{"id":7640,"date":"2023-12-09T12:38:18","date_gmt":"2023-12-09T11:38:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7640"},"modified":"2023-12-09T12:49:50","modified_gmt":"2023-12-09T11:49:50","slug":"7640","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7640","title":{"rendered":"Mach den Raum deines Zeltes weit!"},"content":{"rendered":"<p>\u201eMache den Raum deines Zeltes weit! Spanne deine Seile lang! Stecke deine Pfl\u00f6cke fest!\u201c &#8211; Worte, die zum Ankern und Festmachen auffordern. Worte f\u00fcr uns in bewegenden und ver\u00e4nderlichen Zeiten. Worte, die in meine Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit ansprechen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Andacht zum Tagesaufenthalt in der Erl\u00f6serkirche Herten, Februar 2023<\/strong><\/p>\n<p>Was helfen Zelte, wenn Berge weichen und H\u00fcgel fallen?<\/p>\n<p>Es gibt wirkm\u00e4chtige Gegenbilder: fehlende Zelte in den Erdbebengebiete. Schlecht ausgestatte Fl\u00fcchtlingscamps weltweit. Zelte sind nicht zwingend romantische Orte.<\/p>\n<p>Die Perspektive des Jesaja ist genau diese: das Volk Israel, entwurzelt im Exil, auf der Flucht. Fern vom alten Leben, mit extrem unvorhersagbarer Zukunft. Mit maximalen Umbr\u00fcchen.<\/p>\n<p><em>Da hinein<\/em> \u2013 wo es nur das Zelt gibt \u2013 spricht Jesaja:<\/p>\n<p>\u201eMacht den Raum deines Zeltes weit.<\/p>\n<p>Breitet aus die Decken.<\/p>\n<p>Spart nicht.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<pre><strong>Biblische Lesung aus Jesaja 54 <\/strong>\r\n\r\n2 Mache den Raum deines Zeltes weit und breite aus die Decken deiner Wohnstatt; spare nicht! Spann deine Seile lang und stecke deine Pfl\u00f6cke fest!\r\n3 Denn du wirst dich ausbreiten zur Rechten und zur Linken, und deine Nachkommen werden V\u00f6lker beerben und verw\u00fcstete St\u00e4dte neu bewohnen.\r\nDenn Gott spricht: 7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit gro\u00dfer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. \r\n8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erl\u00f6ser.\r\n9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr \u00fcber die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr \u00fcber dich z\u00fcrnen und dich nicht mehr schelten will.\r\n10 Denn es sollen wohl Berge weichen und H\u00fcgel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.<\/pre>\n<\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wo es existentiell wird, denkt gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Wo es \u2013 buchst\u00e4blich \u2013 kein festen Grund unter den F\u00fc\u00dfen gibt, um H\u00e4user zu bauen und sich auf Dauer niederzulassen \u2013 da breitet eure Decken aus: Macht euch das Provisorium wohnlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Richte euch ein im Ungef\u00e4hren. Seid ganz da, wo ihr seid: Setzt die Pfl\u00f6cke fest, weil sonst auch das Provisorium ins Rutschen kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber seid auch immer bereit, die Zelte wieder abzubrechen und weiterzuziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist die existenzielle Erfahrung des Volkes Israel, das weggef\u00fchrt wurde an Fl\u00fcsse Babylons und die Sehnsucht wachhielt, zur\u00fcckzukehren und die zerst\u00f6rten St\u00e4dte wiederaufzubauen. Kaum zu vergleichen mit uns in dieser Leitungskonferenz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Dennoch kommt mir dieses Bild sehr nahe. In der Erl\u00f6serkirche in Herten l\u00e4sst sich in diesen Wochen nachsp\u00fcren, wie Zelte zum Symbol werden \u2013 f\u00fcr vieles.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gemeinde nutzt die Kirche im Winter nicht. Sie wei\u00df nicht, ob sich \u00fcberhaupt noch Menschen dort zum Gottesdienst versammeln werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Uns platzt der Tagesaufenthalt hinter dem Dienstehaus gegen\u00fcber aus allen N\u00e4hten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kolleginnen, Kollegen und Freiwillige haben B\u00e4nke rausgetragen und \u2013 obwohl auch das benachbarte Gemeindehaus leersteht &#8211; bewusst im Gotteshaus Zelte aufgebaut.