{"id":502,"date":"2017-01-11T15:45:12","date_gmt":"2017-01-11T14:45:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=502"},"modified":"2019-04-12T18:31:37","modified_gmt":"2019-04-12T16:31:37","slug":"dem-deutschen-volk-gottes-segen-fuer-die-ganze-welt-andacht-im-reichstag-2011","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=502","title":{"rendered":"Dem deutschen Volk &#8211; Gottes Segen f\u00fcr die ganze Welt (Andacht im Reichstag 2011)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-5160 size-thumbnail\" src=\"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/69126CA7-01AC-4008-A7DE-8EAC1296ECA5-300x225.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/69126CA7-01AC-4008-A7DE-8EAC1296ECA5-300x225.jpeg 300w, http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/69126CA7-01AC-4008-A7DE-8EAC1296ECA5-450x338.jpeg 450w, http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/69126CA7-01AC-4008-A7DE-8EAC1296ECA5.jpeg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Vor Euch liegt ein Bild vom \u00d6kumenischen Kirchentag 2003: der Abschlussgottesdienst vor dem Reichstagsgeb\u00e4ude. Damals kamen 100.000 vor dieses Regierungsgeb\u00e4ude und stellte Kirche dar \u2013 mitten in einer s\u00e4kularen Stadt.<!--more--><strong>Andacht Bundestag Pfarrkonventfahrt Oktober 2011<\/strong><\/p>\n<p>Evangelische und Katholische \u2013 mitten im sich damals (und wahrscheinlich noch heute) wiedervereinigenden Berlin.<\/p>\n<p>In dieser Kulisse waren zwei Losungen zu lesen \u2013 und aus entsprechender Fotoperspektive standen diese beiden S\u00e4tze nebeneinander: \u201eDem deutschen Volk\u201c \u2013 der Schriftzug vor dem Reichstagsgeb\u00e4ude. Und dann: \u201eIhr sollt ein Segen sein\u201c \u2013 die Losung f\u00fcr diesen Abschlussgottesdienst am First der gro\u00dfen B\u00fchne vor dem Reichstag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDem deutschen Volk\u201c und \u201eGottes Segen f\u00fcr die ganze Welt\u201c. Das sind f\u00fcr mich inspirierende und pr\u00e4gnante S\u00e4tze: in ihrer Gegens\u00e4tzlichkeit, in der Notwendigkeit ihrer Zuordnung und in ihrer Beziehungshaftigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDem deutschen Volke\u201c hat der Architekt des Reichstagsgeb\u00e4udes <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Wallot\">Paul Wallot<\/a> als die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Widmung\">Widmung<\/a> f\u00fcr den 1894 fertiggestellten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neorenaissance\">Neorenaissance<\/a>-Bau festgelegt. Daraufhin entz\u00fcndete sich ein Streit um diese Inschrift. Der Berliner Lokal-Anzeiger nannte den Plan \u201enaiv, beinahe komisch\u201c, denn der Bauherr sei das deutsche Volk \u2013 sich selbst gewidmet? Als Gegenvorschl\u00e4ge kursierten \u201e\u201eDem Deutschen Reiche\u201c und Kaiser <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_II._%28Deutsches_Reich%29\">Wilhelm\u00a0II.<\/a> \u201eDer Deutschen Einigkeit\u201c vor. 20 Jahre sp\u00e4ter \u2013 erst w\u00e4hrend des ersten Weltkrieges \u2013 wurde der Schriftzug befestigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Schriftzug verdeutlichte mir damals als Gottesdienstbesucher des Kirchentags, dass christliche Existenz immer an einem konkreten Ort stattfindet. Wir kennen diesen Bezug bei den verschiedenen Konzepten der \u201e<em>Volks<\/em>kirche\u201c, die es durch die Kirchengeschichte gab: Eine Kirche durch das Volk (der partizipatorische Gedanke Friedrich Schleiermachers). Eine Kirche f\u00fcrs ganze Volk (der diakonische und volksmissionarische Gedanke Johann Hinrich Wicherns). Wir kennen auch die Gefahr des Abgleitens, wenn die Bezugsgr\u00f6\u00dfe \u201eVolk\u201c gegen Teile des eigenen Volkes oder andere V\u00f6lker gerichtet wird (die v\u00f6lkische Kirche der \u201eDeutschen Christen\u201c).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Entsprechend bedarf die Volkskirche, die \u201edem deutschen Volk\u201c verpflichtet, einer notwendigen Erg\u00e4nzung. Dietrich Bonhoeffer hat als Ortsangabe der Kirche formuliert: \u201eDas Revier der Kirche ist die ganze Welt.\u201c Gottes Segen gilt der ganzen Welt, \u00fcber die konkrete Ortsangabe hinweg. Kirche ist immer \u00f6kumenisch, sowohl im Sinne einer weltweiten Kirche wie einer \u00fcberkonfessionellen Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4sst sich nicht in Kirchenmauern sperren. Kirche ist auch nicht auf geistliche Vollz\u00fcge oder Liturgie zu begrenzen: Sie ist \u2013 wie die Demokratie dem deutschen Volke verpflichtet ist \u2013 beauftragt, sich f\u00fcr Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Sch\u00f6pfung einzusetzen. Kein Bereich f\u00fcr den Christen, in dem nicht Jesus Christus geh\u00f6rt und Gehorsam geleistet werden kann (Barmen II).