{"id":487,"date":"2017-01-11T15:15:42","date_gmt":"2017-01-11T14:15:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=487"},"modified":"2017-01-11T15:15:42","modified_gmt":"2017-01-11T14:15:42","slug":"weisst-du-wie-viel-sternlein-stehen-gottesdienst-fuer-einsam-gestorbene","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=487","title":{"rendered":"Wei\u00dft Du, wie viel Sternlein stehen (Gottesdienst f\u00fcr einsam Gestorbene)"},"content":{"rendered":"<p>Alle Jahre wieder &#8230; Wir trauern heute um Menschen, die ohne Angeh\u00f6rige bestattet wurden, weil sie keine Angeh\u00f6rige mehr haben. Oder die aus anderen Gr\u00fcnden einsam starben, allein lebend oder allein gelassen. Oder deren Angeh\u00f6rige weit entfernt leben und die nicht kommen konnten \u2013 oder wollten.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Gottesdienst f\u00fcr einsam Gestorbene<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Wei\u00dft Du wie viel Sternlein stehen <\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Altena, Friedhof Breitenhagen, 7. September 2014<\/strong><\/p>\n<p>Wir trauern heute um Menschen, die in aller Stille begraben wurden, weil schlicht und ergreifend kein Geld f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Feier da war. Acht Namen k\u00f6nnen wir gleich verlesen. Sie stehen aber auch stellvertretend f\u00fcr andere Verstorbene.<\/p>\n<p>Es gilt genauso auch umgekehrt: Wir trauern heute <em>mit<\/em> Menschen, die noch keine Gelegenheit hatten, um einen Verstorbenen zu trauern. Weil die Trauerfeier im engsten Familienkreis stattfand, zu dem sie nicht geh\u00f6ren. Weil sie zur Beerdigung nicht konnten. Oder sich nicht hin trauten. Oder warum auch immer. Daf\u00fcr haben wir einen neunten Stuhl aufgestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle Jahre wieder \u2013 das bekannte Weihnachtslied stammt aus der Feder des Theologen Wilhelm Hey, der 1837 auch das Lied \u201eWeisst du wie viel Sternlein stehen\u201c schrieb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihm w\u00fcrde gefallen, dass wir heute hier sind, um uns genau dieser Hoffnung zu vergewissern: dass Gott alleine seine Sternlein gez\u00e4hlet hat, sie beim Namen kennt. Und dass wir die Menschen, so viel wie Sterne am Himmel, die Seinigen nennen k\u00f6nnen. \u201eDass ihm auch nicht eines fehlet &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihm w\u00fcrde das sicher sehr gefallen, denn Hey, evangelischer Hofpredifer in Gotha, engagierte sich f\u00fcr die Menschen seiner Zeit: er gr\u00fcndete eine Hilfskasse f\u00fcr Handwerker, betreute eine Fortbildungsschule f\u00fcr Lehrlinge und ein Kinderheim, um arbeitenden M\u00fcttern die Sorge um ihre Kinder abzunehmen. Alles noch vor den Anf\u00e4ngen der klassischen Diakonie \u2013 und als Ausdruck einer menschenzugewandten Theologie!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn: Gott ist ein menschenzugewandter Gott.<\/p>\n<p>Ein Gott, der keinen vergisst.<\/p>\n<p>Quasi ein verl\u00e4sslicher und wahrer Datensch\u00fctzer: \u201eGott, der Herr, hat sie gez\u00e4hlet &#8230;\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle Jahre wieder also bedenken wir, dass von Gott her kein Mensch vergessen werden soll \u2013 und wir es als Kirchen auch nicht tun wollen. Mischen wir uns da in das Selbstbestimmungsrecht des Menschen ein? Ist das bevormundende N\u00e4chstenliebe?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wessen wir heute gedenken, hat nicht freiwillig entschieden, anonym bestattet zu werden. Es wurde beh\u00f6rdlich angeordnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das tats\u00e4chliche Dilemma ist auch: Keiner hat wohl diese Menschen gefragt, wo und wie sie bestattet werden wollten. Keiner war wohl \u2013 so wir wissen \u2013 bei ihrer Beisetzung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir haben uns bewusst dazu entschieden, sie zu nennen. Auch, um ein Signal auszusenden, dass der Umgang mit den Toten viel \u00fcber eine Gesellschaft ausdr\u00fcckt, wie sie mit den Lebenden umgeht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Im gleichen Kapitel, bei Jesaja 40, lesen wir (Jes 40,26-31):<\/p>\n<p><em>&#8222;Hebet eure Augen in die H\u00f6he und sehet! Wer hat solche Dinge geschaffen und f\u00fchrt ihr Heer bei der Zahl heraus? Er ruft sie alle mit Namen; sein Verm\u00f6gen und seine starke Kraft sind so gro\u00df, dass es nicht an einem fehlen kann. Warum sprichst du denn, Jacob, und du, Israel, sagst: Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vor\u00fcber? Wei\u00dft du nicht? hast du nicht geh\u00f6rt? