{"id":643,"date":"2017-01-11T22:00:31","date_gmt":"2017-01-11T21:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=643"},"modified":"2017-01-11T22:51:04","modified_gmt":"2017-01-11T21:51:04","slug":"lieber-arm-ab-als-arm-dran-andacht-fuehrungskraeftetage-2016","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=643","title":{"rendered":"Lieber Arm ab als arm dran (Andacht F\u00fchrungskr\u00e4ftetage 2016)"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Konfirmationsfoto steht er mit herunterh\u00e4ngender Armprothese. \u00dcber eine Jugendfreizeit schreibt Rainer Schmidt, wie er sich geniert, mit seiner Beinprothese trotz br\u00fcllender Hitze mit ins Schwimmbad zu gehen. <!--more--><strong>Andacht F\u00fchrungskr\u00e4ftetage 2016<\/strong><\/p>\n<p>Denn er w\u00e4chst ohne Arme auf, nur mit einem Daumen \u00fcber dem fehlenden Ellbogengelenk, au\u00dferdem mit einem verk\u00fcrzten Bein. Er schreibt:<\/p>\n<p>\u201eDamals habe ich oft gew\u00fcnscht, ich sei sch\u00f6n und stark wie die anderen Jungs. Ich empfand mich als defizit\u00e4r. Immer wieder stellte ich mir die Frage: Warum bin ausgerechnet ich behindert? Warum ist mein K\u00f6rper anders als der meines Bruders? Es war zugleich der Anfang meines bewussten Glaubens. W\u00e4hrend in meiner Kindheit meine Behinderung noch gut mit dem Vertrauen an den liebenden Gott zusammenpasste, so sp\u00fcrte ich jetzt die Spannung. Warum l\u00e4sst es Gott zu (oder will er es sogar?), dass Kinder ohne Arme geboren werden?<\/p>\n<p>An ein Lied von J\u00fcrgen Werth (\u201aVergiss es nie\u2018) erinnere ich mich genau. Im Refrain hei\u00dft es: \u201aDu bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur\u2026 Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu.\u2018<\/p>\n<p>Ein sch\u00f6nes Lied fand ich, aber ich, ein Gedanke Gottes? Da hat er wohl Kopfschmerzen gehabt, als er mich erdacht hat.<\/p>\n<p>Meine pers\u00f6nliche Frage nach dem \u201aWarum\u2018 wurde eine Glaubensfrage: hat Gott tats\u00e4chlich die Sch\u00f6pfung fehlerhaft gemacht? Kann Gott mich \u201aheilen\u2018? Will Gott mich \u00fcberhaupt von meiner Behinderung befreien, oder bin ich so, wie ich bin, von Gott gewollt und also \u201agut\u2018?\u201c<\/p>\n<p>Soweit aus dem Buch von Rainer Schmidt.<\/p>\n<p>Er kommt schon als Jugendlicher zum Schluss: Seine Behinderung widerlegt nicht seinen Glauben an einen g\u00fctigen und liebenden Gott. Sondern er kann nachbuchstabieren, was wir gerade auch im Psalm 139 gesprochen haben: \u201eIch danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin.\u201c<\/p>\n<p>Arm ab, aber nicht arm dran sein \u2013 das ist sein Lebensmotto geworden; entsprechend der Buchtitel: \u201eLieber Arm ab, als arm dran\u201c.<\/p>\n<p>Er hat sogar in Gott eine Kraft gefunden, mit seiner Behinderung gut umzugehen: Denn vor Gott hat Behinderung nichts mit einem Ungl\u00fcck zu tun. Die Bibel ist voll mit Geschichten von Menschen, die arm dran sind, obwohl sie gesund sind (z.B. die Einsamkeit des Z\u00f6llners Zach\u00e4us, der arm dran ist, sogar als materiell Reicher). Und andersherum gibt es Menschen in der Bibel, die behindert sind, aber voll von Zuversicht und Gottvertrauen, wie fast alle Menschen, die in den Wundergeschichten auf Jesus zugehen. \u00dcberwiegend geht es nicht zuerst zum ihre Heilung, sondern um ihren Glauben, den sie vorher schon zeigen.<\/p>\n<p>In der Bibel geht es um das \u201eIn-Ordnung-sein-mit-Gott\u201c, wie es einmal der Vollmarsteiner Theologe Ulrich Bach formuliert hat, der selber auf einen Rollstuhl angewiesen war.<\/p>\n<p>Rainer Schmidt kommt in seinem Buch zu dem Schluss, dass die Unterscheidung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten unangemessen, ja sogar sch\u00e4dlich ist \u2013 wohlwissend, dass es schwere Behinderungen als seine gibt, wohlwissend auch, dass er in seinem Leben schmerzhaft erfahren hat, wie sehr wohl in \u201ebehindert = eingeschr\u00e4nkt\u201c und \u201ebehindert = du geh\u00f6rst nicht dazu\u201c unterschieden wird.<\/p>\n<p>Doch diese Unterscheidung h\u00e4lt er f\u00fcr unangemessen, ja sogar f\u00fcr sch\u00e4dlich: Denn \u2013 und nun wird es eine Woche, bevor das Reformationsjubil\u00e4umsjahr beginnt \u2013 richtig evangelisch und reformatorisch: <em>Alle<\/em> Menschen haben Defizite (\u201ejeder Mensch ist s\u00fcndig vor Gott\u201c, nicht im moralischen Sinne, sondern hinsichtlich seinem \u201eIn-Ordnung\/Nicht-in-Ordnung sein mit Gott, R\u00f6m3). Und gleichzeitig haben <em>alle<\/em> Menschen irgendwelche F\u00e4higkeiten (besondere Begabungen, Charismen, wie Paulus es mit dem griechischen Wort nannte).