{"id":639,"date":"2017-01-11T22:04:34","date_gmt":"2017-01-11T21:04:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=639"},"modified":"2017-01-11T22:18:38","modified_gmt":"2017-01-11T21:18:38","slug":"diakonie-zwischen-kirche-und-welt-andacht-vrdw","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=639","title":{"rendered":"Diakonie zwischen Kirche und Welt (Andacht VRDW)"},"content":{"rendered":"<p>Vor der St.-Katharinen-Kirche in Osnabr\u00fcck steht diese Skulpturengruppe aus Bronze und Sandstein aus dem Jahr 1990. Zwei Menschen \u2013 Mann und Frau \u2013 stehen sich diskutierend gegen\u00fcber. Sie sehen sich an. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Andacht VRDW Wuppertal 2016 Pfingsten<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um sie herum stehen drei Sandsteins\u00e4ulen, auf denen sich eine rollende Kugel, eine Wolke und ein Kubus \u2013 ein W\u00fcrfel \u2013 befinden. Kugel, Kubus, Wolke stehen f\u00fcr das heutige Weltverst\u00e4ndnis. Die rollende Kugel: Dynamik, die dauernde Bewegung. Der Kubus steht f\u00fcr die Exaktheit und Logik der Wissenschaft, die F\u00fclle des Wissens. Und die Wolke \u2013 manche vergleichen sie mit einem Gehirn \u2013 f\u00fcr Fantasie, f\u00fcr Neues.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><\/h3>\n<p>II.<\/p>\n<p>In diesem Dreieck des Weltverst\u00e4ndnisses steht nun der Mann: \u201eSo kann ich die Welt, das Leben begreifen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daneben eine Frau: Sie wendet sich, ihn anblickend, nach links und weist mit ihrer Hand auf ein auf einem Stein liegendes Buch. Es ist die Bibel. Sie tritt bewusst einen Schritt aus dem Dreieck, das die S\u00e4ulen des Weltverst\u00e4ndnisses bildet, heraus. Sie nimmt eine weitere Dimension in den Blick \u2013 den Glauben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der aufgeschlagenen Seite der Bibel steht das Johanneswort (Johannes 14,6): \u201eIch bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Blick auf die Bibel erweitert die Sicht des Verstehens. Der Glaube mischt sich ein in das \u00fcbliche \/ bisherige Weltverstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das passt gut zu Pfingsten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Pfingstgeschichte) Neuausrichten. Hoffnung \u00fcber das Sichtbare. Verstehen \u00fcber Sprachgrenzen hinaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist der Geist Gottes, der unserem Verstehen Sinn und Orientierung verleiht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Glaube steht beileibe ja nicht im Widerspruch zum Verstehen, auch wenn manche das heute wieder konstruieren. Das Gegenteil von Glaube ist nicht Wissen, sondern allenfalls der Zweifel. Und ich glaube, um zu verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Glaube, herbeigeblasen vom Geist Gottes, ist wie eine weitere Dimension f\u00fcr das Weltverstehen. Von au\u00dfen. Unverf\u00fcgt. Aber doch sp\u00fcrbar, streitbar, immer neu zu ergr\u00fcnden, nicht fest.<\/p>\n<h3><\/h3>\n<p>III.<\/p>\n<p>Entsprechend ist die Skulpturengruppe begehbar. Jeder kann seinen Ort einnehmen, einen Moment verweilen und sich seinen Platz suchen. Stehe ich dem Mann n\u00e4her in seinem Denksystem? Bin ich eher bei der Frau, die sich dem Glauben zuwendet?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie f\u00e4llt das Sonnenlicht?<\/p>\n<p>Wo sind die Verbindungslinien?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie ver\u00e4ndert sich mein Standort? Mein Blick?<\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p>Durch Pfingsten in Bewegung kommen. Glauben, um zu verstehen&#8230; \u2013 Diesen Gedanken hat Anselm von Canterbury schon im 11. Jhd. kultiviert \u2013 eigentlich eine banale, einfache Weisheit, eine allt\u00e4gliche kirchliche \u00dcbung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber machen wir uns nichts vor: Der christliche Glaube wird derzeit schnell benutzt (missbraucht?), um festzunageln, was das \u201echristliche Abendland\u201c sein soll \u2013 allzu beweglich wird Glaube nicht verstanden und erst recht nicht unverf\u00fcgbar, durch Gott geschenkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder es wird versucht, Religion gleich ganz ausgesperrt aus den Spannungsfeldern unseres Lebens: entweder weil der \u201eIslam nicht zu Deutschland geh\u00f6rt\u201c (das ist die Parole von rechts) oder weil Religion etwas so Irrationales oder Privates ist, dass es nicht in die \u00d6ffentlichkeit geh\u00f6rt (das ist die vom Theologen Franz Segbers als \u201eHauruck-Laizismus\u201c kritisierte Tendenz von links).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Offenheit der Skulptur vor der Osnabr\u00fccker Katharinenkirche ist aber auch f\u00fcr unsere Kirchen und Gemeinden ein wichtiges und ermutigendes Bild: Nicht zur\u00fcckziehen aus dem Spannungsfeldern unserer Welt! Nicht st\u00e4ndig den Bedeutungsverlust des Glaubens beklagen, sondern sich nur richtig hinstellen, zugewandt, diskutierend.