{"id":760,"date":"2017-04-06T19:36:40","date_gmt":"2017-04-06T17:36:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=760"},"modified":"2019-04-20T14:42:01","modified_gmt":"2019-04-20T12:42:01","slug":"reformationsjubilaeum-evangelisch-oder-oekumenisch-feiern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=760","title":{"rendered":"Reformationsjubil\u00e4um &#8211; evangelisch oder \u00f6kumenisch feiern?"},"content":{"rendered":"<p>Der Thesenanschlag Martin Luthers j\u00e4hrt sich zum 500. Mal \u2013 f\u00fcr die Evangelische Kirche ein Grund zum Feiern und zur Selbstvergewisserung:\u00a0Was sind eigentlich die evangelischen Sch\u00e4tze und Erkenntnisse, die man selbstbewusst in eine immer st\u00e4rker s\u00e4kulare Gesellschaft transportieren kann?\u00a0<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Reformationsjubil\u00e4um \u2013 evangelisch oder \u00f6kumenisch feiern? (Vortrag Abendkreis im M\u00fchlendorf, 6. April 2017)<\/strong><\/p>\n<p>Genauso stellt sich die Frage, wie man im \u00f6kumenischen Miteinander vor allem mit der katholischen Kirche die mit der Reformation verbundene Kirchenspaltung angemessen thematisiert. Vor Ort gehen katholische und evangelische Christen aufeinander zu, und es hat sich viel entwickelt in den letzten Jahrzehnten. Was gibt es also in 2017 auch gemeinsam zu feiern?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Evangelisch oder \u00f6kumenisch? Wer feiert hier was und mit wem?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eLiebe katholische Kirche, warum regt Dich das Reformationsjubil\u00e4um 2017 denn so auf? Feiere doch einfach mit uns. Denn daf\u00fcr gibt es gute Gr\u00fcnde. Brief eines \u00fcberzeugten evangelischen Christen Liebe gro\u00dfe Schwester, ich hab geh\u00f6rt, Du h\u00e4ttest keine Lust, meinen 500. Geburtstag mitzufeiern? Schade. Ich h\u00e4tte Dich gerne dabei, wirklich! Im pr\u00e4chtigen Feiern und Inszenieren bist Du doch viel besser als ich. Plaudern und Singen kann ich ja noch, aber wenn es mal festlich krachen soll, kommen statt rheinisch buntem Karneval bei mir nur preu\u00dfischblaue Akademietagungen heraus. Also komm bitte 2017 nach Wittenberg, ja ?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Ich versuche mal, Dich umzustimmen: Wir feiern nicht meinen historisch biologischen Vater. Ich bin sein ungewolltes Kind, wie Du wei\u00dft. Martin Luther fand es 1510 so toll, die S\u00fcndenstrafen verstorbener Vorfahren verk\u00fcrzen zu k\u00f6nnen, dass es ihm \u00bbschier leid tat, dass meine Eltern noch leben. Ich h\u00e4tte sie gerne aus dem Fegefeuer erl\u00f6set mit meinen Messen\u00ab. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Den Ablasshandel hat er noch zum Allerheiligenfest 1514 verteidigt und sogar die Abfassung des \u00bbAugsburger Bekenntnisses\u00ab 1530 verstand er als Reformvorschlag, nicht als Gr\u00fcndungsakte einer neuen Kirche! Martin lebte und starb als frommer Katholik, vergiss das nicht. Mitfeiern k\u00f6nntest Du zum Beispiel seinen theologischen Ziehvater, den Augustinus, den Du so magst.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Du hast Martin schon 1518 zum Ketzer erkl\u00e4rt, und fortan benahm er sich Dir gegen\u00fcber als polemischer R\u00fcpel, zugegeben. Aber nimm zum Beispiel Ignatius von Loyola, den Gr\u00fcnder des Jesuitenordens. Der hat insgesamt sieben Inquisitionsverfahren \u00fcberlebt. Und heute ist er ein Heiliger! Also, was regst Du Dich auf? <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Wir feiern erst recht nicht die Spaltung. Des Zerbrechens der einen heiligen Kirche m\u00fcsse man \u00bbbedauernd gedenken\u00ab, h\u00f6re ich von Dir. W\u00fcrdest