{"id":7525,"date":"2022-12-24T17:50:19","date_gmt":"2022-12-24T16:50:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7525"},"modified":"2022-12-26T18:56:46","modified_gmt":"2022-12-26T17:56:46","slug":"7525","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7525","title":{"rendered":"Weihnachtspredigt 2022"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 1rem;\">W\u00e4rme ist keine Frage der Temperatur. Ich kann mir die <\/span><em style=\"font-size: 1rem;\">stille Nacht, heilige Nacht<\/em><span style=\"font-size: 1rem;\">, mit Wind und K\u00e4lte vorstellen \u2013 und doch voller Geborgenheit und Innigkeit. Selten wie in diesem Jahr haben wir so viel \u00fcber W\u00e4rme gesprochen.<\/span><\/p>\n<p><!--more--><strong>Predigt Heiligabend Lippramsdorf zu Lukas 2<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Unertr\u00e4gliche Hitze im Sommer. Bange Frage nach den Gasvorr\u00e4ten als Folge des Angriffskrieg Russland auf die Ukraine. Und auch das: Menschen in Eisesk\u00e4lte in den zerbombten St\u00e4dten und auf der Flucht.<\/p>\n<p>Allenthalben Unsicherheit und Angst auch bei uns. Vor allem unter jungen Menschen: 86 von 100 Jugendlichen machen sich Sorgen um ihre Zukunft (Vodaphone-Studie).<\/p>\n<p>Ich sehne mich in dieser Nacht der N\u00e4chte nach W\u00e4rme. Nach Frieden und einem sicheren Tritt f\u00fcr meine Hoffnung. <em>Uns schl\u00e4gt die rettende Stund<\/em>\u2018 \u2013 wie ungl\u00e4ubig schaue ich mich um?! Fehlt es nicht auch am Glaube, dass Gott in unsere Welt kommt, damit<em> Friede<\/em> wird? Trauen wir uns \u00fcberhaupt zu denken, dass ein Kind der Retter der Welt geworden ist (und im Umkehrschluss eben kein Messi, der nur g\u00f6ttlich Fu\u00dfballspielen kann, oder auch kein Elon Musk, der \u00fcber die Nachrichten-Welt herrscht)?<\/p>\n<p>W\u00e4rme ist keine Frage der Temperatur.<\/p>\n<p>Im Eis der Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges haben sich die Soldaten an die w\u00e4rmenden Worte der Weihnachtsgeschichte geklammert \u2013 und f\u00fcr einige Stunden das Feuer eingestellt.<\/p>\n<p>Erstarrt vor Angst, eine Krankheit nicht loszuwerden und zu sterben, h\u00f6ren Menschen Abend von den hellen Liedern der Engel: <em>\u201eHirten, warum wird gesungen? Welch ein Sieg ward denn errungen?\u201c \u2013 <\/em>Erhellt es ihr Leben, dass auch ihnen der Erl\u00f6ser erschien?<\/p>\n<p>Was w\u00e4rmt Ihre Seelen? Wo fr\u00f6stelt es Ihnen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>\u201eWelt in Aufruhr\u201c \u2013 so der Titel einer Chagall-Ausstellung, die ich mir neulich in Frankfurt angeguckt habe. Hochkonzentrierte Besucher, betroffen, weil die Bilder unseren Lebensnerv treffen und in unsere \u201eWelt in Aufruhr\u201c hineinsprechen.<\/p>\n<p>So wie das Bild \u201eDorfmadonna\u201c. Marc Chagall malte es zwischen 1938 und 1942, eine Zeit mit den \u00e4hnlichen Themen: Unten links seine Heimat im heutigen Belarus, zur Zeit des deutschen Russlandfeldzuges. Chagall, der j\u00fcdische Maler, hatte fliehen m\u00fcssen, schaffte es \u00fcber Frankreich nach Amerika.<\/p>\n<p>Sein \u201eSchtetl\u201c ist f\u00fcr Chagall immer wieder Ausgangspunkt. Die Kerze \u00fcber dem Dorf kann es nicht mehr alleine erhellen. Krieg und Flucht wiegen schwer wie dunkle Wolken.<\/p>\n<p>Nichts w\u00e4rmt! \u2013 Nichts w\u00e4rmt?<\/p>\n<p>Wenn man genau hinschaut, sieht man auf den H\u00e4userfassaden einen kleinen Abglanz von den Farben, die den Rest des Bildes dominieren. Farbenfrohe Farben f\u00fcr eine himmlische Darstellung: Engel. Eine Marienfigur mit dem Jesuskind (daher der Titel \u201eDorfmadonna\u201c). Der Jude Chagall spielt auch mit christlichen Symbolen. Und er kn\u00fcpft an an die die Verhei\u00dfung der hebr\u00e4ischen Bibel, die unsere Adventstexte geworden sind. Bei Jesaja hei\u00dft es: \u201eIch will euch tr\u00f6sten\u201c; spricht der Herr, \u201ewie einen seine Mutter tr\u00f6stet.