{"id":764,"date":"2017-05-14T15:42:04","date_gmt":"2017-05-14T13:42:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=764"},"modified":"2019-04-20T14:42:39","modified_gmt":"2019-04-20T12:42:39","slug":"diakonische-verantwortung-von-gemeinschaften-und-unternehmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=764","title":{"rendered":"Diakonische Verantwortung von Gemeinschaften und Unternehmen"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Um geheime oder verborgene Not zu erkennen\u201c und um \u201eauch etwas Unkonventionelles zu wagen\u201c m\u00fcsse die Kirche so etwas wie ein Unternehmen gr\u00fcnden. (Zitat aus der Einbringungsrede des Synodal\u00e4ltesten Dr. Coenen zur Gr\u00fcndung unseres Diakonisches Werkes \u2013 damals noch als Synodalverband der Inneren Mission &#8211; auf der Kreissynode 1965).<!--more--><\/p>\n<p><strong>Tischrede Konvikttreffen der Rauh\u00e4usler Diakoninnen und Diakonie, 13.5.17 in Oer-Erkenschwick.<\/strong><\/p>\n<p>Wer in Sachen Diakonie t\u00e4tig ist, braucht zwei Eigenschaften: Er muss den Auftrag der Diakonie kennen. Und er muss in der Organisationsform beweglich sein.<\/p>\n<p>Das ist bis heute so.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst um Zweiten, zur Organisation: Wir sind ein wachsendes Werk, das in den 10 St\u00e4dten des Kreises Recklinghausen, einem der gr\u00f6\u00dften der gesamten Republik, in unterschiedlichsten Bereichen t\u00e4tig ist:<\/p>\n<ul>\n<li>vier Altenhilfe \u2013 sechs Diakoniestationen<\/li>\n<li>10 Standorte f\u00fcr Menschen mit Behinderung \u2013 Wohnheime f\u00fcr Menschen mit Behinderung (auch Autismus als Spezialausrichtung), ambulante Wohnformen und ambulant betreutes Wohnen.<\/li>\n<li>Drei Sozialkaufh\u00e4user (Standorte unserer Umweltwerkstatt: entstanden aus dem Wiederverwertungsgedanken der 1980er-Jahre qualifizieren wir Langzeitarbeitslose in einer Region verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit)<\/li>\n<li>Jugendhilfe: vom Evangelisches Kinderheim (1905 als \u00e4lteste diakonische Einrichtung in RE gegr\u00fcndet), heute mit ambulanten und station\u00e4ren Hilfeformen \u00fcber flexible Hilfen hin zu einem heilp\u00e4dagogischen Zentrum.<\/li>\n<li>Das Besondere: zahlreiche kleine diakonische Beratungsstellen (Schuldner-, Insolvenz-, Sucht-, Wohnungslosenberatung, \u2026)<\/li>\n<\/ul>\n<p>(Alles au\u00dfer Krankenh\u00e4user.)<\/p>\n<p>1.800 Hauptamtliche; 1.900 behinderte Besch\u00e4ftigte; wir erreichen 4.500 Menschen am Tag (das ist die Durchschnittsgr\u00f6\u00dfe einer westf\u00e4lischen Kirchengemeinde).<\/p>\n<p>Wir sind damit eines der gr\u00f6\u00dften regionalen Werke innerhalb der Diakonie RWL. Wir geh\u00f6ren seit 2016 zum Dach \u201eDiakonisches Werk Emscher-Lippe e.V.\u201c, dem regionalen Werk der beiden zum Gestaltungsraum zusammengeschlossenen Kirchenkreis GBD und RE.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Und nun zum Ersten der beiden Eigenschaften: man muss den Auftrag der Diakonie kennen \u2013 in einer st\u00e4rker s\u00e4kular werdenden Gesellschaft und in einem auch von privaten Wettbewerbern umk\u00e4mpften Sozialmarkt erst recht.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr haben wir eine gleichberechtigte Doppelspitze in der GF, eine Kauffrau und einen Theologen, fr\u00fcher sogar auch noch einen Sozialarbeiter. Die \u00dcberzeugung ist bis heute, dass wir der eigentliche diakonische Auftrag nur durch das Austarieren der von diesen Personen symbolisierten Dimensionen erkannt werden kann: von der \u00d6konomie, der Theologie und der Fachlichkeit.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr mich schon eine ersten Thesen f\u00fcr uns heute:<\/p>\n<p><strong>Diakonie braucht immer verschiedene, auf einander bezogene Berufe.