{"id":485,"date":"2017-01-11T15:13:18","date_gmt":"2017-01-11T14:13:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=485"},"modified":"2017-01-11T15:13:18","modified_gmt":"2017-01-11T14:13:18","slug":"zur-erinnerung-an-den-ersten-weltkrieg-pred-86-9","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=485","title":{"rendered":"Zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg (Pred 8,6-9)"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eWeit in der Champagne \/ im Mittsommergr\u00fcn, dort, wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen bl\u00fch\u2019n \/ da fl\u00fcstern die Gr\u00e4ser und wiegen sich leicht im Wind, \/ der sanft \u00fcber das Gr\u00e4berfeld streicht. Auf deinem Kreuz finde ich, toter Soldat deinen Namen nicht, nur Ziffern und jemand hat die Zahl 1916 gemalt \/ und du warst nicht einmal neunzehn Jahre alt.\u201c (<\/em>Lied \u201eEs ist an der Zeit\u201c von Hannes Wader, 1982)<!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt Gottesdienst <\/strong><\/p>\n<p><strong>zu Erinnerung an den Ersten Weltkrieg (Prediger 8,6-9), 2014<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Wer einmal einen Soldatenfriedhof besucht hat, der wei\u00df um die Grabkreuze, die dort stehen: oft hunderte in einer Reihe, wenn man \u00fcber sie hinweg sieht, verschwimmen sie: So unendlich viele! Und oft stehen keine Namen dabei, so wie Hannes Wader singt (1982). Und es ist unbegreiflich, wer und wie viele dort liegen, und wie die Zeit war, 1914, als dieser Krieg losbracht. Welch ein Abstand: Hundert Jahre sind lang.<\/p>\n<p>Die Lieder und Songs aus der Friedensbewegung der 1980er Jahre haben das versucht. Sie haben die Erinnerung an den Krieg benutzt, um Gef\u00fchle daf\u00fcr zu wecken, was Krieg bedeutet und welche Folgen er hat. Sie sangen von Wind und Blumen.<\/p>\n<p>Die Lieder haben eine eigent\u00fcmliche Fremde: Neulich bei der Er\u00f6ffnung der Friedensausstellung im Burggymnasium erklangen sie \u2013 und nur die \u00e4ltere Generation konnte einstimmen:<\/p>\n<p>Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben? \u2013 M\u00e4dchen pfl\u00fccken sie geschwind \u2026 Wo sind all die M\u00e4dchen hin, M\u00e4nner nahmen sie geschwind \u2026 Wo sind all die M\u00e4nner hin? Zogen fort, der Krieg beginnt \u2026<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich, in dieser Reihenfolge kam es. Ein deutsches M\u00e4dchen schreibt am 4. August 2014 in ihr Tagebuch:<\/p>\n<p><em>\u201eSo kamen sie Schulter an Schulter und \u00fcberfluteten den Bahnsteig wie eine graue Welle. Alle Soldaten trugen um Hals und Brust lange Gewinde aus Sommerblumen. Selbst in den Gewehrl\u00e4ufen steckten Str\u00e4u\u00dfe von Astern, Levkojen und Rosen, als wollten sie den Feind mit Blumen beschie\u00dfen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Es ist Sommer, es ist Anfang August, als sie losgehen. Die G\u00e4rten sind voller Blumen. Aber es geht nicht sehr lange um Wind und Blumen in diesem Krieg. Sie werden den Feind nicht mit Blumen beschie\u00dfen, sondern mit Schrapnellen und M\u00f6rsern, mit Maschinengewehren und Giftgas. Kein Wind und keine Blumen mehr, sondern kalter Regen und vollgelaufene Sch\u00fctzengr\u00e4ben, Baumgerippe und wegloser Morast auf den Schlachtfeldern.<\/p>\n<p>Nur ein Bruchteil der Hunderttausenden von Toten der gro\u00dfen Schlachten wird sp\u00e4ter \u00fcberhaupt in Reihen und mit Kreuzen und in Gr\u00e4bern bestattet werden k\u00f6nnen, auf denen Blumen wachsen k\u00f6nnen und \u00fcber die der Wind geht. Als sie losgehen, mit Astern und Levkojen am Gewehr, von den Feldern, auf denen sie gearbeitet haben auf das Feld der Ehre, wissen sie nichts davon.