Du das an allen runden Jahrestagen konfessioneller Spaltungen tun, k\u00e4mst Du aus dem Bedauern gar nicht mehr heraus: Die \u00bbEinheit\u00ab war 451 beim Konzil von Chalcedon das erste Mal futsch, als die Kopten gingen\u037e 1054 das zweite Mal, als sich die Orthodoxen verabschiedeten\u037e 1184 das dritte Mal, als Du die Waldenser vor die T\u00fcr gesetzt hast, und 1209 das vierte Mal mit Deinen Kreuzz\u00fcgen gegen die Albigenser\/Katharer. Ab 1517 kamen wir, die lutherischen und reformierten Zwillingsschwestern, auf die Welt. Dann unser halblebiges Fr\u00fchchen, die T\u00e4ufer. Und dr\u00fcben in England \u2013 not amused \u2013 trennten sich die Anglikaner von Dir! Das w\u00e4ren dann die Spaltungen Nummer f\u00fcnf bis sieben.[&#8230;] \u201c<\/em><\/p>\n<p><em>(<\/em><em>Andreas Malessa, <\/em><em>PublikForum, 1\/2015 vom 16.01.2015)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So ironisch, aber auch selbstbewusst kann man aus evangelischer Sicht formulieren und nach 500 Jahren auch darauf hoffen, dass Protestanten ohne schlechtes Gewissen feiern d\u00fcrfen. Wir feiern nicht die Kirchenspaltung, auch nicht das, was \u201eLutheraner\u201c sp\u00e4terer Jahrzehnte und Jahrhunderte aus Martin Luther gemacht haben, sondern \u2013 und das sage ich mit evangelischem Selbstbewusstsein -, seine reformatorische Erkenntnisse, die auch Gedankenanstoss f\u00fcr Katholiken sein k\u00f6nnen, auch wenn sie vor 500 zur Kirchenspaltung f\u00fchrten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei l\u00e4ngeren Gedankeng\u00e4nge zur Begr\u00fcndung (2. Luther entdeckte den gn\u00e4digen Gott, nicht die lutherische Konfession \/ 3. Das Jubil\u00e4um 2017 ist das erste, das Protestanten nicht \u201egegen\u201c jemanden feiern):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Luther entdeckte den gn\u00e4digen Gott, <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>nicht die lutherische Konfession<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wer ist dieser Martin Luther?<\/strong><\/p>\n<p>Luther ist so schillernd, dass wir ihn interpretieren sollten, nicht heroisieren. Auch das hilft Katholiken, fr\u00f6hlich mitzufeiern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Martin Luther: der Unergr\u00fcndlichen, Jahrhunderte lang zum gr\u00f6\u00dften Deutschen Ausgerufenen, gefeiert als \u201egr\u00f6\u00dfter Revolution\u00e4r\u201c (Hegel), der den deutschen Christen \u201edas Buch ihres Glaubens in ihre Muttersprache \u00fcbersetzt\u201c habe; heute aber angefragt wegen seiner Derbheit und Judenfeindschaft.<\/p>\n<p>Die Reformationshymne \u201eEin feste Burg\u201c mit ihrer \u201eWehr und Waffen\u201c kommt uns, so martialisch, oft schwer \u00fcber die Lippen.<\/p>\n<p>Luther war kein Demokrat. Aber er war auch kein Obrigkeitsdiener, so wie er dem einzelnen Menschen gegen\u00fcber Papst und Kaiser eine souver\u00e4ne Stellung und innere Freiheit zuwies.<\/p>\n<p>Er wollte die Kirchenerneuerung, aber es kam zur Kirchenspaltung und sp\u00e4ter zu Religionskriegen.<\/p>\n<p>Er selber wollte auf kein Podest: Er schreibt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eErstens bitte ich, man wolle von meinem Namen schweigen und sich nicht lutherisch, sondern einen Christen nennen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein! Ebenso bin ich auch f\u00fcr niemanden gekreuzigt. St. Paulus [\u2026] wollte nicht leiden, dass die Christen sich paulinisch oder petrisch hie\u00dfen, sondern Christen. Wie k\u00e4me denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi d\u00fcrfte nach meinem nichtsw\u00fcrdigen Namen nennen? Nicht so, liebe Freunde! Lasst uns tilgen die parteiischen Namen und uns Christen hei\u00dfen, nach Christus, dessen Lehre wir haben.