{"id":498,"date":"2017-01-11T15:35:55","date_gmt":"2017-01-11T14:35:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=498"},"modified":"2017-01-11T22:27:50","modified_gmt":"2017-01-11T21:27:50","slug":"wichern-iii-aus-hoffnung-andacht-pfarrkonvent-2008","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=498","title":{"rendered":"Wichern III aus Hoffnung (Andacht Pfarrkonvent 2008)"},"content":{"rendered":"<p>Einem der V\u00e4ter der Diakonie klagte einmal ein Lehrer von seiner gro\u00dfen Schwierigkeiten mit seinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern. Daraufhin erz\u00e4hlte der ihm von \u00e4hnlichen Schwierigkeiten, die er aber gemeistert hatte. Der Lehrer wollte es wissen: \u201eWie hast Du das gemacht?\u201c \u2013 Der Diakoniker, Johann Hinrich Wichern war es \u00fcbrigens, antwortete: \u201eDu musst sie einfach m\u00f6gen!\u201c<!--more--><\/p>\n<p><strong>Andacht Pfarrkonvent 16.1.2008 (Gemeindediakonie in Letmathe)<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDu musst sie einfach m\u00f6gen\u201c \u2013 so lie\u00dfe sich \u201eBarmherzigkeit\u201c in einem kurzen Satz beschreiben. Misericordias: wort-w\u00f6rtlich ein Herz haben f\u00fcr Arme, Verwaiste, Ungl\u00fcckliche. Und sich dabei in guter Gesellschaft mit dem Nazarener wissen: Der sich, als er das Volk sah, seiner erbarmte. Oder in guter Gesellschaft mit dem Samariter: Als er den, der unter die R\u00e4uber gefallen war, sah, jammerte es ihm.<\/p>\n<p>Barmherzigkeit im biblischen Kontext ist mehr als Mit-Leid. Das Leid des Anderen wird zum eigenen Leid \u2013mit allen Grenz\u00fcberschreitungen, die wir heute in Seelsorge, Beratung und Therapie auch berechtigterweise problematisieren. Und bei Wichern immer auch in einer wechselseitigen Beziehung von Seelennot und somatischer Not \u2013 die gesungenen Verse Wicherns sind uns da wom\u00f6glich fremd \u00fcber die Lippen gekommen: <em>\u201eIn dem Bruder, der da weinet, in der Schwester tief betr\u00fcbt, seh ich sein Herz, das sich geneiget, mich in deiner Liebe \u00fcbt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Du musst sie einfach m\u00f6gen \u2013 ich vermute (ohne Johann Hinrich Wichern, dessen 200. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, zu verkl\u00e4ren) dass dies seine Haltung anderen Menschen gegen\u00fcber war. Als er 1833, als 25-J\u00e4hriger, in Hamburgs Elendsviertel das Rauhe Haus gr\u00fcndete, Spenden sammelte und verwahrloste Kinder und Jugendliche von der Stra\u00dfe holte. Und der der Kirche die N\u00e4chstenliebe und Barmherzigkeit \u2013 quasi aus dem Stegreif \u2013 ins Stammbuch schrieb:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>\u201eDie Liebe geh\u00f6rt mir wie der Glaube.\u201c<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war 1848. Neben die Verk\u00fcndigung sollte die rettende Tat, neben den Prediger der Diakon treten. Eine Kirche f\u00fcrs Volk sollte sich der Inneren Mission verschreiben:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Glaube \u2013 Hoffnung \u2013 Liebe \u2013 aber die Liebe ist eben die gr\u00f6\u00dfte!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><\/li>\n<li>Jahre nach der Gr\u00fcndung der Inneren Mission steht wieder ein Lehrer vor einem gro\u00dfen Diakoniker, diesmal \u2013 so male ich es mir vor meinem geistigen Auge aus \u2013 vor Eugen Gerstenmaier, dem ersten Leiter des Ev. Hilfswerks. Dieser Lehrer berichtet davon, dass seine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler in den Nachkriegswirren mit dem Leben an sich nicht zurechtkommen, so sehr er ihnen auch liebevoll entgegenkommt.