{"id":547,"date":"2017-01-11T17:53:34","date_gmt":"2017-01-11T16:53:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=547"},"modified":"2017-01-11T17:53:34","modified_gmt":"2017-01-11T16:53:34","slug":"die-letzten-dinge-regeln-karfreitag-zu-lk-2323-49","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=547","title":{"rendered":"Die letzten Dinge regeln (Karfreitag zu Lk 23,23-49"},"content":{"rendered":"<p>Am Ende, ganz am Ende, ist im ihrem Leben noch etwas offen geblieben, das geregelt werden muss: \u2013 auch gegen das Zureden ihrer Kinder, die nicht so offen \u00fcber den Tod reden wollte: Sie hat sich hingesetzt und Lieder f\u00fcr ihre eigene Beerdigung ausgesucht. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt Lutherkirche Altena<\/strong><\/p>\n<p><strong>Karfreitag #Lk 23,23-49<\/strong><\/p>\n<p>Sie hat ihre Fotob\u00fccher geordnet, einen schlichten Lebenslauf aufgeschrieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>das ist nicht ungew\u00f6hnlich: Gerade \u00c4ltere sehe ich oft bewundernswert n\u00fcchtern mit ihrer eigenen Endlichkeit umgehen. Sie entwickeln eine Gelassenheit zum Weitermachen, auch im Unterschied zur Unrast von uns J\u00fcngeren, die doch oft so tun, als ginge es jeden Tag ums Ganze.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder ist das nur Fassade? In unseren Gemeindekreisen machen wir Nachmittage \u00fcber die Patientenverf\u00fcgung. Das hat ja mit dem \u00c4lterwerden und Sterben zu tun. Aber das eigentliche Thema dahinter, das Sterben \u2013 damit bleibt jeder oft alleine f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es klingt paradox: Tod und Sterben sind \u00f6ffentlich und allgegenw\u00e4rtig \u2013 so \u00f6ffentlich, dass wir oft die Bilder unserer Nachrichtensendungen wegzappen. In Wirklichkeit schleichen wir oft um das Thema herum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei dieser Frau, die mir vor Augen ist, ist es besonders heikel geworden, weil sie auch noch einen Streit zu kl\u00e4ren hatte. Eine unklare, nicht bereinigte Beziehung. Mit dem Blick auf den Tod ging es nochmals ums ganze Leben: um Schuld, um Verantwortungen, um die Bitte nach Vergebung. Um Loslassen k\u00f6nnen. Um Umkehr ganz am Ende.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Der Evangelist Lukas setzt \u2013 im Gegensatz zu bei Matth\u00e4us und Markus \u2013 das Thema \u201eTod und Sterben\u201c ganz besonders intensiv ins <strong>Gespr\u00e4ch<\/strong>. Ins Gespr\u00e4ch \u2013 sagen wir mal so : &#8211; \u201eder Betroffenen\u201c. Bei Lukas entwickelt sich ein Dialog zwischen Jesus und den beiden Verbrechern zur Rechten und zur Linken, die mit ihm gekreuzigt werden. Es gilt noch etwas zu kl\u00e4ren. Schonungslos offen und radikal menschlich. Mitten in der \u00d6ffentlichkeit der Sch\u00e4delst\u00e4tte Golgatha. Vier Besonderheiten f\u00fcgt Lukas ein:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong> die F\u00fcrbitte Jesu<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Jesus er\u00f6ffnet das Gespr\u00e4ch \u00fcber Tod, Sterben und Lebensbilanz mit einem Gebet an Gott, in dem er F\u00fcrsprache h\u00e4lt f\u00fcr seine Peiniger: <em>\u201eVater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er ruft Gott-Vater an um Vergebung f\u00fcr das, was man ihm angetan hat und antut. Ohne jegliche Vorbedingung. Nicht: \u201eWenn ihr jetzt bereut, wenn ihr unter dem Kreuz wenigstens seht, was ihr angerichtet habt, dann will ich bei Gott noch ein Wort f\u00fcr Euch einlegen.\u201c Nein: Jesus wendet sich ohne jegliche Vorbedingung an Gott: \u201eVater vergib\u201c \u2013 das Wort aus der Vers\u00f6hnungsitanei von Coventry. Er wird zum F\u00fcrsprecher der S\u00fcnder, selbst noch im eigenen Tod.