\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>(<\/em><em>WA 8, 685, 4-11)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eLuther \u2013 Biographie eines Befreiten\u201c<\/strong> nennt Joachim K\u00f6hler sein Buch, eines der vielen zum Reformationsjubil\u00e4um \u00fcber den Reformator. Entsprechend dem Titel zeichnet er den Weg Luthers vom gepeinigten, ver\u00e4ngstigten M\u00f6nchen zum befreiten wirkm\u00e4chtigen und mutigen Reformator: den Weg eines Menschen mit Unternehmergeist, Visionen, der Kraft zum Widerstand und mit unb\u00e4ndigem Durchhalteverm\u00f6gen \u2013 und (und hier liegt f\u00fcr mich ein wesentlicher Schl\u00fcssel): mit einer neuartigen religi\u00f6sen Heiterkeit und Fr\u00f6hlichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNur wer \u00fcberall und immer lachen kann, ist ein wahrer Doktor der Theologie.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Luther brach mit dem Bierernst der Theologen seiner Zeit und mit der Steifheit des Klerus. Denn sein Gott war kein zorniger Gott, sondern ein lachender.<\/p>\n<p>Dahin zu kommen, war ein langer Weg!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Luther w\u00e4chst in gro\u00dfer Strenge auf: Vater Hans investiert und riskiert viel als H\u00fcttenmeister in der damals aufstrebenden Montanindustrie im s\u00e4chsischen Mansfeld. Er erzieht die Kinder \u00e4u\u00dferst autorit\u00e4r. Zuhause und in der Schule wird gepr\u00fcgelt. Der Vater hat einen klaren Plan mit Martin: Der sollt Jura studieren und sp\u00e4ter als Justiziar \u00fcber die Gesch\u00e4fte des Vaters wachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber die Schulstationen Magdeburg und Eisenach kommt Luther nach Erfurt zur akademischen Grundausbildung (1501-1505). Er studiert in einem zehrenden Rhythmus (gemeinsamer Schlafsaal \u2013 vier Uhr aufstehen!) die g\u00e4ngige Theologie seiner Zeit (Scholastik), aber auch griechische Philosophie (Aristoteles). Er erlebt in Erfurt die Bettelorden, die die Stra\u00dfen nach Almosen abgrasen, und die fromme Zucht der Bursen. Er erlebt die ersten Aufbr\u00fcche des Humanismus und erf\u00e4hrt, wie Kirchenkritiker im Deutschen Reich als Ketzer auf dem Scheiterhaufen landen. Einige Kommilitonen fallen in dieser Zeit der Pest zum Opfer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der R\u00fcckschau sieht er sich in Erfurt als \u201ejunger Magistrat\u201c, der \u201edurch seine Anfechtungen der Traurigkeit immer trauriger\u201c wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Ende des Generalstudiums reist er nach Mansfeld, weil sein Vater ihn mit seiner neuen Aufgabe \u2013 und mit der von ihm ausgew\u00e4hlten Ehefrau \u2013 betrauen will. Auf dem R\u00fcckweg ger\u00e4t er bei Stotternheim in ein schweres Gewitter. Sein Sto\u00dfgebet in Lebensgefahr: \u201eHilf du, St. Anna, ich will ein M\u00f6nch werden!\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich verkauft Luther alle juristischen B\u00fccher und tritt zwei Wochen sp\u00e4ter ins Augustinerkloster Erfurt ein. Es ist<em> nicht<\/em> die Wegwende hin zur Reformation gewesen!<\/p>\n<p>Sicher: Er hat sich mit einem Male von der v\u00e4terlichen G\u00e4ngelung gel\u00f6st, vom Jurastudium und der drohenden Zwangsheirat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Kloster erwartet ihn das irdische Fegefeuer: Luther beginnt ganz unten mit der allerver\u00e4chtlichsten Arbeit (Latrinenputzen). Er kann nicht wie auf der Universit\u00e4t die griechischen Philosophen weiterlesen, sondern wird auf die Stra\u00dfe geschickt mit dem Satz: \u201eMit Betteln (und nicht mit Studieren!) dient man den Kl\u00f6stern!