{"id":7483,"date":"2022-04-14T20:13:39","date_gmt":"2022-04-14T18:13:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7483"},"modified":"2022-04-15T13:44:57","modified_gmt":"2022-04-15T11:44:57","slug":"alle-an-einem-tisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=7483","title":{"rendered":"Alle an einem Tisch?!"},"content":{"rendered":"<p>An einem Tisch! An einem Tisch sa\u00dfen Wladimir Putin und der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Marcon. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz sa\u00df dort. Sechs Meter lang und 2,60 Meter breit soll dieser Tisch sein. Nur mit Weitwinkel konnten die Fotographen diese Szene einfangen. (<a href=\"https:\/\/youtu.be\/YRCliZKF74o\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gottesdienst bei YouTube)<\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt zu Gr\u00fcndonnerstag, Erl\u00f6serkirche Haltern<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/youtu.be\/YRCliZKF74o\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gottesdienst bei YouTube<\/a><\/p>\n<p>Viel leicht wird dieses Bild einmal seinen Weg in die Geschichtsb\u00fccher finden. Wie Putin die Zukunft k\u00fcnftiger Generationen verspielte. Pr\u00e4ses Annette Kurschuss formulierte zu dieser Fotomontage zum Beginn der Passionszeit:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDa sitzt nicht einer mit dem anderen zusammen, im Gegenteil, er nutzt den Tisch, um gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Abstand zu markieren. Einsam, v\u00f6llig isoliert, sitzt er da in seinem Gr\u00f6\u00dfenwahn. An diesem gespenstischen Tisch, der Menschen nicht verbindet, sondern voneinander trennt. Eine Karikatur von Tisch!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An diesem Tisch ist das Tischtuch zerschnitten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Heute ist Gr\u00fcndonnerstag. Das letzte Abendmahl Jesu mit seinen J\u00fcngern. Leonardo da Vinci hat es ins Bild ger\u00fcckt (auch in der Fotomontage zu sehen): Jesus in der Mitte einer langen Tafel \u2013 sechs Meter, mindestens -, darum zw\u00f6lf J\u00fcnger. Es ist die Schicksalsgemeinschaft, von der die Evangelisten berichten: als Fischer hat Jesus die J\u00fcnger mit auf den Weg nach Jerusalem gerufen (\u201eGottes Welt ist nahe herbeigekommen!\u201c). Durch buchst\u00e4bliche St\u00fcrme \u2013 etwa auf dem See Genezareth \u2013 sind sie gemeinsam gegangen. In die Streitigkeiten mit den Gesetzestreuen sind die J\u00fcnger geraten. Alles etwas viel wohl, dass sie fragen lie\u00dfen, wer auf dem himmlischen Thron neben dem Menschensohn sitzen d\u00fcrfe. Jesus hat geantwortet: Wer <em>dient<\/em>, wird der Gr\u00f6\u00dfte und Erste sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Gr\u00fcndonnerstag sitzt diese Dienst-Gemeinschaft letztmalig an einem Tisch \u2013 eher: Sie kauern damals dem Boden sitzend zusammen \u2013 damals gab es keine Tisch &#8211; , um am Vorabend des Passahfestes zu speisen. Passah: Erinnerung an die Befreiung aus \u00c4gypten \u2013 Ausgangspunkt f\u00fcr die Verhei\u00dfung, dass Gott einmal neu ein Bund in das Herz der Menschen schreiben wird und sie alle verstehen, was er f\u00fcr uns bereith\u00e4lt. So \u00e4hnlich wird Jesus das sagen, wenn er \u00fcber dem Kelch vom neuen Bund spricht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch in dieser Gemeinschaft wird Zukunft verspielt. Auch in dieser Gemeinschaft ist \u2013 auch wenn es anders aussieht &#8211; das Tischtuch zerschnitten: Judas, der zweite Kopf links von Jesus, wartet im Halbschatten, den Geldbeutel in der Hand. Er wird Jesus verraten. Direkt vor Judas, der dritte Kopf links von Jesus, sitzt Simon Petrus: Er wird Jesus verleugnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da Vinci hat das \u201eLetzte Abendmahl\u201c so gemalt, dass alle viel N\u00e4he haben (vielleicht mit Ausnahme von Jesus, der ein wenig in sich versunken wirkt). Bei den J\u00fcngern sind Emotionen zu erkennen: Aufregung und Angst. Es wird gestikuliert und angeregt diskutiert. Es wird \u2013 anders als im Kreml \u2013 nicht sofort erkennbar, dass an diesem Tisch etwas nicht stimmt. Das wird es erst, als Jesus es anspricht: \u201eEiner unter euch wird mit verraten.\u201c \u201eEiner von euch, der mit mir seinen Bissen in die Sch\u00fcssel taugt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Irgendein Karikaturist hat Foto und Gem\u00e4lde zusammengeschoben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unser Abendmahl als Gemeinde, das erste nach so langer Zeit, gleich vor der belastenden Erfahrung eines Krieges? Gar: Putin mit Jesus an einem Tisch?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man Jesus und seine J\u00fcnger mit an den langen Tisch malt, dann entsteht \u2013 rein optisch \u2013 eine Gemeinschaft als ob wir alle an <em>einem <\/em>Tisch s\u00e4\u00dfen. So \u00e4hnlich habe ich auch gedacht, als pl\u00f6tzlich die Atomwaffen vorbereitet wurden: Die Weltgemeinschaft sitzt an einem Tisch mit dem Aggressor. Wir alle sind betroffen, wenn der Krieg weiter eskaliert! Wir alle sind schon betroffen, ganz unterschiedlich intensiv.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber was ist das f\u00fcr eine Gemeinschaft? Darf ich die Tischordnung vorstellen: ganz rechts von uns aus gesehen mit am Tisch: die Hoffnung auf den Frieden! Ganz links mit uns am Tisch: Der Vernichtungswille und Krieg. Unvorstellbar (aber ebenso unvorstellbar wie in der biblischen Geschichte, wo der Verr\u00e4ter und Verleugner mit am Tisch sitzen)!