{"id":628,"date":"2017-01-11T22:54:04","date_gmt":"2017-01-11T21:54:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=628"},"modified":"2019-04-12T18:18:27","modified_gmt":"2019-04-12T16:18:27","slug":"fuerchtet-euch-nicht-weihnachten-2016-zu-lk-210-mit-joh-1633b","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=628","title":{"rendered":"F\u00fcrchtet euch nicht! (Weihnachten 2016 zu Lk 2,10 mit Joh 16,33b)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-191 size-medium\" src=\"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Krippe-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/>F\u00fcrchtet Euch nicht! &#8211; Ob damit in dieser Weihnachtsnacht nicht schon alles gesagt ist?! Ist das die Botschaft f\u00fcr uns am Ende dieses Jahres, das ein \u201eJahr der \u00c4ngste\u201c war? <!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt Heiligabend 2016<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gegen die Angst<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lk 2,10 mit Joh 16,33b<\/strong><\/p>\n<p>Schon vor dem schrecklichen Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt haben Umfragen hervorgebracht: Selten sind die \u201e\u00c4ngste der Deutschen\u201c innerhalb eines Jahres so stark gestiegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Welt scheint immer st\u00e4rker aus den Fugen zu geraten: Sicherheiten brechen weg. Wo wir uns unbeschwert in der \u00d6ffentlichkeit bewegten \u2013 da werden manche zur\u00fcckhaltener, vorsichtiger.<\/p>\n<p>Wo wir stolz sein konnten auf unsere offene Gesellschaft und unsere Meinungsfreiheit \u2013 da erleben wir, wie Hasstieraden verbreitet werden, absichtlich falsche Fakten gestreut und mit Emotionen Politik gemacht wird.<\/p>\n<p>Was bisher heilig war \u2013 wir haben es beim Brand der Lutherkirche vor 1 \u00bd Jahren selber erlebt -., ist nicht mehr sicher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das macht Angst \u2013 und ich sp\u00fcre diese tiefe Sehnsucht zur heiligen Nacht, dass mit ein \u201eF\u00fcrchte dich nicht\u201c eingefl\u00fcstert wird:<\/p>\n<p>Verliere nicht den Kopf und deinen Kompass in un\u00fcbersichtlichen Zeiten! Nicht deine Menschenfreundlichkeit, nur weil andere hassen und anderen das Hassen lehren!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lass dich nicht bange machen: Du stehst in einer Gemeinschaft, die heute Nacht auf die ungew\u00f6hnlichste aller Geschichten h\u00f6rt: Denn in das Allt\u00e4gliche einer Geburt wird das gesamte Geheimnis des Lebens und der Gottesoffenbarung gelegt. Es geht um ein Kind und den gl\u00fccklichen, wundersamen Beginn des Lebens. Unter welchen Schmerzen bringt die Mutter ihr Kind zur Welt \u2013 und welche Verantwortung und welcher Wert erw\u00e4chst daraus f\u00fcr das schutzlose Leben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lass dich nicht bange mache, auch wenn ein solches schutzloses Leben schnell ausgetilgt werden kann \u2013 der Herodes lauert hinter der Stallecke, auf den Kriegsschaupl\u00e4tzen dieser Welt, ja, vielleicht auch auf belebten Pl\u00e4tzen vielleicht in unserem Land. Aber: Die Freude \u00fcber das Leben siegt! Die Hoffnung ist st\u00e4rker als die Angst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Angst ist etwa Gesundes und Menschliches: Sie macht uns wach und aufmerksam, handlungsf\u00e4hig, hilft zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber wehe, die Falschen machen mit der Angst Politik! Es ist so einfach Angst einzufl\u00f6sen, weil die Welt immer schneller und un\u00fcbersichtlicher wird, immer mehr Nachrichten um die Welt fliegen, weil in jeder Gesellschaft ein Potential von Wut und Hass und Zerst\u00f6rung zu finden und zu aktivieren ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Angst weitet dann nicht die Sinne, sondern Enge macht sich breit. Fakten z\u00e4hlen nicht, nur Gef\u00fchle und Eindr\u00fccke. Die Angst <u>vor<\/u> den Fundamentalisten gesellt sich zur Angst <u>der<\/u> Fundamentalisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Auf der Landessynode hat unsere westf\u00e4lische Pr\u00e4ses Annette Kurschuss ihren Bericht zur Angst gesprochen. Manchen Gedanke nehme ich heute mit in diese Predigt. \u00dcberraschend und r\u00fchrend zu gleich: Sie hat uns Altenaer als ein eindr\u00fcckliches Gegenbeispiel gegen die Angst und gegen die Enge benannt. Sie sagte:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Ein eindr\u00fcckliches Gegenbeispiel konnte ich [\u2026] in der Evangelischen Kirchengemeinde in Altena erleben. Unbekannte hatten in der Lutherkirche mitten in der Nacht ein Feuer gelegt; der erst kurz zuvor kostspielig renovierte Kirchenraum war unbenutzbar, die Orgel schwer besch\u00e4digt. Bei meinem Besuch anl\u00e4sslich dieses Geschehens war ich tief beeindruckt, mit welcher f\u00fcr mich \u00fcberraschenden Weite der Herzen und Gedanken die Pfarrerin der Gemeinde, das Presbyterium und die Mitarbeitenden, mit denen ich sprach, nach dem ersten Schock der misslichen Situation begegneten. Kein Wort des Verdachts gegen die \u00fcberdurchschnittlich vielen Fremden in dieser kleinen Stadt, keine Spekulationen \u00fcber mutma\u00dfliche T\u00e4ter, keine feindselige oder resignierte Reaktion. Stattdessen eine pragmatische Analyse der Lage, ein zuversichtlicher Blick nach vorn, eine Nachbarkirche bot spontan \u201eAsyl\u201c, die Verantwortlichen r\u00fcckten n\u00e4her zusammen und sp\u00fcrten in dieser Gemeinsamkeit unerwartet neue Kraft. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>War Euch das bewusst? \u2013 War Euch klar, dass andere Menschen uns abgesp\u00fcrt haben, dass wir hier anders gehandelt haben? Sicher spontan anders, aber doch im Nachgang auch bewusst und sicher \u2013 und irgendwie auch selbstverst\u00e4ndlich. Mit Wut im Bauch, ja, mit so vielen Fragen nach dem Warum, aber doch weitestgehend ohne \u00fcbersteigerte Angst!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wie viel Energie ist freigesetzt worden, wenn die Energie sich nicht gegen Andere wendet. Im M\u00e4rz wird die Kirche wieder er\u00f6ffnet. Wir haben uns nicht unterkriegen lassen! Wir haben unsere Haltungen nicht ge\u00e4ndert! Wir haben getan, was wir zu tun hatten! Wir haben \u2013 so glaube ich \u2013 die Engel rechts und links der Kanzel sprechen geh\u00f6rt: \u201eF\u00fcrchtet Euch nicht!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Ist das eine zu hohe Erwartung, wenn man das von allen erwarten w\u00fcrde? Oder von denen, die ruhig geblieben sind oder sich gar abgewandt haben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erreicht das \u201eF\u00fcrchte dich nicht\u201c der Weihnachtsbotschaft die Menschen, die von Angst in die Enge getrieben sind?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sollten wir die \u00c4ngste der Menschen nicht ernster nehmen, wie die es fordern, die vorher die \u00c4ngste selbst gesch\u00fcrt haben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen zuh\u00f6ren, sie ernst nehmen \u2013 ja! \u2013Aber lasst uns ihnen auch sagen, wo ihre \u00c4ngste \u00fcbersteigert sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Menschen nicht erlauben, dass ihre \u00c4ngste sich gegen Andere wenden oder das gesellschaftliche Klima bestimmen.