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unter gr\u00f6\u00dftem religi\u00f6sem Leistungsdruck wird gefastet, gebetet. In der Bibel wird nicht gelesen. \u201eIch hatte 14 Schutzheilige, die ich jeden Tag zweimal anrief. Als Lohn durfte man sich vom Scheitel bis zur Ferse ganz heilig f\u00fchlen.\u201c Lachen ist verboten \u2013 es gab auch keinen Anlass.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Langsam wittert Luther, dass auch sein Gel\u00fcbde von Stotternheim, sich einem gottgef\u00e4lligen Leben zu weihen, nicht automatisch ein gottgef\u00e4lliges Werk darstellt: Man kann Gott nicht gen\u00fcgen! \u2013 Im Gesch\u00e4ftsmodell \u201eGibst du mir, so geb ich dir\u201c liegt vielmehr die gef\u00e4hrliche Anma\u00dfung, als ob man sich selbst vor Gott gerecht machen k\u00f6nnte. Wer hat Luther eigentlich in Blitz und Donner versucht? Der Teufel? Oder vielleicht Gott, um ihn mit List und T\u00fccke auf den rechten (kl\u00f6sterlichen) Weg zu bringen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Kloster dominiert jedenfalls das schlechte Gewissen. Obwohl das Gewissen doch eigentlich Gott im Inneren eines Menschen vertreten sollte, stie\u00df es Luther in die Seelenfinsternis, in eine Art inneres Fegefeuer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber die eigentliche Wende, die Entdeckung des gn\u00e4digen Gottes, schreibt er 1546, ein Jahr vor seinem Tod, im Vorwort zur Gesamtausgabe seiner Schriften:<\/p>\n<p><em>\u201eInzwischen war ich in diesem Jahr [1519] zum Psalter zur\u00fcckgekehrt, um ihn von neuem auszulegen, im Vertrauen darauf, da\u00df ich ge\u00fcbter sei, nachdem ich St. Pauli Epistel an die R\u00f6mer und Galater und die an die Hebr\u00e4er in Vorlesungen behandelt hatte. Ich war von einer wundersamen Leidenschaft gepackt worden, Paulus in seinem R\u00f6merbrief kennenzulernen, aber bis dahin hatte mir nicht die K\u00e4lte meines Herzens, sondern ein einziges Wort im Wege gestanden, das im ersten Kapitel steht: \u00bbDie Gerechtigkeit Gottes wird in ihm [= Evangelium] offenbart\u00ab [R\u00f6m 1,17]. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich hatte n\u00e4mlich dieses Wort &gt;Gerechtigkeit Gottes&lt; zu hassen gelernt, das ich nach dem allgemeinen Wortgebrauch aller Doktoren philosophisch als die sogenannte formale oder aktive Gerechtigkeit zu verstehen gelernt hatte, mit der Gott gerecht ist, nach der er S\u00fcnder und Ungerechte straft. &#8211; Ich aber, der ich trotz meines untadeligen Lebens als M\u00f6nch, mich vor Gott als S\u00fcnder mit durch und durch unruhigem Gewissen f\u00fchlte und auch nicht darauf vertrauen konnte, ich sei durch meine Genugtuung mit Gott vers\u00f6hnt: ich liebte nicht, ja, ich ha\u00dfte diesen gerechten Gott, der S\u00fcnder straft; wenn nicht mit ausgesprochener Blasphemie, so doch gewi\u00df mit einem ungeheuren Murren war ich emp\u00f6rt gegen Gott und sagte: \u00bbSoll es noch nicht genug sein, da\u00df die elenden S\u00fcnder, die ewig durch die Erbs\u00fcnde Verlorenen, durch den Dekalog mit allerhand Unheil bedr\u00fcckt sind? Mu\u00df denn Gott durch das Evangelium den Schmerzen noch Schmerzen hinzuf\u00fcgen und uns durch das Evangelium zus\u00e4tzlich seine Gerechtigkeit und seinen Zorn androhen?\u00ab So raste ich in meinem w\u00fctenden, durch und durch verwirrten Gewissen und klopfte unversch\u00e4mt [Lk 11,5-10] bei Paulus an dieser Stelle an, mit hei\u00dfestem Durst zu wissen, was St. Paulus damit sagen will. Endlich achtete ich in Tag und Nacht w\u00e4hrendem Nachsinnen durch Gottes Erbarmen auf die Verbindung der Worte, n\u00e4mlich -. \u00bbDie Gerechtigkeit Gottes wird in ihm offenbart, wie geschrieben steht [Hab 1,4], &gt;Der Gerechte lebt aus dem Glauben&lt;.