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Welche Worte f\u00e4nde Jesus f\u00fcr den ganz rechts und f\u00fcr den ganz links?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim biblischen Mahl verschweigt er nicht, dass da einer am Tisch sitzt, der \u2013 Achtung Wortwahl Jesu: &#8211; besser nie geboren w\u00e4re. Schonungslos klare Worte und klare Verurteilung der Tat, hoffentlich Balsam f\u00fcr alle Opfer, die sich wom\u00f6glich w\u00fcnschen, weil ihnen viel Leid erspart geblieben w\u00e4re!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Genauso sagt Jesus aber auch (und das sind die Einsetzungsworte unseres Abendmahls): Brot zu nehmen und zu brechen, Gott f\u00fcr die Lebensgaben zu danken, es zu teilen \u2013 genau daf\u00fcr stand und stehe ich mit Haut und Haar, mit Leib und Blut ein, und zwar bis zum \u00c4u\u00dfersten: Das ist f\u00fcr mich unersch\u00fctterlich, weil es den neuen Bund Gottes beschreibt, also Gottes Welt, in der es keine Tr\u00e4nen und kein Tod mehr geben wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob Jesus die T\u00fcr offen h\u00e4lt f\u00fcr alle, f\u00fcr Vers\u00f6hnung, Vergebung, Umkehr? Ich kann das nicht bei jedem Menschen denken, ich muss das aber auch nicht k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus <em>entscheidet nicht<\/em> \u00fcber Menschen, st\u00f6\u00dft sie hier nicht von seinem Tisch. Aber: Er stellt sie dem Gericht Gottes, des Vaters, anheim. \u2013 Ein unangenehmer und seltener Gedanke, gerade im Abendmahl. Dieser Gedanke war f\u00fcr Luther aber noch konstitutiv: Die Glaubenden g\u2019nie\u00dfen das Mahl zum Heil, die Ungl\u00e4ubigen zum Gericht (wobei keine Kirche, kein Mensch, sondern Gott allein entscheidet, wer zu welcher Gruppe geh\u00f6rt).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dahinter steht die Erkenntnis \u2013 um es mit Ferdinand von Schirach und einer Menschensicht von heute zu sagen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDer Mensch kann ja alles sein, er kann Figaros Hochzeit komponieren, ein Bild wie \u201eDer M\u00f6nch am Meer\u201c malen und das Penicillin erfinden. Oder er kann Kriege f\u00fchren, vergewaltigen und morden. Er ist immer: der Mensch.\u201c (Schriftsteller Ferdinand von Schirach)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mensch sitzt am Tisch Jesu mit dem vollen Zuspruch und mit vollem Anspruch Gottes. Er kann sich nicht entziehen. Er kann sich aber bedingt zum Heil oder Unheil entscheiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Gr\u00fcndonnerstag wird oft als Tischabendmahl gefeiert, als besonderer Ausdruck der Gemeinschaft. Da sehe ich eine durch und durch positive Kraft in dieser Collage:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir leben in der <em>einen <\/em>Welt, auch \u00f6konomisch. Es gibt genug G\u00fcter \u2013 \u00d6l, Gas, Weizen -, die wir am besten teilen. Wenn wir es nicht tun, verlieren alle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind, sitzen buchst\u00e4blich an unseren Tischen, zu Hause gar oder in unseren St\u00e4dten. Sie erleben tr\u00f6stende und helfende Gemeinschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich klopfen welche an: Aus unserer Gemeinde sind Leute nach Kraplowo, um unserer polnischen Partnergemeinde gefahren, um Hilfsg\u00fcter f\u00fcr Ukraine-Hilfe dort zu bringen. So lang reicht der gemeinsame Tisch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>St\u00e4dte setzen weiter auf russische St\u00e4dtepartnerschaften, weil das russische Volk an sich nicht diesen Krieg begonnen hat. \u2013 Die Haltener Bev\u00f6lkerung hat auf dem Marktplatz ihren Friedenswillen bekundet und die Bereitschaft, Menschen aufzunehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das alles sind kraftvolle Gegenbilder vom Kreml-Tisch: Brot und Kelch, alle Lebensg\u00fcter werden geteilt. \u00a0Angst weicht und neues Vertrauen w\u00e4chst. Menschen st\u00e4rken einander, mitten in der Not.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, bei Jesus sind auch die am Tisch, die die gemeinsame Hoffnung zerst\u00f6ren. Das zu erw\u00e4hnen, ist immer bitter, in diesem Jahr aber besonders augenscheinlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mitten in die t\u00f6dlichen Konsequenzen von Verrat und Verleugnung hinein passiert am Ostermorgen dann das, was Jesus beim letzten Abendmahl schon ank\u00fcndigt: <em>Ich werde nicht trinken vom Gew\u00e4chs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue trinke im Reich Gottes. <\/em>\u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Ostern her sind wir an einen Tisch geladen, an dem der Kelch, den wir segnen, wirklich die Gemeinschaft des Blutes Christi ist, und das Brot, das wir brechen, wirklich die Gemeinschaft des Leibes Christi ist. Keine Karikatur eines Tisches, sondern ein reich gedeckter Tisch als Vorgeschmack auf Gottes Welt. Sie wird \u2013 trotz allem \u2013 kommen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem Tisch! An einem Tisch sa\u00dfen Wladimir Putin und der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Marcon. 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