{"id":614,"date":"2017-01-11T21:37:15","date_gmt":"2017-01-11T20:37:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=614"},"modified":"2017-01-11T21:37:15","modified_gmt":"2017-01-11T20:37:15","slug":"die-stalingrad-madonna-weihnachten-2014","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=614","title":{"rendered":"Die Stalingrad-Madonna (Weihnachten 2014)"},"content":{"rendered":"<p>Ach, wenn es das Gute doch g\u00e4be &#8230; Zur Heiligen Nacht sehnen wir uns nach dem Guten und Sch\u00f6nen. Nach Frieden und Ruhe. Wir erhoffen tiefe Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit, so wie die Darstellung auf dem Gottesdienstprogramm.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Lutherkirche Altena<\/strong><\/p>\n<p><strong>Heiligabend Christmette<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zur Stalingrad-Madonna von Kurt Reuber<\/strong><\/p>\n<p>Dort sehen wir die Maria mit ihrem Kind: Der Kopf der Mutter ist \u00fcber das Kind geneigt. Ein gro\u00dfes Tuch ummantelt die beiden: Welch eine innigen Haltung, welch eine Geborgenheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Bild r\u00fchrt f\u00fcr mich die innigsten Sehns\u00fcchte des Menschen, die an Weihnachten Form und Ausdruck finden. Weihnachten ist eine echtes Innehalten, eine Unterbrechung: Zeit f\u00fcr diese Sehnsucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Lasst uns bei allem aber nicht vergessen, dass Weihnachten dabei nicht \u201eharm-los\u201c ist. Das alte deutsche Wort \u201eHarm\u201c bedeutet so viel wie \u201eKummer\u201c, \u201eTr\u00fcbsal\u201c, \u201eWeh\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Gott wirklich Mensch wurde, uns Seinsgleichen wurde, dann kommt er in allen Harm, in allen Kummer und alles Weh dieser Welt hinein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weihnachten ist nicht \u201eharm-los\u201c, weil die Welt nicht \u201eharm-los\u201c ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir machen uns Weihnachten nur allzu oft \u201eharm-los\u201c:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Auf dem Wormser Weihnachtsmarkt wurde ein Krippenspiel verboten: Es wollte auf das aktuelle Fl\u00fcchtlingsthema aufmerksam machen. Es passe aber nicht zur besinnlichen Weihnachtsstimmung der Menschen, beschied sogar ein Gericht. \u2013 Doch mit Flucht, Not und Armut sind wir doch direkt in der Weihnachtsgeschichte der heiligen Familie: Maria und Josef machen sich erst unter abenteuerlichen Umst\u00e4nden zur Volksz\u00e4hlung auf. Nach der Geburt Jesu m\u00fcssen sie wegen der Verfolgung des Herodes nach \u00c4gypten fl\u00fcchten&#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Genauso \u201everharmlost\u201c, ja geradezu verdreht, werden unsere christlichen Weihnachtslieder, wenn sie \u2013 wie am Montag in Dresden geschehen \u2013 auf der Pegida-Demonstrationen angestimmt werden: Jeder darf sie singen. Aber sie taugen nicht zur vermeintlichen \u201eRettung des Abendlandes\u201c, sondern besingen die Weisen. Und die kommen aus dem Morgenland. Der neugeborene K\u00f6nig in der Krippe f\u00fchrt Menschen aller Welt mit ihrer Sehnsucht Menschlichkeit, die keine Abgrenzung kennt, zusammen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Mitunter sind wir in der Kirche auch nicht anders: Beim weihnachtlichen Jesaja-Text \u2013 \u201edas Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein gro\u00dfes Licht\u201c \u2013 streichen wir oft die Stellen, die nicht so harmlos daherkommen: \u201eDenn jeder Stiefel, der mit Gedr\u00f6hn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt werden.\u201c Und dann schlie\u00dft sich direkt an: \u201eDenn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft liegt auf seiner Schulter\u201c \u2013 und eben nicht auf derer Schultern, die die Welt mit Gewalt und Hass und Krieg regieren!