Mitte im tiefen November fand in Dorsten erstmals eine Grubenlampenbörse statt. Devotionalienhandel des Bergbaus auf der ehemaligen Zeche Fürst Leopold. Die Menschen strömten und stöberten: blau-weiß gestreifte Hemden und Halstücher, Helme, vor allem aber: Grubenlampen.
„Man kann sie anzünden“, ließ sich eine Besucherin in der Lokalzeitung zitieren. „Das hat was Beruhigendes. Fast wie eine Kerze an Weihnachten.“
Was bewegt die Menschen, genau 10 Jahre, nachdem der Bergbau mit der Schließung von AV 3/7 in Marl endgültig ging, wenn sie nach einer Grubenlampe suchen? Ist das ein Zufall, dass direkt im Übergang von Ewigkeitssonntag zum Advent Menschen die reiche Symbolik des Bergbaus ins Visier nehmen und sich an so etwas wie einer Lampe erfreuen?!
„Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, schon angezündet“ – beileibe keine königblaues Liedzeilen allein. (Mir wird bei youtube oft das Video „hochgespült“, in dem – zum Festakt des Bergbaues vor 10 Jahren – der Ruhrkohle-Chor alle acht Strophen sang – samt Philharmonieorchester. Obwohl ich biographisch nichts damit zu tun habe: Es rührt mich immer wieder.)
„Die Grubenlampe – fast wie eine Kerze an Weihnachten“?! Oder genauer: … wie eine Kerze im Advent?
Es ist simpel wie wahr: Ohne Licht war unter Tage nichts zu gewinnen. „Ein Bergmann ohne Licht ist ein armer Wicht“, weiß der Volksmund. Das „Glück auf“, das Glück auf einen neuen Gang, wie der Bergmanns-Gruß ausgeführt lautet, hatte mit dem richtigen und ausreichenden Licht zu tun. Insofern war die Grubenlampe Grundlage und Orientierung für den Weg mach vorne. Ein Werkzeug, sich im Ungewissen ausrichten und zu orientieren.
„Vor der Hacke ist duster“ – gilt 10 Jahre nach Ende des Bergbaus auch über Tage. Ungewissheiten über Krieg und Frieden, Angst über den ökologischen Fortbestand des Planeten, digitale globale Machtstrukturen, derweilen unsichtbar wie dunkle Flöze – alles das erzeugt die Sehnsucht nach einem Orientierungspunkt, nach einem Anker – auch im übertragenden Sinne: Wohin sollen wir gehen? Wohin uns wenden?
Was überhaupt lässt unser Licht heute so ausleuchten, dass wir mit Sicherheit richtige Entscheidungen treffen können?
Halten wir das eigentlich aus, dass es vor der Hacke duster ist? Die Zukunft ist nicht mehr linear beschreibbar, aber das war sie eigentlich nie.
Das kulminiert in der Sehnsucht nach etwas „Beruhigendem“, wie die Besucherin der Grubenlampen-Messe sagte: fast wie einer Kerze zum Advent oder dem Licht zu Weihnachten.
„Das Volk, das im Finstern wandelt, das sieht ein großes Licht“ – welch eine Aussicht in unübersichtlichem Feld, sei es 1.000 Meter unter oder heute über Tage. Wir wissen nicht, was kommt, aber wer kommt.
Die Grubenlampe diente nicht nur der Beleuchtung. Sondern sie sicherte auch die Kumpel, weil sie gleichzeitig den Methan-Gehalt der Luft anzeigte.
Das Licht unter Tage war damit nicht nur Orientierung und Sehnsuchtspunkt.
Es war auch ein Werkzeug der Solidarität. Wenn die Flamme meiner Grubenlampe am Rand immer blauer wird, droht Schlagwetter und alle sind gefährdet und müssen sich warnen und retten.
Steht dafür heute auch die Grubenlampe, für die Sehnsucht und die Notwendigkeit, dass wir Zusammenhalt und der gegenseitigen Achtsamkeit neu einüben sollten, auch die Widerrede gegen alles Menschenverächtliches beherzigen sollten, weil Schlagwetter aufzieht?
Der Retter, den wir in der Heiligen Nacht begrüßen, kommt als „Helfer zu dir“ (Sacharja 9,9). Später sagt dieser Jesus, der Christus, von sich: ich komme als Diener, als Diakon.
Das Heil und das Licht der Welt können wir in unserem Glauben nicht entkoppeln von der Frage nach dem Wohl der Menschen untereinander. Das ist die Bewegung des Advents, und Heil und Wohl sind Gabe und Aufgabe für Kirche und Diakonie zugleich.
Wenn am Ende das „Glück auf“ erklang, diesmal das Glück auf eine beschützte Auffahrt, und alle wieder über Tage waren, standen die Grubenlampen alle nebeneinander in der Ladestation – jedenfalls später die modernen elektrischen.
Die Lampen sollten bereit sein für die nächste Schicht und auf alle Fälle – das war existenziell – lang genug halten – noch so eine biblische Parallele. Und: Alle sollten sehen, die eingefahren waren, dass alle wohlbehalten geblieben zurückgekommen waren.
Vielleicht ist es das, warum eine Grubenlampen-Börse so gut lief. Und vielleicht hat genau das „was Beruhigendes. Fast wie eine Kerze an Weihnachten.“


