{"id":7646,"date":"2023-12-09T12:55:09","date_gmt":"2023-12-09T11:55:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7646"},"modified":"2023-12-09T12:56:28","modified_gmt":"2023-12-09T11:56:28","slug":"7646","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7646","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht hat Johann Hinrich Wichern diese Verse mit den Kindern und Jugendlichen im Rauen Haus in Hamburg gesungen: abends, wenn christliche Lieder erklangen, aus der Bibel gelesen wurde, im Advent der besondere Adventskranz mit den zahlreichen Kerzen dazu entz\u00fcndet wurde\u2026<!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt Synodalgottesdienst, Kreissynode Recklinghausen, 2.12.2023<\/strong><\/p>\n<p>1831 lie\u00df sich Wichern von reichen Freunden eine alte Bauernkarte schenken. Da hatte er sich schon in St. Georg, damals einem der schlimmsten Viertel Hamburgs, als Sonntagslehrer versucht und die Not der Bev\u00f6lkerung, v.a. der Kinder und Jugendliche, kennen gelernt. Anders als in den kasernenhaften Waisenh\u00e4usern seiner Zeit lebten \u201enur\u201c ein Dutzend Kinder zusammen in einer Gruppe. Christliche Erziehung durch Erzieher bzw. das neue Berufsbild des Diakons geh\u00f6rte zum Zusammenleben dazu. Und ein Aufnahmeritual: jedem neu aufgenommenen Kind wurde die Vergebung der S\u00fcnden zusprochen. Klingt patriachalisch, was es wohl auch. Aber gleichzeitig wurde dadurch keiner mehr wegen all dessen, was er durchs vorherige Leben auf dem Kerbholz hatte, durchgepr\u00fcgelt oder benachteiligt: \u201eWas du dir hast zuschulden kommen lassen, ist vergeben. Es steht hier nicht gegen deine W\u00fcrde\u201c, hie\u00df es w\u00f6rtlich.<\/p>\n<pre>Wenn einst erscheint des Menschen Sohn \/ in seiner Herrlichkeit, \/ dann geht von seinem K\u00f6nigsthron \/ Glanz der Gerechtigkeit.\r\nUnd um ihn her versammelt stehn \/ die Engel allzumal, und um des Thrones Stufen gehn \/ die V\u00f6lker ohne Zahl.\r\nSie h\u00f6ren ihres K\u00f6nigs Wort \/ gleich Meeresbraus und Sturm; Er\u00f6ffnet ist des Lebens Pfort \/ und auch des Todes Turm.\r\n\u201eGeht ein, Gesegnete des Herrn, \/ in eures Vaters Reich, nehmt hin den ew\u2019gen Morgenstern, \/ all\u2018 euer Jammer weicht.\u201c\r\n\u201eIn Liebe habt ihr mich geliebt, \/ den Hunger mir gestillt, den Durst gel\u00f6scht, das Herz, betr\u00fcbt \/ in Not, mit Freud erf\u00fcllt.\u201c\r\nSo z\u00fcndest du die Liebe an \/ im Glauben durch dein Wort bei deiner Krippe f\u00e4ngt sie an, \/ und ewig brennt sie fort.<\/pre>\n<p>Vielleicht haben die Kinder und Jugendliche, wenn das Lied gesungen worden sein sollte, auf den Text geachtet: die lyrische Aufbereitung des \u201eGro\u00dfen Weltgerichts\u201c (Mt 25). Wir h\u00f6rten es gerade in der Lesung.<\/p>\n<p>Welchen Zugang haben Menschen, Kinder allzumal, zum Evangelium und zum Glauben, wenn ihnen der Magen knurrt? Im Stadtteil St. Georg machte Wichern die Erfahrung: Selbst Liebe und Zuwendung sind nicht vorrangig, sondern ein St\u00fcck Brot oder ein Dach \u00fcber dem Kopf.<\/p>\n<p>Und dann dieser Text:<\/p>\n<p>\u201eIch war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ihr einem meiner geringsten Br\u00fcder getan habt\u201c, sagt de Weltenrichter, \u201edas habt ihr mir getan.\u201c Oder eben nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist es ein harter Text, weil er schonungslos aufdeckt: Die kleinen Dinge im Alltag entscheiden \u00fcber Heil und Unheil, nicht mein Glaube, nicht was Jesus sagt (Redekomplexe des MtEv). In diesem Text nicht einmal die Taufe, sondern: das Tun des Richtigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht wohl nicht um eine klassische Werkgerechtigkeit, also dass ich mit meinem richtigen Tun das Heil bewirken k\u00f6nnte. Sondern diese Geschichte beschreibt, wie man Gott, den Vater Jesus Christi, erf\u00e4hrt \u2013 oder eben nicht erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr die Ohren der Kinder und Jugendlichen in St. Georg mag genau das ein Zugang zu Gott gewesen sein: Ich war hungrig, und ihr habt zu essen gegeben \u2013 wo ich erlebe, dass jemand sich mit mir solidarisiert, da hat das mit Gott zu tun, da erkenne ich Gott. Und andersherum: Da wo es nicht passiert, verliert sich die Sache mit Gott\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Zitat Wichern: <em>\u201eEs gibt Reviere in den St\u00e4dten, wo es physisch unm\u00f6glich ist, dass die Geistlichen die Aufgaben l\u00f6sen. Sie k\u00f6nnen sich nicht um alle bek\u00fcmmern, die in v\u00f6lliger Isolation von der Kirche leben. Diese bleiben daher ohne kirchliche Pflege, ihre Kinder werden getauft, und sie selbst vielleicht auch getraut. Da ist ihr ganzer Zusammenhang mit der Kirche. [\u2026] Die Stellen auf dem Land sind nicht so selten, wo sonntags ziemlich regelm\u00e4\u00dfig nur drei, vier oder zehn Menschen im Gotteshause zu finden sind.\u201c <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das kommt mir bekannt vor. Bei Wichern wuchs damals die Erkenntnis \u2013 nicht aus Emp\u00f6rung \u00fcber seine Kirche, sondern als theologische Einsicht: \u201eWer im sozialen Elend hockt, denkt nicht zuerst \u00fcber geistliche Fragen nach.\u201c (Annette Kurschus, Andacht zum 175. Jubil\u00e4um der Diakonie)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber umgekehrt geblickt wird daraus f\u00fcr die Kirche ihre ureigene Aufgabe: Wer im himmelschreienden materiellen Elend steckt, hat auch ein geistliches Elend. Und daher kommt die Kirche um ihrer Botschaft willen nicht um das rettenden Handeln &#8211; #aus Liebe \u2013 herum!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die zitieren S\u00e4tze geh\u00f6ren zur Stegreifrede Wicherns auf der Wittenberger Kirchenkonferenz 1848. Wichern fordert eindringlich, dass die Kirche endlich eine eigene Antwort auf die bohrende Soziale Frage der Industrialisierung finden m\u00fcsse. \u201eDie Liebe geh\u00f6rt mir wie der Glaube\u201c. Im Tun wird genauso der Glaube bekannt wie im Predigen oder dem Gottesdienst.<\/p>\n<p>Am Ende des Tages wird in Wittenberg beschlossen, einen Centralausschuss f\u00fcr Innere Mission zu gr\u00fcnden \u2013 die Geburtstagsstunde der modernen Diakonie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p><em>\u201eIhr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf dem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man z\u00fcndet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, so leuchte es allen, die im Hause sind. So la\u00dft euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euerm Vater im Himmel preisen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So hei\u00dft es an anderer Stelle im MtEv. In der Bergpredigt ermuntert und ermutigt Jesus uns, die anvertraute Botschaft sichtbar werden zu lassen: f\u00fcr unsere Zeit. F\u00fcr das Leben der Menschen, denen wir begegnen. Mit der Zuversicht, dass das Licht leuchten wird vor den Leuten, denn es sind ja nicht wir, sondern Christus, das \u201eLicht der Welt\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin sehr davon \u00fcberzeugt, dass \u2013 \u00e4hnlich wie im 19. Jahrhundert \u2013 die Kirche in den heutigen Transformationen ihre Chance hat, wenn sie eine diakonische, eine handelnde Kirche ist. Denn \u00e4hnlich wie zur Wichern-Zeit nehmen N\u00f6te, Zukunfts\u00e4ngste und Ungewissheiten zu. Kirche ist durch ihre Diakonie nah auch bei den Menschen, die nicht unbedingt religi\u00f6s sind. Diese Menschen erleben aber die frohe Botschaft im Tun unserer Mitarbeitenden: Diakonie quasi als Pantomime des Evangeliums.