<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch diesen Gegensatz bekommt die messianischen Verhei\u00dfung erst ihre Tiefe. Diese Tiefe ben\u00f6tige ich gerade am Ende eines Jahres, das neue alte Konflikte kannte. Wir haben erlebt, wie fragil der Frieden auch bei uns in Europa ist. Russland geh\u00f6rt zu Europa, und der Konflikt mit der Ukraine ist keine zwei Flugstunden entfernt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Es geht nicht darum, das ganze Weltleid \u00fcber die Weihnachtsbotschaft auszusch\u00fctten. Aber wir selbst wollen doch die Frohe Botschaft, das \u201eEvangelium\u201c h\u00f6ren, auch andere sollen es h\u00f6ren, ohne dass wir gleich abgetan werden als Weltfremde, als religi\u00f6se Spinner, oder gar als Zyniker.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nicht diskreditiert werden als \u201eGutmensch\u201c, wenn ich das Gute ersehne und an Weihnachten auch zu sehen meine.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte ernst genommen werden in meiner Hoffnung, dass sich die Welt \u00e4ndern kann, indem sie <em>mitten in allen Harm hinein<\/em> ein neues Vorzeichen bekommt: Dass Gott Mensch wird ist die \u201eGeschichte vom Guten\u201c. So \u00fcbersetzt der franz\u00f6sische Jesuit Christoph Theobald den Begriff \u201eEvangelium\u201c. Mit Jesus von Nazareth steht die simple Behauptung um Raum: Das Gute ist da! Es ist m\u00f6glich! Man kann es erfahren, sogar im Rahmen seiner M\u00f6glichkeiten selbst erzeugen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Und daher geh\u00f6rt zu Weihnachten, das nicht harmlos sondern tief betrachtet wird, auch die Geschichte dieses Bildes, dieser Madonnen-Darstellung auf dem Gottesdienstprogramm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie stammt vom Mediziner, Theologen und K\u00fcnstler Kurt Reuber. Er war im Zweiten Weltkrieg Oberarzt im Lazarett; von ihm erhalten sich einige Kohlestift-Zeichnungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Reuber wurde im Winter 1942\/43 im Kessel von Stalingrad eingeschlossen. Dort starben auf beiden Seiten die unbeschreibliche Zahl von 700.000 Soldaten. F\u00fcr sich und seine Kameraden zeichnete Reuber auf der R\u00fcckseite einer russischen Landkarte sein wohl eindrucksvolles Bild: die Stalingrad-Madonna. Am Heiligabend 1942 versammelten sich die geschundenen und verzweifelten M\u00e4nner in einem Bunker um dieses Bild und feierten Weihnachten. Gleichzeitig begann der unbeschreibliche Leidensweg einer eingeschlossenen Armee.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Bild, das heute in der Berliner Ged\u00e4chtniskirche h\u00e4ngt, die selbst vom Krieg zerst\u00f6rt wurde, wurde mit einem der letzten Flieger aus dem Kessel geflogen. Kurt Reuber starb im Januar 1944 in russischer Gefangenschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An Weihnachten frage ich mich, ob unsere Frage nach dem Guten ins Leere und ins Vergebliche zielt \u2013 oder ob wir in der Tiefe der weihnachtlichen Geschichte \u2013 damals wie heute \u2013 das Gute finden, gerade weil es nicht ohne den Harm existiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcler des Burggymnasiums haben unter der Woche in ihrem Schulgottesdienst auch versucht, Weihnachten seine Harmlosigkeit zu nehmen. Sie haben erz\u00e4hlt und illustriert \u2013 das ist noch so eine eigent\u00fcmliche Kriegs-Weihnachtsgeschichte! &#8211; , wie Deutsche und Engl\u00e4nder in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben des 1. Weltkrieges zu einem Weihnachtsfrieden fanden. Auf den Tag genau vor 100 Jahren!