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gerstenmaier, so phantasiere ich weiter, h\u00e4lt diesem Lehrer die Proklamation des Hilfswerks aus dem Herbst 1945 vor die Augen:<\/p>\n<p>\u201eDer Hunger klopft an die T\u00fcren. Durch die H\u00e4user, durch die St\u00e4dte, von Jammer verfolgt, schreitet das Ungl\u00fcck. Obdachlose, verzweifelte, verlassene Menschen rufen um Hilfe. (&#8230;) Dies darf und soll nicht das Los von Millionen unserer Br\u00fcder und Schwestern werden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Neben Wichern I tritt Wichern II: Die Kirche will nicht mehr nur die Wunden verbinden, Barmherzigkeit \u00fcben und Trost spenden, sondern Wunden verhindern, f\u00fcr Gerechtigkeit k\u00e4mpfen. Liebe soll nicht nur retten, sondern auch die Gesellschaft gestalten. Br\u00fcder und Schwestern sind die, die Hilfe brauchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur gesellschaftlichen Diakonie der kommenden Jahrzehnte geh\u00f6rt: den Armen Recht verschaffen; den Stummen Stimme geben.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>&gt; Lied: Text: Thomas Laubach, Kanon f\u00fcr 4 Stimmen: Thomas Quast (1997)<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich stelle mir weiter vor, dass heute, im 21. Jhd., 200 Jahre nach der Geburt Wicherns, ein heutiger Lehrer unterwegs ist. Zu einer Diakonikerin. Seine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler &#8230; \u2013 wir wissen\u2019s schon: so unterschiedliche Aufstiegschancen, so unterschiedliche Familiengeschichten, so unterschiedliche Herkunftsgeschichten. So viele \u201earm\u201c \u2013 in einem reichen Land. Und vor allem: Wer unten steht, hat schon in jungen Jahren nicht mehr die Erwartung, da rauszukommen: Kinder sch\u00e4tzen so wahnsinnig realistisch ihre Chancen ein.<\/p>\n<p>Gibt es eine Antwort der Kirche und ihrer Diakonie? Gibt es ein Wichern III, einen Begriff, ein Schlagwort, das <em>heute<\/em> von dem Pioniergeist, von der Begeisterungsf\u00e4higkeit eines Johann Hinrich Wichern zeugt und gleichzeitig auf die aktuellen Herausforderung reagiert? \u2013Wolfgang Huber hat im aktuellen \u201eZeitzeichen\u201c Wichern III mit dem Begriff der <u>Hoffnung<\/u> besetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gottvertrauen und t\u00e4tige N\u00e4chstenliebe im Zusammenhang von Hoffnung zu beschreiben \u2013 das k\u00f6nnte eine Vergegenw\u00e4rtigung Wicherns bedeuten. Denn \u201eHoffnung\u201c erf\u00fcllt Menschen, die wieder neue Zuversicht und neuen Mut fassen, weil andere sich ihrer annehmen \u2013 entgegen allem Trend der absoluten Hoffnungslosigkeit.<\/p>\n<p>Hoffnung ist Aussicht, Aufbruch und Ausrichtung nach vorn und damit vielleicht der religi\u00f6se Begriff f\u00fcr neue Chancen \u2013 und der Kampf f\u00fcr die Strukturen, die Menschen wirklich neue Chancen einr\u00e4umen. Hoffnung ist letztlich christliche Hoffnung, die Gottes Wirklichkeit neben die Wirklichkeit der Welt treten l\u00e4sst. Trost im Leiden <em>und<\/em> Protest gegen das Leiden \u2013 und damit ein durch und durch diakonischer Begriff!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Glaube \u2013 Hoffnung \u2013 Liebe: Paulus kannte schon diesen Dreiklang \u2013 und wom\u00f6glich wird im Laufe dieses Vormittags \u2013 oder doch zumindest des Wichern-Jahres \u2013 aus einem klassischen Trautext ein diakonischer Text. Die Welt und nicht zuletzt die Kirche und ihre Diakonie h\u00e4tten es n\u00f6tig! Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gebet: Gott, segne unsere Zusammenkunft. Lass uns den Geist der Liebe, der Gerechtigkeit und der Hoffnung sp\u00fcren und weitertragen. St\u00e4rke darin unserer Vertrauen auf dich. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einem der V\u00e4ter der Diakonie klagte einmal ein Lehrer von seiner gro\u00dfen Schwierigkeiten mit seinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern. Daraufhin erz\u00e4hlte der ihm von \u00e4hnlichen Schwierigkeiten, die er aber gemeistert hatte. 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