{"id":712,"date":"2017-03-23T19:52:07","date_gmt":"2017-03-23T18:52:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=712"},"modified":"2019-04-20T14:42:34","modified_gmt":"2019-04-20T12:42:34","slug":"712","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=712","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlingsarbeit als humanit\u00e4re Herausforderung\u00a0f\u00fcr die ganze Gesellschaft und die Rolle der Kirchen"},"content":{"rendered":"<p>Impuls auf der Studientagung der ACK NRW, 22. M\u00e4rz 2017, Wuppertal<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcrs Thema sind die beiden Zus\u00e4tze: \u00a0zum einen: <em>\u201ef\u00fcr die ganze Gesellschaft\u201c.\u00a0<\/em>Man k\u00f6nnte fragten, was ist die \u201eganze\u201c Gesellschaft mit Blick auf Europa. Regierungen in Ungarn, Polen und der Slowakei tun sich mehr als schwer. In den osteurop\u00e4ischen Zivilgesellschaften gibt es aber wohl weit mehr Potential und Bereitschaft, sich um Fl\u00fcchtlinge zu k\u00fcmmern, als die jeweiligen Regierungen ausstrahlen.<\/p>\n<p>Eine humanit\u00e4re Fl\u00fcchtlingspolitik in ganz Europa bedeutet f\u00fcr mich weiterhin, dass das Sterben im Mittelmeer aufh\u00f6rt und Fluchtursachen bek\u00e4mpft w\u00fcrden, dass ein europ\u00e4isches Einwanderungsgesetz formuliert und eine EU-weite L\u00f6sung f\u00fcr eine dezentrale Unterbringung der Fl\u00fcchtlinge erm\u00f6glicht wird.<\/p>\n<p>Mit Blick auf Deutschland lohnt die Frage, was \u201eganze Gesellschaft\u201c bedeutet: Wer ist eigentlich das \u201eWir\u201c im \u201eWir schaffen das!\u201c-Mantra der Kanzlerin?<\/p>\n<p>Es ist ja richtig, dass wegen der Fl\u00fcchtlinge kein Cent weniger in KiTas, Tagesaufenthalte f\u00fcr Obdachlose oder Arbeitslosenf\u00f6rderung flie\u00dft. Aber ist es auch richtig, dass sich mit der erh\u00f6hten Anzahl von Menschen, die sich um einen Kindergartenplatz bewerben oder Arbeit suchen oder soziale Unterst\u00fctzung brauchen, auch die Mittel erh\u00f6hen m\u00fcssten. Sonst schultern am Ende die in unserer Gesellschaft Benachteiligten \u00fcberproportional stark die Fl\u00fcchtlingsintegration. Oder kommunale Finanzen kommen durch h\u00f6here Regelfinanzierungen weiter aus dem Lot.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverb\u00e4nde <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum anderen ist der entscheidende Aspekt der Themenstellung <em>\u201edie Rolle der Kirche\u201c:\u00a0<\/em>Man kann dies nicht oft genug betonen \u2013 und es soll hier den Schwerpunkt bilden: Die <strong>Kirchen und ihre Wohlfahrtsverb\u00e4nde<\/strong> sind Teil dieser humanit\u00e4ren und gesamtgesellschaftlichen Herausforderung.<\/p>\n<p>Die Rolle ist zun\u00e4chst gesellschaftlich zugewiesen: Wie selbstverst\u00e4ndlich haben die B\u00fcrger im Sp\u00e4tsommer 2015 Fl\u00fcchtlingshilfe aus Kirchengemeinden und Verb\u00e4nden heraus gestaltet. Die Kirchen sind in Anspruch genommen, weil Menschen es uns zugetraut haben, dass wir helfen k\u00f6nnen und helfen werden. Ich sage: Wir h\u00e4tten gar nicht anders gekonnt, und wir sind den Erwartungen an vielen Stellen gerecht geworden, so dass wir uns \u00fcber uns selbst freuen k\u00f6nnen. Viele Gemeinden, auch die Verb\u00e4nde, haben eine ordentliche Vitalisierung erlebt!<\/p>\n<p>Wir beklagen an vielen Stellen das Schwinden von Gemeinschaftsformen (klassische Gemeindearbeit, gew\u00f6hnlicher Gottesdienstbesuch). Kirchliche Orte werden \u2013 zumeist aus finanziellen Gr\u00fcnden \u2013 aufgegeben. Es kreisen \u2013 vor allem im evangelischen Bereich \u2013 harte Beschreibungen von der Selbstbanalisierung und Selbst-S\u00e4kularisierung (Heidelberger Theologe Michael Welker). Wir reden allgemein von der Vertrauenskrise der Kirchen (M\u00fcnchener Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf).