{"id":624,"date":"2017-01-11T21:49:10","date_gmt":"2017-01-11T20:49:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=624"},"modified":"2017-01-11T21:49:10","modified_gmt":"2017-01-11T20:49:10","slug":"die-leitwaehrung-der-religion-abschiedspredigt-aus-altena","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=624","title":{"rendered":"Die Leitw\u00e4hrung der Religion (Abschiedspredigt aus Altena)"},"content":{"rendered":"<p>Was ist die Leitw\u00e4hrung der Religion? Auf welche Frage antwortet unser christlicher Glaube? <!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Pfingstmontag<\/strong><\/p>\n<p><strong>St. Matth\u00e4us<\/strong><\/p>\n<p>Jedes System unserer komplexen Gesellschaft hat einen besonderen Code: In der Wirtschaft geht es um Bezahlung oder Nichtbezahlung, in der Politik um Macht und Ohnmacht, in der Medizin um Gesundheit und Krankheit, in der Juristerei um Recht und Unrecht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber worum geht es in der Religion?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist alles andere als nur eine akademische Frage (die Niclas Luhmann in seinem grundlegenden Werk \u00fcber die \u201eSozialen System\u201c f\u00fcr die Religion \u00fcbrigens offen l\u00e4sst). Es ist eine Frage, die f\u00fcr uns, die wir Religion vertreten und verk\u00f6rpern, von entscheidender Bedeutung ist: Wonach fragen wir, was kein anderer fragt? Worauf haben wir eine spezifisch religi\u00f6se Antwort?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich hatte mir die Frage f\u00fcr diese Predigt zurechtgelegt, mit dem wunderbaren Wort Luthers aus der \u201eVorrede zum R\u00f6merbrief\u201c (1522). In dieser Woche haben wir f\u00fcr alles Nachdenken eine neue Dimension, eine neue Erfahrung hinzubekommen, nachdem unsere wundersch\u00f6ne Lutherkirche brannte (und wir hier einen Ort, eine Heimat f\u00fcr diesen Gottesdienst gefunden haben).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir kommen mit Erlebnissen und Erfahrungen, die \u201eSinnfetzen\u201c sind und sich noch nicht zu einem Bild zusammensetzen: Da schl\u00e4gt eine Turmuhr. Da l\u00e4uten die Glocken zum Gottesdienst. Die Kirche lebt noch! Da erinnere ich mich an die funkelnden Augen der Kindergartengruppe, die noch kurz vor dem Brand die Sch\u00f6nheit der Kirche bewunderte. Da ist mir beschrieben worden, wie die Feuerwehrleute am Altar der verkohlten Kirche standen und mit Pfarrer Dieter Cla\u00dfen am Ende der L\u00f6schaktion gebeten haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da sind so zahlreiche Reaktionen und immer wieder die Frage: Warum macht das einer? Welchen Sinn macht das? Gleichzeitig bieten Menschen ihre Hilfe an. Wir r\u00fccken zusammen. Dann kann man nicht umfallen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da bekommt die Frage, was die Leitw\u00e4hrung der Religion sein kann, pl\u00f6tzlich einen Sitz im Leben. Auch ich bin konfrontiert damit: Was ist nun die Sache der Religion?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p><em>\u201eGlaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal daf\u00fcr sterben w\u00fcrde. Und solche Zuversicht und Erkenntnis g\u00f6ttlicher Gnade macht fr\u00f6hlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen; das wirkt der heilige Geist im Glauben.\u201c (Martin Luther)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So schreibt es Martin Luther in seiner Vorrede zum R\u00f6merbrief-Kommentar 1522. Ich erg\u00e4nze: als der Streit um den Ablasshandel innerhalb der Kirche bereits ausgebrochen ist, der die westliche Christenheit entzweien soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den R\u00f6merbrief hat Luther neu entdeckt. Aus ihm hat er herausgelesen, dass der Mensch gerecht wird vor Gott nur aus Glauben: Keine Gerechtigkeit durch Werke. \u2013 Jahrhundertelang haben unsere Konfessionen darum gestritten, anstatt aus dem R\u00f6m herauszulesen, dass dort zu aller erst die Einheit der jungen Kirche im Evangelium beschrieben wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Glaube, Gerechtigkeit, Gesetz \u2013 geben uns diese gro\u00dfen Hauptw\u00f6rtern des christlichen Glaubens heute unsere Platzanweisung? Tragen diese gro\u00dfen Begriffe noch oder m\u00fcssten wir sie wieder neu erkl\u00e4rt werden? Arbeiten wir uns an ihnen vergeblich ab?