{"id":517,"date":"2017-01-11T16:50:36","date_gmt":"2017-01-11T15:50:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=517"},"modified":"2017-01-11T16:50:36","modified_gmt":"2017-01-11T15:50:36","slug":"zum-ausbruch-des-zweiten-weltkriegs-2014-zu-roem-831f","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=517","title":{"rendered":"Zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs (2014 zu R\u00f6m 8,31f.)"},"content":{"rendered":"<p>Wir erinnern uns in diesen Wochen an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, auf den Tag genau vor 75 Jahren. Und wir sehen eine neue Kriegsgefahr hinaufsteigen, sogar wieder mitten in Europa.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Andacht zum 1. September \u2013 Weltfriedenstag <\/strong><\/p>\n<p><strong>Gedenktag Ausbruch des 2. Weltkriegs, Kuratorium Ellen-Scheuner-Haus, September 2014<\/strong><\/p>\n<p><strong>R\u00f6mer 8,31.32<\/strong><\/p>\n<p><em>Ist Gott f\u00fcr uns, wer kann wider uns sein?<\/em><\/p>\n<p><em>Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn f\u00fcr uns alle dahingegeben &#8211; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Offen wurde am Wochenende von einem russischen Krieg gegen die Ukraine gesprochen. Und dieser Konflikt wechselt sich als Top-Thema t\u00e4glich ab mit dem Krieg zwischen Israel und Gaza und dem Morden der IS-Truppen im Nordirak.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier im Altenheim kennen die Menschen noch die Kriegsschrecken. Oft haben sie diese nie recht \u00fcberwunden. Wenn sie davon erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, dann h\u00f6re ich oft zwei Lehren heraus: Dass der Krieg schneller kam, als wir dachten. Und: Der Krieg endete nicht automatisch in Frieden. Diese Erfahrung stirbt buchst\u00e4blich aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Helmut Schmidt und Sigfried Lenz, beide nicht gerade im Verdacht radikale Pazifisten zu sein, waren sich in einem gemeinsamen ZEIT-Interview (Nr. 36, S. 43) in einem einig: Auf die Frage, ob die Kriegsgefahr dadurch wachse, dass eine Generation politische Verantwortung tr\u00e4gt, die den Krieg nicht aus eigener Erfahrung kennt, antwortet Schmidt:\u00a0<em>\u201eJa. Kann man so sagen.\u201c\u00a0 <\/em>Eine ern\u00fcchternde Bilanz f\u00fcr diesen Tag!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Auf einer Tagung im ev. Tagungshaus Villigst am Wochenende fragte die WDR2-Moderator Gisela Steinhauer den ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Wolfgang Huber, warum er f\u00fcr Waffenlieferungen in den Irak sei, seine Amtsvorg\u00e4ngerin Magot K\u00e4ssmann aber dagegen sei. Das w\u00e4re dem Kirchenvolk ja schwer zu vermitteln&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es keine simple Haltung. Und entsprechend sto\u00dfen sich Schmidt und Lenz daran, wie \u201eleichtfertig\u201c die Politik wieder \u00fcber milit\u00e4risches Eingreifen spricht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Margot K\u00e4ssmann nimmt in der kirchlichen Landschaft einen eher den radikalen pazifistischen Standpunkt ein, erinnert an die Aussage des \u00d6kumenischen Rates der Kirchen 1948 in Amsterdam: \u201eKrieg soll nach Gottes Willen nicht sein.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sollte mit dieser Gesinnung jeder Versuch erstickt werden, kriegerische Handlungen religi\u00f6s zu rechtfertigen. Wenn die IS im Nordirak vermeintlich im Namen Allahs t\u00f6tet und in verheerender Weise Politik und Religion in eins setzt, dann k\u00f6nnen wir als Kirchen selbstkritisch daran erinnern, dass v.a. der evangelischen Kirche diese Haltung auch nicht fern war im Ersten und Zweiten Weltkrieg: \u201eIst Gott mit uns \u2013 wer kann gegen uns sein?\u201c \u2013 Dieses Wort war in den ersten Wochen des Ersten Weltkriegs ein beliebter und g\u00e4ngiger Predigttext, um die Kriegsverherrlichung und die Kriegseuphorie auch religi\u00f6s anzufeuern und auszudr\u00fccken: Mit Gott auf unsere Seite gegen die verhassten Nachbarv\u00f6lker! Das Wort fand Eingang bis auf die Koppelschl\u00f6sser der Soldatenuniformen: \u201eGott mit uns\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer las den R\u00f6merbrief schon weiter:<\/p>\n<p><em>Ist Gott f\u00fcr uns, wer kann wider uns sein? 32 Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn f\u00fcr uns alle dahingegeben &#8211; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es klingt geradezu zynisch, aus diesem Text eine Kriegsparole zu machen und ihn zu k\u00fcrzen um die Erinnerung an den gewaltsamen Tod Jesu, der ja an das Vers\u00f6hnungswerk Gottes gegen\u00fcber den Menschen erinnert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch im Zweiten Weltkrieg vermischte die Bewegung der Deutschen