{"id":545,"date":"2017-01-11T17:50:55","date_gmt":"2017-01-11T16:50:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=545"},"modified":"2017-01-11T18:30:29","modified_gmt":"2017-01-11T17:30:29","slug":"betanien-palmarum-2011-zu-mk-143-9","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=545","title":{"rendered":"Betanien (Palmarum 2011 zu Mk 14,3-9)"},"content":{"rendered":"<p>Was w\u00e4re Ihnen der Wunsch von Simon wert? Simon ist neun Jahre alt und an Krebs erkrankt. Die \u00c4rzte wissen nicht, ob er wieder gesund wird oder sterben muss. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Lutherkirche Altena<\/strong><\/p>\n<p><strong>Palmarum 2011 (17. April 2011)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mk 14,3-9 Salbung in Bethanien<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Alltag hat Ausnahmesituation pur. Alles dreht sich nur noch ums Krankenhaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Simon hat einen Wunsch: Er m\u00f6chte einmal in einem Hubschrauber \u00fcber das Ruhrgebiet fliegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4r es nicht sinnvoller, f\u00fcr seine Therapie in die Tasche zu greifen? Ihm vielleicht die eine oder andere Annehmlichkeit in den Kliniken mit einer Spende zu erm\u00f6glichen? Muss es gleich ein so abgefahrener Wunsch sein? \u2013 Er soll doch erst einmal gesund werden \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir kommen am Ende nochmals zu Simon zur\u00fcck \u2026<\/p>\n<p>Ich lese den Predigttext aus Mk 14,3-9:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Und als er in Betanien war im Hause eines Auss\u00e4tzigen und sa\u00df zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverf\u00e4lschtem und kostbarem Narden\u00f6l, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.<\/em><\/p>\n<p><em>4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salb\u00f6ls?<\/em><\/p>\n<p><em>5 Man h\u00e4tte dieses \u00d6l f\u00fcr mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen k\u00f6nnen und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.<\/em><\/p>\n<p><em>6 Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betr\u00fcbt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.<\/em><\/p>\n<p><em>7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, k\u00f6nnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.<\/em><\/p>\n<p><em>8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt f\u00fcr mein Begr\u00e4bnis.<\/em><\/p>\n<p><em>9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Ged\u00e4chtnis, was sie jetzt getan hat.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Situation in Betanien, vielleicht so etwas wie dem Hauptquartier Jesu in Jerusalem: Es ist eine absolute Ausnahmesituation. Die Lage hat sich dramatisch zugespitzt. Zwei Tage sind es noch bis zum Passah-Fest. Gerade haben die Hohepriester und Schriftgelehrten beraten, wie sie Jesus am besten beseitigen k\u00f6nnen. Die Stimmung ist angespannt. Eine ausgesprochene M\u00e4nnergesellschaft \u2013 und in diesen Stunden auch eine Schicksals- und Leidensgemeinschaft. Ich stelle mir vor, dass man am liebsten alleine und abgeschottet nach einem Ausweg sucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was tut diese Frau nur? \u2013 Sie bricht in die Hausgemeinschaft Jesu und seiner J\u00fcnger ein. Und schier alles, was sie tut, ist unvorstellbar: Sie salbt Jesus \u2013 mitten beim Essen! Sie nimmt s\u00fcndhaft teures \u00d6l, heute mindestens 20.000 EUR wert. Das wertvolle Glas geht kaputt. Verr\u00fcckt, was f\u00fcr ein dekadenter Luxus!