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dem kraftvollen Luther-Wort kommen auch noch \u201eGnade\u201c, \u201eZuversicht\u201c und \u201eErkenntnis\u201c vor und das \u201efr\u00f6hlich, trotzig und lustig\u201c-Sein, was sich ein wenig nach dem Lebensmotto von Johannes Bosco anh\u00f6rt, dem katholischen Priester und Erzieher des 19. Jhd.: \u201efr\u00f6hlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich klingt das schon konkreter: Wir haben viele \u201efr\u00f6hliche\u201c und \u201elustige\u201c Momente in den sieben Jahren gehabt, die ich hier war. Unsere Gemeinde(n) leben aus der Gemeinschaft. Es \u00fcberwiegen die Erinnerungen an sch\u00f6ne Feste und Begegnungen, wo es einfach fr\u00f6hlich zuging. Das brauchen wir hier! Das haben wir uns nicht nehmen lassen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir haben in unserer evangelischen Gemeinde auch sicher so manchen Trotz entwickelt. Wir k\u00f6nnen uns neue Gemeindeglieder ja nicht backen, alle H\u00e4user und Kirchen konnten wir nicht gegen die schwindenden Finanzen halten. Aber die Lenne herunter gegangen ist allenfalls jede Menge Wasser, nicht aber unsere \u2013 wie Luther da formuliert &#8211; \u201everwegene Zuversicht\u201c, dass Gott uns genau hierhin gestellt hat. Ich bin stolz auf unseren zuversichtlichen und positiven Trotz, den wir entwickelt haben, und dass wir uns ge\u00f6ffnet haben in die Kommune, in die Stadt. Denn in dieser Stadt tut keiner etwas ohne den Anderen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Aber Moment: Luther schreibt in aller Deutlichkeit, dass man diese Zuversicht nicht selbst erzeugen kann: Solche Zuversicht wirkt der Heilige Geist.<\/p>\n<p>Zu meinen, man k\u00f6nnte sich Glauben selbst aneignen, so als w\u00e4re es eine menschliche M\u00f6glichkeit oder ein Traum, etwas Erzeugnbares oder gar Steuerbares oder ein Habitus \u2013 genau das ist f\u00fcr Luther in Anlehnung an den R\u00f6m \u201eUnglaube\u201c und damit \u201eS\u00fcnde\u201c. Nein, um es pfingstlich zu sagen: Der Heilige Geist tut mit Lust und Liebe sein Werk an uns. Und Glaube bewirkt allein die freie Gnade Gottes. Auch der Glaube, auch die Zuversicht, alles Fr\u00f6hlich- und Trotzig-Sein ist keine eigene Entscheidung, sondern ein unverf\u00fcgbares Geschenk. Es wird zuteil!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mir ist dies in den letzten Tagen sehr wichtig geworden: Wir haben ja gleich gesagt, dass wir weitermachen und wiederaufbauen. Dass wir die Kraft haben werden und positiv denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber das k\u00f6nnen wir als Christen nicht wie eine Durchhalteparole formulieren, so wie sie ein Fu\u00dfballtrainer spricht, der nach einer Niederlage an die Wende glauben muss, oder ein Politiker, der in einer schwierigen Situation qua Amt Sicherheit und Klarheit verbreiten muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein, wenn wir Zuversicht ausstrahlen, dass tun wir das eben nicht aus uns selbst heraus, sondern weil Gott uns das \u201egratis\u201c, aus Gnade, als Geschenk zuwendet. Er gibt so viel Widerstandskraft, wie wir brauchen, nicht auf Vorrat, aber t\u00e4glich ausreichend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das schlie\u00dft auch ein, dass wir uns nicht immer sicher sein m\u00fcssen und auch nicht so tun m\u00fcssen. Unsere Zuversicht kann \u201etausendmals sterben\u201c, schreibt Luther: Sie kann einbrechen. Wir k\u00f6nnen zweifeln. Wir werden schwach. Dann k\u00f6nnen wir neu um Zuversicht beten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen auch verletzbar sein in