{"id":6659,"date":"2021-05-30T11:26:21","date_gmt":"2021-05-30T09:26:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=6659"},"modified":"2021-07-01T08:04:52","modified_gmt":"2021-07-01T06:04:52","slug":"dynamischer-gott-predigt-zu-trinitatis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=6659","title":{"rendered":"Dynamischer Gott &#8211; Predigt zu Trinitatis"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/daten\/trinitatis2021.mp3\" rel=\"attachment wp-att-4443\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-4443 size-full\" src=\"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/audio-e1546362748746.jpg\" alt=\"\" width=\"75\" height=\"78\" \/><\/a>Wie viele Ohren sind auf dem Bild mit den drei Hase zu sehen? Schaue ich in die Mitte, so bilden die Ohren eine Art Dreieck \u2013 es k\u00f6nnten also gut drei Ohren sein. Schaue ich eher einen Hasen einzeln an, sehe ich an ihm zwei Ohren. Drei Hasen h\u00e4tten dann eher sechs Ohren.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt Trinitatis, 30. Mai 2021, Flaesheim\/Sythen<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie viel sind es denn nun? Und was hat das Bild mit uns am Trinitatisfest zu tun?<\/p>\n<p>Das Dreihasen-Fenster ziert den Kreuzgang am Paderborn Dom und das Bischofswappen. Der Hase ist nicht von biblischer Bedeutung. Vielmehr wird hier auf bodenst\u00e4ndisch westf\u00e4lische Weise gedeutet, wor\u00fcber die Kirchen jahrhundertelang gestritten und sich sogar entzweit haben: Wie kann man den <em>einen<\/em> Gott denken auf <em>drei<\/em> Wesen? Und umgekehrt: Wenn es der eine Gott im Himmel und auf Erden ist, warum reden wir dann dreifach von Vater, Sohn und Heiligem Geist?<\/p>\n<p>Ist das heute nicht eher eine philosophische Denksportaufgabe? Begriffe aus dem 4. Jahrhundert wie Wesen, Substanz, Seinsweisen helfen mir heute nicht wirklich, wenn ich nach Gott frage.<\/p>\n<p>Die Trinit\u00e4t wirkt auch ein wenig patriachal. Die Kabarettistin Carolin Kebekus rappt: \u201eDer Vater, der Sohn, der Heilige Geist. Drei M\u00e4nner, keine Frau, oh mein Gott, wie dreist!\u201c<\/p>\n<p>Und biblisch ist eine Trintit\u00e4ts<em>lehre <\/em>auch nicht. Darum habe ich heute die Lesung und Glaubensbekenntnis aus unterschiedlichen biblischen Traditionen selber zusammengestellt und auf den vorgeschlagenen Predigttext verzichtet.<\/p>\n<p>Die Vorstellung eines dreieinigen Gottes ist vor allem im Gottesdienst verankert: Wir beginnen ihn im \u201eim Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes\u201c, manche bekreuzigen sich dazu. Wir taufen auf den dreieinigen Gott.<\/p>\n<p>Aber wie sehr pr\u00e4gt er heute die Vorstellung unseres pers\u00f6nlichen Glaubens?<\/p>\n<p>Habt Ihr nun einen Gott oder drei, fragen J\u00fcdinnen und Juden, Muslime und Muslima. Wir ringen und stottern wir im Dialog der Religionen oft damit, dies zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich liegt genau darin das Problem: den einen Gott in drei Weisen <em>erkl\u00e4ren<\/em> zu wollen\u2026<\/p>\n<p>Schauen wir nochmals auf das Fensterbild von Paderborn: Da ist vor allem viel Leben und Bewegung drin. Die drei Hasen jagen einander im Kreis nach.