<\/p>\n<p>Und noch was: Sie salbt Jesus nicht die F\u00fc\u00dfen, sondern den Kopf! <em>Das<\/em> ist die Kr\u00f6nung! \u2013 Ja, das ist die Kr\u00f6nung: Nur K\u00f6nige werden gesalbt, bei ihrer Kr\u00f6nung. Christus hei\u00dft: Gesalbter. \u201eJesus, du bist der Christus\u201c, bekennt diese Frau, ohne ein einziges Wort zu sagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer ist sie? \u2013 Ich stelle mir vor, dass sie sich in die Mitte dr\u00e4ngt, ganz anders als der sch\u00fcchterne Zach\u00e4us auf dem Baum am Wegesrand. Da steht sie, sicher als Wohlhabene, zwischen den einfachen Menschenfischern, die Jesus gesammelt hatte. Wir erfahren nicht mal ihren Namen. Nach der Salbung ist ihr Auftritt schon beendet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist kein Wunder, dass ihr Verhalten scharfen Protest der J\u00fcnger hervorruft. Welchen Sinn hat diese Vergeudung? Warum hast Du das \u00d6l nicht verkauft und den Armen etwas Gutes getan?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re uns einstimmen und uns an die Stirn schlagen: Ja, <em>das<\/em> w\u00e4re doch vern\u00fcnftig gewesen. Und eine einmalige Chance: Wir haben ja kaum noch Geld, das w\u00e4re ein warmer Geldregen, eine Superspende. Man h\u00e4tte eine Stiftung gr\u00fcnden k\u00f6nnen und die Zinsen k\u00f6nnten dann die laufende Arbeit unterst\u00fctzen und die K\u00fcrzung der Kirchenmusikerpauschale abfedern, endlich mehr f\u00fcr die Armen auch in unserer Gemeinde und so weiter und so weiter\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Wie reagiert Jesus? Er nimmt \u00fcberraschenderweise die Frau in Schutz und nennt die mutige und provokante Salbung der Frau ein \u201egutes Werk\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus bricht mit einer falschen Alternative, die die J\u00fcnger im Kopf haben: Als k\u00f6nne man Luxus gegen Liebe ausspielen oder Armenhilfe gegen \u00dcberfluss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er widerspricht in beide Richtungen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum einen hebt er die \u00d6konomisierung des Lebens aus den Angeln: Muss sich wirklich alles rechnen? Muss alles rational und \u00f6konomisch sein, darf eine \u201eInvestition\u201c nicht auch mal aus dem hei\u00dfen Herz sein? \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein, Jesus hebt die Logik auf, danach zu fragen, was man mit dem Geld nicht alles h\u00e4tte machen k\u00f6nnen: Wenn der Kirchentag in Dresden 15 Millionen EUR kostet \u2013 wie viele Hungernde k\u00f6nnte man retten? \u2013 Ist es bei todkranken oder alten Menschen wirklich noch sinnvoll, kostspielige Operationen durchzuf\u00fchren, wo doch Krankenkassenbeitr\u00e4ge sinken oder Aidskranken in Afrika mehr geholfen werden k\u00f6nnten? \u2013 Gerade beim letzten Beispiel merken wir, dass der Mechanismus einer \u00d6konomisierung des Lebens zu immer neuen Problem f\u00fchrt, das Kosten-Nutzen-Denken in immer neue Ratlosigkeiten hervorruft!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum anderen geht es in diesem Moment gar nicht darum, den Armen zu helfen. <em>Bettlern und Armen k\u00f6nnt ihr helfen, wann ihr wollt<\/em>, sagt Jesus. Ihr k\u00f6nnt das immer noch tun. Aber nun sind wir \/ bin ich in einer absoluten Ausnahmesituation. Ich werde bald sterben \u2013 das ver\u00e4ndert sich die Tagesordnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daher tut die Frau nichts Falsches, indem sie in diesem Moment nicht daran denkt, das \u00d6l zu Geld zu machen f\u00fcr die Armen. Sondern sie tut das Richtige, indem sie sich in diesem Moment Jesus zu wendet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht nicht darum, <em>dass<\/em> die Frau Geld ausgegeben hat oder <em>wie viel<\/em> Geld sie gibt. Ihr Tun wird nicht eben nicht \u00f6konomisch bewertet, auch nicht moralisch, wie es die J\u00fcnger tun. F\u00fcr Jesus z\u00e4hlt allein ihre Zuwendung. Allein ihre Liebe, die sich eben nicht rechnet. Die geradezu