{"id":591,"date":"2017-01-11T21:03:32","date_gmt":"2017-01-11T20:03:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=591"},"modified":"2017-01-11T22:33:13","modified_gmt":"2017-01-11T21:33:13","slug":"gedenkt-gedenktag-zur-befreiung-ausschwitz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=591","title":{"rendered":"Gedenkt! (Gedenktag zur Befreiung von Ausschwitz)"},"content":{"rendered":"<p>Gedenkst\u00e4ttenfahrt 1993 nach Ausschwitz (50 Jahre nach dem Ghettoaufstand in Warschau: Expertentagung von Historikern: Wie man die Erinnerung wachh\u00e4lt, wo die Zeitzeugen langsam aussterben &#8230;.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Lutherkirche Altena<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sonntag Septuagesemae (GedenktagBefreiung Auschwitz)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ps 98,3a<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wo die Bundesrepublik sich nicht wie andere Nationen an der Erhaltung der verrottenden Gedenkst\u00e4tte einsetzte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWohin nach Auschwitz? Nach Auschwitz!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Flankiert von einer Jugendgruppe: als Multiplikatoren. In einer Zeit, wo in Rostock und M\u00f6lln, in Solingen ausl\u00e4nderfeindliche \u00dcbergriffe und Rechtsextremismus aufkamen).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag im Lager: Baracken, Lager mit Schuhen, Brillen, \u2026<\/p>\n<p>Hinweis auf den Ort, an dem Deutsche industriem\u00e4\u00dfig Menschen vergast haben: Juden, Linke, Homosexuelle, Sinti und Roma, Osteurop\u00e4er.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auschwitz: Synonym f\u00fcr alles Undenkbare, was Menschen einander antun k\u00f6nnen. Gleichzeitig: der konkrete Ort, wo dies in den 1940er-Jahren passierte. Durch mein Volk.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pr\u00e4ses Peter Beier: Ein Text, der sich mir tief eingebrannt hat:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eGedenkt!<\/p>\n<p>Erinnert nicht nur!<\/p>\n<p>Erinnerung atmet flach.<\/p>\n<p>Erinnerung spielt sentimental.<\/p>\n<p>Gedenken arbeitet schwer, und ist ein Werk des Glaubens, der wei\u00df: Vergangenheit ist nie vergangen. Tote sind nicht nur tot, in meinem Haus wohnt das Gestern,<\/p>\n<p>und die Zukunft braucht ein langes Ged\u00e4chtnis.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Gedenkt! Nicht einfach nur erinnern!<\/p>\n<p>Mit Erinnerungskultur aufgewachsen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Familienurlaube: Gedenkst\u00e4tten und Konzentrationslager besucht. Das Grab Bonhoeffers.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter: Kr\u00e4nken niedergelegt in osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Reden zugeh\u00f6rt \u2026 Begegnungsfahrten nach Osteuropa \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Schule es durchgekaut: das Judentum in Religion und die Geschichte Bonhoeffers, die \u201eBlechtrommel\u201c im Deutschunterricht, totalit\u00e4re Staatsformen in Politik. Und das ganze noch einmal im Geschichtskurs \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Volkstrauertagen rede ich nun selber \u2026<\/p>\n<p>Alles gegen das Vergessen \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was hei\u00dft heute \u201eGedenken\u201c, nicht einfach nur \u201eerinnern\u201c?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Schriftstellerin Iris Hanika hat mal von Vergangenheitsbewirtschaftung gesprochen statt von Vergangenheitsbew\u00e4ltigung:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir haben eine Informationsflut \u00fcber das, was war. Aber doch sind wir recht ahnungslos, 68 Jahre nach der Befreiung Auschwitz\u2018. Einer Umfrage zufolge k\u00f6nnen 21 Prozent der 18- bis 30-J\u00e4hrigen den Begriff \u201eAuschwitz\u201c nicht einordnen, gleichzeitig klagen Sch\u00fcler dar\u00fcber, im Schulunterricht viel zu viel \u00fcber den Nationalsozialismus zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u00c4ltere reagieren oft wirsch: Das muss doch jetzt mal vorbei sein \u2026 Was genau? Was passiert ist, l\u00e4sst sich nicht \u00e4ndern (\u201eVergangenheit ist nie vergangen\u201c).