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das h\u00e4lt die Menge nicht davon ab, das Los \u00fcber seine Kleider zu werfen, ihn zu verspotten und Jesus ein Schild \u00fcbers Kreuz zu h\u00e4ngen: \u201eK\u00f6nig der Juden\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>[2. Der eine \u00dcbelt\u00e4ter l\u00e4sst sich anstacheln]<\/strong><\/p>\n<p>Nur Lukas berichtet, dass der eine \u00dcbelt\u00e4ter in diesen Chor einstimmt: <em>\u201eBist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und nun sind wir inmitten eines kurzen, aber ein eindr\u00fccklichen Dialogs. Von der anderen Seite \u2013 der andere \u00dcbelt\u00e4ter. Ich h\u00f6re Emp\u00f6rung in seiner Stimme: Wir h\u00e4ngen hier mit Recht, wir empfangen, was wir verdienen \u2013 er aber hat nichts Unrechtes getan. Wie kannst Du um Hilfe betteln, jetzt, wo du dir selbst nicht mehr helfen kannst? Wo du verantwortlich bist f\u00fcr deine Schuld? \u2013 <strong>Hier gibt es keinen Rettungsschirm! <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der zweite \u00dcbelt\u00e4ter wendet sich Jesus zu \u2013 mit einer ganz anderen Bitte:<em> \u201eDenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denke an mich! \u2013 Kein: \u201eNimm mich mit \u2013 in dein Reich!\u201c Sondern ein: \u201eVergiss mich nicht in meiner Schuld. Vergiss mich nicht trotz meiner Schuld!\u201c Lass mir einen Rest meiner W\u00fcrde, indem Du meine Tat unterscheidest von meiner Person. Nicht, dass ich die Rettung verdient h\u00e4tte, aber vergiss mich nicht in allem, was passiert! \u2013 Der zweite \u00dcbelt\u00e4ter greift nach dem Angebot Jesu, F\u00fcrbitte f\u00fcr ihn zu halten vorm Vater!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Jesu Einladung ins Paradies<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>\u201eHeute wirst Du mit mir im Paradies sein.\u201c Auch diesen Satz finden wir nur bei Lukas. Es ist genauso verst\u00f6render wie heilsamer Satz. Der \u00dcbelt\u00e4ter wird sterben, wie der erste \u00dcbelt\u00e4ter auch, wie Jesus sterben wird. Und gleichzeitig er\u00f6ffnet Jesus ihm vollm\u00e4chtig eine T\u00fcr zum Himmel, einen Weg zur\u00fcck ins Paradies.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHeut schleu\u00dft er wieder auf die T\u00fcr zum sch\u00f6nen Paradeis\u201c \u2013 das ist nicht nur ein weihnachtlicher Vers, sondern es ist der kleine Osterschein mitten auf Golgatha: Unter dem Kreuz tut sich die Sch\u00f6pfung auf in ihrem Urzustand, wie am Anfang der Bibel im Garten Eden, wo noch nicht die S\u00fcnde zwischen Gott und Mensch steht. Diesen Urzustand verspricht Jesus dem zweiten \u00dcbelt\u00e4ter: Unter dem Kreuz wird Vergebung versprochen, findet Vers\u00f6hnung zwischen Gott und Mensch statt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist diese ur-menschliche Sehnsucht, vielleicht auch im Tod: dass sich das Leben wiederherstellt. Dass es ein \u201eZur\u00fcck\u201c zum \u201eDavor\u201c gibt: zur\u00fcck in die Zeit vor dem Erdbeben und Atomunfall, eine Zur\u00fcck vor eine folgenschwere Diagnose, die Wiederherstellung einer Beziehung, so wie vor dem Streit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus verspricht diesen Wendepunkt mitten im Tiefpunkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er verspricht sie dem, der auf seine F\u00fcrbitte hin den schlichten, fast besch\u00e4menden Satz ausst\u00f6\u00dft: Denk an mich! Vergiss mich nicht. Jesus vergisst ihn nicht: Er begleitet den Reum\u00fctigen zum Richterstuhl und bringt das \u201eVater vergib\u201c vor.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>[4. F\u00fcrwahr, dieses ist ein \u201egerechter\u201c Mann gewesen!]