{"id":604,"date":"2017-01-11T21:21:09","date_gmt":"2017-01-11T20:21:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=604"},"modified":"2017-01-11T21:21:09","modified_gmt":"2017-01-11T20:21:09","slug":"christen-gegen-christen-karfreitag-2014-zu-jes-544-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=604","title":{"rendered":"Christen gegen Christen (Karfreitag 2014 zu Jes 54,4-5)"},"content":{"rendered":"<p>Auch an diesem Tag schauen viele Menschen bangen Auges auf die Ukraine, auf die angespannte Situation in den St\u00e4dten im Osten des Landes, in denen sogenannte \u201epro-russische\u201c Kr\u00e4fte, schwer bewaffnet, den Anschluss an Russland fordern.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Lutherkirche Altena<\/strong><\/p>\n<p><strong>Karfreitag 2014 #Jes 54,4-5: Gottesknechtslied<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihnen stehen Menschen gegen\u00fcber, die B\u00fcrger der Ukraine bleiben m\u00f6chten; in ersten Auseinandersetzungen hat es schon Tote und Verletzte gegeben. Niemand wei\u00df zur Stunde, wie sich die Lage dort entwickeln wird: Siegt die Diplomatie oder wird die Gewalt die Oberhand gewinnen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gebe ehrlich zu: Wenn ich abends die Nachrichten aus diesem Land sehe, sch\u00fcttele ich verst\u00e4ndnislos den Kopf. Wie k\u00f6nnen Menschen sehenden Auges in einen B\u00fcrgerkrieg oder sogar in einen internationalen Konflikt schlittern?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>75% der Ukrainer sind orthodox. Wie k\u00f6nnen Christen eine Kalaschnikow auf andere Christen richten? Die Kirche ist gespalten: Die einen schwenken Weihrauch \u00fcber den nationalistischen Parolen der Ukrainer, die anderen suchen die N\u00e4he zum russischen Pr\u00e4sidenten und zur Mutterkirche.<\/p>\n<p>Ich habe den Eindruck: Alle Beteiligten meinen, sie w\u00e4ren im Recht: Russen in der Ukraine pochen auf das Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker. Die Kiewer Regierung will die Einheit des Landes erhalten. Und der Westen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Macht haben und &#8211; im negativen Sinne \u201eRecht behalten\u201c \u2013 es ist schon am Karfreitag vor fast 2.000 Jahren die alles bestimmende (und Tod bringende!) Haltung: Da pocht der Hohepriester auf seine Haltung, einen Gottesl\u00e4sterer zu verurteilen und das j\u00fcdische Volk zu sch\u00fctzen. \u201eBesser es stirbt einer, als dass ein ganzes Volk leidet.\u201c<\/p>\n<p>Da pocht die r\u00f6mische Staatsmacht auf ihre Macht, einen Aufwiegler hinzurichten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Prophet Jesaja, 500 Jahre vor Christus, zeichnet uns im 53. Kapitel ein ganz anderes Bild eines Menschen, des Gottesknechtes, den wir Christen mit Jesus identifizieren d\u00fcrfen. Ich lese eine neuere \u00dcbersetzung:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Aber es war unsere Krankheit, die er [der Gottesknecht] trug, und es waren unserer Schmerzen, die er auf sich geladen hatte. Wir hielten ihn f\u00fcr bestraft, f\u00fcr einen, der von Gott geschlagen und erniedrigt wurde. <\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Jedoch ist er aus unserem Vergehen heraus verwundet und aus unserem Versagen heraus zerschlagen worden. Die Einsicht, die zu unserem Frieden f\u00fchrte, war auf ihm. Und durch die Gemeinschaft mit ihm sind wir geheilt worden. (Jesaja 53,4-5)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Diese Worte gehen mir schwer \u00fcber die Lippen, nicht nur wegen der verdichteten Sprache. Sondern wegen des Inhalts: Da wird ein Mensch in seinem ganzen Elend geschildert \u2013 voller Schmerzen, gemartert, verachtet, verspottet. Andere Menschen behalten die Macht \u00fcber ihn. Und diese Macht ist mit Gewalt legitimiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das muss ich erst einmal aushalten. Ich muss den Karfreitag aushalten. Ich muss mich den Fragen dieses Tages stellen:<\/p>\n<p>Warum musste Jesus, der Gottessohn, sterben?<\/p>\n<p>Wusste Gott keinen anderen Weg zu unserer Erl\u00f6sung?<\/p>\n<p>Was ist das f\u00fcr ein Gott, der seinen Sohn so f\u00fcrchterlich zugrunde gehen l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Aber auch: Was sind das f\u00fcr Menschen, die dies mit verursacht haben? Oder stumm danebenstehen?