{"id":626,"date":"2017-01-11T21:50:59","date_gmt":"2017-01-11T20:50:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=626"},"modified":"2017-01-11T21:50:59","modified_gmt":"2017-01-11T20:50:59","slug":"kein-ansehen-der-person-buss-und-bettag-2016-zu-roem-21-12","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=626","title":{"rendered":"Kein Ansehen der Person (Bu\u00df- und Bettag 2016 zu R\u00f6m 2,1-12)"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWo ist mein Mann?\u201c, fragt eine alte Frau auf die Terrasse eines privaten Altenheims. Ich sitze dort mit einem Bauinvestor und zwei Pfarrkolleginnen. Wir tauschen uns \u00fcber das Haus aus bei einem gemeinsamen Mittagessen auf dieser Terrasse.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Christuskirche Recklinghausen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Bu\u00df- und Bettag 2017<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kein Ansehen der Person vor Gott #R\u00f6m 2,1-11<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWo ist mein Mann?\u201c \u2013 Die Frau steht vor unserem Tisch und schaut sich suchend (und schon ein wenig verzweifelt!) um.<\/p>\n<p>Eine meiner Kolleginnen steht auf, sagt ruhig und zugewandt: \u201eSchauen Sie doch mal drinnen nach! Dort hilft Ihnen sicher jemand, Ihren Mann zu finden!\u201c<\/p>\n<p>Die Frau nickt dankbar und bewegt sich mit einiger M\u00fche durch die T\u00fcr zur\u00fcck ins Altenheim.<\/p>\n<p>Der Bauinvestor lobt: \u201eToll, wie sie das gemacht haben. Da sieht man: Sie gehen mit solchen Situationen h\u00e4ufiger um.\u201c<\/p>\n<p>Es entwickelt sich eine angeregte Diskussion \u00fcber Demenz und wie hilflos oft \u00e4ltere Menschen sind.<\/p>\n<p>Wenige Minuten kommt die \u00e4ltere Frau erneut auf die Terrasse. Unsere Blicke begleiten sie. Sie bewegt sich auf uns zu, dreht sich halb um und weist auf die T\u00fcr, wo eine weitere Person hinter ihr her kommt: \u201eDa ist mein Mann, ich habe ihn gefunden. Danke nochmals f\u00fcr die Hilfe!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>wie schnell tappen wir in die Beurteilungsfalle!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dabei \u201ehast du keine Entschuldigung, Mensch \u2013 wer auch immer du bist\u00a0\u2013, wenn du \u00fcber andere urteilst\u201c, schreibt Paulus im R\u00f6m.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe f\u00fcr mich versucht, den Gedankengang des Predigttextes aufzumalen: Es ist die Warnung des Paulus, nicht \u00fcbereinander zu urteilen, weil letztlich Gott den Menschen beurteilt.<\/p>\n<ul>\n<li>Vor Gott sind gleich: Heiden und Juden stehen mit ihrer Schuld gleicherma\u00dfen vor Gott, hei\u00dft es sp\u00e4ter im R\u00f6m.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Gott gibt zur\u00fcck, wie es dem Leben der Menschen entspricht: Denen, die Bu\u00dfe tun, gibt er ewiges Leben aus lauter Gnade. Denen, die bu\u00dfunfertig sind, \u201eleidenschaftlichen Zorn\u201c. <em>Gott<\/em> soll der Richter sein, weil der Mensch das nicht beherrscht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Ob das so einfach ist? \u2013 Nat\u00fcrlich urteilen und richten wir \u00fcber Menschen. Wir schreiben Zeugnisse, bewerten st\u00e4ndig Leistungen. Wir haben vorgefertigte Blicke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es Richter, die \u00fcber andere Menschen urteilen. Viele haben neulich im ARD-Fernsehspiel \u201eTerror\u201c von Ferdinand von Schirrach die fiktive Gerichtsverhandlung mitverfolgt, in der es um \u201eschuldig\u201c oder \u201enicht schuldig\u201c in einem ethischen Grenzfall ging: Ist der Abschuss eines von Terroristen entf\u00fchrten Flugzeuges legitim, vielleicht sogar legal, wenn damit ein gr\u00f6\u00dferes Verbrechen verhindert wird? Ein Argument dagegen war \u00fcbrigens, dass kein Soldat sich als <em>Richter<\/em> \u00fcber Leben und Tod erheben darf. Ein Argument daf\u00fcr war, dass ein Mensch in einer solchen Situation nie <em>schuldlos<\/em> bleiben kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch um das <em>juristische <\/em>Richten geht es Paulus nicht, sondern um das Ver-Urteilen und Be-Werten von Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich stelle mir vor, wie Martin Luther auch an diesen Zeilen seine reformatorische Entdeckung gemacht hat \u2013 der R\u00f6m war f\u00fcr ihn ja entscheidend, in dem Paulus festh\u00e4lt: Jeder Mensch ermangelt des Ruhms vor Gott. Daher ist es pure Gnade, dass es kein Ansehen der Person vor Gott gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Keiner hat das Recht, sich \u00fcber den anderen zu erheben. Das gilt f\u00fcr jeden Richter, f\u00fcr jede Lehrerin, auch f\u00fcr neu gew\u00e4hlte Staatspr\u00e4sident. Aber auch f\u00fcr jeden von uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir regen uns viel zu sehr \u00fcber Menschen auf als \u00fcber Zust\u00e4nde. Wir verurteilen Personen statt ihre Positionen zu kritisieren.