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was hie\u00dfe heute \u201eGedenken\u201c, nicht einfach nur \u201eerinnern\u201c?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zeitzeugen leben kaum noch.<\/p>\n<p>Es gibt einen anderen emotionalen Zugang zum Thema: Die 1968er-Generation setze sich noch direkt mit der Elterngeneration auseinander und fragte: An welcher Stelle wart Ihr im System?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute ist eine gewisse Distanz, auch emotionale Distanz (bei Sch\u00fclern) doch ganz nat\u00fcrlich, weil die Zeit weiter weg r\u00fcckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Aktualit\u00e4t von dem, wof\u00fcr der Ort Auschwitz steht und was er ausdr\u00fcckt, ist immer wieder neu f\u00fcr unsere Zeit zu bestimmen \u2013 ohne die Einmaligkeit dessen, was dort passiert ist, relativiert wird. (Beier &gt; Gedenkt, nicht einfach nur erinnern: Ergreift es f\u00fcr euch, durchdringt es f\u00fcr euer Leben!)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p><em>Gott gedenkt seiner Gnade und Treue f\u00fcr das Haus Israels <\/em><\/p>\n<p>Gott erinnert sich nicht nur einfach an seine Versprechungen, seinem Volk treu zu sein. Er \u201egedenkt\u201c seiner Gnade und Treue. Der Psalmbeter geht davon aus: Gott \u00fcbertr\u00e4gt seine Verhei\u00dfung von einst in eine neue Situation (Exilszeit?). Er l\u00e4sst sich von einer neuen Situation neu anstiften, seinen Versprechungen neuen Klang und neuen Raum zu geben. \u201eErinnerung\u201c allein w\u00e4re unverbunden mit der Gegenwart. W\u00fcrde nichts austragen, w\u00fcrde nicht den neuen Himmel nach vorne, in die Zukunft, \u00f6ffnen, sondern im Vergangenen bleiben. Im Vergangenen, das keine Bedeutung f\u00fcr heute und morgen h\u00e4tte\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Gedenkt also! Verliert Euch nicht in der Erinnerung!<\/p>\n<p>Was entdecken wir, wo wir als Befreite und Gerechtfertigte mutig und tapfer sagen k\u00f6nnen: Vorsicht! Wir haben eine Geschichte und warnen und ver\u00e4ndern etwas heilsam!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie ist das mit Sinti und Roma? \u2013 Oft h\u00f6ren wir in ihrem Zusammenhang, dass es f\u00fcr Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge zu einfach w\u00e4re, nach Deutschland zu kommen, auch Sinti und Roma nur zum Abkassieren k\u00e4men oder kriminell w\u00fcrden. \u2013 Aus welch erb\u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen Menschen aus Mazedonien und Serbien fliehen mussten nach dem Krieg dort \u2013 das ist uns kaum vor Augen, viel zu schnell erliegen wir diskriminierenden Vorurteilen.<\/p>\n<p>In Berlin, wo eine Gro\u00dffamilie von Sinti und Roma einen ganzen Wohnblock bezogen hat, waren die Vorurteile gro\u00df. Bis ein Mitarbeiter der Baugesellschaft sich pers\u00f6nlich um Spenden gek\u00fcmmert, Ehrenamtliche fand, die die Wohnungen hergerichtet haben, gestrichen und tapeziert haben \u2013 und alles gingt gut. Die Vorurteile fielen. \u2013 \u00dcbrigens: Ein eigenes Mahnmal f\u00fcr die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma gibt es erst seit wenigen Monaten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder ein anderes Beispiel: Russland beschlie\u00dft in diesen Tagen Gesetze gegen Homosexuelle, die nicht mehr f\u00fcr ihre Rechte demonstrieren d\u00fcrfen oder sich in der \u00d6ffentlichkeit zeigen d\u00fcrfen. Wie klingt uns eigentlich in den Ohren, wenn ein Gesetz in einem europ\u00e4ischen Land lautet \u201eZum Schutz der Bev\u00f6lkerung des Kalingrader Gebiets vor Informationsprodukten, die der geistig-moralischen Entwicklung schaden\u201c? So \u00e4hnlich lauteten die nationalsozialistischen Gesetze zur Rassenhygiene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gedenkt also! Verliert Euch nicht einfach in der Erinnerung!<\/p>\n<p>Es kann so einfach beginnen: Pl\u00f6tzlich reden alle wieder \u00fcber die Diskriminierung von Frauen und \u00fcber Sexismus, &#8211; nicht weil ein Spitzenpolitiker gegen\u00fcber einer Frau ausfallend wurde, sondern weil die Journalistin den Mut hatte, die Diskriminierung publik zu machen!