{"id":521,"date":"2017-01-11T16:58:26","date_gmt":"2017-01-11T15:58:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=521"},"modified":"2017-01-11T16:58:26","modified_gmt":"2017-01-11T15:58:26","slug":"wo-gott-ist-erinnerung-an-elie-wiesel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=521","title":{"rendered":"Wo Gott ist &#8211; Erinnerung an Elie Wiesel"},"content":{"rendered":"<p>Am Samstagabend ist Elie Wiesel gestorben, der 1926 in Siebenb\u00fcrgen 1926 geborene Jude, der seinen Glauben verlor: mit 14 Jahren. in Auschwitz. 1944 bis zur Befreiung 1945.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Impuls Leitungskreis DWKKRE 8.7.2016<\/strong><\/p>\n<p>Er wurde von Mutter und Schwestern getrennt. Er musste mit ansehen, wie sein Vater starb: \u201eNie werde ich diese Nacht vergessen\u201c schreibt er 1958 in seinem Meisterwerk \u201eNacht\u201c, der literarischen Grundlage f\u00fcr Literaturnobelpreis 1986.<\/p>\n<p><em>\u201eNie werde ich die Nacht vergessen, die meinen Glauben f\u00fcr immer verzehrten. Nie werde ich das vergessen, und wenn ich verurteilt w\u00e4re, solange wie Gott zu leben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Gottesbild, das die christliche, ja auch die j\u00fcdische Theologie verst\u00f6rt und erneuert hat: Eine Theologie ohne Gott? Eine Gott-ist-tot-Theologie in radikaler Abkehr von allen bisherigen Gottesvorstellungen an einen gerechten und allm\u00e4chtigen Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Erinnerung an Auschwitz beschrieb er mal folgende Szene:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Als ein H\u00e4ftling einen erh\u00e4ngten Jungen sah, rief dieser: \u00bbWo ist Gott?\u00ab und antwortet selbst: \u00bbDort, dort h\u00e4ngt er, am Galgen.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Beschreibung wurde pr\u00e4gend f\u00fcr die \u201eTheologie nach Auschwitz\u201c, die Gott in den Opfern suchte, im Unrecht und Leid. Dorothee S\u00f6lle wurde eine der prominentesten Vertreterinnen. Nach Auschwitz k\u00f6nne man nur noch ganz anders von Gott reden: vom gekreuzigten Gott auf Golgatha, der nicht allm\u00e4chtig im Sinne einer Allmacht eines Weltenherrschers die Welt lenkt, sondern &#8211; wenn \u00fcberhaupt \u2013 als verletzbar und in J.C. buchst\u00e4blich verwundbar sich auf diese Welt eingelassen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beginn des Romans \u201eGezeiten des Schweigens\u201c, Freiburg 1992, S.11:<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eSprichst du gerne von Gott?\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDu wei\u00dft doch, dass ich\u2019s gerne tue.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDann los, Pedro, los. Sprich mit mir von Gott.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eGott, kleiner Bruder, ist die Schw\u00e4che der Starken und die St\u00e4rke der Schwachen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eUnd vom Menschen, Pedro? Sprichst du auch gerne vom Menschen?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDu wei\u00dft doch, dass ich\u2019s gerne tue.\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eAlso, sprich mir vom Menschen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDer Mensch ist die St\u00e4rke Gottes. Und auch seine Schw\u00e4che.\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>(Eli Wiesel, Gezeiten des Schweigens, Freiburg 1992, S.11)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Keine Karfreitagspredigt von mir, in der nicht dieses Gottesbild mitschwang \u2013 auch in der Zumutung, dass es bei einem solchen Blick auf Gott bis Ostern immer noch sehr weit ist \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Elie Wiesel hat die Kraft gefunden, nicht nur zu \u00fcberleben, sondern aus seinem \u00dcberleben eine Verpflichtung abzuleiten f\u00fcr sein gesamtes weiteres Leben: zu erinnern und zu mahnen. Dabei orientierte er sich \u2013 trotz seiner Erlebnisse \u2013 am Glauben an den Menschen, und darin dann doch wieder auch an Gott:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wenn ihr nicht wisst, ob euer Tun richtig ist, dann fragt euch, ob ihr dadurch den Menschen n\u00e4herkommt. Ist das nicht der Fall, dann wechselt schleunigst die Richtung; denn was euch den Menschen nicht n\u00e4her bringt, entfernt euch von Gott.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er schlug vers\u00f6hnende T\u00f6ne an. Vor dem Deutschen Bundestag sagte er 2000:<\/p>\n<p><em> \u201eNiemals habe ich an die Kollektivschuld geglaubt. Die Kinder der M\u00f6rder sind keine M\u00f6rder, sondern Kinder.\u201c <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er hatte einen klaren Blick, wo in der Gegenwart das Humanum bedroht war: Er wandte sich gegen die Apartheid in S\u00fcdafrika, die Unterdr\u00fcckung der Indigene in S\u00fcdamerika, er gei\u00dfelte aus Amerikaner den Irakkrieg Georg Bushs. Er war kein radikaler Pazifist und unterst\u00fctze etwa den Kosovokrieg der Nato oder verteidigte das Existenzrechts Israels.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er starb nun im Alter von 87 Jahren. Mir war nicht bewusst, wie sehr unser theologisches Denken von ihm mitgepr\u00e4gt ist, wie sehr seine radikalen Anfragen an Unrechtsstrukturen und an Schuld und S\u00fchne unsere westliche Gesellschaft gepr\u00e4gt haben. Ich habe aber auch entdeckt, wie \u2013 bei allem Kummer und ewiger Erinnerung an das Erlebte \u2013 der Lebenswille nicht versicht ist, so fern ich dar\u00fcber urteilen kann und darf. Autobiographisch wirkt ein weiteres Zitat aus einem seiner B\u00fccher:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Man kannte, man liebte Rabbi David Leikes f\u00fcr seine \u00fcberschw\u00e4ngliche, mitrei\u00dfende Freude: er war ein gl\u00fccklicher Mensch. Beim Beten geriet er in Begeisterung; selbst aus den Klagen machte er Lobges\u00e4nge. Er \u00fcberlebte seine vier S\u00f6hne und seine Frau. Mit dreiundsiebzig Jahren, trauernd, vereinsamt, verfiel er dennoch nicht in Verzweiflung. Um Gott zu loben, muss man leben, sagte er; und um zu leben, muss man das Leben lieben, trotz allem \u2026<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Samstagabend ist Elie Wiesel gestorben, der 1926 in Siebenb\u00fcrgen 1926 geborene Jude, der seinen Glauben verlor: mit 14 Jahren. in Auschwitz. 1944 bis zur Befreiung 1945.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[5,19],"tags":[],"class_list":["post-521","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-predigten","category-weiterer-anlass"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/521","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=521"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/521\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":522,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/521\/revisions\/522"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=521"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=521"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=521"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}