<\/p>\n<p>Dort, in einer Kirche, wird es nun ein wenig behaglich. Dort warten ein warmes Getr\u00e4nk oder Essen. Menschen sind da f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch, Ehren- wie Hauptamtliche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirchmauern sprechen stumm W\u00fcrde und Schutz zu. Manch einer der G\u00e4ste hat lange keine Kirche von innen gesehen und f\u00fchlt sich eingeladen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Kirchturm blickt wie eh und je in einen Stadtteil hinein, und viele dort k\u00f6nnen jetzt wieder sehen: <em>Hier<\/em> ist die Kirche; und sie ist bei einer ihrer eigent\u00fcmlichsten Aufgaben. Die T\u00fcre stehen offen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war die bewusste Suche nach einem guten Ort, um Pfl\u00f6cke einzuschlagen. Und ich habe gelernt, dass man diese Chance schnell nutzen musste, und dass man das Wagnis eingehen musste, einfach loszulegen statt alles bis ins Detail vorher zu planen. Bevor die Gemeinde den Mut dazu verliert. Und wir von der Diakonie\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sparen nicht. Weil die Landeskirche f\u00fcr dieses Jahr zus\u00e4tzlich Kirchensteuer gibt. Wir wissen nicht, wie es sich entwickelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen die Zelte wieder abbauen. Oder wir bleiben und breiten uns gar \u201eaus zur Rechten und zur Linken\u201c: Die ersten sa\u00dfen auch schon vorne in den Bankreihen. Und die Gemeinde ist angetan, dass sich pl\u00f6tzlich wieder Menschen f\u00fcr diesen Ort interessieren \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Ein Predigteinstieg hat mich in meinem Leben und Denken besonders gepr\u00e4gt. Das ist exakt 30 Jahre her. Der renovierte Berliner Dom sollte eingeweiht wurde \u2013 oder evangelisch gesagt: &#8211; wieder in Gebrauch genommen werden. Ein wunderbares prunkvolles Geb\u00e4ude, die Heimst\u00e4tte des deutschen Protestantismus und Preu\u00dfentums an sich, und daher sehr ambivalent.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der damalige rheinische Pr\u00e4ses Peter Beier hatte damals die schwierige Aufgabe vor einer Festgemeinde mit Bundeskanzler Kohl und Berlins Regierendem B\u00fcrgermeister Diepgen etwas zu diesem Gotteshaus zu sagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ersten drei S\u00e4tze seiner Predigt lauteten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDie Wahrheit braucht keine Dome. Die Evangelische Kirche braucht auch keine Dome. Das liebe Evangelium kriecht in jeder H\u00fctte unter und h\u00e4lt sie warm.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich will die Zelte in der Erl\u00f6serkirche nicht romantisieren und die N\u00f6te der Menschen dort nicht theologisieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber das mag in dieser Zeit sp\u00fcrbar sein: Dass \u201edas liebe Evangelium in jeder H\u00fctte unterkriegt und sie warm h\u00e4lt\u201c, wenn wir nur die T\u00fcren weit genug \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es gut, wenn Kirche und Diakonie ihre festen sch\u00f6nen Orte haben. Es ist gut, wenn sonntags die Glocken l\u00e4uten. Und stolz zeigen auch wir, was wir in der Pandemie an Geb\u00e4uden geschaffen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Darin ersch\u00f6pfen wir uns aber nicht. In unserem Auftrag steckt mehr: n\u00e4mlich das unbedingte Vertrauen, dass wir etwas offen und unfertig lassen d\u00fcrfen. Denn dann \u2013 so die Verhei\u00dfung \u2013 gesellt sich Gott an unsere und f\u00fcllt mit den Menschen, die er uns schickt, diesen freien Platz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist doch der eigentliche Gedanke eines Teilhabeunternehmens: Wie gestalten wir mit Anderen unsere Zelte so, dass sich darunter die Decken ausbreiten? Und wie beziehen wir das Bew\u00e4hrte neu ein, wie eine altes Kirchgeb\u00e4ude?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche bietet als Institution den Menschen nicht mehr die <u>Heimat<\/u> wie fr\u00fcher. Aber kann sie nicht ein <u>Gastort<\/u> werden? Sie l\u00e4dt Menschen Zeit ein, es wird geratstet und aufgetankt, gegessen und zugeh\u00f6rt, bevor die Menschen weiterziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und die Diakonie? Was werden wir zuk\u00fcnftig nicht mehr sein? Was werden nicht mehr brauchen? Aber wohin k\u00f6nnen wir aufbrechen im Vertrauen, dass das Gott sich an unserer Seite seinen Platz sucht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Jesaja-Text ist nicht nur Anspruch an unser Tun. Sondern er ist ein Zuspruch in allen Ver\u00e4nderungen, die wir sehen und erst noch erleben werden:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott wird den Raum des Zeltes weitmachen.<\/p>\n<p>Er breitet uns die Decken in unserer Wohnstatt aus.<\/p>\n<p>Er spart nicht.<\/p>\n<p>Er spannt seine Seile lang, um uns zu ber\u00fchren.<\/p>\n<p>Er steckt seine Pfl\u00f6cke fest, damit wir nicht den Halt verlieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMache den Raum deines Zeltes weit! Spanne deine Seile lang! Stecke deine Pfl\u00f6cke fest!\u201c &#8211; Worte, die zum Ankern und Festmachen auffordern. Worte f\u00fcr uns in bewegenden und ver\u00e4nderlichen Zeiten. 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