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0Es gibt keinen Vorrang der einen gegen\u00fcber der anderen Berufsgruppe.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das diakonische Profil ist nie von der Kirchlichkeit her allein zu erreichen, genauso wenig von der Dimension des \u00d6konomischen. Genauso wenig geht Diakonie in der Sozialarbeit (oder einer anderen Fachlichkeit) auf.<\/strong><\/p>\n<p>Insofern sch\u00e4tze ich Diakoninnen und Diakone, die sich weder hinter ihrer Kirchlichkeit, noch hinter ihrer Fachlichkeit allein verstecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit ihrer s\u00e4kularen, allgemeinen Berufsausbildung und ihrer Kirchlichkeit decken sie in ihrer Person schon zwei der drei Dimensionen ab \u2013 und oft k\u00f6nnen sie auch rechnen und beherrschen das \u00d6konomische \u2026.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Dieses Gl\u00fcck ist aber nicht unsere Realit\u00e4t: Unter unseren 1.800 MA haben wir ganz vier Menschen, die einer Gemeinschaft angeh\u00f6ren: ein Diakon, zwei Diakoninnen, ein CVJM-Sekret\u00e4r.<\/p>\n<p>Wenn uns also daran liegt, dass Fachlichkeit und Kirchlichkeit \u2013 was bei Diakoninnen und Diakonen von der Ausbildung her in eins f\u00e4llt \u2013 aufeinander bezogen werden, dann m\u00fcssen wir uns als Werk in und mit unserer Struktur besonders f\u00fcr unser diakonisches Profil bem\u00fchen.<\/p>\n<p>Was fachlich ausgebildete und kirchliche gebundene Diakonie nicht als Person in sich vereinen, muss unser Werk in seiner Organisationsstruktur leisten.<\/p>\n<p>Das tun wir nach Kr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Mit Rainer Hinzen m\u00f6chte ich zwischen diakonischer Kultur und diakonischer Kompetenz unterscheiden: Wir haben eine sichtbare institutionell geformte Kultur von:<\/p>\n<ul>\n<li>die seelsorglichen und gottesdienstlichen Angebote in den Einrichtungen (w\u00f6chentlich in Altenheim, Weihnachtsgottesdienste in den Werkst\u00e4tten)<\/li>\n<li>Mitgestaltung der Diakoniesonntage in Gemeinden des KK<\/li>\n<li>Gestaltung von \u00dcberg\u00e4ngen im beruflichen Leben: Begr\u00fc\u00dfung und Einf\u00fchrung neuer MA , Jubil\u00e4en, Abschiede.<\/li>\n<li>Gestaltung von besonderen Ereignissen oder Ungl\u00fccken (Todesfall in den Werkst\u00e4tten; Sterben im Altenheim).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zur diakonischen Kompetenz z\u00e4he ich alles, was der einzelne Mitarbeitende hat bzw, sich aneignet an Haltungen und in der Reflexion von grundlegenden Fragen:<\/p>\n<ul>\n<li>Kann ich vom anderen Menschen her denken?<\/li>\n<li>Habe ich N\u00e4chsten- und Selbstliebe in Balance?<\/li>\n<li>Wie gehe ich mit der Fragilit\u00e4t\/Verwundbarkeit und Endlichkeit des Lebens um?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wir haben in der Altenhilfe einen <strong>Ethikrat<\/strong> gegr\u00fcndet, um in ethischen Konfliktf\u00e4llen den MA Handlungssicherheit und Klienten eine gr\u00f6\u00dfere Erwartungssicherheit zu verschaffen.<\/p>\n<p>Wir verkn\u00fcpfen uns mit gemeindlichen Aufbr\u00fcchen (Diensteh\u00e4user in Gemeindeh\u00e4usern; Beteiligung am Mittagstisch f\u00fcr Bed\u00fcrftige im Gemeindehaus oder am ambulanten Hospizdienst im Altenheim; Quartiersentwicklung)<\/p>\n<p>Die Entwicklung diakonischer Kompetenz ist eine zentrale Anliegen unserer betriebseigen Fortbildung, f\u00fcr die wir ein eigenes Begegnungs- und Tagungszentrum entwickelt haben.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnen die wesentlichen Fragen gestellt werden (und was das Diakonische ist, kann man nicht naturwissenschaftlich festlegen):<\/p>\n<p>-\u201eK\u00f6nnen wir das, was wir t\u00e4glich tun, auch tun, ohne Diakonie zu sein?