Christen Politik und Religion. Sie wollten das F\u00fchrerprinzip auch in die Evangelische Kirche einf\u00fchren. In der Barmer Erkl\u00e4rung von 1934 hielt die Bekennende Kirche dagegen:<\/p>\n<p><em>\u201eWir verwerfen die falsche Lehre, als solle und k\u00f6nne sich die Kirche \u00fcber ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche W\u00fcrde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insofern ist der Satz von 1948, \u201eKrieg soll nach Gottes Willen nicht sein\u201c eine Abkehr, jemals wieder Krieg religi\u00f6s zu rechtfertigen, \u00fcberhaupt: Die Schwelle f\u00fcr Krieg sollte m\u00f6glichst hoch gesetzt werden. Und: das \u00fcbliche Denken sollte umgekehrt werden: nicht der Friedfertige hat sich zu rechtfertigen, sondern derjenige, der kriegerisch t\u00e4tig wird. Nicht mehr die Frage des gerechten Krieges, sondern wie man einen Gerechten Frieden bewerkstelligen kann, sollte im Vordergrund stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wolfgang Huber kommt zu seinem ganz anderen Ergebnis \u2013 pro Waffenlieferungen \u2013 aber auch von diesem Grundsatz des \u201eGerechten Friedens\u201c her: Er fragt aber stark verantwortungsethisch: Wie w\u00fcrde ich mich selber in politischer Verantwortung entscheiden, wenn man abw\u00e4gen m\u00fcsste? Unterlassene Hilfeleistung sei eben auch eine Schuld. Das Gebot \u201eDu sollst nicht t\u00f6ten\u201c schlie\u00dft f\u00fcr ihn ein, \u201edass man auch nicht t\u00f6ten l\u00e4sst\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>So kann aus der Bibel unterschiedliche Konsequenzen gezogen werden. Das macht die Sache schwierig. Es macht es auch zu einer Gewissensentscheidung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu welchem Urteil man auch immer kommt: Der \u201ePazifist\u201c im Wortsinn \u2013 der Begriff ist aus der Seligpreisung abgeleitet: \u201eSelig sind die \u201eFriedfertigen\u201c\/lat.: pacifici \u2013 ist nie \u201eunt\u00e4tig\u201c oder \u201epassiv\u201c.<\/p>\n<p>Insofern \u00e4rgert mich in diesen Tagen die Diskreditierung pazifistischer Haltungen. Eine pazifistische Haltung hat nichts mit Jogamatten zu tun.<\/p>\n<p>Auch das Hinhalten der linken Wange ist nichts Passives, sondern ein wacher Widerstand: Das Gegen\u00fcber hat die M\u00f6glichkeit, sein schuldhaftes Verhalten eben nicht zu wiederholen sondern zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke der pazifistischen Position ist, genauer nach den Kriterien f\u00fcr milit\u00e4risches Eingreifen zu fragen. Seit der Antike stehen uns in der \u201eLehre des Gerechten Krieges\u201c solche Kriterien zu Verf\u00fcgung \u2013 und somit wird die \u201eLehre vom gerechten Krieg\u201c in aller Regel zu einer Lehre f\u00fcr die Vermeidung von Krieg:<\/p>\n<p>Mit Blick auf den Nordirak machen sie mich sehr nachdenklich und zur\u00fcckhaltend:<\/p>\n<ul>\n<li>Was ist die legitime Autorit\u00e4t? Es ist kein internationales Mandat erteilt.<\/li>\n<li>Ist es wirklich das absolut letzte Mittel? \u2013 Hier w\u00e4ren wir bei den Einw\u00e4nden von Schmidt und Lenz und der Frage nach der \u201eLeichtfertigkeit\u201c, inwieweit sich unsere Politik wieder militarisiert.<\/li>\n<li>Gibt es einen Plan f\u00fcr danach? Kann der Milit\u00e4reinsatz die Parteien an den Verhandlungstisch zw\u00e4ngen? Hier scheint mir das gr\u00f6\u00dfte Problem zu liegen.<\/li>\n<li>Gibt es einen gerechten Grund oder eine gerechte Absicht? \u2013 Tats\u00e4chlich droht ein Genozid, eine humanit\u00e4re Katastrophe gibt es schon &#8211; hier setzt Wolfgang Hubers Argumentation an. Aber reicht das? Und was k\u00f6nnte man alternativ tun?<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>W\u00e4gen wir st\u00e4rker ab!<\/p>\n<p>Misstrauen wir mehr den Kriegsbildern \u2013 ich lasse mich nicht irritieren von einer heroischen Verteidigungsministerin vor einem J\u00e4ger 90, und kann mich gleichzeitig nicht den Bildern aus dem Irak entziehen, die die IS teilweise selber in die Welt\u00f6ffentlichkeit zerren!<\/p>\n<p>Misstrauen wir der Kriegsrhetorik: Dass \u201edie Welt sich ge\u00e4ndert hat\u201c \u2013 das galt auch schon vor 100 Jahren und 75 Jahren als Kriegsgrund.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich w\u00e4re viel entscheidender, Konflikte gar nicht so weit kommen zu lassen.<\/p>\n<p>Wieder einmal scheint es f\u00fcr diese Erkenntnis zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Das ist das Fatale, gerade an einem Tag wie diesem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>EG 430,1.2<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir erinnern uns in diesen Wochen an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, auf den Tag genau vor 75 Jahren. 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