<\/p>\n<p>In welcher (wom\u00f6glich sicheren) Entfernung zum Kreuz h\u00e4tte ich gestanden?<\/p>\n<p>Warum steht das Kreuz immer noch in unserem Leben? Warum m\u00fcssen Menschen heute leiden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Fragen sind nicht gleich mit unserem Gottesglauben beantwortet. Ganz im Gegenteil: Sie k\u00f6nnen an meinem Glauben nagen, meine Existenz als Christ infrage stellen. Sie lassen mich am Menschen zweifeln, allzu oft!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Mit dem Predigttext werden die Fragen noch versch\u00e4rft. Wenn wir den leidenden Gottesknecht auf Jesus am Kreuz beziehen d\u00fcrfen, dann frage ich mich weiter:<\/p>\n<p>Warum muss gerade der, der ohne Schuld ist, leiden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der Gottesknecht<\/em> pocht nicht auf einen Machtanspruch, sondern l\u00e4sst sich zu den Unrechten z\u00e4hlen. Jesus stirbt mittig, rechts und links zwei Verbrecher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es wirkt so, als lie\u00dfe sich der Gottessohn ohne Einspruch zur Schlachtbank f\u00fchren. \u2013 Heftig ist zuletzt in der Theologie gestritten worden, wie der Opfertod Jesu zu verstehen ist: Wie kann Gott, der ja die Liebe ist, seinen eigenen Sohn dem Kreuzestod ausliefern? Wie soll dieses Opfer den Menschen Heil bringen_<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Tat widerspricht es meiner Vorstellung, dass Gott, durch die S\u00fcnden der Menschen beleidigt, durch ein blutiges Opfer vers\u00f6hnt werden muss. <em>Nicht Gott<\/em> muss vers\u00f6hnt werden, sondern der Mensch ist vers\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Und Gott vers\u00f6hnt sich mit ihm (R\u00f6m 5,19): <em>Denn Gott war in Christus und vers\u00f6hnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihren S\u00fcnden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Vers\u00f6hnung.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es bleibt aber die Frage: Doch wie k\u00f6nnen wir das Leiden des Gottesknechtes, den Kreuzestod Jesu deuten, damit es Sinn macht und eine Antwort wird, was wir in der Welt erleben, n\u00e4mlich dass die Macht des St\u00e4rkeren so oft \u00fcber alles geht?!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Drei kurze Antwortversuche:<\/p>\n<p>Erstens:<\/p>\n<p>Im Kreuzestod zeigt sich un\u00fcberbietbar der Sinn des Lebens Jesu, als Diener gekommen zu sein &#8211; bis zur letzten Konsequenz: n\u00e4mlich f\u00fcr seine Sache, die Liebe Gottes unter die Menschen zu bringen, sogar zu sterben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Jesu Tod findet das \u201eGott mit uns\u201c( = Immanuel), die Menschwerdung von Weihnachten, seinen H\u00f6hepunkt: Es ist pure Hingabe zum Mitmenschen: \u201ecompassion\u201c, Leidenschaft im Wortsinn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So verstehe ich Opfer: Sein Tod ist keine S\u00fchne f\u00fcr unsere S\u00fcnden, sondern radikale Solidarisierung mit uns S\u00fcndern.<\/p>\n<p>Nicht ein unbarmherziger Gott opfert seinen Sohn. Sondern sein Sohn \u2013 und damit Gott selbst \u2013 opfert sich aus Liebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt einen wichtigen Ausspruch des Pilatus, als die Soldaten Jesus eine Dornenkrone aufsetzen: <em>Ecce homo! Seht, welch ein Mensch!<\/em> Als ob er in diesem Moment eine Ahnung davon gewinnt, dass Jesus seine Hingabe zu den Menschen durchh\u00e4lt \u2013 und eben nicht in den Machtmodus und in den Ich-habe-Recht-Modus wechselt. Was f\u00fcr ein Mensch! Wie anders! Wie vollkommen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zweitens:<\/p>\n<p>Jesus stirbt um unserer S\u00fcnden willen, weil der Mensch aus eigener Kraft nicht gerecht werden kann. Der Mensch pocht immer wieder auf seine Macht und setzt sich selbst ins Unrecht. Er mag er sich noch so anstrengen, er bleibt ein S\u00fcnder und auf Gnade angewiesen.<\/p>\n<p>Ekke home, sagt Pilatus: Es kann auch \u00fcbersetzt werden mit Blick auf die Umstehenden: \u201eSo ist der Mensch\u201c: Ja, so ist der Mensch (und vielleicht meint Pilatus sogar sich selbst): Fehlbar. Erl\u00f6sungs \u2013und vergebungsbed\u00fcrftig. Immer wieder um seine Macht k\u00e4mpfend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesaja entlarvt es: Der Gottesknecht ist <em>\u201eaus unserem Vergehen heraus verwundet und aus unserem Versagen heraus zerschlagen worden.