{"id":7491,"date":"2022-06-05T12:04:40","date_gmt":"2022-06-05T10:04:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7491"},"modified":"2022-06-05T22:08:05","modified_gmt":"2022-06-05T20:08:05","slug":"dabei-bleiben-pfingsten-und-die-wirkung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7491","title":{"rendered":"Dabei bleiben &#8211; Pfingsten und die Wirkung"},"content":{"rendered":"<p>Wie war wohl der n\u00e4chste Morgen nach dem Pfingstwunder? Die J\u00fcnger werden keinen klassischen \u201eKater\u201c gehabt haben, Petrus betont ausdr\u00fccklich in seiner Predigt, dass keiner betrunken war.\u00a0<!--more--><strong>Predigt &#8211; Pfingsten 2022 &#8211; Haltern am See\/Lippramsdorf<\/strong><\/p>\n<p>auch bei<a href=\"https:\/\/youtu.be\/52IKmqHOWfU\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">YouTube<\/a><\/p>\n<p>Aber ist der buchst\u00e4bliche Rausch schnell verflogen? Ist in religi\u00f6sen Dingen die Begeisterung gro\u00df, ist es die Ern\u00fcchterung danach oft auch.<\/p>\n<p>Weht der Geist wirklich, wo er will, kann der Geist theoretisch auch mal nicht wehen.<\/p>\n<p>Wir erleben gerade so einen Kater: Meschen wenden sich ab, vermissen nichts ohne Kirche oder ohne Gott. Corona hat unglaublich viel ver\u00e4ndert, aber nicht nur die Pandemie an sich. Sie hat nur vorhandene Ver\u00e4nderungen nur sichtbarer gemacht und beschleunigt. Das nur noch 50% der Bev\u00f6lkerung einer Kirche angeh\u00f6ren, wird medial als Zeitenwende gewertet, und pl\u00f6tzlich werden Teilnehmerzahlen bei Katholikentagen \u2013 \u201enur 27.000!\u201c \u2013 debattiert, als w\u00e4re die Kirche ein kriselnder und schlecht besuchter Fu\u00dfballverein.<\/p>\n<p>Und schauen wir \u00fcber uns selbst hinaus \u2013 was hoffentlich unserer vorderster Blick ist -, dann sehen wir den Ungeist eines Krieg in Europa. Dieser Krieg bringt unser komplexes Leben aus dem Takt, aber vor allem gef\u00e4hrdet dieser Krieg die Lebenschancen (oder sogar das Leben selbst) ganzer Generationen unter den Kriegsparteien.<\/p>\n<p>Pfingsten wird damit zu einer <em>Hoffnung<\/em>: Gott m\u00f6ge seine seine Welt und seine Kirche neu aufzur\u00fctteln! Unser Glaube soll nicht schrumpfen, sondern wachsen, und zwar ohne irgendwelche eigenen Bem\u00fchungen!<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p><em>\u201eIhr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen <\/em><\/p>\n<p><em>\/ und ihr werden meine Zeugen sein.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Das gibt der Auferstandene seinen J\u00fcnger unmittelbar vor der Himmelfahrt mit auf den Weg. Das ist in der Apg die Vorgeschichte.<\/p>\n<p>Die theologische Frage, die dahintersteckt: Wie k\u00f6nnen die J\u00fcnger ohne die Gegenwart des leibhaftigen Christus weiterhin Gemeinschaft sein? Wie festigt sich das Leben der erste Gemeinde? Was sind die absolut unaufgebbaren Formen, Inhalte, \u00dcberzeugungen aus der Jesus-Zeit? Und wie weit geht \u2013 zwangsl\u00e4ufig! &#8211; die Freiheit der ersten Christen*innen, ihren Glauben f\u00fcr ihre Zeit neu zu interpretieren?<\/p>\n<p>Pfingsten ist tats\u00e4chlich weniger der Geburtstag der Kirche. Pfingsten ist der Moment, an dem der Glaube erwachsen wird.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Daher interessiert mich weniger n\u00e4chste Morgen, sondern was grunds\u00e4tzlich mit den geisterf\u00fcllten Menschen passierte.