<\/p>\n<p>In Osnabr\u00fcck ist das mitten auf der agora, dem Marktplatzes&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir doch ein wenig mutiger mit Spannungen leben k\u00f6nnten! Mit Uneindeutigkeiten! Und die Spielr\u00e4ume s\u00e4hen, in denen wir uns hin- und her bewegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Glauben in den Blick nehmen, hei\u00dft in diesem Spannungsfeld ja eben nicht, sich in eine Bibelecke zu verziehen. Bildlich gesprochen: Ich m\u00f6chte eine Position einnehmen, wo ich den Glauben im Blick habe und ihn auf die anderen Kristallisationpunkten beziehe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Diakonie sind wir tagt\u00e4glich Spannungsfeldern ausgesetzt. Das ist eine gute \u00dcbung!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir f\u00e4nden sicher schnell Symbole f\u00fcr die Steelen: Etwa f\u00fcr die Spannung zwischen Wirtschaftlichkeit, Fachlichkeit, unserer Werteorientierung. Oder die Spannung von der langen Traditionen und der Moderne, zwischen Sozialstaatlichkeit und Unternehmergeist. Schlie\u00dft sich alles gar nicht aus, steht aber in Spannung &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Pfingsten l\u00f6st sich ja nicht die Geschichte der Jesus-Anh\u00e4nger mit ihren Spannungen auf:<\/p>\n<p>Es sprechen nicht pl\u00f6tzlich alle die gleiche Sprache, sondern wahrscheinlich weiterhin die eigene Sprache. Sie verstehen sich aber!<\/p>\n<p>Jesus ist nicht einfach wieder da. Vielmehr erzeugt der Geist den Mut, Gott ins eigene Leben einzubeziehen,<em> gerade weil <\/em>die Zeit mit dem irdischen Jesus vorbei ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist anstrengend. Und nicht eindeutig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch unser viel beschworenes \u201ediakonisches Profil\u201c ist nichts Eindeutiges, nichts Additives, keine fromme Ecke, sondern die eher etwas wie eine Lesebrille, mit der wir die Welt betrachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht einfach mit der k\u00fchnen Annahmen, dass es den liebenden Gott geben k\u00f6nnte &#8230;<\/p>\n<ul>\n<li>auf den N\u00e4chsten sehen.<\/li>\n<li>und die Welt.<\/li>\n<li>zu schauen, welche F\u00e4rbung meine Fantasie dann erh\u00e4lt&#8230;<\/li>\n<li>Wie mein Verstand ausgerichtet wird &#8230;<\/li>\n<li>Welches Vorzeichen die Dynamik mein Arbeiten und Strebens auf dieser Erde erh\u00e4lt&#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Zur Erinnerung:<\/p>\n<p>Die Skulpturengruppe steht vor einer Katharinen-Kirche. Katharina, so erz\u00e4hlt man von der Frau aus dem 4. Jhd., war sehr gl\u00e4ubig. Das missfiel dem Kaiser, und er schickte ein Heer von Philosophen, um Katharina von ihrem Glauben abzubringen. Sie sollten sie davon \u00fcberzeugen, dass der Glaube sinnlos ist. Am Ende \u00fcberzeugte Katharina ihrerseits die Philosophen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gehe durch die Welt, auch durch unser Diakonisches Werk, und wundere mich, welche Arbeit der Heilige Geist anrichtet und um welche Dimension er die vielleicht \u00fcbliche Weltsicht erg\u00e4nzt. Oft sind unsere Patienten und Bewohnerinnen oder unsere Klienten so etwas wie eine Katharina.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wir verorten uns auf unsern diakonischen Spielfeldern, zwischen Steelen. Und aus den Spannungsfeldern \u2013 aus den Spanungsfeldern werden oft Handlungsspielr\u00e4ume&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gebet <\/strong><\/p>\n<p>Lass uns in deinem Geiste erkennen, wo du uns in dieser Welt hingestellt hast. Es wird seinen tieferen Sinn haben.<\/p>\n<p>Hilf uns \u00c4ngste zu \u00fcberwinden, wo wir meinen, dass wir nicht gen\u00fcgen. Deine Gnade, deine Liebe gen\u00fcgt.<\/p>\n<p>Lass uns eine Gemeinschaft sein, die Deinem Geist Raum verleiht und wo das sichtbar wird, was du f\u00fcr diese Welt m\u00f6chtest:<\/p>\n<p>Schenke den Stummen eine Stimme.<\/p>\n<p>Gib den Fliehenden und Gejagten ein neues Zuhause.<\/p>\n<p>Lehre die Traurigen wieder das Lachen neu.<\/p>\n<p>Lass Verzweifelte ein rettendes Ufer sehen.<\/p>\n<p>Birg Kranke und Sterbende in deinen sch\u00fctzenden Armen.<\/p>\n<p>Zeige dich allen, die dich suchen und nach dir rufen.<\/p>\n<p>Was uns pers\u00f6nlich bewegt, bringen wir in der <strong>Stille<\/strong> vor Gott \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vater unser <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Segen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor der St.-Katharinen-Kirche in Osnabr\u00fcck steht diese Skulpturengruppe aus Bronze und Sandstein aus dem Jahr 1990. Zwei Menschen \u2013 Mann und Frau \u2013 stehen sich diskutierend gegen\u00fcber. Sie sehen sich an.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[29,12,5],"tags":[],"class_list":["post-639","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-diakonisch","category-pfingsten","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/639","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=639"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/639\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":640,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/639\/revisions\/640"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=639"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=639"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=639"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}