{"id":801,"date":"2017-08-11T15:36:06","date_gmt":"2017-08-11T13:36:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=801"},"modified":"2017-08-11T15:41:13","modified_gmt":"2017-08-11T13:41:13","slug":"801","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=801","title":{"rendered":"Frieden ist genauso  wie Krieg lernbar!"},"content":{"rendered":"<p><em>Anl\u00e4sslich der Kriegsrhetorik zwischen den USA und Nordkorea &#8222;wiederhole&#8220; ich an dieser Stelle einen Redebeitrag: Ich habe diese Rede 2014 zu einer Ausstellungser\u00f6ffnung zu &#8222;100 Jahre Friedensbewegung M\u00e4rkischer Kreis&#8220; (und nicht vorrangig: &#8222;100 Jahre Erster Weltkrieg&#8220;) vor Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gehalten.<\/em> <!--more--><\/p>\n<p><strong>Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eFrieden gegen Krieg \u2013 Gewissen gegen Gewehre. 100 Jahre Friedensarbeit in Hagen und dem M\u00e4rkischen Kreis<\/strong><\/p>\n<p><strong>Freitag, 7. Juni 2014, Burggymnasium Altena<\/strong><\/p>\n<p>Wir erinnern uns in diesen Tagen an den Ausbruch des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren \u2013 ein Krieg, den viele zun\u00e4chst nicht f\u00fcr m\u00f6glich hielten. Ein Krieg, der dann viele in den Bann schlug, selbst die, von denen man das nicht gedacht h\u00e4tte: die Sozialdemokraten. Auch die Kirchen. Auf dem Koppelschloss des Soldateng\u00fcrtels stand \u201eGott mit uns!\u201c \u2013 uns f\u00fcr den Sieg segneten die Kirchen Waffen und Soldaten. Nur wenige Theologen entzogen sich damals dem nationalen Taumel.<\/p>\n<p>Junge M\u00e4nner, nicht viel \u00c4lter als Mittelstufensch\u00fcler heute, zogen kriegsbegeistert ins Feld \u2013 und f\u00fchlten sich dabei im Recht.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter war Europa durchl\u00f6chert von mehreren tausend Kilometern Sch\u00fctzengr\u00e4ben. Die Befehlshaber schickten ihre Soldaten in die Schlachten wie im Mittelalter, Mann gegen Mann oft, obwohl inzwischen das Maschinengewehr erfunden war. Am Ende starben 17 Millionen Menschen im Ersten Weltkrieg.<\/p>\n<p>100 Jahre 1. Weltkrieg \u2013 das bedeutet auch 100 Jahre Friedenarbeit. Dar\u00fcber wird im Fernsehen nicht viel berichtet, aber es ist bedeutsam. Denn wo immer Krieg gewesen ist, hat es auch den Einsatz von Menschen f\u00fcr \u201eFrieden gegen Krieg und Gewissen gegen Gewehre\u201c gegeben, so der Titel der Ausstellung, die wir heute er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Auch in unserer Region hat das Engagement f\u00fcr Frieden seinen Ort gehabt und hat ihn immer noch: im \u201eFriedenszeichen Hagen\u201c, dem Friedensplenum Iserlohn, der B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr Frieden und Abr\u00fcstung M\u00e4rkischer Kreis (hierzu geh\u00f6rt auch Altena) und der Friedensgruppe L\u00fcdenscheid.<\/p>\n<p>Denn eins ist klar: \u00c4hnlich wie ein Krieg nicht wie ein unvermeidliches Schicksal vom Himmel f\u00e4llt, genauso ist auch Frieden kein Naturzustand. Ja, ich sage sogar: Kriege enden nie in Frieden. Friede ist kein automatischer Zustand, selbst nicht, wenn der Krieg aus ist.<\/p>\n<p>Sondern: Frieden muss t\u00e4glich neu erk\u00e4mpft und erarbeitet werden. Ja, er muss vorbereitet werden, als Idee immerfort wachgehalten werden. Auch zu Friedenszeiten.<\/p>\n<p>Frieden ist f\u00fcr Euch Sch\u00fcler in Eurer Generation (und auch f\u00fcr Menschen in meiner Generation) so etwas wie Gesundheit: So lange man nicht krank wird, sp\u00fcrt man wenig von seiner Gesundheit. So ist es wohl auch mit dem Frieden und der langen Zeit, die wir in Europa Frieden haben (oder genauer bis zum Balkankrieg in den 1990er-Jahren) Frieden hatten: Er ist selbstverst\u00e4ndlich \u2013 aber darin steckt auch eine Gefahr!