<\/p>\n<p>Um\u2019s konkret zu machen: Rainer Schmidt hat die Gabe, mit seiner Behinderung besonders selbstbewusst umzugehen \u2013 dazu hat die besagte Jugendfreizeit beigetragen, als er sich doch im Schwimmbad aus der langen Hose und ins Wasser wagte und ein M\u00e4dchen ihm abends attestierte: \u201eDass Du Dich das traust, h\u00e4tte ich nicht gedacht. Und nett bist du auch noch!\u201c.<\/p>\n<p>Und: Rainer Schmidt ist auf die irre Idee gekommen, als Armloser unbedingt Tischtennis spielen zu lernen. Auch dazu hat er eine Gabe:<\/p>\n<p>Als ich ihn das erste Mal auf einem Kirchentag traf, war er dekoriert mit mehrfacher Welt- und Europameister im Tischtennis-Einzel und in der Mannschaft f\u00fcr Menschen mit Behinderung; er hatte Goldmedaillen bei den Paralympics gewonnen in Barcelona (1992) und Athen (2004).<\/p>\n<p>Damals erz\u00e4hlte er die Geschichte, wie er zum Tischtennis fand \u2013 und es ist irgendwie war das f\u00fcr mich 2001 die erste erlebte Geschichte von Inklusion und Teilhabe, wie wir sie heute denken und auch auf dieser Tagung zum Thema haben, auch eine Geschichte des inzwischen studierten evangelischen Theologen, die ganz im Lichte des Jesus von Nazareth scheint, der in der Heilungsgeschichte des blinden Bartim\u00e4us als erstes und v\u00f6llig \u00fcberraschend den Bartim\u00e4us fragt: \u201eWas willst du, das ich dir tun soll?\u201c<\/p>\n<p>Also, Rainer Schmidts Geschichte vom Tischtennisspielen: Im Familienurlaub gab es nichts au\u00dfer einer Tischtennisplatte, wo Rainer mit seinem Bruder einfach ausprobierte, einen Schl\u00e4ger mit beiden Armen festhaltend den Ball zu treffen \u2013 ohne Erfolg. Er gab auf. Einige Tage sp\u00e4ter stand er um die Tischtennisplatte herum und ein anderer Urlaubsgast fragte schlicht, ob er auch mitspielen wollte.<\/p>\n<p>\u201eIch habe es ausprobiert: Ich kann den Schl\u00e4ger nicht festhalten.&#8220; &#8211; \u201cMal gucken\u201c, sagte der Urlauber und polsterte mit Schaumstoff den Schl\u00e4gerknauf und band ihn Rainer um den Arm. Es wurde so lange get\u00fcftelt, bis es ging.<\/p>\n<p>Nach Hause zur\u00fcckgekehrt machte sich Rainer Schmidt auf in den \u00f6rtlichen Tischtennisverein \u2013 mit einigem Bammel: Wie soll einer ohne Arme Tischtennisspiele und die anderen von dieser Idee denken?<\/p>\n<p>Und nun der Trainer, der sich die Schl\u00e4gerkonstruktion aus dem Urlaub ansah und dann die Worte sagt, die f\u00fcr Rainer Schmidt allesentscheidend sind und f\u00fcr mich viel mit der Botschaft Jesu dem reformatorischen Menschenbild und dann auch der UN-Menschenrechtskonvention zu tun, die es damals noch gar nicht gab. Der Trainer sagt: \u201eIch wei\u00df nicht, ob ich dir viel beibringen kann, aber vielleicht findest du ja selbst am besten raus, wie du spielen kannst.\u201c<\/p>\n<p>Am Ende des Buches formuliert Rainer Schmidt einen Traum, daraus zwei Verse:<\/p>\n<p>\u201eIch tr\u00e4ume eine Welt, in der alle wissen, dass Menschen zugleich begrenzt und begabt sind. Dann w\u00e4re niemand unnormal, weil keiner normal w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich tr\u00e4ume eine Welt, in der Menschen lernen, ihre verr\u00fcckbaren Grenzen zu erweitern, ihre unverr\u00fcckbaren Grenzen zu akzeptieren und beides voneinander zu unterscheiden. Da w\u00fcrden die Menschen dankbar sein f\u00fcr die vielen M\u00f6glichkeiten des Lebens. Und sie w\u00fcrden die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren nicht mehr sp\u00fcren.\u201c Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Konfirmationsfoto steht er mit herunterh\u00e4ngender Armprothese. \u00dcber eine Jugendfreizeit schreibt Rainer Schmidt, wie er sich geniert, mit seiner Beinprothese trotz br\u00fcllender Hitze mit ins Schwimmbad zu gehen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[29,5],"tags":[],"class_list":["post-643","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-diakonisch","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/643","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=643"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/643\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":644,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/643\/revisions\/644"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=643"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=643"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=643"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}