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tannenb\u00e4ume wurden aufs Feld gestellt und von einem Sch\u00fctzengraben zum anderen Weihnachtslieder hin- und hergesungen. Es wurde sogar ein gemeinsamer Gottesdienst in verschiedenen Sprachen gefeiert und eine Waffenruhe f\u00fcr die Bestattung der Gefallenen vereinbart.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein \u201eeint\u00e4giger Streik gegen den Krieg\u201c \u2013 am 26. Dezember wurde an den meisten Frontabschnitten wieder geschossen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VI.<\/p>\n<p>Nun kann man fragen, wo der Glanz von Weihnachten geblieben ist, wenn der Krieg nur unterbrochen, aber nicht beendet wird. Man kann fragen, was die Stalingrad-Madonna am Leid der Soldaten ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Frage f\u00fchrt aber weg von denjenigen Menschen, die \u2013 und sei es nur f\u00fcr einen Moment \u2013 an das Gute geglaubt haben. Und \u2013 wo ich sage \u2013 das auch Gute da war. Auch in allem B\u00f6sen. Und durch alles B\u00f6se hindurch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn Menschen machen sich Weihnachten immer wieder das Gute habbar. Manche erobern es sich geradezu und halten ungebrochen an ihrem Idealismus fest. Sie setzen trotzig voraus, dass es ganz pers\u00f6nlich f\u00fcr ihr Leben das Gute gibt. Sie lassen sich nicht beherrschen lassen vom Harm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Evangelium vom in die Welt gekommenen Christus behauptet nicht, dass Welt irgendwie \u201egut\u201c w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Botschaft des Engeln lautet: \u201eF\u00fcrchtet Euch nicht!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und gegen\u00fcber den Hirten in der Dunkelheit der Nacht: \u201eFreuet Euch\u201c: Freuet euch \u00fcber diese Geburt, weil mit ihr \u2013 im doppelten Sinne \u2013 die Menschlichkeit neu beginnt \u2013 wie eigentlich mit jeder Geburt: Eine Geburt ist das Gegenbild vom Sterben. Die Stalingrad-Madonna ist Menschlichkeit, die sich nach au\u00dfen sch\u00fctzt gegen alle Unmenschlichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An Weihnachten gibt es das Gute zu erfahren, zu besehen und besingen, mitzunehmen und weiterzugeben \u2013 auch wenn in dieser Welt oft wenig (oder gar nichts daf\u00fcr spricht), dass es Gott wirklich gibt. Aber es ist gar nicht unsere Aufgabe, zu erweisen, dass es Gott gibt. \u201eEinen Gott, den es gibt, gibt es nicht\u201c, formulierte Dietrich Bonhoeffer gegen alle Versuche, den Unerkl\u00e4rlichen zu erkl\u00e4ren oder den Unbeweisbaren zu beweisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unsere Aufgabe ist es, trotzig anzunehmen und zu so leben, dass es das Gute gibt. Das gibt uns dann hoffentlich eine klare Haltung: wie wir uns zu Fl\u00fcchtlingen stellen, die in unser Land kommen. Wie wir sensibel bleiben f\u00fcr Frieden in der Welt, sei es im Iran und Syrien, Pal\u00e4stina und Israel und in Europa. Dass Gott einfach Mensch wurde, macht jeden Menschen auf der Erde gleichwertig, es macht ihn interessant, ihn kennenzulernen, auch mit dem, was mir noch fremd ist: vielleicht seine Kultur und Religion, seine Sprache und Nationalit\u00e4t. Zum christlichen Abendland geh\u00f6rt die N\u00e4chstenliebe!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen unser Leben von seiner augenscheinlichen Harmlosigkeit entkleiden. Wir k\u00f6nnen tr\u00f6sten und helfen, das Sinnvolle suchen, das Gute teilen. Nicht zynisch werden! Nicht deprimiert, mit Blick auf Kriege, Leid und Unrecht! Sondern wir k\u00f6nnen uns unterbrechen lassen, um das Gute zu sehen, das uns an Weihnachten in die Wiege gelegt ist!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach, wenn es das Gute doch g\u00e4be &#8230; Zur Heiligen Nacht sehnen wir uns nach dem Guten und Sch\u00f6nen. Nach Frieden und Ruhe. 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