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>In 100 Jahren Friedensarbeit kommen viele Momente und Anl\u00e4sse zusammen, wo bei den Menschen der Wille zum Frieden aufgebrochen ist \u2013 das ist in der Ausstellung dokumentiert.<\/p>\n<p>Das geht zur\u00fcck in ganz vergangene Zeiten: der Krieg 1870\/71. Aber selbst hier gibt es ein sichtbares Zeichen: die Friedenseiche am Markaner, gepflanzt, um die nachr\u00fcckenden Generationen an die Schrecken dieses Krieges zu erinnern. Oder die Mahnmale und die Gedenktafeln f\u00fcr die Toten des Ersten Weltkriegs, in Dahle, am Klusenweg, auch in der Lutherkirche haben wir Namenstafeln mit denen, die starben, meistens Soldaten.<\/p>\n<p>Die Leidenschaft zum Frieden hat immer einen Anlass! Alle, die heute die Friedensinitiative pr\u00e4gen, werden ein Ereignis in ihrem Leben nennen k\u00f6nnen, wo sie sich f\u00fcr und vom Frieden haben inspirieren lassen. Auch davon k\u00f6nnt Ihr nachlesen \u2013 und ihr k\u00f6nnt diese Menschen befragen, wo ihre Leidenschaft f\u00fcr den Frieden erwacht ist: Etwa als in der jungen Bundesrepublik die Frage aufbrach, ob Deutschland sich wieder eine Armee aufbauen und wiederbewaffnen solle. Oder Anfang der 1980er-Jahre, als die deutsch-deutsche Grenze auch der Eiserner Vorhang zwischen den Weltm\u00e4chte USA und UdSSR war. Im damaligen Wettr\u00fcsten ging es um die Frage nach der Stationierung von Pershing II-Raketen in Deutschland. Das waren Raketen mit atomaren Sprengk\u00f6pfen. Nicht gerade jugendfrei war damals die Parole der Friedensbewegung: \u201ePetting statt Pershing!\u201c Das war aber eine Aussage!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich war damals zw\u00f6lf Jahre alt \u2013 und habe, ehrlich gesagt \u2013 bis heute keine Meinung zum sogenannten Nato-Doppelbeschluss, um den es ging. Es war noch nicht meine Zeit, wo mich die Frage nach dem Frieden unmittelbar traf.<\/p>\n<p>Das war f\u00fcr mich 1991: Golfkrieg: Einmarsch amerikanischer Truppen nach Kuwait, das vom Irak \u00fcberfallen worden war. Ich wei\u00df noch, dass alle Oberstufensch\u00fcler und unsere Lehrer damals in unserer Schulaula zusammenkamen. Wir haben emotional debattiert, Lehrer und Sch\u00fcler: Ist der Angriff legitim? Geht es vorrangig um \u00d6l? Ich war gegen diesen Krieg.<\/p>\n<p>Auch im kirchlichen Kontext fand ich Mitstreiter, die nicht mehr \u00fcber den \u201egerechten Krieg\u201c nachdachten \u2013 also nicht mehr vorrangig danach fragten, unter welchen Umst\u00e4nden ein Krieg gerechtfertigt sein k\u00f6nnte (in meinen Augen ist es kaum m\u00f6glich von einem \u201egerechten Krieg\u201c zu sprechen!). Vielmehr fragten wir uns, wie \u201egerechter Friede\u201c m\u00f6glich wird: Wie kann man der zivilen Konfliktbew\u00e4ltigung Vorrang haben? Wie kann man wirtschaftliche Entwicklung f\u00f6rdern? Wie kann man fr\u00fchzeitige Krisenintervention entwickeln, damit Krieg gar nicht erst ausbrechen? \u2013<\/p>\n<p>L\u00e4ngst haben wir ja gemerkt, dass es eigentlich kam noch Kriege auf der Welt zwischen zwei Staaten gibt, die mit Panzern aufeinander los gehen. Heute finden milit\u00e4rische Konflikte statt zwischen B\u00fcrgerkriegsparteien, durch extremistische Religionsgruppen, zwischen bezahlten Warlords wie in Afrika, die dort die Macht \u00fcbernehmen, wo die Rechtsstaatlichkeit von Staaten verloren gegangen ist. Oder umgekehrt f\u00fchren Staaten den \u201eKrieg gegen den Terror\u201c gegen einzelne Gruppen. Man k\u00f6nnte von einer \u201ePrivatisierung der Gewalt\u201c (Erhard Eppler). Wenn das so ist, dann braucht es heute recht L\u00f6sungen jenseits des klassischen Krieges!