<\/p>\n<p>Das biblische Buch des Prediger Salomos wei\u00df um die B\u00f6sheit, zu der der Mensch f\u00e4hig ist, und \u00fcber die Gefahr, die Folgen seines Handelns nicht \u00fcberblicken zu k\u00f6nnen oder zu wollen, und \u00fcber die Blindheit, es nicht wahrhaben zu wollen: Wir lesen wir im 8. Kapitel:<\/p>\n<p><em>Denn jedes Vorhaben hat seine Zeit und sein Gericht, und des Menschen Bosheit liegt schwer auf ihm. Denn er wei\u00df nicht, was geschehen wird, und wer will ihm sagen, wie es werden wird? <\/em><\/p>\n<p><em>Der Mensch hat keine Macht, den Wind aufzuhalten, und hat keine Macht \u00fcber den Tag des Todes, und keiner bleibt verschont im Krieg, und das gottlose Treiben rettet den Gottlosen nicht. <\/em><\/p>\n<p><em>Das alles hab ich gesehen und richtete mein Herz auf alles Tun, das unter der Sonne geschieht zur Zeit, da ein Mensch herrscht \u00fcber den andern zu seinem Ungl\u00fcck. (Prediger 8,6-9) <\/em><\/p>\n<p>Das sind biblische Worte, so zeitlos wie Wind und Blumen sind. Diese Worte dehnen sich \u00fcber die Zeit. Sie bleiben so beweglich und lebendig wie der Wind. Sie sind immer frisch und neu, wie die Blumen. In diesen Worten verdichtet sich eine menschliche Erfahrung: Dass nichts bleibt, wie es war. Dass nichts so ist, wie es anfangs erscheint. Und einmal auch die andere Seite zu sehen sein wird. Jedes Vorhaben hat seine Zeit und sein Gericht.<\/p>\n<p>Das Buch des Predigers ist ein Buch voller Skepsis. Wir kennen andere Worte aus diesem Zusammenhang, dass zum einen immer das andere geh\u00f6rt. <em>Geboren werden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit, T\u00f6ten hat seine Zeit, Heilen hat seine Zeit, lieben hat seine Zeit, Hassen hat seine Zeit, Streit hat seine Zeit und Friede hat seine Zeit<\/em> und so weiter und so weiter\u2026<\/p>\n<p>Der Mensch wei\u00df nicht, was geschehen wird.<\/p>\n<p>Als die Soldaten loszogen, mit Blumen am Gewehr im August 1914, dachten alle: Jetzt ist es endlich so weit. Die b\u00fcrgerlichen Schichten begr\u00fc\u00dften die Mobilmachung, weil sie an die besondere Sendung des deutschen Volkes glaubten. Sie wurden darin unterst\u00fctzt und befeuert von Predigern, die davon sprachen, dass dieser Krieg heilig sei und sogar ein Gottesdienst. Kaiser Wilhelm II ruft den Deutschen zu: \u201eVorw\u00e4rts mit Gott, der mit uns sei wird, wie er mit den V\u00e4ter war!\u201c<\/p>\n<p>Ob nicht einige doch gewusst haben, dass die Blumen in ihren Gewehren sehr bald schon verwelkt sein w\u00fcrden und dass sie bestimmt nicht Weihnachten wieder zu Hause sein w\u00fcrden?<\/p>\n<p>\u201eDie Gesichter der Soldaten waren ernst. Ich hatte gedacht, sie w\u00fcrden lachen und jubeln\u201c, schreibt das M\u00e4dchen ins Tagebuch. Sie blicken ernst und sie wussten im Sommer 1914 nicht, dass der Krieg, in den sie zogen, zum Inbegriff werden w\u00fcrde f\u00fcr das, was Krieg bedeutet. Dass er die Weisheit des Predigers best\u00e4tigen w\u00fcrde, dass keiner verschont bleibt im Krieg.<\/p>\n<p>Krieg kommt nicht wie eine Naturkatastrophe \u00fcber die Menschen. Der Text fragt bewusst nach der Bosheit des Menschen und seiner Schuld. Auch der Erste Weltkrieg ist nicht ausgebrochen, sondern er wurde begonnen:<\/p>\n<p>Am 28. Juli erkl\u00e4rt \u00d6sterreich-Ungarn den Serben den Krieg. Deutschland erkl\u00e4rt am 1. August Russland den Krieg. Am 3. August Frankreich. Am 4. August erkl\u00e4rt England Deutschland den Krieg, um am 5. August Belgien Deutschland und \u00d6sterreich-Ungarn den Russen. Innerhalb von einer Woche befindet sich Europa im Krieg, innerhalb von vier Wochen die Welt.<\/p>\n<p><em>Sag, wo die Soldaten sind? Wo sind sie geblieben? \u00dcber Gr\u00e4bern weht der Welt. \u2013 Sag mir, wo die Gr\u00e4ber sind, Blumen weh\u2019n im Sommerwind \u2026 <\/em>So dreht sich die Sache im Lied \u201eWhere have all the flowers gone\u201c im Kreis!<\/p>\n<p>Am Ende bleiben dann also Wind und Blumen?<\/p>\n<p>Es bleibt die Skepsis des Predigers Salomo, der so viel gesammelt hat an menschlicher Erfahrung: Er zweifelt selbst an dem, was er bereits verstanden zu haben glaubte. Er stellt wieder in Frage, was schon l\u00e4ngst zu einer Einsicht geworden war, zur damaligen Zeit und auch heute!<\/p>\n<p>Diese Skepsis darf sich nie legen, wie der Wind sich nicht legt. Sie muss nachwachsen, wie die Blumen nachwachsen.<\/p>\n<p><em>Doch wann werden wir verstehen?<\/em><\/p>\n<p>Sind wir skeptisch genug?<\/p>\n<p>Bringen wir die ausreichend kritische Haltung ein, wenn zu unserer Zeit nach milit\u00e4rischem Eingreifen gerufen wird? F\u00fcrwahr, die Entscheidungen sind einfacher geworden, aber werden sie sich oft nicht zu einfach gemacht?<\/p>\n<p>Konfliktforscher warnen vor Milit\u00e4reins\u00e4tzen etwa in Afrika: Es ist sei einfach zu sagen, wir schicken mal das Milit\u00e4r \u2013 was soll es ausrichten, wenn nicht die politischen und wirtschaftlichen Ursache f\u00fcr Konflikte bearbeitet werden?