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00ab Da habe ich angefangen, die Gerechtigkeit Gottes so zu begreifen, da\u00df der Gerechte durch sie als durch Gottes Geschenk lebt, n\u00e4mlich aus Glauben; ich begriff, da\u00df dies der Sinn ist: offenbart wird durch das Evangelium die Gerechtigkeit Gottes, n\u00e4mlich die passive, durch die uns Gott, der Barmherzige, durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: \u00bbDer Gerechte lebt aus dem Glauben\u00ab.<\/em><\/p>\n<p><em>Nun f\u00fchlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten. Da zeigte sich mir sogleich die ganze Schrift von einer anderen Seite. Von daher durchlief ich die Schrift, wie ich sie im Ged\u00e4chtnis hatte, und las auch in anderen Ausdr\u00fccken die gleiche Struktur [analogia], wie: &gt;das Werk Gottes&lt;, d.h. was Gott in uns wirkt, &gt;die Kraft Gottes&lt;, mit der er uns kr\u00e4ftig macht, &gt;die Weisheit Gottes&lt;, mit der er uns weise macht, &gt;die St\u00e4rke Gottes&lt;, &gt;das Heil Gottes&lt;, &gt;die Herrlichkeit Gottes&lt;. Nun, mit wieviel Ha\u00df ich fr\u00fcher das Wort &gt;Gerechtigkeit Gottes&lt; geha\u00dft hatte, mit um so gr\u00f6\u00dferer Liebe pries ich dieses Wort als das f\u00fcr mich s\u00fc\u00dfeste; so sehr war mir diese Paulusstelle wirklich die Pforte zum Paradies. Sp\u00e4ter las ich Augustins \u00bbDe spiritu et littera\u00ab, wobei ich unverhoffterweise darauf stie\u00df, da\u00df auch er die Gerechtigkeit Gottes \u00e4hnlich interpretiert: [als die Gerechtigkeit], \u00bbmit der uns Gott bekleidet, indem er uns rechtfertigt\u00ab\/1\/. Und obwohl dies noch unvollkommen gesagt ist und Augustin von der Anrechnung [imputatio] nicht alles klar expliziert, gefiel es mir doch, da\u00df die Gerechtigkeit Gottes gelehrt wird, mit der wir gerechtfertigt werden.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Entdeckung des jungen Luthers sind die entscheidenden reformatorischen Grunderkenntnisse \u2013 jenseits einer konfessionellen Spaltung oder gar eine Kirchentrennung:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Rechtfertigung allein aus Gnade <strong>(sola gratia)<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Es z\u00e4hlt nur Rechtfertigung nur das Geschenk des Glaubens. Keine religi\u00f6se Leistung, keine guten Werke\/Ablasse k\u00f6nnen heilsrelevant sein. <strong>(sola fide)<\/strong>.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Wo ist Jesus Christus zu finden? Allein im Zeugnis der Schrift (nicht in den Lehren der Institution Kirche) <strong>(sola scriptura)<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch den Thesenanschlag (1517) und die grundlegenden Schriften (um 1520) f\u00fchrte die reformatorische Entdeckung in den un\u00fcberbr\u00fcckbaren Konflikt mit dem Papst, und von der anderen Seite f\u00fchren Bann und Acht auf dem Wormser Reichstag (1521) zum Bruch. Dennoch zeigt der \u00f6kumenische Dialog der letzten Jahrzehnte, dass das, was im 16. Jahrhundert noch kirchenspaltend war &#8211; theologisch keine un\u00fcberbr\u00fcckbaren Gegens\u00e4tze mehr sein muss: z.B. gegenseitige Anerkennung der Taufe (1970er-Jahre); gemeinsame Erkl\u00e4rung zur Rechtfertigungslehre (1999).