\u201c<\/p>\n<p>&#8211; \u201eWir machen so viel Diakonisches, ohne es \u201ediakonisch zu nennen.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zweite These also: Wenn man wenig Diakoninnen und Diakonie hat, ist das Aufeinanderbeziehen der Dimensionen des \u00d6konomischen, des Fachlichen und des Theologischen die Aufgabe eines Werkes (also in der Struktur).<\/strong><\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p><strong>Wir sind keine geistliche, aber irgendwie doch eine Gemeinschaft \u2026<\/strong><\/p>\n<p>45% unserer Mitarbeiter \u2013 das ist dem katholischen M\u00fcnsterland geschuldet \u2013 sind katholisch; 45% sind evangelisch. Wir haben durch die Fl\u00fcchtlingsarbeit muslimischen MA hinzugewonnen, die sich deutlich zu unserem Leitbild bekennen und das auch artikulieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir sind nicht homogen.<\/p>\n<p>Und trotzdem sind wir mehr als eine \u201eDienstgemeinschaft\u201c nach \u00a71 des MVG: Wir sind zumindest auf Zeit mehr:<\/p>\n<ul>\n<li>immer wieder mal an verschiedenen Orten eine \u201eGottesdienstgemeinschaft\u201c<\/li>\n<li>eine Lerngemeinschaft (Fortbildung)<\/li>\n<li>eine Auftragsgemeinschaft; leitende F\u00fchrungspersonen werden agendarisch verpflichtet und entpflichtet<\/li>\n<li>eine Wertegemeinschaft: so konfessionell unterschiedlich wir auch sind, geht es nicht um die formale Kirchenmitgliedschaft allein, sondern ob man das Leitbild bef\u00fcrworten kann (seit Debatte mit muslimischen MA \u00fcberlegen wir, es in Bewerbungsgespr\u00e4chen zu verkn\u00fcpfen mit der Frage, warum sich jemand bei der Diakonie geworben hat).<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>These: Wir sind nicht die Gemeinschaft der Getauften (oder eine geistliche Gemeinschaft, weil viel pluraler), aber auch wir beauftragen \u2013 zumindest F\u00fchrungskr\u00e4fte \u2013 \u00fcber die eigentlichen Pflichten des Arbeitsrechts hinaus auf den gemeinsamen diakonischen Auftrag. Die Diversit\u00e4t, die wir haben, ist eher ein Reichtum als eine B\u00fcrde.<\/strong><\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Schlussbemerkung:<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir mehr gemeinschaftlich gebundene Menschen. Nicht weil sie ersetzen k\u00f6nnten oder sollten, was ich gerade beschrieben habe \u2013 dass n\u00e4mlich ein Werk in seiner Organisation daf\u00fcr sorgen muss, dass das Diakonische sichtbar wird.<\/p>\n<p>Aber gemeinschaftliche gebundene Mitarbeiter machen alle unsere strukturellen Versuche plausibler, weil sie mit ihrer Person und ihren Amt sichtbar und behaftbar daf\u00fcr einstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Um geheime oder verborgene Not zu erkennen\u201c und um \u201eauch etwas Unkonventionelles zu wagen\u201c m\u00fcsse die Kirche so etwas wie ein Unternehmen gr\u00fcnden. (Zitat aus der Einbringungsrede des Synodal\u00e4ltesten Dr. Coenen zur Gr\u00fcndung unseres Diakonisches Werkes \u2013 damals noch als Synodalverband der Inneren Mission &#8211; auf der Kreissynode 1965).<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-764","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-diakonie"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/764","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=764"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/764\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":766,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/764\/revisions\/766"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=764"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=764"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}