<\/p>\n<p>Sind wir skeptisch genug, wenn auch f\u00fcr unser Land nach neuer milit\u00e4rischer St\u00e4rke gerufen wird, sei es durch Bundespr\u00e4sident, Verteidigungsministerin oder Au\u00dfenminister? Die Pr\u00e4sidentin von Brot f\u00fcr Welt sieht in mehr Milit\u00e4reins\u00e4tzen eine Gefahr f\u00fcr zivile Helfer, die zwischen die Fronten kommen und nicht mehr als neutral betrachtet werden.<\/p>\n<p>Sind wir skeptisch genug, aus dem Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan zu lernen? \u201eNichts ist gut in Afghanistan\u201c, spitze einst die ehemalige Bisch\u00f6fin Margot K\u00e4ssmann zu und bezog viel Kritik. Dabei mahnte sie nur die vorrangige Option f\u00fcr die Gewaltfreiheit und die zivile Hilfe an \u2013 unsere kirchliche Haltung, die wieder neu und lauter gesagt werden sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf unseren Soldatenfriedh\u00f6fen bl\u00fchen die Blumen und das Gras geht im Wind. Die Soldatentafeln in unserer Lutherkirche muten fremd und aus einer anderen Zeit an. Sind sie ja auch. Mit dem Abstand eines Jahrhunderts ist es leicht, die \u00dcbersicht zu bekommen \u00fcber das, was damals geschehen ist. Wir k\u00f6nnen gut urteilen. Wir sind uns einig darin, dass der Krieg damals schrecklich und sinnlos war. Mit Blumen und Hurra werden keine Soldaten in Deutschland mehr verabschiedet, Gott sei Dank.<\/p>\n<p>Die Frage ist aber: Sehen wir heute weiter? K\u00f6nnen wir die Folgen eines milit\u00e4rischen Eingreifens absehen?<\/p>\n<p>Sind wir selbstkritisch und skeptisch genug, wenn wir heute vor die Frage gestellt werden?<\/p>\n<p>Die Predigt soll mit diesen offenen Fragen enden. Denn wenn mich die Soldatenfriedh\u00f6fe, das Gedenken an 100 Jahre Friedensbewegung, die alten Friedenslieder eines lehren, dann dies: M\u00fcssten wir nicht wieder skeptischer werden im Wissen, das der Mensch nie abmessen kann, was sein Handeln f\u00fcr Folgen hat? Dass er verf\u00fchrbar ist f\u00fcr alle m\u00f6gliche Ideologie, auch heute? Und vielleicht auch dies: dass wom\u00f6glich nur der Frieden und die Vergebungsbereitschaft herausf\u00fchrt aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Was anderes sollte helfen in diesen Tagen in Israel und Pal\u00e4stina?<\/p>\n<p>So w\u00fcnsche ich mir \u2013 mit aller Symbolkraft, die damit verbunden w\u00e4re -, dass die jungen Menschen von den Alten wieder die alten Friedenslieder lernen. Nicht um eines lebensfernen radikalen Pazifismus wegen, der kann mitunter auch verantwortungslos sein. Sondern um das kritische Fragen und die Skepsis wieder zu lernen und die Augen vor den Folgen von Krieg nicht zu verschlie\u00dfen, den wir, Gott sei Dank, im eigenen Lande seit Generationen nicht mehr kennen: Where have all the flowers gone \u2013 sag mir, wo die Blumen sind! Und welche Geschichten sind darunter begraben, in den Gr\u00e4bern, sei es unter den Gr\u00e4bern vor 100 Jahren oder von heute?!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWeit in der Champagne \/ im Mittsommergr\u00fcn, dort, wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen bl\u00fch\u2019n \/ da fl\u00fcstern die Gr\u00e4ser und wiegen sich leicht im Wind, \/ der sanft \u00fcber das Gr\u00e4berfeld streicht. Auf deinem Kreuz finde ich, toter Soldat deinen Namen nicht, nur Ziffern und jemand hat die Zahl 1916 gemalt \/ und du warst nicht &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=485\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eZur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg (Pred 8,6-9)\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26,5,19],"tags":[],"class_list":["post-485","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik","category-predigten","category-weiterer-anlass"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/485","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=485"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/485\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":486,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/485\/revisions\/486"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=485"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=485"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=485"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}