{"id":6267,"date":"2020-03-02T19:58:42","date_gmt":"2020-03-02T18:58:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=6267"},"modified":"2020-04-06T22:47:45","modified_gmt":"2020-04-06T20:47:45","slug":"jesus-malt-im-sand-zu-joh-81-11","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=6267","title":{"rendered":"Jesus malt im Sand &#8211; Zu Joh 8,1-11"},"content":{"rendered":"<p>Was sagst du <em>dazu<\/em>? fragen sie: Ehebruch, gegen das Gesetz! Todesstrafe! Was sagst du <em>dazu<\/em>? fragen sie Jesus, wissend dass sie mit ihrer Emp\u00f6rung und ihrer Welle \/ Recht haben. Ihre Emp\u00f6rung ist wohl gesetzt, die \u00d6ffentlichkeit wohl inszeniert.<!--more--><em>(Ansprache Abendmahlsandacht zur Leitungskonferenz dre Diakonie, Feburar 2020)<\/em><\/p>\n<p>Er, der Gutmensch, der immer mit der Barmherzigkeit und dem Verzeihen kommt, dem mit \u201eseiner N\u00e4chstenliebe\u201c die Herzen der Zuh\u00f6rer zufliegen: Wenn du dich wirklich so gut in der Tora auskennt, wie du immer tust, dann zeig jetzt klare Kante: Was sagst du <em>dazu? <\/em>Wenn jetzt nicht die Brandmauer steht gegen die S\u00fcnde und diese S\u00fcnderin \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das \u201eWas sagt du \/ <em>dazu<\/em>\u201c ist von Anfang an ein \u201eWas sagst <em>du<\/em> dazu?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So, Jesus, jetzt wollen wir mal sehen, wie du dich da rauswindest: Sagt er, nein, ihr sollt sie nicht steinigen, dann hat er Gottes Gebot gegen sich und muss selbst aus der Gemeinde ausgeschlossen werden. Wer nicht f\u00fcr uns ist, ist gegen uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sagt er, steinigt sie, dann glaubt ihm keiner mehr, was seine Zeitgenossen so fasziniert: dass Liebe st\u00e4rker ist als Gewalt, Umkehr m\u00f6glich ist in Todesnot.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine Spannung, im w\u00f6rtlichen Sinne. Was f\u00fcr eine Provokation. Was f\u00fcr eine Machtprobe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Und Jesus \u2026 \u2013 und das ist mein Blick auf die Geschichte heute: Was tut Jesus?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEr beugt sich herab und schreibt mit dem Finger auf die Erde.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was er schreibt, erfahren wir nicht. Es scheint auch nicht wichtig. \u2013 Jesus h\u00e4lt inne. Er gewinnt Zeit. Und: Er \u00e4ndert seine Perspektive auf seine Widersacher: Er b\u00fcckt sich, beschaut sich die Situation von unten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Spannung bleibt, vielleicht steigt sie sogar. Aber erst einmal nicht provozieren lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er antwortet noch nicht, obwohl er wei\u00df, dass er nicht schweigen kann. Er wird nicht unentschieden bleiben, aber er l\u00e4sst sie einmal ins Leere laufen. Warum sofort \u00fcber <em>dieses <\/em>St\u00f6ckchen springen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und worum geht es hier \u00fcberhaupt?, k\u00f6nnte Jesus denken. Geht es seinen Kontrahenten um das Gebot Gottes? Bei genauerer Betrachtung ist die Tora nur bei w\u00f6rtlichem Gebrauch so eindeutig. &#8211; Geht es ihnen um die Frau? Dann m\u00fcssten sie auch den zugeh\u00f6rigen Mann herbeizerren, der ebenfalls dran glauben m\u00fcsste, aber anscheinend \u00fcber alle Berge ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein, es geht ihn doch nur um Jesus. Die Frau ist nur S\u00fcndenbock. Das Gebot Gottes nur Mittel zum Zweck. Sie werden <em>ihn<\/em> jagen. So haben sie es seit seinen Worten und Taten angek\u00fcndigt haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Jesus l\u00e4sst sich nicht auf falsche Alternativen ein, auf kein einfaches Entweder-Oder. Als sie nachsetzen, erhebt er sich: \u201eWer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.