{"id":651,"date":"2017-01-11T22:39:40","date_gmt":"2017-01-11T21:39:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=651"},"modified":"2017-01-11T22:39:40","modified_gmt":"2017-01-11T21:39:40","slug":"rede-zur-mahnwache-nach-der-fukushima-katastrophe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=651","title":{"rendered":"Rede zur Mahnwache nach der Fukushima-Katastrophe"},"content":{"rendered":"<p>Die Bilder aus Japan beschreiben ein unfassbares Szenario. Wir trauen um die Opfer. Wir f\u00fcrchten um die schlimmsten\u00a0 Folgesch\u00e4den durch den Atomunfall. In unserer Kirche beten wir f\u00fcr die Opfer.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Rede zur Mahnwache <\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Initiative f\u00fcr Frieden und Abr\u00fcstung<\/strong>, 6.4.2011<\/p>\n<p>Schnell \u00fcberlagert die aktuelle Nachrichtenlage das schier unendliche Leid in Japan. Doch \u2013 mit Blick auf den Reaktorunfall \u2013 passiert jetzt erst das Schlimmste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um die Frage nach Gott gleich zu beantworten: Fukushima ist keine \u201eKatastrophe\u201c im Wortsinn, dass sich also Gott \u201eherab wendet\u201c (Vorsilbe \u201ekata\u201c). Fukushima ist etwas Menschen Gemachtes. Es ist Gott nicht anzulasten. Der Mensch wei\u00df um seine eigene Fehlbarkeit. Er wei\u00df, dass er bei der Kernenergie mit einer Technologie hantiert, \u201edie keine Fehler verzeiht\u201c (EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Schatten dieses Unfalls erleben wir eine rasante Kehrtwende ehemaliger Atomkraft-Bef\u00fcrworter.<\/p>\n<p>Es ist immer gut, eigene Haltungen zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Doch es hinterl\u00e4sst bisher einen faden Beigeschmack:<\/p>\n<p>Seit Japan hat sich an der Sicherheitslage in Deutschland nichts ge\u00e4ndert! Wir wissen nichts mehr, was wir seit Harrisburg und Tschernobyl wissen.<\/p>\n<p>Wenn die Politik etwas gelernt hat: Bedurfte es erst dieses Unfalls, um ein Wissen real werden zu lassen, das man schon Jahrzehnte lang hat?!<\/p>\n<p>Nun sehen wir Menschen, die verstrahlt werden, und es wirkt so, als h\u00e4tten wir das gebraucht, um in Deutschland inne zu halten und etwas zu \u201everstehen\u201c!<\/p>\n<p>Das wirkt geradezu zynisch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Nuklaearexperte Michael Sailer hat gesagt: \u201eIch wollte nie recht haben\u201c, doch: In Japan laufe fast alles drehbuchartig ab, was Risikostudien lange vorausgesagt h\u00e4tten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Das macht die Sache noch viel schwerer ertr\u00e4glich, als sie ohnehin schon ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch ich will nicht recht haben.<\/p>\n<p>Aber ich will genau hinschauen, welche Meinungsmacher in den kommenden Wochen eine klare Grund\u00fcberzeugung offenbaren und welche nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Zitat: \u201eWegen der gro\u00dfen, vielf\u00e4ltigen und nicht mit Sicherheit beherrschbaren Gefahren der Kernenergie [\u2026] ist die weitere Nutzung der Kernenergie zu unserer Energieversorgung mit dem uns gegebenen Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, nicht zu vereinbaren.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist ein Beschluss der EKvW, nicht nach dem 11. M\u00e4rz 2011, sondern vom 14. November 1986. Direkt nach Tschernobyl. Darauf bin ich stolz. Ich stehe hier als Pfarrer einer Kirche, die sich immer wieder rechtfertigen musste wegen ihrer kritischen Haltung zur Kernenergie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In unserer Kirche engagieren sich Menschen f\u00fcr Strahlenopfer &#8211; v.a. Kinder! &#8211; in Tschernobyl. Aus den pers\u00f6nlichen Begegnungen ist eine Glaubenshaltung erwachsen: Das Zerst\u00f6rungspotential der Kernenergie ist mit dem Sch\u00f6pfungsauftrag nicht \u00fcbereinzubringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(2)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun ist im vergangenen Herbst der m\u00fchselig gefundene gesellschaftliche Konsens zum Atomausstieg aufgek\u00fcndigt worden. Es ist Zeit, nochmals wesentliche Argumente zu wiederholen, die gegen die zivile Nutzung der Atomkraft sprechen, und schon vor Japan dagegen sprachen: <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ohne Atomkraft sei die Versorgungssicherheit in Deutschland gef\u00e4hrdet:<\/p>\n<p>Fakt ist: Die AKWs in Deutschland produzieren zu viel Strom. Er wird exportiert.<\/p>\n<p>AKWs machen uns nicht unabh\u00e4ngig vom Ausland: 100% des Urans m\u00fcssen importiert werden! Unabh\u00e4ngig ist nur regenerative Energie!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Atomkraft sei \u201ebilliger\u201c<\/p>\n<p>Fakt ist: Atomstrom ist nur billiger, wenn nicht alle Kosten eingerechnet werden.<\/p>\n<p>Noch heute verwendet die Ukraine f\u00fcr die Folgekosten von Tschernobyl j\u00e4hrlich 5% ihres BIP.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Lagerung unseres Nukelar-Abfalls bezahlte der Steuerzahler bisher mehrere Mrd. EUR.