Gott will bei uns wohnen

„Wir kommen an Weihnachten!“ – Welch große Freude, wenn sich Familienmitglieder so für diese Tage ankündigen. Welch große Freude?! Das löst auch manche Spannung aus: Was machen wir dann zu essen? Müssen wir nochmals durchputzen, Betten beziehen… Vielleicht legen wir eine Süßigkeit aufs Kopfkissen, damit es ein wenig nach Hotel aussieht.

(Heiligabendpredigt 2019 zu Sarchaja 2, Gemeindezentrum Sythen)

Und wenn man in der Rolle des Gastes ist: Was bringe ich mit? Bringe ich die Alltagsroutine durcheinander? Wie lange möchte ich eigentlich bleiben? Und werden wir uns Weihnachten wieder über die gleichen Dinge streiten?

 

14 Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.

 

So legt es der Prophet Sacharja Gott selbst in den Mund: Ich will bei euch wohnen. Gott kommt also auch noch an zu Besuch. Um Himmels willen. Ja, um des Himmels willen.

 

Wo findet er heute abend seinen Platz, zwischen uns und unseren Gästen, den Geschenken und Leckereien? Wo kann Gott sein in unseren Erwartungen an dieses Fest, in unseren Zuneigungen und Streitigkeiten untereinander? Spricht dieser Gast in unsere Sorgen? Wir gehen in wenigen Tagen in ein neues Jahrzehnt – eigentümlich unsicher, obwohl es uns so gut geht wie nie? Womöglich ist Gottes Besuch ein wenig unangenehm, weil der Kontakt übers Jahr allzu oft abgerissen ist. Anderseits gibt es keinen besseren Tag als Weihnachten, als die Tor hochzumachen und ihn einziehen zu lassen. Aber bitte vorher die Füße abtreten…

 

II.

Wie soll ich dich empfangen, Gott, und wie begegne ich dir? Wie nehmen wir diesen Gast auf?

 

Ich lese aus dem Predigttext aus Sarch 2 und leihen uns Worte, die zuerst Israel galten, hier Tochter Zion und Juda genannt:

 

14 Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.

15 Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu dir gesandt hat. –

16 Und der HERR wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen.

17 Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!

 

Liebe Gemeinde,

dazu vier Mitbringsel, die der besondere Gast im Gepäck haben könnte:

 

  1. Mitbringsel: Gott wartet gar nicht auf unsere Einladung!

Er wartet auch nicht, bis wir mit den Vorbereitungen fertig sind. Er kommt einfach. Er kommt auch dorthin, wohin er will, sicher auch und besonders an die Orte, an denen Menschen heute eben nicht in einer schönen warmen Wohnung die Menschwerdung Gottes feiern, weil sie ohne Heimat sind, auf der Flucht oder ohne Obdach. Ich will bei euch wohnen!

 

Gott kommt, unabhängig vom Stand und von der Qualität unserer Vorbereitungen. Gott sei Dank: Dieser Gott befreit uns von dem Zwang, alles perfekt herzurichten. Er befreit uns auch davon, mehr dazustellen als wir sind: sei es in unseren weihnachtlichen Wohnungen, sei es bei facebook und Co.

 

Gott präsentiert sich in dieser Nacht, nicht wir. Und Gott zeigt sich wahrlich „im-perfekt“, verletzbar in einem Kind, am Rande der Stadt. Als König jenseits der Paläste.

 

 

 

  1. Mitbringsel: die Erkenntnis, dass wir keine gespielte Harmonie brauchen…

Wie wäre es, wenn dieser besondere Gast, Gott selbst, unsere Ordnung oder unsere Gemütsruhe ein wenig durcheinanderbrächte?

 

In der Weihnachtsgeschichte jedenfalls prallen extrem unterschiedliche Lebensperspektiven aufeinander, die man nicht harmonisiert bekommt: Eine schwangere unverheiratete Frau; gerade sie ist als Mutter Jesu auserkoren. Hirten, die nun wirklich nicht zum Establishment gehören und als erste die Botschaft weitersagen. Weise, Wissenschaftler aus Fernost, die plötzlich nicht mehr ihrem Verstand folgen, sondern einem Stern und damit ihrem Herzen. Herodes, der wissen will, wo das Kind ist, um es angeblich anzubeten, aber Mordabsichten hegt. Und über allem die gesungene Überschrift der Engelschar: „Frieden auf Erden!“

 

„Frieden auf Erden“ wird doch viel wirkmächtiger und wertvoller, wenn wir Spannungen beibehalten! –

 

Eigentlich wünschen sich unsere Gehirne täglich ein harmonisches Weihnachten, so zitiert die „Zeit“ in ihrer Weihnachtsausgabe einen Psychologen. Um Stress zu vermeiden, sortieren wir alle Informationen möglichst widerstandsarm in unsere bestehenden Weltbilder ein. Die Folge sehen wir gesellschaftlich: Wir streiten zu wenig über die wirklich wichtigen Fragen. Wir bekämpfen eher andere Weltbilder, mehr denn je in sozialen Medien. Aber gerade unterschiedliche Haltungen – wenn sie in einem demokratischen Spektrum bleiben – befruchten doch einander.