<\/strong><\/p>\n<p>Der Hauptmann sagt bei Lukas nicht, dass das der \u201eSohn Gottes\u201c war, sondern ein \u201efrommer\u201c\/\u201cgerechter Mann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei Lukas ist Jesus ein <em>Gerechter, <\/em>in ein leidender Gerechter.<\/p>\n<p>Er h\u00e4ngt dort, unschuldig im Vergleich zu den beiden Anderen. Er teilt die Erfahrung mit ihnen, er der Leidende.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleichzeitig h\u00e4lt er seine Haltung durch, als F\u00fcrsprecher vor Gott, als derjenige, der die Menschen rechtfertigt vor Gott. Er tut es nicht f\u00fcr den \u00dcbelt\u00e4ter, der Rettung fordert, geradezu beansprucht, der seine Verzweiflung \u00fcber die Konsequenzen seiner Tat gar in zynischen Spott kleidet (\u201edann hilf doch dir und mir \u2026\u201c). Jesus h\u00e4lt den Unterschied zwischen Recht und Unrecht aufrecht und verwischt ich nicht: So billig ist die Gnade ist!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus, der leidende Gerechte, tut es f\u00fcr den, der am Ende offen wird f\u00fcr das \u201eVater vergib!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier liegt das Geheimnis des Todes Jesu: Er leidet zu Unrecht. Aber nur dadurch erm\u00f6glicht er dem Reum\u00fctigen noch ganz am Schluss die Umkehr. Das ist teure Gnade. Die Jesus mit dem Leben bezahlt. F\u00fcr diesen <strong>einen<\/strong> da, den \u00dcbelt\u00e4ter, <strong>f\u00fcr uns<\/strong> und unsere Schuldzusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Umkehr ist immer noch m\u00f6glich. \u201eVater vergib\u201c \u2013 dieser Ruf trifft auch uns, wenn wir aussichtslos auf unser Leben schauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vater vergib \u2013 steht in die Kathedrale von Coventry, die Deutsche im Zweiten Weltkrieg zerst\u00f6rten. Der dortige Domprobst Richard Howard lie\u00df die Worte dort einmei\u00dfeln. Als die Dresdener Frauenkirche wieder aufgebaut wurde \u2013 aus dem Tr\u00fcmmern des Krieges! -, fand ein Nagelkreuz aus Coventry seinen Platz auch dort. Mit Spenden aus England, aus aller Welt, wurde diese Kirche als Zeichen der Vers\u00f6hnung wiedererrichtet. \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heut \u2013 nicht erst im Dezember \u2013 schleu\u00dft dieser sterbende Jesus wieder auf die T\u00fcr zum sch\u00f6nen Paradeis.<\/p>\n<p><em>Nun geh\u00f6ren unsre Herzen<\/em><\/p>\n<p><em>ganz dem Mann von Golgatha,<\/em><\/p>\n<p><em>der in bittern Todesschmerzen<\/em><\/p>\n<p><em>das Geheimnis Gottes sah,<\/em><\/p>\n<p><em>das Geheimnis des Gerichtes<\/em><\/p>\n<p><em>\u00fcber aller Menschen Schuld,<\/em><\/p>\n<p><em>das Geheimnis neuen Lichtes<\/em><\/p>\n<p><em>aus des Vaters ewger Huld.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Ende, ganz am Ende, ist im ihrem Leben noch etwas offen geblieben, das geregelt werden muss: \u2013 auch gegen das Zureden ihrer Kinder, die nicht so offen \u00fcber den Tod reden wollte: Sie hat sich hingesetzt und Lieder f\u00fcr ihre eigene Beerdigung ausgesucht.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[10,5],"tags":[],"class_list":["post-547","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-passionszeit","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/547","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=547"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/547\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":548,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/547\/revisions\/548"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=547"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=547"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=547"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}