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es d\u00fcrfte heute ein \u00f6kumenischer Satz sein: \u201eSich auf die Reformation besinnen hei\u00dft: sich auf das Evangelium von Jesus Christus besinnen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Das Jubil\u00e4um 2017 ist das erste, <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>das Protestanten nicht \u201egegen\u201c jemanden feiern<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lutherjubil\u00e4en oder Reformationsgedenktage sind in den letzten 500 Jahren oft konfessionell verengt gefeiert worden, oder das Lutherbild fiel dem jeweiligen Zeitgeist zum Opfer:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1617<\/strong> (100 Jahre nach der Reformation): gegen Katholiken<\/p>\n<p>Das Jubil\u00e4um war ein gesellschaftliches Gro\u00dfereignis, bei dem Symbiose von Kirche, Kultur und dem evangelischen Gemeinwesen gefeiert wurde \u2013ein Jahr vor dem Ausbruch des 30j\u00e4hrigen Krieg, der ein Konfessionskrieg war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1717<\/strong> (200 Jahre nach der Reformation): gegen Katholiken<\/p>\n<p>\u00c4hnlich war es 1717: gefeiert wurde die Befreiung vom p\u00e4stlichen Joch und Irrtum durch Luther, der wie ein Mose durchs Schilfmeer die Befreiung in die Wege geleitet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1817<\/strong> (300 Jahre nach der Reformation): gegen das Gro\u00dfdeutsche<\/p>\n<p>Luther galt als truziger deutscher Nationalheld, zwei Jahre nach dem Wiener Kongress, der die Grenzen Europas neu geordnet hatte. Die Reformation wurde nationalpolitisch umgedeutet.<\/p>\n<p>Immerhin steht das Jubil\u00e4um 1871 auch f\u00fcr die altpreu\u00dfische Union und ihre Abendmahlsgemeinschaft zwischen Lutheranern und Reformierten. In Westfalen, genauer in Hagen, feierten Reformierte und Lutheraner eine gro\u00dfe gemeinsame Abendmahlsfeier, die preu\u00dfische K\u00f6nig Friedrich Wilhelm III guthie\u00df und zur Grundlage der Gr\u00fcndung der altpreu\u00dfischen Union machte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1917 <\/strong>(400 Jahre nach der Reformation): gegen Europa<\/p>\n<p>Das Jubil\u00e4um im Jahr 1917 stand ganz im Zeichen des Ersten Weltkriegs und wurde f\u00fcr Durchhalteparolen und als Vergewisserung deutscher St\u00e4rke gegen andere europ\u00e4ische L\u00e4nder instrumentalisiert.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und 2017?<\/strong> Man kann viel dar\u00fcber debattieren, ob das Reformationsjubil\u00e4um diesmal besonders stark kommerzialisiert ist (Playmobil-Luther) oder der durch die ostdeutschen Bundesl\u00e4nder fossierte Luther-Tourismus eine unangemessene N\u00e4he von Staat und Kirche darstellt \u2013 aber eins ist klar: Es wird inhaltlich als ein europ\u00e4isches Fest gefeiert (Weltausstellung) \u2013 nicht gegen Europa oder andere L\u00e4nder!- , als \u00f6kumenisches Fest (besonders: \u00d6kumenisches Fest in Bochum, 16.9.) \u2013 und nicht gegen Katholiken. Was vielleicht fehlt, ist der Blick auf die anderen Reformartoren (Clavinjahr in der Dekade)!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong>Erinnerungen heilen <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz fand in Hildesheim ein \u00f6kumenischer Gottesdienst statt, in dem EKD und Bischofskonferenz unter dem Leitwort \u201eErinnerungen heilen \u2013 Christus bezugen\u201c die gegenseitige Schuld an der Trennung der Konfessionen bekannt haben und beteuert haben, dass es weitere Schritte der Einigung im Verst\u00e4ndnis des Evangeliums geben muss.<\/p>\n<p>Die <strong>Trennung<\/strong> wird also das Schmerz benannt \u2013 so wie viele Menschen \u00fcber Jahrzehnte gelitten haben unter den praktischen Konsequenzen, die Evangelisch- und Katholischsein hatten (Trauungen, Patenamt, keine Abendmahlsgemeinschaft bis heute).<\/p>\n<p>Es setzt sich \u2013 auch zum Reformationsjubil\u00e4um \u2013 die Erkenntnis durch, dass <strong>uns mehr verbindet als trennt<\/strong>. Evangelizit\u00e4t (also der Bezug zur Bibel) ist eine Erkenntnis der katholischen Kirche; die Katholizit\u00e4t (die Allumfasstheit der Kirche) ist der Evangelischen Kirche wichtig.