unserem Glauben. Ich habe in den letzten Tage viele Menschen gesprochen, die vor allem den Glauben an den Menschen an sich verloren haben: wie kann man so was tun? Wem kann man \u00fcberhaupt noch glauben? Alles das geh\u00f6rt \u201etausendmal\u201c dazu, um dann doch die \u201everwegene Zuversicht\u201c an Ende einfach geschenkt zu bekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir haben in dieser Woche etwa auf so wundersame Weise die Worte aus Psalm 27 neu in die H\u00e4nde gelegt bekommen, dem Wochenpsalm der Woche, als die Kirche brannte. Er ist so, als ob er f\u00fcr uns formuliert w\u00e4re: mit der Hoffnung auf die sch\u00f6nen Gottesdienste im Hause des Herrn, ein lebenlang. Und mit dem Harren, dem Bleiben und Nicht-Weichen. Dieser Psalm ist ein Geschenk geworden!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Das <\/em>ist dann doch das, was Religion heute einzigartig machen k\u00f6nnte, was die besondere W\u00e4hrung des Glaubens sein k\u00f6nnte: keine Durchhalteparolen, sondern die Zuversicht, die buchst\u00e4blich vom Himmel f\u00e4llt, die aber die Tr\u00e4nen erlaubt und die die Verletzbarkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer seine Kirche \u00f6ffnet und keinen Zaun drum baut, wer ans Gute im Menschen glaubt, dessen Zuversicht, dessen Glaube ist verletzbar. Aber das sagt nicht das Geringste \u00fcber die Plausibilit\u00e4t dieses Glaubens, \u00fcber seine wirkliche Kraft. Dieser Glaube kann wunderbar fr\u00f6hlich und trotzig aus der Gnade Gottes sch\u00f6pfen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Nun geht ein Pfarrer. Anders als geplant in einem schwierigen Moment.<\/p>\n<p>Aber schon beim biblischen Pfingstfest geht es weniger um Personen als um das Ereignis und das Verstehen aller Umnstehenden.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns Protestanten geht es auch beim Evangeliumstext, den wir vorhin geh\u00f6rt haben, weniger um Petrus als Person, als um seinen Glauben, den Gott in ihm entfacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die <em>Gemeinde<\/em> tr\u00e4gt in sich den Glauben, der sehr wohl durch die Predigt geweckt werden soll. &#8211; Ich h\u00e4nge sehr an den Menschen hier, ich habe in dieser Stadt gerne zu den Menschen gepredigt und sie begleitet. Ich habe f\u00fcr mein Amt und meine Person bis auf ganz wenige Ausnahmen viel Unterst\u00fctzung und Wertsch\u00e4tzung erfahren. Das l\u00e4sst mich befreit und froh gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber wenn ich ernst nehme, was ich gerade gesagt habe, dann tr\u00e4gt die Gemeinschaft der Glaubenden weiter, als was einzelne Personen bewirken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ja, es tr\u00e4gt der Glaube sogar weiter als ein Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Abwandlung an einen mir nicht ungelittenen Fu\u00dfballtrainer, der auch nach sieben Jahren an diesem Wochenende \u201eTsch\u00fc\u00df\u201c gesagt hat, m\u00f6chte ich formulieren: \u201e7 Jahre Lutherkirche \u2013 sie war meine Heimat, und das supergerne, eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Kirche, ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Ort, der nat\u00fcrlich nicht deshalb so au\u00dfergew\u00f6hnlich ist, weil er so phantastisch gebaut ist, sondern weil Ihr alle ihn zu diesem au\u00dfergew\u00f6hnlich Ort gemacht habt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun sind wir hier in dieser Kirche. Mit der <em>gemeinsamen <\/em>Zuversicht. Nicht l\u00f6sgel\u00f6st, aber letztlich doch unabh\u00e4ngig von Geb\u00e4uden und Personen. Die Gemeinde findet einen Ausweichort, wo Gott Zuversicht wecken wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihr werdet sehen, dass eine Gemeinde, eine Stadt, Menschen, die so etwas durchgemacht haben, noch st\u00e4rker daraus hervorgehen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist die Leitw\u00e4hrung der Religion? 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