesvorstellung exklusiv, damals wie heute. Muslime hinterfragen, dass Gott als Mensch geboren werden kann und betonen bei Jesus, so wie er im Koran vorkommt, mehrheitlich seine menschliche Natur.

Schon eher noch Jüdinnen und Juden: Der Herr Zebaot, der der Gott der Heere, kommt – unerwartet und verwandelt bereits – als Friedefürst, nicht mit militärischer Gewalt (Jesaja). Der Messias Israels wird auf einem Esel einreiten (Sacharja), wie Jesus es tat, also ganz anders als ein weltlicher König.– Aber auch im Judentum ist Gottes Gegenwart nicht so sehr an menschliches Fleisch und Blut geknüpft.

II.

Ich staune. Wir hören das, in gewisser Weise jährlich neu – aber was für den Weihnachtsmoment auslöst, könnte andere abwinken lassen:

  • Was nützt ein Gott, dessen Stärke in seiner Schwäche liegt, in dieser Welt?
  • Wie unrealistisch sind Heerscharen, die Frieden bringen?
  • Was soll ein Kind auswirken gegen das Recht des Stärkeren?
  • Und wenn uns die Seligkeit der Hirten anrühren sollte und die Achtsamkeit, mit der Maria ihr Kind in diese Krippe bettet: Wie passt das in eine Welt, in der Empathie gebrandmarkt als die „fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation“? (Ion Musk)

Ich merke, dass der weihnachtliche Gott – gelinde gesagt –Akzeptanzprobleme hat und einen gewissen Bedeutungsverlust erlitten hat. Er passt nicht in diese Welt, und, ach ja, die Kirche, hat ihn so zu verkündigen. Aber ändert’s was?

III.

Könnte es sein, dass wir diesen weihnachtlichen Gott inzwischen viel nötiger haben, als wir denken? Nötiger als jede andere Vorstellung von Gott? Und dass Gott genauso seine Bedeutung neu erlangt?

Ist das vielleicht mein Weihnachtsmoment, dass die Sehnsucht neu entfacht wird, der Friedfertigkeit doch mehr zu trauen als dem Kriegerischen? Der Empathie doch mehr als der Gleichgültigkeit? Der Menschenfreundlichkeit doch mehr als allem Hass? Der Hoffnung doch mehr als aller Gleichgültigkeit oder Angst?

Vertraue ich Gottes Fleisch gewordenem Versprechen, dass diese Welt heil, besser, schöner und gerechter werden kann? Oder gebe ich diese Sehnsucht – und damit auch Gott – auf?

Ich traue darauf, dass die Welt eine andere wird, aber eben nicht durch Angriffskriege, eigenmächtige Dekrete, nicht durch selbstherrliche Posts oder die Hetze gegen alle, die die anders sein wollen. Sondern dass die Welt sich fundamental ändert im Leisen, Unsicheren, Unscheinbaren einer Kindsgeburt. Nicht an den Orten, wo man es vermutete, sondern an den Rändern.

Dafür steht Gott an Weihnachten.

 

IV.

Wir erleben zahllose Verunsicherungen, die uns erschöpfen und müde machen. Die Gleichzeitigkeit der vielen Krisen erschreckt. Was einst trug, das wankt:

  • Unser Europa, das im Miteinander verschiedener Staaten, das Sicherheit und Wohlstand brachte – und das inzwischen von Postliberalen von außen wie von innen heraus verachtet und bekämpft wird.
  • Die Annahme, dass es nachfolgenden Generationen besser geht – heute ein Trugschuss, ohne dass eine neue Vision an dessen Stelle getreten wäre.
  • Soziale Sicherheit? Immer teurer. Arbeitswelt? Immer ungewisser…

Es ist schwierig, eine Gesellschaft zusammenzuhalten, die sich keine bessere Zukunft vorstellen kann. (Olaf Scholz) Das ist die politische Analyse.

Die Antwort des Glaubens: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht traurig sein. (Dieter Trautwein).

Gott pflanzt uns Zuversicht und Hoffnung ein, die aus mir selbst heraus nicht aufzubringen vermag. Er gibt uns mit der Geburt eines Kindes den Glauben ans Menschliche zurück.

Gott flüstert uns das „Fürchte dich nicht“ für unser Leben ein, so wie Eltern ihren Kindern an der Bettkante die Angst vor der Nacht nehmen und Vorfreude auf den neuen Tag bereiten. Genauso wird übrigens der weihnachtliche Gott auch beschrieben (Jesaja 65), der nicht auf dem himmlischen Thron bleibt, sondern an unserer Seite, quasi an unsere Bettkante, kommt. O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf!

V.

Ich glaube es gar nicht, dass wir heute in der großen Gleichgültigkeit leben und ohne Zuversicht. Wir brauchen das Ohr und die Achtsamkeit für die entsprechenden Geschichten:

  • Menschen in Magdeburg standen geeint zusammen am Jahrestags des Weihnachtsmarkt-Anschlags: Ein leises, aber machtvolles Signal gegen Gewalt und Hass und gegen die eigene Angst.
  • Wie viele Menschen hat das WDR2-Weihnachtswunder in den Bann gezogen? In Windeseile schüttelten Familien, Freundes- und Kollegenkreise über 15 Millionen Euro zusammen für soziale Projekte und überboten sich an Ideenreichtum. Man kann fragen, warum der Sozialstaat nicht passgenau hilft und es dafür eine große Werbekampagne braucht. Man kann aber einfach feststellen, dass Menschen sich begeistern lassen und einen Sinn darin sehen, selber etwas für den Gemeinsinn und den Zusammenhalt zu tun.
  • Ich denke an die weniger öffentlichen Geschichten deren, die sich oft täglich, das ganze Jahr, für andere Menschen einsetzen: beruflich, ehrenamtlich, familiär, auch in dieser Kirchengemeinde. Ich erlebe in unserer Diakonie, mit wie viel Sinn und wieviel Selbstverständlichkeit dieser Einsatz versehen ist – allem gesellschaftlichen Gegenwind zum Trotz.

VI.

Mir sprechen Worte des Autoren Tobias Haberl aus dem Herzen, die ich im Kalender „Der Andere Advent“ fand. Er schreibt:

„Ich weigere mich zu glauben, dass die Welt ohne Gott besser, schöner oder gerechter wäre. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass viele unserer Probleme nicht über Nacht verschwinden, aber doch ihren Schrecken verlieren würden, wenn sich wieder mehr Menschen auf die funkelnde Gegenwelt Gottes einlassen würden, wo alles seinen Platz hat, was sonst an den Rand gedrängt wird, auch das Leise, Unsichere, Unscheinbare. Wo andere Dinge zählen und andere Gesetze gelten. Wo man aufrichtig hoffen darf, dass das Gute belohnt und das Böse bestraft wird. Wo sich eine Liebe erfahren lässt, die von keiner Kränkung bedroht ist.

So möge Weihnachten werden! Und Euch wünsche ich einen echten Weihnachtsmoment mit diesem Gott!