<\/p>\n<p>Nun sind aber in der Fl\u00fcchtlingsarbeit Menschen auf uns zugekommen, zu denen wir l\u00e4ngst Kontakt verloren haben. \u00dcber das Helfen haben Menschen, die die \u00fcblichen Gemeindeangebote nicht wahrnehmen, Zugang gefunden zu christlichen Einrichtungen und Gemeinschaften. Unsere Diakonie hat einen unglaublichen Schub an Ehrenamtlichen erlebt, die an vielen Einsatzorten auch mittelfristig geblieben sind.<\/p>\n<p>Studien belegen, dass das Helfen \u2013 auch wenn es gar nicht aus einer konfessionellen Zugeh\u00f6rigkeit heraus motiviert war oder ist -, denn noch eine spirituelle, religi\u00f6se Dimension hat, die die Helfer auch benennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Kirchen und ihre Verb\u00e4nde als Teil dieser humanit\u00e4ren Herausforderung \u2013 das ist die gesellschaftliche Zuschreibung <em>von au\u00dfen<\/em>. Aber entspricht sie aber unserer Selbstdefinition und unserem Selbstbild?<\/p>\n<p>Als Diakoniepfarrer eines Kirchenkreises und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines Diakonischen Werkes bewege ich mich in zwei Systemen.<\/p>\n<p>Diakonie ist Kirche, aber sie ist als Wohlfahrtsverband gleichzeitig eingebunden in den Sozialstaat und in subsidi\u00e4res (nachrangiges) staatliches Hilfehandeln. Diakonie partizipiert wie selbstverst\u00e4ndlich am humanit\u00e4ren Auftrag des Gemeinwesen: Die Unantastbarkeit der menschlichen W\u00fcrde (GG Art. 1), die Gleichheit aller Menschen (GG Art. 3) \u2013 das findet sich begrifflich in unserem diakonischen Leitbild.<\/p>\n<p>Aus der Unverletztbarkeit der Wohnung (Art. 13), dem Asylrecht (Art 16a) und erst recht aus dem Art. 20 (Bundesrepublik ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat) leiten wir Arbeitsfelder ab.<\/p>\n<p>Darauf bezogen existiert in der Diakonie eine theologische Selbstbeschreibung, die aber zwangsl\u00e4ufig eine \u201e\u00fcbersetzte\u201c Selbstbeschreibung ist. Sie muss anschlussf\u00e4hig sein f\u00fcr die humanit\u00e4ren Herausforderungen der ganzen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Konkret: Die Diakonie verorten sich theologisch oft in der Erz\u00e4hlung aus Matth\u00e4us 25 (\u201eDas gro\u00dfe Weltgericht\u201c). Der himmlische K\u00f6nig scheidet die V\u00f6lker anhand der Frage, wie sie sich verhalten haben, als sie ihn hungrig, durstig, fremd, krank und gefangen gesehen haben. Zugespitzt hei\u00dft es dann in beiderlei Richtungen:<\/p>\n<p><em>Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir getan\/habt ihr mir nicht getan.\u00a0<\/em>Gemeint ist hier Christus; und das Heil in Jesus, dem Christus, h\u00e4ngt ab von der Beziehung zum Hilfe suchenden Menschen. \u00a0Die Christusf\u00f6rmigkeit der Gemeinde (Dietrich Bonhoeffer) erweist sich (oder ist verwehrt) in der Begegnung mit dem Menschen an sich.<\/p>\n<p>Oder noch anders gesagt: Christlichkeit zeigt sich in Humanit\u00e4t \u2013 mit allem Risiko, das unser Handeln verwechselbar ist gegen\u00fcber dem Handeln aus anders motivierter Humanit\u00e4t; mit aller Unklarkeit, welche Gemeinschafts- oder Organisationsstruktur eine solche Christusf\u00f6rmigkeit mit sich bringt. Dar\u00fcber sagt Mt 25 nichts.