<\/p>\n<p>Es bleiben weiter schmerzhafte Merkmale der Trennung, die offen benannt werden: Amtsverst\u00e4ndnis, Abendmahlsverst\u00e4ndnis. Historisch auch die Mythoisierung des Thesenanschlags oder die Exkommunikation Luthers in Worms.<\/p>\n<p>\u201eWir k\u00f6nnen heute auch als Katholiken unumwunden sagen, dass er eigentlich keine neue Kirche gr\u00fcnden wollte. Er wollte den Blick auf den gn\u00e4digen und barmherzigen Gott lenken und den Menschen seiner Zeit Mut machen, ihr Leben ohne Angst in diesem Gott festzumachen\u201c, so Kardinal Marx.- Das bedeutet f\u00fcr mich als Protestant, dass wir dieses Reformationsjubil\u00e4um gemeinsam feiern sollten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong>Ausblick: Herausforderungen der Kirchen im 21. Jahrhunder<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Thesen (nach einem Vortrag von Wolfgang Huber):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Menschen fragen nicht mehr vorrangig nach Konfessionen, nicht mal mehr nach dem christlichen Glauben zuerst, sondern nach \u201eReligion\u201c<\/li>\n<li>Religion kann \u00fcberhaupt nicht mehr interessierte (S\u00e4kularismus)<\/li>\n<li>Religion ist weltweit aber im Vormarsch (kein unreligi\u00f6ses Zeitalter)<\/li>\n<li>Religion ist nicht unbedingt gut (Religion und Gewalt)<\/li>\n<li>Christlicher Glaube ist eine Option unter vielen (das meint nicht, dass er eine Option unter vielen in der Multioptionsgesellschaft, sondern dass es unsere kirchliche Aufgabe ist, Menschen einladend zu zeigen, warum wir Christen sind und der Glaube f\u00fcr sie in Frage kommt \/ gegen Selbstverleugnung und Selbstvergleichg\u00fcltigung)<\/li>\n<li>Zuversicht zeigen ist <em>die <\/em>christliche Tugend: Gottvertrauen gegen Zukunftsangst; Gnade gegen eine gandenloses Verwertungsgesellschaft;<\/li>\n<li>Einleuchtende Lebensformen entwickeln: N\u00e4chstenliebe aus \u201eBeten und Tun des Gerechten\u201c (Bonhoeffer) zeigen<\/li>\n<li>Pluralit\u00e4t ernst nehmen: \u00dcberzeugte und \u00fcberzeugende Toleranz (statt Toleranz der Beliebigkeit): Gefahr der Toleranz ist Gleichg\u00fcltigkeit (Pegida: Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem Leid anderer Menschen) oder Verharmlosung (\u201eTerror hat mit dem Islam nichts zu tun.\u201c)<\/li>\n<\/ol>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u201eKeine andere der neuen Nationen hat je einen Mann gesehen [&#8230;], der so in Art und Unart das innerste Wesen seines Volkes verk\u00f6rpert h\u00e4tte. [&#8230;] Wir Deutschen finden in alledem kein R\u00e4thsel, wir sagen einfach: das ist Blut von unserem Blute.\u201c (Vortrag des Berliner Historikers Heinrich von Treischke in seinem Jubil\u00e4umsvortrag \u201eLuther und die deutsche Nation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Thesenanschlag Martin Luthers j\u00e4hrt sich zum 500. Mal \u2013 f\u00fcr die Evangelische Kirche ein Grund zum Feiern und zur Selbstvergewisserung:\u00a0Was sind eigentlich die evangelischen Sch\u00e4tze und Erkenntnisse, die man selbstbewusst in eine immer st\u00e4rker s\u00e4kulare Gesellschaft transportieren kann?\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-760","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-diakonie"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/760","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=760"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":761,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/760\/revisions\/761"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}