\u00a0 \u2013 Sie lassen sich taufen \u2013 und dann hei\u00dft es von ihnen:<\/p>\n<p><em>Sie blieben aber best\u00e4ndig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. (Apg 2,42)<\/em><\/p>\n<p>Wenn der Geist f\u00fcr uns unverf\u00fcgbar ist und bleiben soll \u2013 dann kann man aber an diesem Satz ablesen, was die unmittelbare Folge und Wirkung war \u2013 und was \u2013 typisch protestantisch \u2013 in die Arbeit f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die junge Christengemeinschaft startet ihr Gemeindeleben, ohne Jesus, aber erf\u00fcllt vom Geist. Selbstverantwortlich, aber gebunden an den \u00fcberbrachten Glauben.<\/p>\n<p><strong>Sie blieben best\u00e4ndig in der Lehre der Apostel.<\/strong><\/p>\n<p>Die ersten Christen*innen sammeln sich um die gemeinsame Botschaft. Die fasste vor allem Paulus in seinen Briefe zusammen, verbreitete sie durch Gemeindebesuche (Reisen in der Apg) in der gesamten Region, hatte seine Netzwerker etwa in Timotheus oder erste Diakonin Ph\u00f6be.<\/p>\n<p>Die \u201eLehre der Apostel\u201c ist im NT \u2013 ganz \u201eevangelisch\u201c \u2013 ein verdichtetes Bekenntnis des Wesentlichen:<\/p>\n<p><em>\u201edass Christus gestorben ist und begraben worden ist, dass er auferstanden ist am dritten Tage (1Kor 15,3). <\/em><\/p>\n<p>Dieses Bekenntnis ist so wichtig, um sich mit fundamentalen Anfragen (Anfeindungen) auseinanderzusetzen: Jesus ist gar nicht gestorben \u2013 doch sogar begraben -!, er ist nicht auferstanden \u2013 doch, er ist vielen erschienen, sogar dem Paulus\u2026<\/p>\n<p>Der Glaube wird von anderen hinterfragt. Darauf braucht die Gemeinde eine Antwort. Daf\u00fcr lohnt es sich streiten, zu argumentieren und einzustehen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr wird es auch n\u00f6tig, Bekenntnisse \u2013 faktisch die evangelische Variante von kirchlicher Lehrbildung \u2013 von Zeit zu Zeit neu zu fassen, um den alten Wahrheitsgehalt der Jesus-Zeit frei und selbstverantwortlich in die aktuelle Zeit her\u00fcberzutragen. Daher haben wir heute ein Bekenntnis von Konfirmanden gesprochen.<\/p>\n<p><strong>Sie blieben best\u00e4ndig in der Gemeinschaft.<\/strong><\/p>\n<p>Mein erster Impuls: Keiner geht. Oder umgekehrt: keine wird ausgeschlossen. Nirgendwo bewegt sich die Gemeinschaft weg von anderen Menschen.<\/p>\n<p>Das ist meine gro\u00dfe Sehnsucht f\u00fcr die Zeit nach der Pandemie: Gemeindeleben neu anzufachen, wissend, dass viele sich zur\u00fcckgezogen haben, dass es noch mehr Individualismus gibt.<\/p>\n<p>Bleiben wir \u201ebest\u00e4ndig\u201c, halten wir unsere Orte offen und aufrecht. Denn das Wir wird wieder gefragt sein! Sicher anders, aber ich gebe mich nicht ab mit der Analyse der f\u00fchrenden Soziologen, dass wir nur noch eine Gesellschaft von Singularit\u00e4ten sind (Andreas Reckwitz) oder der Wunsch nach Solidarit\u00e4t und Zusammenhalt nur eine soziale Illusion ist (Armin Nassehi).<\/p>\n<p>Schauen wir genauer hin, wie sich Menschen in Deutschland f\u00fcr Ukrainer*innen einsetzten. Da feiern wir in dieser Gemeinde so viele Taufen, weil Familien merken, dass ihre Kinder \u00fcber sie selbst hinaus Orte brauchen, an denen sie heimisch werden. Da entsteht auf einem Konficamp pl\u00f6tzlich Gemeinschaft, die \u00c4ltere an die Jugendfreizeiten auf \u00c4ppl\u00f6 erinnern lassen.<\/p>\n<p>Ist das denn nur \u201eromantisch\u201c oder kann das nicht zur Hoffnung werden, dass \u2013 sicher anders als fr\u00fcher \u2013 eine solche heilsame Gemeinschaft da ist, gebraucht wird und tr\u00e4gt?