\u201c (Jes 65,13)<\/p>\n<p>Zwischen Maria und Jesus ist diese W\u00e4rme, diese Herzlichkeit und innige Liebe zu sehen.<\/p>\n<p>Genauso das Versprechen Gottes, wie er sich zu uns Menschen stellt, indem er selber Mensch wird: <em>Mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht <\/em>komme ich zu euch: mitten in eure Alltagssorgen.<\/p>\n<p>Diese Bewegung Gottes in die unerl\u00f6ste Welt hinein \u2026 das ist eben kein \u201ealles wird gut\u201c (Nina Ruges jahrelange Abmoderation). Sondern: Alles wird <em>neu. <\/em><\/p>\n<p>Es ist nicht so, dass sich alle Sorgen in Luft aufl\u00f6sten. Sondern dass Hoffnung w\u00e4chst, durch alle Sorgen hindurch: <em>Wer noch zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein&#8230; <\/em>(Jochen Klepper vor genau 85 Jahren)<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Der Kern der Weihnachtsbotschaft, es ist der Ruf des Engels: \u201eF\u00fcrchte dich nicht!\u201c Hab keine Angst! Maria h\u00f6rt ihn schon zuvor, als sie ungewollt schwager geworden ist. Josef h\u00f6rt die Worte, um zu seiner Frau stehen zu k\u00f6nnen (Mt 1,20). &#8211; Angeblich 365 mal steht dieser Satz in der Bibel, f\u00fcr jeden Tag im Jahr einmal: F\u00fcrchte dich nicht!<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re das \u201eF\u00fcrchte dich nicht\u201c in diesem Jahr besonders deutlich:<\/p>\n<p>Wir leben mit neuen Ungewissheiten. Wir haben meistens keine eigenen Lebenserfahrungen mit Kriegsgefahr, mit einer Inflation. Wir wussten schon lange, dass unsere Gesellschaft \u00e4lter wird und der Wohlstand gef\u00e4hrdet ist. Wir konnten lange den Klimawandel verdr\u00e4ngen. Auch die Kirchen stehen vor einer ungewissen Zukunft: Christen sind Minderheit in diesem Land geworden. Christliches Wissen und kirchliches Leben schwinden &#8211; aber nicht das erste Mal in der Kirchengeschichte\u2026<\/p>\n<p>Wohin f\u00e4llt da unser Blick? Oder nochmals mit Chagall gefragt: F\u00e4llt der Blick eher auf das Dunkel im \u201eSchtetl\u201c? Oder \u00f6ffnen wir uns dem gr\u00f6\u00dferen Teil des Bildes, dass Gott unser Leben umh\u00fcllt und es heller und w\u00e4rmer machen kann als es unsere kleinen Kerzlein verm\u00f6gen?<\/p>\n<p>Ehrlich gesagt: Ich bin viel zu oft bei der der <em>Angst<\/em>. So sehr Angst auch eine lebensrettende Funktion hat: Im geistlichen Sinne ist sie eher destruktiv und selbstbezogen.<\/p>\n<p>Nur ein Beispiel: Als eine junge Frau in Haltern eine \u201eFriday For Future\u201c-Gruppe gr\u00fcnden wollte, fand sie keinen Ort f\u00fcr die Treffen und wurde in den sozialen Medien massiv beschimpft \u2013 wohl Ausdruck der Angst Anderer, die sich keinen Spiegel vorhalten lassen wollen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig aber dr\u00fcckt sich auch bei der jungen Generation eine fast schon apokalyptische Angst aus: Als ob der absolute Untergang nahe bevorst\u00fcnde. Eine solche Angst aber l\u00e4hmt und f\u00fchrt zum Gegenteil dessen, was eigentlich nottut: sachlich zu analysieren und dann mit einer Hoffnungsperspektive die Zukunft zu gestalten.<\/p>\n<p>Seit dem 24. Februar ist tats\u00e4chlich ein positiver Ver\u00e4nderungsdruck entstanden, gerade beim Klimathema. Endlich bewegt sich was, aber es braucht Ausdauer! Und tats\u00e4chlich: Auch Reibung erzeugt W\u00e4rme. Und ich w\u00fcnsche mir auch in der Kirche mehr konstruktive Auseinandersetzung mit den J\u00fcngeren, eben damit \u00c4ngste nicht dominieren und Zukunft verkn\u00fcpft ist mit Hoffnung, dass Gott diese Welt h\u00e4lt! Das w\u00e4re auch eine relevante Botschaft f\u00fcr eine kleiner \u2013 aber eben nicht unwichtiger \u2013 werdende Kirche!