{"id":6483,"date":"2020-09-07T13:02:18","date_gmt":"2020-09-07T11:02:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=6483"},"modified":"2020-09-06T22:47:57","modified_gmt":"2020-09-06T20:47:57","slug":"wir-schicken-ein-schiff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=6483","title":{"rendered":"Wir schicken ein Schiff&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>353 Menschen haben das vorletzte Wochenende \u00fcberlebt. Weil ein britischer K\u00fcnstler und die Kirche beherzt eingegriffen haben\u2026.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Andacht Haus der Diakonie, 5.9.20<\/strong><\/p>\n<p>Man\u00f6vrierunf\u00e4hig und ohne jede Hilfe liegt die \u201eLouise Michel\u201c am 28. August im Mittelmeer, \u00fcberf\u00fcllt mit \u00fcber 200 aufgenommenen Fl\u00fcchtlingen. Stunden vergehen. Keine K\u00fcstenwache, kein Staat. Ende einer Mission \u2013 wom\u00f6glich in einer Katastrophe, wie sie sich so oft in den letzten Jahren dort ereignet hat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Mission ist die Mission des britischen Street-Art Star Bansky, eines prayer-K\u00fcnstlers. Er hat die Erl\u00f6se seiner Arbeit zur Fl\u00fcchtlingskrise nicht behalten wollen und kaufte ein Schiff.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was die Menschen an Bord bereits durchgemacht haben m\u00fcssen? Welche Verzweiflung herrschte und blanke Todesangst?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Geschichte geht gl\u00fccklicherweise weiter: Zur Hilfe eilte die SeaWatch 4, das Schiff der Rettungsmission \u201eUnited4 Rescue\u201c, ma\u00dfgeblich initiiert von der Evangelischen Kirche in Deutschland. Seit Mitte August erst ist dieses Schiff im Mittelmeer unterwegs, weil auf dem Kirchentag in Dortmund Menschen zueinanderfanden: zum einen in der Fl\u00fcchtlingskrise weit \u00fcber die Kirche engagierte Menschen, die in einer Resolution forderten: Schickt ein Schiff! Zum anderen der B\u00fcrgermeister von Palermo, der auf dem Kirchentag \u00fcber seine menschen- und weltzugewandten Haltung berichtete, Fl\u00fcchtlinge in seiner Stadt aufzunehmen. Dann eine engagierte Predigt im Stadion mit dem Satz, der an Deutlichkeit nichts vermissen lie\u00df: \u201eMan l\u00e4sst keine Menschen ertrinken. Punkt.\u201c \u2013 Ein Rat der EKD, der ein B\u00fcndnis geschmiedet hat.<\/p>\n<p>Im Meer zwischen Libyen und Malta, so schreibt es die ZEIT, ist in diesen Stunden eine neue Allianz entstanden: Kunst und Kirche retteten am vergangenen Wochenende gemeinsam Menschen vor dem Ertrinken. Kein Staat war weit und breit, wie schon so oft. Aber Kunst und Kirche entdecken hier ihr jeweiliges Mandat, ihren jeweiligen Auftrag, der beiden oft \u00fcberkritisch vorgehalten wird: Sie mischen sich \u00fcberall ein, wo sie nichts zu suchen haben, ja, sie sind politisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber wie k\u00f6nnte es anders sein, wenn wir die Jesus-Geschichte geh\u00f6rt haben vom Sturm, von der Lebensgefahr auf dem See Genezareth und dem machtvollen Eingreifen Jesu selbst \u2026 &#8211; wie k\u00f6nnte es sein, dass die Kirche nicht gerade an die heutigen Orten von Lebensgefahren, Todes\u00e4ngsten und unmittelbaren Gef\u00e4hrdungen ginge? \u201eMerkst du nicht, dass wir umkommen?\u201c \u2013 Das ist die damals bebende und mit ma\u00dfloser Entt\u00e4uschung erf\u00fcllte Frage an Jesus \u2013 und heute sind doch diejenigen mit dieser Frage konfrontiert, die die sich auf diesen Christus beziehen: Denn daran soll es sich entscheiden, ob wir etwas mit Christus zu tun haben und ob wir nach ihm Christen und Christinnen nennen k\u00f6nnen: \u201eWas ihr einem meiner geringsten Br\u00fcder getan habt, das habt ihr mir getan\u201c (Wochenspruch).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Stillung des Sturmes<\/p>\n<p>35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren.<\/p>\n<p>36 Und sie lie\u00dfen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.<\/p>\n<p>37 Und es erhob sich ein gro\u00dfer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde.<\/p>\n<p>38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?<\/p>\n<p>39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine gro\u00dfe Stille.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man l\u00e4sst keinen Menschen ertrinken. Punkt. Das ist eine humanistische Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Dieser Satz kommt aber aus einer Predigt und f\u00fchrt daher direkt hinein in die Mitte unseres Glaubens und in diese Sturmgeschichte: Was, wenn Gott in Gestalt Jesu nicht will, dass Menschen ihrer Not ausgeliefert bleiben? Was, wenn sich schon die erste Gemeinde des Markus, der dieses Evangelium geschrieben ist, selber angstvoll fragte, was sie tun kann, damit der Auferstandene Wirklichkeit bleibt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Habt Ihr keine Vertrauen, denkt ihr wirklich, dass ich nicht da bin? Ist die Antwort. Und gleichzeitig: Sucht mich vorrangig dort, wo die St\u00fcrme brausen und das Leben bedroht ist und schlicht geretten geh\u00f6rt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Glauben und Handeln \u2013 in dieser Geschichte der Sturmstillung nicht auseinanderzurei\u00dfen. Daher ist diese Geschichte mitnichten nur eine Geschichte des Glaubens und das Helfen nicht \u201enur\u201c politisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die EKD hat die Kritik, dass sie Dinge tut, die Staaten tun m\u00fcssten und die Kirche hier zu politisch werde, sehr selbstbewusst gekontert: Wir sind hier diakonische Kirche: Kirche, die tut, was sie vom Evangelium h\u00f6rt und sagt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgermeister von Palermo hat sich wom\u00f6glich an seine Allianzen auf dem Kirchentag erinnert. Er hat inzwischen die Fl\u00fcchtlinge von der SeaWatch4 in seiner Stadt aufgenommen. Der politische Druck von Kunst und Kirche war hier gro\u00df genug, f\u00fcr den Moment. Gekl\u00e4rt ist nichts im Mittelmehr: Europa schaut weitgehend weg. Kunst und Kirche und ein mutiger B\u00fcrgermeister springen ein, auch um signalisieren: Hier muss grunds\u00e4tzlich etwas anders werden. Es kann nicht Aufgabe der Kirche, der Kunst bleiben, dauerhaft Menschen zu retten. Das erinnert mich an den Barmherzige Samariter, der nach den Regeln seiner Zeit auch nicht zwingend zust\u00e4ndig war, f\u00fcr den Not aber kein Gebot hatte, er dann einen Wirt findet, der den Verletzten weiterpflegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die 353 vom vorletzten Wochenende haben einen sicheren Hafen gefunden. Sie haben wom\u00f6glich eine \u00e4hnliche Erfahrung gemacht wie die J\u00fcnger, als ihre in Jesus Person gewordene Lebenshoffnung doch noch da ist, mitten in der Not. Wie sich Jesus vom Kissen erhebt und Wind und Wellen bedroht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jakob Fr\u00fchmann, Lehrer f\u00fcr Deutsch und Religion in Wien, geh\u00f6rt zur Besatzung der SeaWatch4 und wird in der erw\u00e4hnten ZEIT-Ausgabe portr\u00e4tiert. Er pausiert ein Jahr von der Schule und ist auf dem Schiff. \u201eWas wir hier auf dem Schiff tun\u201c, sagt er, \u201eist ein St\u00fcck weit Gottesdienst, ein Mitarbeiten am Reich Gottes.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So \u00e4hnlich k\u00f6nnte Jesus seinen J\u00fcnger geantwortet haben, als sie am Ende enthusiastisch (\u201eentsetzt\u201c) fragen: Wer ist denn der\/Was ist denn das, dass Wind und Meer gehorsam macht?\u201c Amen.<\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>353 Menschen haben das vorletzte Wochenende \u00fcberlebt. 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