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier in der Reichstagskapelle passiert daher zweierlei: Abgeordnete des deutschen Volkes stellen sich unter den Segen Gottes \u2013 Christen stellen sich hier in den Dienst ihres Volkes. In jeder Sitzungswoche l\u00e4uten \u00fcber die Hausanlage die Glocken des K\u00f6lner Doms und Abgeordnete und Bedienstete treffen sich zur Andacht, wechselweise in evangelischer und katholischer Verantwortung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dem deutschen Volk \u2013 Segen f\u00fcr die ganze Welt: Es bedarf einer Verkn\u00fcpfung vom dem, wozu der Abgeordnete beauftragt ist (\u201eWohl des deutschen Volkes\u201c) und von dem, was mich pers\u00f6nlich bewegt und welche letzten Beweggr\u00fcnde ich f\u00fcr mein Handeln habe. Der Papst hat\u2019s hier vor zwei Wochen sehr philosophisch ausgedr\u00fcckt, als er \u00fcber die Verbindung von Vernunft und Glaube, Recht und Naturrecht sprach.<\/p>\n<p>Evangelisch w\u00fcrden wir\u2019s wohl so sagen: Die Reiche sind zu unterscheiden, aber unbedingt aufeinander zu beziehen: Ohne Weltbezug kann die Kirche nicht ihren Heiland bezeugen, der mitten in diese Welt hineingeboren wurde. \u201eDas Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.\u201c (Johannes 1,14)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und die Politik? \u2013 Ohne den Blick \u00fcber das von Menschen Verantwortbare hinaus, ohne die Demut, dass Segen immer etwas Geschenkte, etwas Geborgtes ist, lie\u00dfe sich in meinen Augen schwer regieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Dennoch frage ich mich: \u201eDem deutschen Volk\u201c &#8211; hat sich die Ortsanweisung der Politik nicht ver\u00e4ndert, im Europa der Rettungsschirme, in der Welt der globalen Zusammenh\u00e4nge mit Klimakatstrophe und sozialer Frage? In einer multikulturellen Gesellschaft, in der die Politik nicht nur f\u00fcr Deutsche da ist?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Ich will nie ein Nationalist sein, aber ein Patriot wohl. Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt, ein Nationalist ist jemand, der die Vaterl\u00e4nder der anderen verachtet. Wir aber wollen ein Volk der guten Nachbarn sein, in Europa und in der Welt.&#8220; (Johannes Rau am 23. Mai 1999 nach seiner Wahl zum Bundespr\u00e4sidenten.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Losung \u201eDem deutschen Volk\u201c bedarf einer Erg\u00e4nzung, und diese Erg\u00e4nzung findet sich seit dem Jahr 2000 im n\u00f6rdlichen Lichthof des Reichstagsgeb\u00e4udes. Dort ist ein gro\u00dfes Kunstwerk zu sehen, ein gro\u00dfer Kasten, gef\u00fcllt mit Kies und Erde, aus dem verschiedene Pflanzen sprie\u00dfen, und in dessen Mitte der von innen beleuchtete Schriftzug \u201eDER BEV\u00d6LKERUNG\u201c angebracht ist. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bertolt_Brecht\">Der K\u00fcnstler hat sich wohl von Brechts<\/a> inspirieren lassen: \u201eWer in unserer Zeit Bev\u00f6lkerung statt Volk [\u2026] sagt, unterst\u00fctzt schon viele L\u00fcgen nicht.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und die Losung \u201eSegen f\u00fcr die ganze Welt\u201c? \u2013 Was ist aus den Erwartungen des \u00d6KT geblieben? \u2013 Stehen unsere Kirchen gemeinsam ein f\u00fcr diese Weite des Segens? \u2013 Ich erlebe entt\u00e4uschte Hoffnungen in der \u00d6kumene \u2013 oder noch schlimmer: erst gar keine Erwartungen mehr. Dabei ist \u00d6kumene alles andere als ein Selbstzweck, sondern Auftrag und Wesen der Kirche, gerade weil es um den grenzenlosen Segen geht, der alles Partikulare \u00fcbersteigt: \u201eWir sollen eins sein, damit die Welt glaube.\u201c (Johannes 17,21)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Mit dem Bild des feiernden Kirchenvolks vor dem Reichstag verbinden sich f\u00fcr mich viele Hoffnungen und Erwartungen: Ich w\u00fcnsche mir eine Kirche, die ihre Sprache findet, in einer Welt, in der die partikulare Ortsanweisung nicht mehr so klar und deutlich ist, wie\u2019s an diesem Geb\u00e4ude dran steht. (Entsprechend ist der Andachtsraum im Reichstag konfessionell nicht festgelegt und offen. Aber genau in dieser Offenheit ist dann ein konkreter Gottesglaube m\u00f6glich und n\u00f6tig.)<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir eine leidenschaftliche grenzenlose Kirche, die offen ist f\u00fcr Gottes Segen und sich dadurch selber verwandeln l\u00e4sst, anstatt alle Antworten schon zu kennen.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir eine Kirche, die an die Orte von Politik und Gesellschaft geht, weil sie von der Wirklichkeit Gottes sprechen kann \u2013 mitten unter uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Euch liegt ein Bild vom \u00d6kumenischen Kirchentag 2003: der Abschlussgottesdienst vor dem Reichstagsgeb\u00e4ude. 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