<\/p>\n<p>\u201eGemeinschaft\u201c steht da \u00fcbrigens, nicht \u201eKirche\u201c. Die ersten Christ*innen denken in Botschaft und Ordnungen, aber sie haben noch keine feste Kirche vor Augen, mit Mitgliedschaftsprinzip, Berufen. Diese Gemeinschaft ist weiterzudenken und offener, ihre R\u00e4nder verschieben sich. Kirche muss wieder zur Gemeinschaft finden!<\/p>\n<p><strong>Sie blieben best\u00e4ndig im Brotbrechen und im Gebet.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn der Glaube erwachsen wird, geht es auch um das richtige Tun, um das \u00dcbernehmen von Verantwortung. Die schnell wachsende Gemeinde muss bald schon organsieren, dass nicht nur gepredigt wird, sondern Witwen und Waise auch ordentlich versorgt werden (Apg 6). Solidarit\u00e4t und Gottesdienst \u2013 das sind zwei Seiten der gleichen Medaille. In den Tempel gehen \u2013 und den Gel\u00e4hmten davor buchst\u00e4blich aufrichten (Apg 3) \u2013 diese Geschichte schlie\u00dft sich direkt ans Pfingstwunder an.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich haben wir gemerkt, was uns gefehlt hat in den zweieinhalb Jahren ohne Abendmahl \u2013 und damit ohne sichtbares Zeichen, der Gemeinschaft untereinander und mit Christus eine Gestalt zu geben.<\/p>\n<p>Wir lernen wieder Beten durch den Krieg in der Ukraine, weil wir merken, dass mit unserer Macht nichts getan ist. \u2013 Ich w\u00fcnsche mir, dass unsere Andachten und Impulse am Anfang von Sitzungen oder Arbeitswochen nicht nur aus einem Predigtgedanken bestehen, sondern selbstverst\u00e4ndlich mit einem Gebet verbunden. Daran sind wir als Kirche zu erkennen.<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Der Glaube wird mit der Geistkraft erwachsen. Die ersten Christ*innen k\u00f6nnen best\u00e4ndig bleiben in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen, im Gebet.<\/p>\n<p>Das ist damals \u00fcbrigens schon eine Idealvorstellung und wahrscheinlich keine Realit\u00e4t in der ersten Gemeinde. Aber diese Beschreibung dr\u00fcckt die Hoffnung und die Bereitschaft aus, es mit <em>Best\u00e4ndigkeit<\/em> zu versuchen, als Ausfluss und Konsequenz des Gest\u00f6ses an Pfingsten.<\/p>\n<p>Best\u00e4ndig bleiben. Festanhangen, sagt das W\u00f6rterbuch auch. Sich emsig besch\u00e4ftigen mit \u2026 (da h\u00f6rt man die Arbeit raus \u2026), dauerhaft auf etwas bedacht sein, festhalten an, auch: etwas fortsetzen\u2026<\/p>\n<p>Wir sind mitten in unserer Aufgabe. Mehr noch: Wir sind mitten in der Hoffnung, dass Gottes Geistkraft uns alles geben wird, was wir dazu brauchen: Mut, Trost, Zuversicht, Ausdauer, Phantasie, Humor, die Gabe, Menschen miteinzubinden, die Gelassenheit, wachsen zu lassen, was ges\u00e4t ist, und den Kampfgeist, wo Menschen unsere Stimme und Solidarit\u00e4t erwarten.<\/p>\n<p><em>So<\/em> w\u00e4re ich gerne am n\u00e4chsten Tag nach dem tosenden Pfingstwunder aufgewacht.<\/p>\n<p>Ich wache jeden Morgen so auf, als Getaufter und \u2013 tats\u00e4chlich \u2013 Gegeisterter. So wache ich jeden Morgen auf, auch 2.000 Jahre sp\u00e4ter noch, weil andere vor mir und andere um mich herum best\u00e4ndig waren, dran bleiben durch Gottes Geist: an den alten Glaubenss\u00e4tzen, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie war wohl der n\u00e4chste Morgen nach dem Pfingstwunder? 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