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Ich will damit nur sagen: Es gibt immer wieder Momente, auch heutzutage!, an denen sich die Leidenschaft f\u00fcr den Frieden entz\u00fcnden kann und wird. Ich finde, auch dazu dient diese Ausstellung \u2013 und es ist gut, dass wir hier und heute nicht dar\u00fcber reden, dass sich die Bundeswehr mit ihren Unterrichtseinheiten Zugang zu den Klassenzimmern verschafft, sondern dass es \u2013 wie schon einmal in den 1980er-Jahren hier im Burggymnasium \u2013 die Friedensbewegung ist, die in die Schule geht. Das steht einer Europaschule sehr gut zu Gesicht!<\/p>\n<p>Themen f\u00fcr wache und kritische Geister gibt es genug \u2013 und die Antworten sind nicht einfach. Aber die wichtigen Fragen zu stellen, ist so wichtig \u2013 und ich hoffe, Eure Lehrer geben Euch den Raum daf\u00fcr: Warum ist Deutschland drittgr\u00f6\u00dfter R\u00fcstungsexporteur der Welt? Was bedeutet der Ukraine-Konflikt f\u00fcr den Frieden in Europa? Welche Rolle spielt Deutschland und die Bundeswehr in weltweiten Konflikten?<\/p>\n<p>Oder schlicht die Frage f\u00fcr den Religionsunterricht: Gibt es eine Rechtfertigung f\u00fcr Krieg? Oder mal andersherum gefragt: Kann man den Frieden lernen? Und wenn ja, wie?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Euch und Euern Lehrern, dass Ihr wahrnehmt, was an Leidenschaften f\u00fcr den Frieden hier dokumentiert ist und Euch f\u00fcr die eigene Auseinandersetzung geschenkt wurde! Sucht den Kontakt zu den Gespr\u00e4chspartnern, die diese Ausstellung initiiert haben! Als Kirche sind wir seit langem mit im Gespr\u00e4ch! Beteiligt Euch an dem Preisausschreiben, wie Frieden heute konkret aussehen k\u00f6nnte!<\/p>\n<p>Denn eins ist klar: 100 Jahre Friedensarbeit &#8211; das geht \u00fcber eine Generation hinaus. Leidenschaft f\u00fcr den Frieden wird vererbt! Muss f\u00fcr jede neue Zeit neu interpretiert und konkretisiert werden.<\/p>\n<p>In der Satzung der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen f\u00fcr Bildung, Wissenschaft und Kultur) von 1946 steht: \u201eKriege haben ihren Ursprung im Geist des Menschen und daher muss der Schutz des Friedens gleichfalls im Geist des Menschen errichtet werden.\u201c<\/p>\n<p>So w\u00fcnsche ich allen Beteiligten an dieser Ausstellung diesen guten Geist, der \u2013 das sage ich als Pfarrer mit dem Blick auf unser Pfingstfest am Sonntag \u2013 nur zu Teilen vom Himmel f\u00e4llt. Zu anderen Teilen kann er aber vom Menschen selbst erarbeitet und erk\u00e4mpft werden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich der Kriegsrhetorik zwischen den USA und Nordkorea &#8222;wiederhole&#8220; ich an dieser Stelle einen Redebeitrag: Ich habe diese Rede 2014 zu einer Ausstellungser\u00f6ffnung zu &#8222;100 Jahre Friedensbewegung M\u00e4rkischer Kreis&#8220; (und nicht vorrangig: &#8222;100 Jahre Erster Weltkrieg&#8220;) vor Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gehalten.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[26],"tags":[],"class_list":["post-801","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/801","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=801"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/801\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":804,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/801\/revisions\/804"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=801"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=801"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=801"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}