 

Ich frage mich: Wann habe ich eigentlich mal in einer wirklich wichtigen gesellschaftlichen Frage in letzter Zeit meine Meinung geändert? Wann habe ich bewusst einen Menschen aufgesucht, von dem eine andere Meinung zu erwarten als ich? Wie gewönne meine Haltung auch mehr Klarheit, wenn ich mich reiben könnte…

 

Spätestens, wenn ich den erwachsenen Jesus vor Augen habe: Dann kommt doch ein Mensch zu Gast, der immer eine andere Perspektive hineinbringt: Er nimmt Zachäus, den Zöllner, als Mensch an, so dass dieser frei wird, den durch ihn angerichteten Schaden wiedergutzumachen. Oder der auferstandene Christus nimmt sich die Zeit für die niedergeschlagenen Emmaus-Jünger, die erst danach mit neuer Hoffnung zurückkehren.

 

Sei es nun heute am Weihnachtstisch oder sei es die Aufgabe der Kirche im neuen Jahr: Lassen Sie uns mal darauf vertrauen, dass ein Besuch, wenn wir ihn denn reinlassen, immer etwas – heilsam! – durcheinanderbringt.

 

  1. Mitbringsel: Gott findet sich bei uns zurecht, denn er kommt in sein Eigentum.

„Er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte“ (v.17). Das spielt die Vorstellung des Sarchajas mit, dass Gott – nach der Zerstörung des Tempels – eben nicht mehr in einem Heiligtum an (nur) einem Ort zu finden ist. Gott hat diese Stätte verlassen und geht seinem Volk nach. Er zeigt sich beweglich, kann sich ändern. So nähert er sich dem Menschen neu an. Ein ungewöhnlich dynamisches Gottesbild!

 

Durchs zerstörte Jerusalem – so eine vorangehende Vision Sarchajas – geht ein Aufmaßer: Die Häuser Jerusalem sollen wieder aufgebaut werden nach der Totalzerstörung.

 

Aber Gott ist schon längst dort zu Hause, wo seine Leute sind. Gott, der bei den Menschen wohnen will, kommt wie ein Vertrauter. Er kommt nach Hause. Wir müssen ihm nicht erst erklären, was los ist. Denn es gibt keinen Winkel unseres Lebens, keinen Bereich unserer Wohnungen, den Gott nicht kennen würde: Als Kind geboren zu werden, mit aller Schutzlosigkeit und der Sorge der Eltern, wie in Zukunft weitergehen kann  – das kennt Gott selbst. Zu fliehen und heimatlos zu werden, dass das Leben am seidenen Faden hängen kann – das kennt Gott von diesem Neuanfang in Bethlehem an. Angezählt zu werden im Leben, als der erwachsene Jesus mit den Menschen seiner Zeit in Streit und an den Rand gerät – das nimmt Gott in Kauf kennenzulernen, sogar verraten und verkauft werden, unwürdig zu leiden und zu sterben – auch das wird Gott am eigenen Leibe spüren.

 

In der heiligen Nacht ist das sein Geschenk an uns: Er wird selbst Mensch mit allem Risiko. Wie unendlich wertvoll, ja gerettet, werden wir Menschen und wie greifbar, wie nahe wird Gott: Gott findet sich auf dieser Welt selbst wieder.

 

 

  1. Mitbringsel: Gott will im Dunkel wohnen

Keiner erwartet, dass das „Freue dich und sei fröhlich“ (v. 14) triumphal und grell, laut und aus vollem Halse erklingt. Das passt heute nicht jede Vierwände.

 

„Gott will im Dunkel wohnen / und hat es doch erhellt“, textet Jochen Klepper in „Die Nacht ist vorgedrungen“. Und tatsächlich: Auch dort, gerade dort, wo es zu Weihnachten nicht einladend und sorgenfrei zugeht, will Gott Wohnung nehmen.

 

Fast auf den Tag genau vor 75 Jahren schreibt der evangelische Theologie Dietrich Bonhoeffer einen Weihnachtsgruß an seine Verlobte. Er sitzt von den Nazis eingekerkert im Gefängnis in Berlin-Tegel. Dass Gott auch bei ihm wohnen möchte? Das zeigt sich nicht durch Gemeinschaft mit seiner Familie. Von denen ist er getrennt. Aber er weiß sich von „guten Mächten wunderbar geborgen“. Das sind Gedanken und Grüße per Brief und ganz weltliche Freuden wie ein paar gute Bücher, Zigaretten und etwas Neues zum Anziehen. Dass Gott auch bei ihm wohnen möchte, hat also nichts mit schön dekorierten Wohnzimmern zu tun. Als kleines Geschenk hat er einige Zeilen notiert, die ihm abends in der Zelle einfielen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost was kommen mag / Gott ist bei uns am Morgen und am Abend / und ganz gewisse an jedem neuen Tag.“

 

  1. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,

so lass uns hören jenen vollen Klang

der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,

all deiner Kinder hohen Lobgesang.“

 

III.

„Freue dich und sei fröhlich“ – laut oder eher leise. In Gemeinschaft oder allein. Harmonisch, streitend, entkleidet von dem Druck, sich zu produzieren und zu präsentieren – welche Mitbringsel hat unser Gast dabei!. Gott will bei uns wohnen. Er kommt einfach. Auch durch Mauern. An unsere Tische. Er kommt, um zu bleiben. Welch ein Gast!

Amen.