<\/p>\n<p>Nicht sch\u00f6nf\u00e4rben, nat\u00fcrlich nicht! Aber die Wahrheit zumuten! Differenzieren statt vereinfachen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Der erwachsene Jesus hat \u2013 als sich seine J\u00fcnger \u00e4nstigen, wie die Zeit ohne ihn werden w\u00fcrde \u2013 zu deren Angst gesagt (Joh 16,33b):<\/p>\n<p><em>\u201eIn der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt \u00fcberwunden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er sagt eben nicht: In der Welt <u>m\u00fcsst<\/u> ihr keine Angst haben, sondern: Die Angst geh\u00f6rt zum Leben dazu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u201eWelt\u201c (kosmos) ist im JohEv der Ort, wo Gott und seinem Sohn Unverst\u00e4ndnis und Hass entgegenschl\u00e4gt. Aber als ob die Menschwerdung Gottes aber nochmals eine nachtr\u00e4gliche Best\u00e4tigung br\u00e4uchte, hei\u00dft es aber im JohEv auch: \u201e<em>Also hat Gott die Welt geliebt<\/em>, dass er seinen eingeborenen Sohn sandte.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Angst geh\u00f6rt zum Leben dazu. Dieser Gott hat die Angst am eigenen Leibe gesp\u00fcrt, im Garten Gethsemane, am Kreuz, als Jesus Todesangst hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber in diesem Jesus von Nazareth \u00fcberwindet Gott die Angst. Die Geburt dieses Kindes ist der Ankerpunkt f\u00fcr die Angst der Menschen, die \u201eF\u00fcrchte-Dich-Nicht\u201c-Botschaft, die buchst\u00e4blich Hand und Fu\u00df bekommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus kann im JohEv aus der Perspektive von Ostern her sagen: \u201eIn der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, <u>ich habe die Welt \u00fcberwunden.\u201c<\/u><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Martin Luther war bis auf die Knochen von der Angst vor einem strafenden Gott gepeinigt. Dann entdeckte er in der Bibel den gn\u00e4digen Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Luther nahm hinsichtlich der Angst hat eine entscheidende Unterscheidung vor: Er unterschied zwischen Sicherheit und Gewissheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sicherheit im Leben \u2013 das wusste er schon in Zeiten von Epidemien, Kriegen und willk\u00fcrlichen F\u00fcrsten -: Sicherheit im Leben gibt es nicht. Dessen werden wir in diesen Tagen auch wieder schmerzhaft bewusst, davon k\u00f6nnen die Fl\u00fcchtlinge, die aus Syrien oder Afghanistan zu uns gekommen sind, berichten, wenn inzwischen dazu im Stande sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt keine Sicherheit. Aber Luther betont: Aber Gewissheit. Luther entdeckte eine tragende Beziehung zu Gott, der so liebevoll und gn\u00e4dig ist, dass er der Menschheit unverdienterma\u00dfen seinen eigenen Sohn schenkt. Das macht gewiss:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass immer neu frei werde von Angst durch seine Vergebung und seinen Zuspruch. Dass Gott immer treu mit mir verbunden bleibt, weil er diese Welt liebt und letztlich sogar diese Welt, so sehr sie auch aus den Fugen ger\u00e4t, \u00fcberwunden hat.<\/p>\n<p>Wie w\u00e4re es, wenn wir das weihnachtliche \u201eF\u00fcrchte dich nicht\u201c mit in das Reformationsjubil\u00e4um n\u00e4hmen? Als eigentliches Thema, das wir Evangelische der Welt sagen k\u00f6nnten und vorleben?! Wenn wir nicht bange sein m\u00fcssten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dieser Nacht \u00fcben wir uns ein: zu h\u00f6ren \u201eF\u00fcrchte dich nicht!\u201c und zu singen von \u201eGeist und Sinn, Herz, Seel und Mut\u201c, was Gott wohlgef\u00e4llt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und gesagt ist tats\u00e4chlich alles mit den Worten des Engels: \u201eF\u00fcrchtet Euch nicht!\u201c Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcrchtet Euch nicht! &#8211; Ob damit in dieser Weihnachtsnacht nicht schon alles gesagt ist?! 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