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht m\u00fcde noch matt; sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt den M\u00fcden Kraft und St\u00e4rke genug dem Unverm\u00f6genden. Die Knaben werden m\u00fcde, und die J\u00fcnglinge fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht m\u00fcde werden.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesaja redet das ganze Gottesvolk an, das vergessen und selbstvergessen verloren zu sein scheint. Damals, im 6. Jhd. v. Chr., verschleppt aus Israel nach Babylon, hat es alles verloren: den Tempel: Dort vergewisserte sich das Volk, dass Gott es aus \u00c4gypten, aus der Knechtschaft, ins gelobnte Land gef\u00fchrt hatte. Dort vergewisserte es sich selbst, das auserw\u00e4hlte (das \u201egez\u00e4hlte\u201c) Volk zu sein. Alles weg!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun in Babylon gab es nur d\u00fcstere Gedanken: Hat Gott uns aufgegeben? Sind wir komplett vergessen? Wo ist er? Wie sollen wir uns verstehen, einst als geliebtes und erw\u00e4hltes Volk? Gott tut nichts daf\u00fcr, dass wir gerettet werden, dass wir aus dem Dunkel wieder ins Licht r\u00fccken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ohne Tempel, wandert der Blick nach oben an den Himmel (Hebt eure Augen in die H\u00f6he): Hei\u00dft es im 1. Sch\u00f6pfungsbericht nicht, das Gott die Sterne und Gestirne machte? Die Babylonier dachten, dass die Sterne G\u00f6tter w\u00e4ren. Sollte der Gott Israels wirkm\u00e4chtiger sein? W\u00fcrde er sich vielleicht eben nicht nur im Tempel, der zerst\u00f6rt war, zeigen k\u00f6nnen, sondern als universell gegenw\u00e4rtiger Gott, \u00fcber allem anderen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wei\u00dft Du wie viel Sternlein stehen &#8230; Wir vergleichen heute mit diesem Lied Menschen mit den Sternen am Himmel, die Gott geschaffen hat \u2013 dieses Bild dr\u00fcckt den nicht endende Wert des Menschen an sich aus. Seine Kleinheit, aber gleichzeitig auch dass er ewig zum Kosmos geh\u00f6rt und in der Liebe des Sch\u00f6pfers bleibt \u2013 hoch angesiedelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Stern \u2013 ohne im Leben ein Star gewesen sein zu m\u00fcssen. Ein geliebtes Wesen von Gott, das es verdient hat, beim Namen gerufen zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er sammelt die Menschen, wie wir h\u00f6rten, von allen Himmelsrichtungen, auch von vorne, selbst von Babylon. Weil er sie alle beim Namen rief.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren Jesaja, der an den Sternen die Gegenwart Gottes abliest, \u00fcber alle sichtbaren Orte hinweg: damit auch \u00fcber die Orte der Einsamkeit, des Dunkels, der Anfechtung und Verlassenheit. Dort oben am Himmel verbindet sich die Sehnsucht, dass alle Menschen gez\u00e4hlet sind, eingewoben in die gute Sch\u00f6pfung, und daher kommen auch die M\u00fccklein und die Fischlein in dem Lied von Wilhelm Hey vor. Als Ausdruck der guten Ordnung des Sch\u00f6pfers, der alles mit Sinn versehen hat. Und Liebe. Und Obhut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle Jahre wieder nennen wir also die Namen von Verstorbenen, deren Namen bisher nicht genannt wurden. Denn<em>: Gott der Herr rief sie mit Namen, dass sie all ins Leben kamen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle Jahre wieder &#8230; Wir trauern heute um Menschen, die ohne Angeh\u00f6rige bestattet wurden, weil sie keine Angeh\u00f6rige mehr haben. Oder die aus anderen Gr\u00fcnden einsam starben, allein lebend oder allein gelassen. 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