{"id":7794,"date":"2025-12-24T17:12:08","date_gmt":"2025-12-24T16:12:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7794"},"modified":"2025-12-23T18:15:17","modified_gmt":"2025-12-23T17:15:17","slug":"7794","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7794","title":{"rendered":"Mein Weihnachsmoment &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mich nach dieser Heiligen Nacht gesehnt. Ich bin froh, sie heute mit Ihnen zusammen zu feiern.<\/p>\n<p>Wenn wir sp\u00e4ter \u201eO, du fr\u00f6hliche\u201c singen und das \u201eWelt ging verloren \/ Christ ist geboren\u201c erklingt, dann f\u00e4llt von mir, wie jedes Mal, die Last eines ganzen Jahres ab. <!--more--><strong>Predigt Heiligabend 2025 &#8211; Blickpunkt Sythen<\/strong><\/p>\n<p>Dann habe ich meinen kleinen gro\u00dfen Weihnachtsmoment, wie einen heiligen Schauer, an dem alles gut ist und die Welt einen Moment stehenbleibt.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, warum das so ist, und warum immer bei \u201eO, du fr\u00f6hliche\u201c: Vielleicht habe ich Weihnachten in der Kirche ein Leben lang einge\u00fcbt \u2013 und mir oft das Singen der Weihnachtslieder wirklich f\u00fcr den Heiligabend aufgehoben. Ganz sicher ist eine berufliche Besch\u00e4ftigung mit Weihnachten nicht von der Hand zu weisen.<\/p>\n<p>Aber davon unabh\u00e4ngig: Ich sp\u00fcre einfach diese tiefe Sehnsucht nach dem Weihnachtsmoment, an dem sich alles heil und licht anf\u00fchlt, die Dankbarkeit f\u00fcr mein Leben den K\u00f6rper erw\u00e4rmt, die alten S\u00e4tze klingen:<\/p>\n<p><em>Christ, der Retter ist da. <\/em><\/p>\n<p>Oder die Botschaft des Engels:<\/p>\n<p><em>Ich verk\u00fcndige euch gro\u00dfe Freude \u2026<\/em><\/p>\n<p>Dann wird es Weihnachten, einfach ganz von alleine, wie ich es am Anfang sagte. Ohren spitzen, Sinne sch\u00e4rfen, Flugmodus anstellen.<\/p>\n<p>Es sind wohl die kleinen Momente, in denen Weihnachten seine ver\u00e4ndernde Kraft entfalten. Darauf traue ich mehr denn!<\/p>\n<p>Die besondere Kraft k\u00f6nnte die Botschaft an sich sein: Gott wird selber Mensch. Er \u201eent\u00e4u\u00dfert sich selbst\u201c, nimmt Gestalt eines Dieners, eines Menschensohns an (Phil 2).<\/p>\n<p>Gott m\u00f6chte uns nicht alleine lassen mit uns selbst und dieser Welt:<\/p>\n<p><em>Welt ging verloren \/ Christ ist geboren.<\/em><\/p>\n<p>Gott setzt sich dem ganz normalen Leben aus, der Verletzbarkeit, sogar der Sterblichkeit, sofort und unmittelbar: Maria und Josef m\u00fcssen direkt nach der Geburt mit dem Kind fliehen. Ein Gott in einer Krippe, nicht im K\u00f6nigspalast, nicht im Tempel, sondern in der absoluten \u2013 n\u00e4chtlichen \u2013 Allt\u00e4glichkeit von Hirten. Geboren von einer jungen Frau, die nicht einmal verheiratet ist.<\/p>\n<p>Man m\u00fcsste meinen: Wenn sich die Menschen der modernen Welt schon mit Gott an sich schwertun \u2013 was ist das f\u00fcr ein Gott, ein so naher Gott, dessen St\u00e4rke in seiner vermeintlichen Schw\u00e4che und Verwundbarkeit liegt?!<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat das Christentum diese Gottesvorstellung exklusiv, damals wie heute. Muslime hinterfragen, dass Gott als Mensch geboren werden kann und betonen bei Jesus, so wie er im Koran vorkommt, mehrheitlich seine menschliche Natur.