<\/p>\n<p>Vor Gott gilt die feine, aber so existentiell wichtige Unterscheidung von Person und Werk: der Mensch ist als solcher ist bedingungslos geliebt, selbst wenn Gottes Zorn schwillt \u00fcber das, was er tut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich steckt in dieser reformatorischen Erkenntnis eine einfache Regel f\u00fcr den Alltag: nicht vorschnell urteilen \u00fcber Menschen! Keine Schubladen aufziehen, so wie es uns mit der augenscheinlich dementen Frau passiert ist! Menschen nicht festlegen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und: F\u00fcr mich steckt in der reformatorischen Erkenntnis die Kraft, dem derzeitigen gesellschaftlichen Klima entgegenzutreten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich merke, wie sich der Ton in sozialen Netzwerken versch\u00e4rft hat und auch auf den pers\u00f6nlichen Umgang abf\u00e4rbt. Politische und gesellschaftliche Debatten werden roher; Kommunalpolitiker werden bedroht, wenn sie sich f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge einsetzen. Emotionen werden wichtiger als Fakten. Es fehlt an Respekt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleichzeitig begehren Menschen gegen das Establishment auf \u2013 wie jetzt in den USA &#8211; , weil ihr Leben von der Gesellschaft abgekoppelt ist. Gegen solche Kritik ist ja nichts einzuwenden (auch wenn Donald Trump selber diesem Establishment entstammt).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Problem ist aber die Geisteshaltung, mit der die Establishment-Kritik befeuert wird. Denn hier werden nicht Zust\u00e4nde kritisiert, sondern schlicht Menschen diffamiert. Kern des Populismus Trumps ist das Abwerten und Aburteilen derjenigen, die nicht dazugeh\u00f6ren: Schwarze, Muslime, Schwule. \u00c4hnlich denken Rechtspopulisten in Deutschland und Europa.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Autorin Carolin Emcke hat in ihrer Dankesrede f\u00fcr den Friedenspreis des Buchhandels davor gewarnt, dass der moderne Populismus von der Vorstellung eines homogenen Volkes ausgeht, in dem alle Menschen (vor-)sortiert werden nach Identit\u00e4t und Differenz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Be-Wertet, Ver-urteilt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit w\u00fcrde \u2013 so Carolin Emcke \u2013 alles Dynamische, alles Vielf\u00e4ltige an den eigenen kulturellen Bez\u00fcgen und Kontexten negiert. Wer sich nicht einordnet, nicht unterordnet, wer anders ist, bekommt es mit dem ausgrenzenden Fanatismus der urteilenden Ma\u00dfe zu tun. Dieser ausgrenzende Fanatismus besch\u00e4dige nicht nur die Opfer, sondern die offene Gesellschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei Paulus hingegen ist der Mensch, so verschieden er ist, gleich-rangig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Menschenbild Gottes ist ein inklusives.<\/p>\n<p>Es gibt vor Gott keine Leute, die nicht z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist ein Gl\u00fccksfall und alles andere als profillos: Erstmals feiert die Evangelische Kirche Reformationsjubil\u00e4um, das nicht in Abgrenzung zu anderen gefeiert wird, sondern \u00f6kumenisch, europ\u00e4isch und aufgekl\u00e4rt. In vergangenen Jahrhunderten war es abgrenzend und verurteilend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor Gott gibt es kein Ansehen der Person, sagt Paulus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wer es nicht mit Gott h\u00e4lt: Schon aus r\u00f6mischer Zeit geh\u00f6rt es zu unserer Rechtstradition, dass das Ansehen der Person bei der Rechtsprechung selbstverst\u00e4ndlich nicht gilt, unabh\u00e4ngig davon, was jemand ausgefressen hat: Die Justitia, die Gerechtigkeit, wird als Figur immer mit Augenbinde dargestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Apropos: In Hamburg kann man den \u201eDialog des Dunkel\u201c besuchen. Sehbehinderte Menschen f\u00fchren sehende G\u00e4ste durch stockdunkle R\u00e4ume, eine K\u00fcche, wo man versuchen muss, den \u2013 nat\u00fcrlich ausgeschalteten \u2013 Herd zu ertasten, \u00fcber einen Marktplatz mit Fu\u00dfg\u00e4ngerampel bis hin zu einem Caf\u00e9, wo man ein Getr\u00e4nk einnimmt.<\/p>\n<p>In diese unbekannte Welt einzutauchen ist f\u00fcr einen Sehenden extrem schwer, weil man sofort auf Hilfe angewiesen ist, w\u00e4hrend sich der Sehbehinderte routiniert in seinem Alltag bewegt.<\/p>\n<p>Das f\u00fcr mich Entscheidende: Man verabschiedet sich am Ende im Dunkeln, so dass man seinen Guide nie sieht. Es bleibt nur der Eindruck \u00fcbers H\u00f6ren und F\u00fchlen zur\u00fcck: seine Stimme und seine helfende Hand, sein Humor mit uns Sehenden. Dabei w\u00fcrde man sich so gerne ein Bild machen!<\/p>\n<p>Aber ob er d\u00fcnn oder dick, h\u00fcbsch oder h\u00e4sslich ist \u2013 all das habe ich nicht gesehen und konnte mir kein \u201eVor\u201c-Urteil erlauben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Mensch hatte so kein \u201eAnsehen\u201c vor mir. Genauso wie vor Gott. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWo ist mein Mann?\u201c, fragt eine alte Frau auf die Terrasse eines privaten Altenheims. Ich sitze dort mit einem Bauinvestor und zwei Pfarrkolleginnen. 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