verschwenderisch ist! So wie ein Br\u00e4utigam seiner Braut einen m\u00f6glichst wertvollen Ring kauft, weil er sie liebt \u2013 und nicht, weil Kaufpreis, Material und Verarbeitung in einem wirtschaftlich annehmbaren Verh\u00e4ltnis stehen \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Frau fragt nicht danach, was es ihr kostet. Sie l\u00e4sst es sich etwas kosten. Sie vergie\u00dft ihr Fl\u00e4schchen \u00d6l \u2013 f\u00fcr ihn. F\u00fcr ihn, der bald sein Blut vergie\u00dfen wird: f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es wirkt so, als ob Jesus selber diese Zuwendung und Zuneigung braucht, die in der Salbung steckt. Voller Angst, voller Unruhe, konfrontiert mit Leid und Unrecht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Blick auf das Leid und den Tod ist alles anders und nichts, wie man es erwarten w\u00fcrde. So ist es auch bei Jesus. Darin kommt er uns als Mensch so nahe. Darin teilt er als Mensch unser Leid.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Ich sehe uns nicht nur bei den J\u00fcngern oder bei Jesus. Ich sehe uns auch in der Rolle dieser mutigen Frau. Sie wird ja zum leuchtenden Beispiel:<em> Wo immer das Evangelium verk\u00fcndigt wird, wird man auch erz\u00e4hlen, was sie getan hat und wird ihrer gedenken. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie dr\u00fccken wir heute unsere Liebe zu Jesus, dem Christus aus? Wo verschaffen wir uns N\u00e4he zu ihm und seiner Botschaft? \u2013 Gerade in Trauer und Extremsituationen begegne ich Menschen, die in biographischen Ausnahmesituationen sind, so wie Jesus und seine J\u00fcnger in Betanien, und die <em>geben<\/em>, ohne dass es sich \u201erechnet\u201c. Die \u00fcber sich hinaus wachsen. Denen das Herz \u00fcberl\u00e4uft. Und die darin diesem Jesus nahekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die N\u00e4he zu Jesus entsteht vor allem dann, wenn wir die Suche nach dieser N\u00e4he als <em>Liebeswerk<\/em> verstehen und gestalten (so wie es diese unbekannte Frau tat), wenn wir das Wertvollste des Glaubens und des Lebens, das wir besitzen, nicht f\u00fcr uns behalten, sondern \u00f6ffnen, zerbrechen und ausgie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Simon und seinem Wunsch, vielleicht seinem letzten, auf alle F\u00e4lle seinem4r5 gr\u00f6\u00dften Wunsch: ein Hubschrauberflug \u00fcber das Ruhrgebiet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich haben Menschen f\u00fcr ihn gespendet. Geholfen hat der Verein \u201eHerzensw\u00fcnsche\u201c aus M\u00fcnster. Er hat sich zum Ziel gesetzt, kranken Kindern wie Simon und Jugendliche ihre W\u00fcnsche zu erf\u00fcllen. W\u00fcnsche, die sich nicht rechnen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die rund 70 Ehrenamtliche und drei hauptamtliche Helferinnen und Helfer haben aber eine Erfahrung gemacht: Die Erf\u00fcllung eines lang gehegten Traumes tr\u00e4gt entscheidend dazu bei, dass die Kinder und Jugendliche ihre Leidenszeit besser bew\u00e4ltigen. Ob ein Treffen mit Prominenten, ein Aufenthalt auf einem Ponyhof, eine Hei\u00dfluftballonfahrt oder aber eine sch\u00f6n ausgerichtete Geburtstagsfeier &#8211; jeder Wunsch wird ganz individuell und mit viel Engagement verwirklicht, auch wenn es nicht \u201esinnvoll\u201c, nicht rational ist, sondern purer Luxus. Wie etwa ein Hubschrauberflug.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Simon ist eine Stunde lang in einem roten Helikopter im Sichtflug \u00fcber das Ruhrgebiet geflogen. Bis zum Haus der Gro\u00dfmutter in Herten. Sie hat winkend auf der Stra\u00dfe gestanden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was w\u00e4re Ihnen der Wunsch von Simon wert? Simon ist neun Jahre alt und an Krebs erkrankt. 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