<\/p>\n<p>Schon eher noch J\u00fcdinnen und Juden: Der Herr Zebaot, der der Gott der Heere, kommt \u2013 unerwartet und verwandelt bereits \u2013 als Friedef\u00fcrst, nicht mit milit\u00e4rischer Gewalt (Jesaja). Der Messias Israels wird auf einem Esel einreiten (Sacharja), wie Jesus es tat, also ganz anders als ein weltlicher K\u00f6nig.\u2013 Aber auch im Judentum ist Gottes Gegenwart nicht so sehr an menschliches Fleisch und Blut gekn\u00fcpft.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Ich staune. Wir h\u00f6ren das, in gewisser Weise j\u00e4hrlich neu \u2013 aber was f\u00fcr den Weihnachtsmoment ausl\u00f6st, k\u00f6nnte andere abwinken lassen:<\/p>\n<ul>\n<li>Was n\u00fctzt ein Gott, dessen St\u00e4rke in seiner Schw\u00e4che liegt, in dieser Welt?<\/li>\n<li>Wie unrealistisch sind Heerscharen, die Frieden bringen?<\/li>\n<li>Was soll ein Kind auswirken gegen das Recht des St\u00e4rkeren?<\/li>\n<li>Und wenn uns die Seligkeit der Hirten anr\u00fchren sollte und die Achtsamkeit, mit der Maria ihr Kind in diese Krippe bettet: Wie passt das in eine Welt, in der <em>Empathie<\/em> gebrandmarkt als die \u201efundamentale Schw\u00e4che der westlichen Zivilisation\u201c? (Ion Musk)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich merke, dass der weihnachtliche Gott \u2013 gelinde gesagt \u2013Akzeptanzprobleme hat und einen gewissen Bedeutungsverlust erlitten hat. Er passt nicht in diese Welt, und, ach ja, die Kirche, hat ihn so zu verk\u00fcndigen. Aber \u00e4ndert\u2019s was?<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es sein, dass wir diesen weihnachtlichen Gott inzwischen viel n\u00f6tiger haben, als wir denken? N\u00f6tiger als jede andere Vorstellung von Gott? Und dass Gott genauso seine Bedeutung neu erlangt?<\/p>\n<p>Ist das vielleicht mein Weihnachtsmoment, dass die Sehnsucht neu entfacht wird, der Friedfertigkeit doch mehr zu trauen als dem Kriegerischen? Der Empathie doch mehr als der Gleichg\u00fcltigkeit? Der Menschenfreundlichkeit doch mehr als allem Hass? Der Hoffnung doch mehr als aller Gleichg\u00fcltigkeit oder Angst?<\/p>\n<p>Vertraue ich Gottes Fleisch gewordenem Versprechen, dass diese Welt heil, besser, sch\u00f6ner und gerechter werden kann? Oder gebe ich diese Sehnsucht \u2013 und damit auch Gott \u2013 auf?<\/p>\n<p>Ich traue darauf, dass die Welt eine andere wird, aber eben nicht durch Angriffskriege, eigenm\u00e4chtige Dekrete, nicht durch selbstherrliche Posts oder die Hetze gegen alle, die die anders sein wollen. Sondern dass die Welt sich fundamental \u00e4ndert im Leisen, Unsicheren, Unscheinbaren einer Kindsgeburt. Nicht an den Orten, wo man es vermutete, sondern an den R\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr steht Gott an Weihnachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Wir erleben zahllose Verunsicherungen, die uns ersch\u00f6pfen und m\u00fcde machen. Die Gleichzeitigkeit der vielen Krisen erschreckt. Was einst trug, das wankt:<\/p>\n<ul>\n<li>Unser Europa, das im Miteinander verschiedener Staaten, das Sicherheit und Wohlstand brachte \u2013 und das inzwischen von Postliberalen von au\u00dfen wie von innen heraus verachtet und bek\u00e4mpft wird.<\/li>\n<li>Die Annahme, dass es nachfolgenden Generationen besser geht \u2013 heute ein Trugschuss, ohne dass eine neue Vision an dessen Stelle getreten w\u00e4re.<\/li>\n<li>Soziale Sicherheit? Immer teurer. Arbeitswelt? Immer ungewisser\u2026<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Es ist schwierig, eine Gesellschaft zusammenzuhalten, die sich keine bessere Zukunft vorstellen kann.<\/em> (Olaf Scholz) Das ist die politische Analyse.