<\/p>\n<p>Der Schweitzer Theologie Arthur Rich hat seine theologische Wirtschaftsethik am Begriff der Humanit\u00e4t entwickelt. \u201eHumanit\u00e4t\u201c ist f\u00fcr ihn ein anschlussf\u00e4higer s\u00e4kularer Begriff, der sich aber eben auch aus dem Christusereignis heraus f\u00fcllen l\u00e4sst. Er kann sagen: \u201eWas spezifisch christlich ist, ist die Erfahrung von Glauben, Hoffnung, Liebe in ihrer Radikalit\u00e4t und Verwurzelung des Christusereignisses\u201c. Und gleichzeitig gilt: \u201eEs gibt keine spezifisch christliche, sondern immer nur eine menschliche Humanit\u00e4t\u201c, zu der auch Humanit\u00e4t aus Glauben, Hoffnung, Liebe als Erfahrungshorizont dazugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Diese Sicht ist f\u00fcr eine Kirchengemeinde weit schwieriger! Sie ist oft die Gemeinschaft der Getauften, die im Gebiet der Gemeinde wohnen. Sie ist sicher durchl\u00e4ssig und offen, hoffentlich eingebunden in das kommunale Gemeinwesen \u2013 aber zun\u00e4chst z\u00e4hlt das formale Mitgliedschaftskriterium.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass sehr stark nach der \u201eFunktion\u201c von Religion und die Rolle der Kirche vor Ort als religi\u00f6ser Dienstleister gefragt wird: Gute Gottesdienste und die Wichtigkeit von Taufen, Trauungen und Bestattungen sind im Fokus, weniger aber die Gemeinwesen- oder Sozialraumorientierung einer Kirchengemeinde und die Frage, welche gemeinsamen Herausforderungen Kirche und andere gesellschaftliche Gruppen gemeinsam in den Blick nehmen k\u00f6nnen. Kirche und Gemeindehaus sind prim\u00e4r die kirchlichen Orte, nicht die konfessionell durchl\u00e4ssigeren Orte wie die KiTa oder das Altenheim.<\/p>\n<p>Es geht umgekehrt nicht um eine vorschnelle Ethisierung dessen, was Kirche und Diakonie ausmachen. Es geht mehr um eine Ortsanweisung: <em>Wo<\/em> sehen sich Kirche und Diakonie hingestellt? Sehen wir in der Fl\u00fcchtlingsarbeit \u2013 gegen alle R\u00fcckzugstendenzen \u2013 eine neue Relevanz, \u00f6ffentlich Kirche zu sein?<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir aus den Erwartungen, die uns die B\u00fcrger (nicht nur unsere Mitglieder) in der Fl\u00fcchtlingsabreit entgegengebracht haben, nochmals unser Selbstbild weiten?<\/p>\n<p>Und vielleicht noch wichtiger: Wie bleiben die Menschen da und die Eindrucke wach, die seit Sp\u00e4tsommer 2015 neu auf uns zugekommen sind?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte im letzten Drittel meines Impulses einige gute gemeinsamen Erfahrungen von Gemeinden und Diakonie nennen und danach fragen, was zuk\u00fcnftig zu tun ist:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Gute Erfahrungen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>3.<strong>1 Diakonie und Gemeinden haben sich komplement\u00e4r erg\u00e4nzt<\/strong>, anstatt \u2013 wie meistens in den letzten 150 Jahren \u2013 theoretisch \u00fcber ihre Zuordnung zu debattieren: In jeder der 10 Kommunen des Kreises Recklinghausen sind neue Verbindungen entstanden:<\/p>\n<p>&#8211; gemeinsame Mitarbeit an kommunalen Runden Tischen<\/p>\n<p>&#8211; Verkn\u00fcpfung von Sozialraumorientierung der Kirchengemeinden und der Fachlichkeit und Logistik der Diakonie: Erstausstattung von Fl\u00fcchtlingswohnheimen; Hilfe f\u00fcr traumatisierte\/behinderte\/kranke Fl\u00fcchtlinge; Hilfe bei Umz\u00fcgen (AGH\/Arbeitsgelegenheiten aufgelegt);<\/p>\n<p>&#8211; Verklammerung durch gemeinsame hauptamtliche Koordinierung Ehrenamtlicher in der Fl\u00fcchtlingsarbeit (Jens Flachmeier): Fortbildung hauptamtlicher diakonischer MA in kultureller Sensibilisierung und Fortbildung Ehrenamtlicher in rechtlichen Fragen;<\/p>\n<p>&#8211; Verkn\u00fcpfung der Familienbildungsst\u00e4tte der Diakonie mit Gemeindearbeit \/ von Kleiderkammern mit Sozialkaufh\u00e4usern<\/p>\n<p>&#8211; R\u00fcckgriff auf vorhandene gemeindliche und diakonische Traditionen aus der Arbeit der 1990er-Jahre (Ev. Gemeindehaus der Kulturen, Marl \/ Haus der Kulturen in Herten: Migrations- und Fl\u00fcchtlingsberatung)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3.2 Einbindung der Tr\u00e4ger (Subsidiarit\u00e4t)<\/strong><\/p>\n<p>Es hat in den Kommunen dort gut geklappt, wo Stadtverwaltungen entschieden haben, freie Tr\u00e4ger mit ihren haupt- und ehrenamtlichen Kr\u00e4ften einzubinden. Die St\u00e4rke von Diakonie und Caritas sind auch die Ehrenamtlichen in den Gemeinden.