<\/p>\n<p>Die Stromkonzerne entziehen sich der Haftung. W\u00fcrde man nur ann\u00e4hernd das Risiko eines GAUs versichern, w\u00e4re Atomstrom nicht mehr konkurrenzf\u00e4hig zu regenerativer Energie.<\/p>\n<p>In der Problematik des Haftungsausschluss begegnet uns ein grunds\u00e4tzliches Problem unserer wirtschaftlichen Globalisierung: Risiken werden sozialisiert, Gewinne privatisiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Atomenergie sei eine \u201eBr\u00fcckentechnologie\u201c:<\/p>\n<p>Fakt ist: Atomkraftwerke sind keine Br\u00fccke in eine risikoarme, nachhaltige Energiezukunft. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass AKWs gerade diesen \u00dcbergang verhindern: Laufzeitverl\u00e4ngerungen zementieren das Monopol der gro\u00dfen Energiekonzerne. Sie verhindern Dynamik beim Umstieg in erneuerbare Energien, in mehr Energieeffizienz und weniger Energieverbrauch!<\/p>\n<p>Zur Ehrlichkeit geh\u00f6rt auch: F\u00fcr die Energiekonzerne bringt ein abgeschriebenes AKW rund 1 Mio. EUR Gewinn pro Tag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erlauben Sie zwei Argumente auch mit einer theologischen Zuspitzung hervorzuheben:<\/p>\n<ul>\n<li>Das sog. <strong>Restrisiko<\/strong> f\u00fcr mich schon jetzt das Unwort des Jahres: Wir wissen um die Fehlbarkeit des Menschen. Wir wissen auch um die Anma\u00dfung des Menschen, \u00fcber seine Grenze zu gehen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>In der Bibel ist die Paradiesgeschichte achetypisch, wo der Mensch es nicht lassen kann, vom Baum der Erkenntnis zu essen.<\/p>\n<p>\u201eRestrisiko\u201c bedeutet, die Unbewohnbarkeit ganzer Regionen, die Beeinflussung der Nahrungskette auf Generationen zu riskieren. Wer kann das verantworten?<\/p>\n<p>Pr\u00e4ses Alfred Bu\u00df: \u201eKernenergie ist ein Zeichen menschlicher Verantwortungslosigkeit. [\u2026]Wir k\u00f6nnen keine Verantwortung \u00fcbernehmen f\u00fcr etwas, was kein Mensch beherrscht.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<ul>\n<li>das Problem der<strong> Entlagerung: <\/strong>Die Entsorgung ist bis heute nicht gekl\u00e4rt und kann auch nicht gekl\u00e4rt werden, weil niemand eine sichere Lagerung \u00fcber Hunderte oder Tausende von Jahren garantieren kann. Eine <em>Ethik der Nachhaltigkeit<\/em> fragt aber danach, in wie weit unsere Lebensweise <em>R\u00fccksicht auf zuk\u00fcnftige Generationen<\/em> Dieser Grundsatz wird elementar verletzt.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(3)<\/p>\n<p>Lassen Sie uns die n\u00f6tige <strong>politische und gesellschaftliche Debatte f\u00fchren.<\/strong> F\u00fcr mich hei\u00dft das:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Die Laufzeitverl\u00e4ngerung zur\u00fccknehmen! R\u00fcckkehr \u2013 mindestens! &#8211; zum Atomkonsens aus dem Jahre 2000! Die Restlaufverl\u00e4ngerung bremst die Bem\u00fchungen um die Engeriewende! Dabei sind erneuerbare Energien Wachstumsmotor: Bisher sind in Deutschland 000 Arbeitspl\u00e4tze entstanden. Gerade Technologie aus NRW ist weltweit gefragt.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Wir brauchen eine andere Gespr\u00e4chskultur: Keine Verhandlungen mehr in Nachtsitzungen zwischen Politik und Atom-Lobby! Sondern einen demokratischen Prozess, in den Parlamenten, auch auf den Stra\u00dfen \u2013 etwa zu Ostern &#8211; , Debatten an Runden Tische und \u00f6ffentlichen Orte: f\u00fcr einen neuen gesellschaftlichen Konsens.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Wir brauchen einen neuen &#8211; nachhaltigen &#8211; Lebensstil, eine Ethik des Genugs gegen\u00fcber einem eindimensionalen Wachstumsbegriff auf Kosten der endlichen Ressourcen unserer Erde. Denn Fukushima wird &#8211; wie Tschernobyl &#8211; f\u00fcr unsere Generationen stehen und die Frage, welche Lebensperspektiven wir unseren Kindern und Enkelkinder hinterlassen.<\/li>\n<\/ol>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> FR, 31.3.10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Atomkraft sei \u201eweltweiter Trend\u201c:<\/p>\n<p>Die Zahl weltweiter AKWs geht zur\u00fcck. Atomstrom deckt nur 13% des weltweiten Verbrauchs (anderswo lese ich: 2%).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Es gibt weltweit kaum Erfahrungen mit Laufzeiten \u00fcber 25 Jahre!<\/p>\n<p>461 meldungspflichtige Zwischenf\u00e4lle in Brunsb\u00fcttel seit Betriebsbeginn!<\/p>\n<p>In Schweden kam es 2007 im AKW Forsmark zu einem ernsten Storfall<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Die im Energiekonzept festgelegte Laufzeitverl\u00e4ngerung um durchschnittlich zw\u00f6lf Jahre f\u00fchrt zu einer Vergr\u00f6\u00dferung des hochradioaktiven Atomm\u00fcllaufkommens von ca. 11.000 auf \u00fcber 16.000 Tonnen. Die Endlagerfrage hat bisher keine Regierung \u2013 egal welcher Zusammensetzung \u2013 gel\u00f6st.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bilder aus Japan beschreiben ein unfassbares Szenario. Wir trauen um die Opfer. 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