<\/p>\n<p>Die Antwort des Glaubens: <em>Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht traurig sein. <\/em>(Dieter Trautwein).<\/p>\n<p>Gott pflanzt uns Zuversicht und Hoffnung ein, die aus mir selbst heraus nicht aufzubringen vermag. Er gibt uns mit der Geburt eines Kindes den Glauben ans Menschliche zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Gott fl\u00fcstert uns das \u201eF\u00fcrchte dich nicht\u201c f\u00fcr unser Leben ein, so wie Eltern ihren Kindern an der Bettkante die Angst vor der Nacht nehmen und Vorfreude auf den neuen Tag bereiten. Genauso wird \u00fcbrigens der weihnachtliche Gott auch beschrieben (Jesaja 65), der nicht auf dem himmlischen Thron bleibt, sondern an unserer Seite, quasi an unsere Bettkante, kommt. <em>O Heiland, rei\u00df die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf! <\/em><\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Ich glaube es gar nicht, dass wir heute in der gro\u00dfen Gleichg\u00fcltigkeit leben und ohne Zuversicht. Wir brauchen das Ohr und die Achtsamkeit f\u00fcr die entsprechenden Geschichten:<\/p>\n<ul>\n<li>Menschen in Magdeburg standen geeint zusammen am Jahrestags des Weihnachtsmarkt-Anschlags: Ein leises, aber machtvolles Signal gegen Gewalt und Hass und gegen die eigene Angst.<\/li>\n<li>Wie viele Menschen hat das WDR2-Weihnachtswunder in den Bann gezogen? In Windeseile sch\u00fcttelten Familien, Freundes- und Kollegenkreise \u00fcber 15 Millionen Euro zusammen f\u00fcr soziale Projekte und \u00fcberboten sich an Ideenreichtum. Man kann fragen, warum der Sozialstaat nicht passgenau hilft und es daf\u00fcr eine gro\u00dfe Werbekampagne braucht. Man kann aber einfach feststellen, dass Menschen sich begeistern lassen und einen Sinn darin sehen, selber etwas f\u00fcr den Gemeinsinn und den Zusammenhalt zu tun.<\/li>\n<li>Ich denke an die weniger \u00f6ffentlichen Geschichten deren, die sich oft t\u00e4glich, das ganze Jahr, f\u00fcr andere Menschen einsetzen: beruflich, ehrenamtlich, famili\u00e4r, auch in dieser Kirchengemeinde. Ich erlebe in unserer Diakonie, mit wie viel Sinn und wieviel Selbstverst\u00e4ndlichkeit dieser Einsatz versehen ist \u2013 allem gesellschaftlichen Gegenwind zum Trotz.<\/li>\n<\/ul>\n<p>VI.<\/p>\n<p>Mir sprechen Worte des Autoren Tobias Haberl aus dem Herzen, die ich im Kalender \u201eDer Andere Advent\u201c fand. Er schreibt:<\/p>\n<p><em>\u201eIch weigere mich zu glauben, dass die Welt ohne Gott besser, sch\u00f6ner oder gerechter w\u00e4re. Vielmehr bin ich davon \u00fcberzeugt, dass viele unserer Probleme nicht \u00fcber Nacht verschwinden, aber doch ihren Schrecken verlieren w\u00fcrden, wenn sich wieder mehr Menschen auf die funkelnde Gegenwelt Gottes einlassen w\u00fcrden, wo alles seinen Platz hat, was sonst an den Rand gedr\u00e4ngt wird, auch das Leise, Unsichere, Unscheinbare. Wo andere Dinge z\u00e4hlen und andere Gesetze gelten. Wo man aufrichtig hoffen darf, dass das Gute belohnt und das B\u00f6se bestraft wird. Wo sich eine Liebe erfahren l\u00e4sst, die von keiner Kr\u00e4nkung bedroht ist.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>So m\u00f6ge Weihnachten werden! Und Euch w\u00fcnsche ich einen echten Weihnachtsmoment mit diesem Gott!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mich nach dieser Heiligen Nacht gesehnt. Ich bin froh, sie heute mit Ihnen zusammen zu feiern. 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