<\/p>\n<p>Geheimnis von Subsidiarit\u00e4t: Beispiel Recklinghausen (gemeinsame Unterkunft mit dem gemeindlichen Diakonischen Werk): Mit der Refinanzierung von <em>einem<\/em> Sozialarbeiter war es m\u00f6glich, 100 Ehrenamtliche und hohe Spendenmittel zu akquirieren, hauptamtliche Dienste anzudocken (Vermittlung in Arbeit \u00fcber Sozialkaufh\u00e4user\/Beratungsstellen, z.B. Frauenberatungsstellen, psychosoziale Beratungsstelle). Und: Kirchengemeinden als Orte, an denen \u00fcber Sorgen und \u00c4ngste debattiert wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3.3. Die Kirche als Ort der Verst\u00e4ndigung und des Austausches gegen Fremdenfeindlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Allein 2016 registrierte das Bundesinnenministerium 2762 Gewalttaten gegen Gefl\u00fcchtete und Fl\u00fcchtlingshelferinnen und -helfern sowie 988 Attacken auf Asylunterk\u00fcnfte.<\/p>\n<p>In der Christuskirche in Recklinghausen fand in der \u201ehei\u00dfen Phase\u201c vor der Errichtung einer Unterkunft in unmittelbarer Nachbarschaft eine gro\u00dfe Info-Veranstaltung und sp\u00e4ter ein Benefizkonzert mit den ersten Bewohnern statt. Die Kirche wurde zum Ort einer angemessenen Auseinandersetzung \u00fcber die Sorgen und \u00c4ngste der Menschen. Das Gemeindeleben wurde eine Art Katalysator f\u00fcr unterschiedliche Meinungen. Es hat zu keinem Zeitpunkt gr\u00f6\u00dfere Auseinandersetzungen an diesem Standort gegeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3.4 Die Wiederentdeckung des demokratischen Mandats der Kirche <\/strong><\/p>\n<p>Wir helfen Muslimen. Das ver\u00e4ndert Kirchengemeinden wie Verb\u00e4nden in der Notwendigkeit, Erfahrungen mit eigener Diversit\u00e4t zu reflektieren und ihre Sprachf\u00e4higkeit in eine religi\u00f6s plurale \u00d6ffentlichkeit neu einzu\u00fcben. Ich z.B. war bei unseren unbegleiteten minderj\u00e4hrigen Jugendlichen in unserem Kinderheim eingeladen, um ihnen in 1 \u00bd Stunden \u201edas Christentum\u201c zu erkl\u00e4ren \u2013 ohne dass jegliche Vorkenntnisse vorauszusetzen waren. Inzwischen haben wir dort den Besuch eines Polizisten und des Landtags begleitet. Wir nehmen darin unserer christlich-kirchliche Verantwortung wahr, f\u00fcr unser demokratisches Gemeinwesen zu stehen. Das ber\u00fchrt auch die Haltung einer positiven Religionsfreiheit gegen\u00fcber Andersgl\u00e4ubigen.<\/p>\n<p><strong>4\u00a0<\/strong><strong>Was tut Not?<\/strong><\/p>\n<p>Konkret nach den Herausforderungen der ganzen Gesellschaft und der Kirchen gefragt, sehe ich f\u00fcr das Jahr 2017 \u2013 das Jahr der Integration \u2013 besonders folgende Herausforderungen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Kommunal stark sein<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Fl\u00fcchtlingsarbeit ist stark kommunal gepr\u00e4gt durch Hilfestrukturen, Wohnstrukturen und soziale Netzwerke. Die Fl\u00fcchtlinge d\u00fcrfen nicht \u201everschwinden\u201c, wenn sie aus gro\u00dfen Unterk\u00fcnften ins private Wohnumfeld umziehen. Ehrenamtliche d\u00fcrfen nicht mit der Begleitung im Wohnumfeld alleingelassen oder \u00fcberfordert werden. Kirchengemeinden haben gro\u00dfe Potentiale, denn ihre Mitglieder leben im Quartier. Aber es bedarf des Ausbaus der kommunalen Infrastruktur (Kinderg\u00e4rten, Schulpl\u00e4tze) und es muss ein ordentlicher Transfer der Hilfe von Fl\u00fcchtlingsberatungsstellen in die Regelangebote der freien Tr\u00e4ger m\u00f6glich sein (Sprachprobleme, Kapazit\u00e4ten, Bewilligungen).