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleichzeitig lerne ich heute Wicherns Begriff von der Inneren Mission neu sch\u00e4tzen: diese enge \u2013 vielleicht damals auch zu enge \u2013 Verkn\u00fcpfung von sozialer und geistlicher Not ist mir wichtig geworden. Das Tun ist das eine. Wir haben einen reichen Schatz an Texten und Liedern, Worte und Verhei\u00dfungen, die es wert sind, lieber einmal mehr als zu wenig gesagt zu werden. Inzwischen sind es oft fremde Texte und Botschaften geworden, die neue Faszination entfachen k\u00f6nnen: in den Kindertagesst\u00e4tten, in Gemeindegruppen, in der Erwachsenen- und Familienbildung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kirche war lange Jahrzehnte sozialpolitisch wach, aber ihre Positionen haben zuletzt das Eigene verloren. In der Stellungnahme zur Reform des \u00a7218 kam zuletzt weder eine theologische noch biblische Anleihe vor. Wer soll uns das abnehmen? Wo sehen die Leute, dass wir das Licht auf einen Leuchter stellen? Und wo ist die vernehmbare kirchliche Botschaft in der Debatte?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Rettung und Liebe, Glaube und politischer Verstand, Mission und Diakonie \u2013 das ist die Chance einer kleiner werdenden Kirche, wenn sie das unerschrocken und mutig miteinander verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWir haben die Menschen in Scharen verloren\u201c, sagte mal der mitteldeutsche Bischof Axel Noack auf die DDR-Kirchen bezogen. Und f\u00fcr die Gegenwart hei\u00dft das: \u201eWir gewinnen sie nur einzeln zur\u00fcck.\u201c \u2013 <em>Das<\/em> aber ist unaufgebbar Aufgabe der Kirche: dass sie wachsen will (nicht unbedingt \u201egegen den Trend\u201c, aber \u201ezu dem hin, der das Haupt ist: Christus\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche im 19. Jahrhundert ist durch die Innere Mission, die heutige Diakonie, in neue Bev\u00f6lkerungsschichten eingedrungen. Sie hat berufliche wie kirchliche Berufsbilder wie das des Erziehers, der Krankenschwester, der Diakonisse und des Diakons erfunden. Sie hat ganze Stadtteile erbaut wie Bethel oder Kaiserswerth. Sie war keine Anh\u00e4ngerin der Demokratiebewegung, hat sich aber f\u00fcr die Erschaffung des Sozialstaats eingesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche ist nicht von der Bildfl\u00e4che verschwunden. Sie hat nicht aufgegeben. Sondern sie hat Ihre Botschaft und ihr Handeln in neue Kontexte gebracht. \u2013 Sie hat vor allem gemerkt, dass sie nicht um ihrer selbst da ist. Sondern Kirche ist und bleibt da f\u00fcr \u201ef\u00fcr die Leute, denen das Licht leuchten soll\u201c, das \u201eLicht der Welt\u201c, auf dessen Geburt wir uns in den n\u00e4chsten Wochen in Tat und Wort vorbereiten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201e6. So z\u00fcndest du die Liebe an \/ im Glauben durch dein Wort \/bei deiner Krippe f\u00e4ngt sie an, \/ und ewig brennt sie fort.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht hat Johann Hinrich Wichern diese Verse mit den Kindern und Jugendlichen im Rauen Haus in Hamburg gesungen: abends, wenn christliche Lieder erklangen, aus der Bibel gelesen wurde, im Advent der besondere Adventskranz mit den zahlreichen Kerzen dazu entz\u00fcndet wurde\u2026<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":7647,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[29,5],"tags":[],"class_list":["post-7646","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diakonisch","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7646","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7646"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7646\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7649,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7646\/revisions\/7649"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7647"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7646"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7646"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7646"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}