<\/p>\n<p>Ich stelle mir Gott grunds\u00e4tzlich vor als einen lebendigen und wandelbaren Gott. Durch den gesamten biblischen Erz\u00e4hlbogen erscheint Gott in unterschiedlichem Kleide, mit unterschiedlichen Gesichtern, so als ob er sich situativ anpassen k\u00f6nnte, um den Menschen nahe zu sein:<\/p>\n<p>Ich sch\u00e4tze die Vorstellung eines Sch\u00f6pfers. Dabei geht es mir nicht um die Frage, ob die Welt in sechs oder sieben Tagen erschaffen wurde, sondern darum, dass diese Erde wunderbar gemacht ist und mit Sinn versehen ist. Der Sch\u00f6pfer hat seine Sch\u00f6pfung nicht verlassen. Und ich als Gesch\u00f6pf habe von ihm die Freiheit und die Verantwortung geerbt, die Sch\u00f6pfung zu bebauen und bewahren.<\/p>\n<p>Solange die Erde steht, soll nicht aufh\u00f6ren Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (Gen 8,21f.)<\/p>\n<p>Ich kann viel der Vorstellung abgewinnen, dass der Sch\u00f6pfer sich mit Israel ein Volk ausgew\u00e4hlt hat, an dem er gleicherma\u00dfen seine Verhei\u00dfungen und Versprechungen wahrmacht als auch an ihm zuweilen verzweifelt. In diesem Volk w\u00e4chst die Sehnsucht danach, dass Gott einst selber auf die Erde kommt: Das wird der Moment sein, wo alle Menschen die Weisungen Gottes im Herz haben (neuer Bund nach Jeremia 31) und seine Welt, sein Reich, nahe herbeigekommen ist (Evangelien).<\/p>\n<p>Als Christinnen und Christen glauben wir, dass dies in Jesus von Nazareth passiert ist: Wie Jesus von Gott sprach, wie er handelte, wie er seiner Mission treu blieb und die Ablehnung der Menschen durchlitt bis Tod \u2013 darin hat sich Gott selbst gezeigt, \u201eoffenbart\u201c.<\/p>\n<p>Dass Jesus Gottes Sohn war \u2013 darin stecken f\u00fcr unseren Glauben einige Herausforderungen: War Jesus denn nun Mensch oder Gott? Beides, \u201ewahr Mensch und wahrer Gott\u201c. War er schon vorher beim Vater? Ja, hei\u00dft es Philipper-Brief: Gott-Vater ent\u00e4u\u00dferte sich selbst und nahm die Gestalt eines menschlichen Dieners an (Phil 2). Wo bleibt Jesus eigentlich nach der Auferweckung? Die Evangelien schlie\u00dfen mit der Erz\u00e4hlung von Himmelfahrt ab, um zu verdeutlichen: Gott-Sohn kehrt zur\u00fcck zu Gott-Vater. Gott: der eine in zweien\u2026<\/p>\n<p>Paulus schreibt voller Glaube \u00fcber Christus, dass nichts,<\/p>\n<p>dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch M\u00e4chte noch Gewalten, weder Gegenw\u00e4rtiges noch Zuk\u00fcnftiges,\u00a0 weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. (R\u00f6m 8,38.39)<\/p>\n<p>Die Lust Gottes, sich zu wandeln und zu ver\u00e4ndern, scheint ungebrochen: Den verwirrten und orientierungslosen J\u00fcnger, die nach Ostern an den See, in ihr altes Leben, zur\u00fcckgekehrt sind oder in Jerusalem nicht wissen, wie es weitergehen soll \u2013 diesen J\u00fcngern schickt Gott den Heiligen Geist an Pfingsten. Das hat Jesus nach dem Johannes-Evangelium schon angek\u00fcndigt:<\/p>\n<p>Der Tr\u00f6ster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird auch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. (Joh 14,26)<\/p>\n<p>Der eine Gott, nunmehr in drei Weisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Diese Wandelbarkeit, diese Dynamik: Das ist mein Zugang zum dreieinigen Gott \u2013 und letztlich auch meine L\u00f6sung f\u00fcr das Hasenbild am Paderborner Dom: Ob man nun drei oder sechs Ohren sieht \u2013 es spielt f\u00fcr mich gar keine Rolle!<\/p>\n<p>Es geht um die die Lebendigkeit, um die unterschiedlichen Perspektiven, in denen Gott sich zeigt: Er kann ganz Sch\u00f6pfer sein mit seiner himmlischen Sch\u00f6nheit und Macht. Er zeigt sich ganz als Mensch, klein, schwach und verletzlich und leibgewordene Gottes-Welt. Gott bleibt \u00fcber alle Orte und Zeiten hinweg gegenw\u00e4rtig durch seine Geistkraft.