<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Bei Chagall ist die Angst nicht sofort weg. Auf dem Gem\u00e4lde hat die Welt ihre dunklen Flecken. Chagall l\u00e4sst sich aber nicht von der Angst beherrschen. Vielmehr dr\u00fccken seine Bilder immer wieder die Sorge seiner Mitmenschen <em>umeinander<\/em> aus und wie sie sich gegenseitig helfen und st\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong><em>Angst<\/em><\/strong><strong> \u2013 gerade im weihnachtlichen Sinne \u2013 wird zur <em>Sorge<\/em>. Angst wird zur Sorge<\/strong>, die eben nicht egozentrisch ist und sich vom Anderen abwendet, sondern in Beziehung f\u00fchrt (Martin Heidegger):<\/p>\n<p>Zuerst in <strong>Beziehung zu sich selbst (Selbst-Sorge<\/strong>): Welche Hoffnung schulde ich mir eigentlich selber? Was will ich mit meinem Leben anfangen? Traue ich dieser einen Nacht, der Weihnachtsnacht, mehr als allen anderen N\u00e4chten? Wo darf ich verweilen oder sogar aus dem normalen Lauf aussteigen, wie die Hirten, die sich einnehmen lassen von diesem einen Moment, als der Anblick des Jesuskindes ihr Leben ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Sorge nimmt den <strong>N\u00e4chsten in den Blick (F\u00fcr-Sorge):<\/strong> Wo brauchen mich andere? Wo kann auch das Leben einer Kirchengemeinde eine neue eigent\u00fcmliche Kraft gewinnen, wenn man nicht bei sich selbst bleibt sondern die weihnachtliche W\u00e4rme der Gottesliebe in eigene N\u00e4chstenliebe umm\u00fcnzt? \u2013 Manche Gemeinden haben begonnen, Menschen in ihre Gemeindeh\u00e4user einzuladen zum \u201e#W\u00e4rmewinter\u201c, um ein Zeichen zu setzen: Wir teilen Zeit und Tisch und unsere Sorgen und Ungewissheiten, anstatt in den Online-Medien den Frust rauszukehren oder den s\u00e4uberlich gestreuten Hass \u201eauf die da oben\u201c auf die Stra\u00dfe zu tragen.<\/p>\n<p>W\u00e4rme entsteht, wo wir uns gegenseitig wieder f\u00fcr einander zu interessieren beginnen, N\u00f6te sehen. Der Kriegstreiber will genau diese Solidarit\u00e4t der Starken gegen die Schw\u00e4cheren unterminieren, die unsere demokratische und soziale Gesellschaft ausmacht!<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich blickt die<strong> Sorge <\/strong>-anders als die Angst &#8211; <strong>nach vorne in die Zukunft \u00a0(Vor-Sorge)<\/strong>: Als Christ ziehe ich meine Lebenskraft und mein Vertrauen daraus, dass die Zukunft gestaltbar ist und bleibt. Wir leben in Zeiten gro\u00dfer Risiken, ja! Aber nicht des Weltuntergangs. Keine Panik, aber auch keine Sorg-Losigkeit! Sondern Sorg-Samkeit, dass die n\u00f6tigen Ver\u00e4nderungen nun auch angegangen werden. In dieser Sorge steckt der Anspruch, dass es Gott nicht egal ist, was wir aus der Welt machen. Genauso steckt der Glaube darin, dass Gott diese Welt l\u00e4ngst gerettet hat: <em>Heut schleusst er wieder die T\u00fcr zum sch\u00f6nen Paradeis\u2026\u201c <\/em>\u2013 Nicht weniger als das verlorene Paradies!<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>W\u00e4rme ist keine Frage der Temperatur.<\/p>\n<p>W\u00e4rme steht f\u00fcr den nahen Gott \u2013 selbst, wo die N\u00e4chte dunkel sind.<\/p>\n<p>W\u00e4rme steht f\u00fcr das Miteinander der Menschen: W\u00e4rmewinter \u2013 statt hei\u00dfer Herbst!<\/p>\n<p>W\u00e4rme steht f\u00fcr die Farben, mit denen Chagall die Hoffnung \u00fcber sein \u201eSchtetl\u201c malt.<\/p>\n<p>Oder um es mit seiner jiddischen Sprache auszudr\u00fccken: Im Wort \u201eSchlamassel\u201c (Ungl\u00fcck) steckt das Wort \u201eMassel\u201c (Gl\u00fcck) \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4rme ist keine Frage der Temperatur. Ich kann mir die stille Nacht, heilige Nacht, mit Wind und K\u00e4lte vorstellen \u2013 und doch voller Geborgenheit und Innigkeit. 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