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4.2 Die Frage nach der Barmherzigkeit und dem Not-Wendenden zieht die Frage von Recht und Gerechtigkeit nach sich.<\/strong><\/p>\n<p>Aus der Willkommenskultur muss eine Willkommensstruktur werden: Nachdem sich viele Menschen moralisch verpflichtet und mit freiwilliger Solidarit\u00e4t geholfen haben, die erste Not zu beseitigen, geht es nun immer st\u00e4rker darum, den Fl\u00fcchtlinge zu ihrem Recht zu verhelfen.<\/p>\n<p>Die Rechtsberatungen der Wohlfahrtsverb\u00e4nde muss dringend ausgebaut werden.<\/p>\n<p>Kirchengemeinden m\u00fcssen sich vorab (!) sehr rational \u00fcber ihre Haltung zu m\u00f6glichen Kirchenasyl-F\u00e4llen im Klaren werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4.3 Kirchen gegen Populismus <\/strong><\/p>\n<p>Es geh\u00f6ren knapp 2\/3 der Bev\u00f6lkerung einer christlichen Kirche an. Das immunisiert nicht automatisch gegen Rechtspopulismus. Aber unsere Gemeinden und Verb\u00e4nde sind Orte, in denen eine andere Art der Kommunikation einge\u00fcbt werden kann: Orte des freien Wortes, aber auch der klaren Positionierung gegen Menschenfeindlichkeit, Orte der Begegnungen, um Pluralit\u00e4t und Liberalit\u00e4t einzu\u00fcben und solidarische Verantwortung.<\/p>\n<p>Wir sollten als Kirche wieder st\u00e4rker unsere Verantwortung f\u00fcr die Demokratie herausstellen. Wir haben sie erst sp\u00e4t gelernt, aber sie hat mit der Religion gemein, dass es immer um M\u00e4\u00dfigung und gegenseitiges Respektieren und gegenseitiges Lernen geht.<\/p>\n<p>Machen wir uns nichts vor: Das Wahlkampfprogramm der AfD ist ein zu aller erst ein Programm gegen die Demokratie, nicht nur gegen Muslime. Und die Grenzen verlaufen auch in unseren Gemeinden!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Kirchen und ihre Verb\u00e4nde bieten neue Heimat<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>2017 ist das Jahr der Integration. Integration hei\u00dft auch, die neuen B\u00fcrger mit ihren F\u00e4higkeiten zu beteiligen (z.B. am Gemeindeleben), sie Impulse setzen zu lassen: Das Gemeindeleben wird sich ver\u00e4ndern!<\/p>\n<p>Im Bereich der Verb\u00e4nde wird Integration ma\u00dfgeblich \u00fcber Bildung und Arbeit vorangetrieben: In unseren Arbeitsmarktprojekten haben derzeit 20 Fl\u00fcchtlinge eine Chance, sich f\u00fcr den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Der Arbeitsplatz wird schon nach kurzer Zeit zu einem St\u00fcck neuer Heimat.<\/p>\n<p>Kirche und Verb\u00e4nde haben hier besondere M\u00f6glichkeiten und daher auch besondere Verantwortung. Ich schlie\u00dfe daher mit einem Zitat Hannah Arendts, formuliert angesichts von Millionen Gefl\u00fcchteter und Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg: Das Ungl\u00fcck von Gefl\u00fcchteten sei nicht \u201edas sie des Lebens, der Freiheit, des Strebens nach Gl\u00fcck, der Gleichheit vor dem Gesetz und der Meinungsfreiheit beraubt sind; ihr Ungleich ist mit keiner der Formeln zu decken, die entworfen wurden, um Probleme innerhalb gegebener Gemeinschaften zu l\u00f6sen. Ihre Rechtlosigkeit entspringt einzig der Tatsache, dass sie zu keiner irgendwie mehr gearteten Gemeinschaft mehr geh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Impuls auf der Studientagung der ACK NRW, 22. 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