<\/p>\n<p>Gott geht dabei mit sich selbst in Beziehung: Er schickt sich selbst auf die Erde. Er k\u00fcndigt selbst den Geist an. Gottes Geist befreit zum Leben in der Welt des Sch\u00f6pfers.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist jede einzelne Weise Gottes schwer ohne die andere denkbar. Das ist wie beim ber\u00fchmten biblischen Dreiklang \u201eGlaube \u2013 Liebe \u2013 Hoffnung\u201c: Alles kann einzeln betrachtet werden, aber besonders werden Glaube, Liebe, Hoffnung erst zusammen, je in der Beziehung zueinander.<\/p>\n<p>Der im Fr\u00fchjahr verstorbene Schweizer Dichter und Theologie Kurt Marti schrieb einmal \u00fcber den dreieinigen Gott:<\/p>\n<p><em>\u201eWas w\u00fcrde fehlen ohne eine der drei Personen?! Die St\u00e4rke des Sch\u00f6pfers! Die Menschlichkeit Jesu \u2013 auch im Leiden! Die Gegenwart Gottes im Geist! <\/em><\/p>\n<p><em>Gott ist in sich Gemeinschaft.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0Ich versuche, mir das vorzustellen: Eine Gottheit, die durch und durch Liebe ist, die nicht f\u00fcr sich bleiben kann. Und die meine Gesellschaft sucht. Die feste liebt und mich neben sich auf die Bank zieht und sagt: Komm, sag ehrlich, wie geht es Dir.\u201c<\/em><\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Ein Gott, der sich selber wandeln kann und N\u00e4he zu mir aufbaut\u2026<\/p>\n<p>Ich habe mich konkret in dem zur\u00fcckliegenden Jahr gefragt: Was bleibt vom Sch\u00f6pfer, der alles weise geordnet hat, wenn die ganze Welt gegen eine Pandemie k\u00e4mpft?<\/p>\n<p>Was habe ich von Jesus von Nazareth, der ganz bewusst Auss\u00e4tzige ber\u00fchrt, dem eine hilfesuchende Frau am Gewand zieht, der zum Mahl einl\u00e4dt, w\u00e4hrend wir auf physischen Abstand gehen und die Gemeinschaft meiden mussten?<\/p>\n<p>Dann denke ich an die begl\u00fcckenden Momente, in denen ich Gott mit seiner <em>Geistkraft<\/em> sp\u00fcrte: ja, auch durch digitale Kommunikation mit Freunden auf der ganzen Welt, die \u201epfingstlich\u201c zusammenger\u00fcckt sind; ja, auch dadurch, dass Gottes Gemeinde sein Wort h\u00f6ren konnte durch neue Gottesdienstformate, ja auch durch kreative Ideen und viel Phantasie, wie wir als Menschen beieinander zu bleiben.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es nicht sein, dass Gott sich auch hier so gewandelt hat, dass wir zu ihm fanden? Und k\u00f6nnte es so sein, dass er gerade doch auch als Sch\u00f6pfer und in Jesus Christus gegenw\u00e4rtig war, durch alle N\u00f6te und Gefahren hindurch, weil er sich auch nochmals anders zeigte?<\/p>\n<p>Jahrhunderte lang stellen wir in unseren Gottesdiensten diese g\u00f6ttliche Dynamik dar. Sie tr\u00e4gt uns in den Alltag. Sie geht weit \u00fcber das Verstehen mit dem Kopf hinaus, sondern bringt uns in unmittelbare Beziehung mit Gott. Daher zum Ende der altkirchliche Taufsegen, der nach vorne weisen m\u00f6ge:<\/p>\n<p>Der barmherzige Gott \/ st\u00e4rke dich durch seinen Heiligen Geist, \/ er erhalte dich in der Gemeinde Jesu Christi \/ und bewahre dich zum ewigen Leben.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie viele Ohren sind auf dem Bild mit den drei Hase zu sehen? Schaue ich in die Mitte, so bilden die Ohren eine Art Dreieck \u2013 es k\u00f6nnten also gut drei Ohren sein. Schaue ich eher einen Hasen einzeln an, sehe ich an ihm zwei Ohren. 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