\u201c <\/em>Jesus ist den Menschen seiner Zeit zum Opfer gefallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das steht allen Sehenden an Karfreitag vor Augen. Aber gerade das erm\u00f6glicht Umkehr und Neuanfang, schon unter dem Kreuz: <em>Durch seine Wunden sind wir geheilt.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt eine Alternative.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Kreuz offenbart: Menschen haben Mitschuld und Mitverantwortung an Gewalt und falschem Machtstreben. Aber Gewalt, auch Krieg und B\u00fcrgerkrieg zwischen V\u00f6lkern und Nationen ist kein Naturgesetz.<\/p>\n<p>Karfreitag zeigt: Es geht auch anders \u2013 um Christi willen. Der Tod Jesu befreit uns von Hass und bef\u00e4higt uns zur Barmherzigkeit. Und Barmherzigkeit kann auch eine Kategorie politischer Klugheit sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dritter Antwortversuch, welchen Sinn der Kreuzestod auch f\u00fcr unsere heute Welt macht:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An jedem Tag, heute ganz besonders, stellt sich die Frage nach dem Leid. Das Leid der Menschen ist der Scheidepunkt unseres Lebens. Das erleben Menschen allzu stark, die pl\u00f6tzlich einen Angeh\u00f6rigen verlieren und sich ihr Leben dadurch dramatisch ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir begegnen an Karfreitag dem Leid mitten in der \u00d6ffentlichkeit. Auf Golgatha. Wie ich darauf reagiere, ist nicht egal, sondern eine zentrale Frage meines Lebens.<\/p>\n<p>Deshalb ergibt es einen Sinn, dass Gott das Kreuz mitten im Leben l\u00e4sst. Denn w\u00e4re es das Leid nicht in dieser H\u00e4rte sichtbar und \u00f6ffentlich, w\u00fcrde Gott uns vormachen, dass Gut und B\u00f6se in der Welt dasselbe ist. Das ist es aber nicht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott gibt uns den Stachel ins Fleisch, damit wir sp\u00fcren, was die Welt braucht: Liebe, Erbarmen, Vers\u00f6hnungsbereitschaft. Zur\u00fcckstecken! Aufeinanderzugehen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christinnen und Christen beten seit 1959 jeden Freitag \u2013 auch heute! \u2013 in Coventry die Vers\u00f6hnungslitanei. Sie tun das nicht als Selbstkasteiung, obwohl man ja feststellen kann: Gerade die, die sich offenkundig am wenigsten Vorw\u00fcrfe machen brauchen, haben einst um Vergebung gebeten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie tun es \u2013 so denke ich \u2013, weil es eine weitergegebene Erfahrung und Lehre gibt, die \u00f6ffentlich wachgehalten geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><em>Die Einsicht, die zu unserem Frieden f\u00fchrt, liegt auf ihm, <\/em>dem Gottesknecht, schreibt Jesaja, schon 500 Jahre vor Jesus.<\/p>\n<p>Also lasst uns mahnen und den Frieden ein\u00fcben und einklagen \u2013 im Kleinen wie im Gro\u00dfen. Es gibt eine Alternative!<\/p>\n<p>Und lasst uns f\u00fcr einander annehmen, dass sich f\u00fcr unser Leben bereits ein anderer Weg er\u00f6ffnet hat, auch und gerade wenn er unter das Kreuz f\u00fchrt: Jesaja schreibt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em> \u201eDurch die Gemeinschaft mit ihm sind wir geheilt.\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch an diesem Tag schauen viele Menschen bangen Auges auf die Ukraine, auf die angespannte Situation in den St\u00e4dten im Osten des Landes, in denen sogenannte \u201epro-russische\u201c Kr\u00e4fte, schwer bewaffnet, den Anschluss an Russland fordern.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[10,5],"tags":[],"class_list":["post-604","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-passionszeit","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/604","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=604"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/604\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":605,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/604\/revisions\/605"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=604"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=604"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=604"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}