\u201c \u2013 Und b\u00fcckt sich wieder und schreibt weiter: Er bricht wieder den Blickkontakt ab, diesmal um sie nicht zu besch\u00e4men und nicht seinerseits mit dem Finger auf sie zu zeigen. Sie k\u00f6nnen selber frei entscheiden, ob sie von diesem Satz getroffen sind oder nicht. Sie k\u00f6nnen den Blick von Jesus nehmen und auf sich selbst blicken. Wahrscheinlich f\u00e4llt ihn Einiges ein, denn schlie\u00dflich gehen sie unverrichteter Dinge fort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das diese Gesetzeslehrer das tun, ist bemerkenswert. Es unterscheidet sie von vielen: Keine Ausreden, keine Selbstrechtfertigung, keine weitere Eskalation, keine Aggression. Ja, sie kennen letztlich doch ihre Tora, sie lassen sich \u00fcberf\u00fchren. Jesus wahrt ihr Gesicht, und gibt ihnen die Gelegenheit wegzugehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie verpassen das zweite Bemerkenswerte: Jesus entscheidet sich zu einer klaren Haltung gegen\u00fcber der Frau und gegen\u00fcber dem, was sie getan hat \u2013 und zwar genau in dieser Unterscheidung: \u201eDich [als Person, als Mensch] hat keiner verdammt \u2013 so tue ich es auch nicht.\u201c Und gleichzeitig sagt er: \u201eGeh hin und s\u00fcndige hinfort nicht mehr\u201c, also: \u201eTu dies nicht wieder!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist die ur-evangelische Unterscheidung: Gott liebt die S\u00fcnder\/die S\u00fcnderin, aber er hasst die S\u00fcnde. Jesus zieht eine klare rote Linie, was das Verhalten dieser Frau angeht, aber er moralisiert oder verurteilt gar nicht nach hinten, sondern erm\u00f6glicht einen neuen Weg nach vorne. Und er zieht er eine klare gr\u00fcne Linie: pro Mensch, der sich \u2013 wieder reformatorisch gesprochen \u2013 nicht vor Gott bestehen muss, auch gar nicht kann, sondern von ihm freigesprochen wird. So frei geht diese Frau dann wohl hin. Was sie aus dieser Freiheit macht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Viele von uns werden \u201eMiteinander reden\u201c von Friedemann Schulz von Thun gelesen haben. In einer Fortsetzung vor einigen Jahren hat er sein Kommunikationsmodell nochmals erweitert. Mir fiel es zu dieser Geschichte ein und zu dem, was uns v.a. morgen fr\u00fch erwartet. Schulz von Thun unterscheidet beim Umgang mit Konflikten drei Sprossen einer Leiter. \u201eVerstehen\u201c, \u201eVerst\u00e4ndnis haben\u201c \u201eEinverstanden sein\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich \u201eversteht\u201c Jesus, was die Gesetzestreuen wollen und was sie bewegt und malt daher abwartend im Sand. Er duckt sich nicht weg, als es darum geht, Verst\u00e4ndnis oder kein Verst\u00e4ndnis zu zeigen \u2013 \u201ewer unter euch ohne S\u00fcnde ist, werfe den ersten Stein.\u201c Und dann dr\u00fcckt er parteilich f\u00fcr die Frau aus, dass er nicht mit der Vorverurteilung einverstanden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir teilen gleich Brot und Kelch. Wir festigen unsere Gemeinschaft. Das tut immer not. Ich w\u00fcnsche mir, dass wir beieinander bleiben, auch wenn wir uns mal auseinandersetzen. Dass wir neu finden, wenn wir uns verlieren. Dass wir eine \u201ek\u00e4mpfende Liebe\u201c entdecken, wenn es um den Menschen geht (Karl Jasper). Und: Dass wir uns an diesem Jesus von Nazareth orientieren k\u00f6nnen, der an manchem Punkt eben nichtmehr alles ausdiskutiert, sondern einfach mit den Fingern im Sand malt\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sagst du dazu? fragen sie: Ehebruch, gegen das Gesetz! Todesstrafe! 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