<\/p>\n<p>Erst lehnt ein katholisches Krankenhaus die Behandlung eines potentiellen Vergewaltigungsopfers ab \u2013 und dann kommt nach und nach heraus, welch ein Klima der Angst bei \u00c4rzten und selbst den Krankenhaustr\u00e4gern dahinter steckt: Fundamentalistische Katholikinnen haben sich vorher in Kliniken eingeschlichen unter dem Vorwand, dass ihnen so etwas passiert ist, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob die rechte Lehre eingehalten wird. Ein Klima der Denunziation und letztlich eine purer Verachtung der Not von Menschen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Ein letztes Beispiel: Ich werde oft auf die Handengel angesprochen, die wir zu den runden Geburtstagsbesuchen mitbringen und die aus der bisher einzigen Behindertenwerkstatt Russlands stammen.<\/p>\n<p>Die Initiative Pskow, getragen von Christen aus dem Rheinland, hat sich damals auf eine Initiative Peter Beiers gegr\u00fcndet: Lasst uns zum 8. Mai 1995, also 50 Jahre nach Kriegsende, nach Russland fahren und unsere Hand zur Vers\u00f6hnung reichen. Gesagt getan! \u2013 Man suchte sich Pskow aus, zwischen St. Petersburg und Moskau, eine Stadt, der die Deutschen im Zweiten Weltkrieg besonders zusetzten. Und man entschied, etwas f\u00fcr diejenigen Menschen zu tun, die auch heute kaum im Blick sind: die Behinderten. \u2013 Es liegt im christlich-j\u00fcdischen Menschenbild, dass Gott ihrer genauso gedenkt und Treue und Liebe versprochen hat wie allen anderen!<\/p>\n<p>Dieses Projekt initiierten haupts\u00e4chlich Menschen aus einer Generation, die den Nationalsozialismus selber noch erlebten, und wenn es als Kinder war. Die als gerechtfertigte, freie Christen etwas Gutes tun wollten. Sie bauten eine Behindertenwerkstatt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen hat sich etwas ver\u00e4ndert: Nicht nur, dass Einrichtungen f\u00fcr entwicklungsgest\u00f6rte Kinder dazu gekommen sind, f\u00fcr Alte und Sterbende, f\u00fcr Waisenkinder. Nein, inzwischen ist der Gedanke zu helfen nicht mehr der Vers\u00f6hnungsgedanke, sondern schlicht der diakonische Gedanke. Das schlichte Helfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn Auschwitz, der Zweite Weltkrieg, ist nicht mehr der Punkt \u2013 wohl aber die Lehre daraus: dass kein Mensch f\u00fcr weniger wert erkl\u00e4rt werden kann als ein anderer. Dass nie vergessen werden darf, was Menschen einander antun, weil die Einen meinen, die Anderen als weniger wert zu bezeichnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist das der rote Faden \u2013 eine schlichte Erkenntnis, die aber achtsam und aufmerksam machen kann f\u00fcr alles, was zur Diskriminierung f\u00fchren kann, zur Bek\u00e4mpfung, zum Morden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine \u00dcberlebende von Auschwitz, die polnische J\u00fcdin Halina Birnbaum, die ich bei der Fahrt 1993 in Auschwitz kennen lernte, schreibt im letzten Absatz ihres Buches genau von dieser einfachen, aber fundamentale Erkenntnis: \u201eAls mein erste Sohn geboren wurde, dachte ich: Wieviel Leiden kostet die Geburt eines Menschen \u2013 und mit welcher Leichtigkeit haben diese Verbrecher Millionen ermordet!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 68 Jahren ist eine Befreiung vom Irrglauben, dass ein Mensch wertvoller sei als der andere. Dessen lasst uns gedenken!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedenkst\u00e4ttenfahrt 1993 nach Ausschwitz (50 Jahre nach dem Ghettoaufstand in Warschau: Expertentagung von Historikern: Wie man die Erinnerung wachh\u00e4lt, wo die Zeitzeugen langsam aussterben &#8230;.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[5,9,19],"tags":[],"class_list":["post-591","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-predigten","category-weihnachten","category-weiterer-anlass"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/591","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=591"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/591\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":650,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/591\/revisions\/650"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=591"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=591"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=591"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}