{"id":481,"date":"2017-01-11T15:05:38","date_gmt":"2017-01-11T14:05:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=481"},"modified":"2019-04-12T18:22:42","modified_gmt":"2019-04-12T16:22:42","slug":"freiheit-predigtreihe-grundgesetzartikel-2014","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=481","title":{"rendered":"&#8222;Freiheit&#8220; (Predigtreihe &#8222;Grundgesetzartikel&#8220;, 2014)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-5142 size-thumbnail\" src=\"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/2CECC6CF-9E5A-4262-88F6-9FA586F0B731-e1555086142459-300x225.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/>W\u00e4ren Sie jetzt gerne in Sotschi, Teil der olympischen Idee, dass sich die Jugend der Welt in Frieden und Freiheit begegnet?! Wollten Sie dort ungezwungen Sportfans, vielleicht sogar Sportler anderer Nationen zu treffen?! <!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigtreihe \u201eGrundgesetzartikel\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wiblingwerde \u2013 Altena- Nachroth<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eFreiheit\u201c (Gal 5)<\/strong><\/p>\n<p>Wollten Sie vielleicht schon immer in eine vielleicht noch unbekannte Gegend wie die russische Schwarzmeer-Region reisen, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, in aller Freiheit?! \u2013 Es klingt geradezu zynisch mit Blick darauf, wie diese Spiele gesichert werden und wie Sotschi ein Hochsicherheitssektor geworden ist!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Spiele von M\u00fcnchen 1972 \u2013 sie waren die \u201eSpiele der Freiheit\u201c, obwohl schon damals \u2013 anders gelagert \u2013Terrorgefahr bestand. Deutschland war auf das f\u00fcrchterliche Attentat auf die israelischen Sportler nicht im Geringsten vorbereitet. Das olympische Dorf wurde einst von wenigen Polizisten und einem einfache Zaun bewacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute leben wir im Zeitalter nach dem 11. September 2001, nach den Anschl\u00e4gen von Madrid (2004) und London (2005). Und die westliche Welt sichert sich so massiv, dass l\u00e4ngst die Freiheit, die wir sch\u00fctzen wollen, auf dem Spiel steht: die Freiheit zu reisen (durch Flugdatenabgleiche und ausufernden Sicherheitskontrollen), die Freiheit, neue Kulturen und L\u00e4nder kennen zu lernen, weil Armut und Gewalt weltweit zunehmen.<\/p>\n<p>Wir sind nicht mehr frei, anzunehmen, dass unsere E-Mails nicht ausgesp\u00e4ht und unsere Telefonate nicht abgeh\u00f6rt werden. Und es ist nicht einmal ein Skandal!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>F\u00fcr meine (westdeutsche) Generation, die die Enge der 50er- und 60er-Jahre nicht erlebt hat, kann ich nur sagen: Wir haben jahrzehntelang Freiheit wie selbstverst\u00e4ndlich hingenommen. Wir haben sie oft nicht gemerkt, so wie man Gesundheit nicht merkt, solange man nicht krank wird. Und nun werden wir an vielen Stellen unfrei und es fehlt oft das Gef\u00fchl, wie verletzlich die Freiheit ist&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist viel Blut vergossen worden, bis S\u00e4tze galten wie dieser \u201eAlle Menschen sind von Natur gleicherma\u00dfen frei und unabh\u00e4ngig und besitzen gewisse angeborene Rechte\u201c (1776 hie\u00dft es in den Bill Of Rigths, der Grundrechteerkl\u00e4rung der Vereinigten Staaten von Amerika).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eAlle Menschen sind frei und gleich an W\u00fcrde geboren\u201c, hei\u00dft es in der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte von 1948, ausgehend von der leidvollen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eJeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Pers\u00f6nlichkeit\u201c, steht in Art 2 unseres Grundgesetzes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber ich merke: Schon Paulus wei\u00df, dass Freiheit kein Automatismus ist, sondern dem Menschen immer wieder neu zugesprochen und zugemessen werden muss. Es besteht immer die Gefahr, die gewonnene Freiheit wieder einzub\u00fc\u00dfen: <em>Zur Freiheit hat Christus uns befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! <\/em><\/p>\n<p>Die Gefahr des neuen Jochs ist klar benannt: Nie wieder ein versklavtes Zugtier werden, das auf Stirn oder Nacken sein schweres Gewicht bekommt und vor ein schweres Gef\u00e4hrt gespannt wird! Nie wieder einb\u00fc\u00dfen, dass der Mensch selbstbestimmt sein soll und den eigenen aufrechten Gang \u00fcben soll \u2013 das ist schon biblisch das Bild der Freiheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Nun soll es heute in besonderer Weise um eine Spezialform der Freiheit gehen: die Religionsfreiheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eDie Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religi\u00f6sen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.\u201c (Art. 4,1)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eins sei gleich gesagt: Dass die Religionsfreiheit ein Menschenrecht wurde, ist auch gegen den langen Widerstand der Kirchen durchgefochten worden. Die Kirchen haben sich damit nicht leicht getan. Denn die Religionsfreiheit als Menschenrecht gilt f\u00fcr alle, auch f\u00fcr die Andersgl\u00e4ubigen, selbst f\u00fcr die Nichtgl\u00e4ubigen. Sie schlie\u00dft ein, eine Religionsgemeinschaft zu verlassen, ja sogar die Religion zu wechseln. Die Religionsfreiheit ist ein Recht, nicht nur ein moralischer Appell zur Toleranz \u2013 ein einklagbares Recht. Sie schlie\u00dft das Recht ein, vor Religion gesch\u00fctzt zu werden \u2013 vor zu lautem Glockengel\u00e4ut, vor aggressiver Missionierung. Man darf den Religionsunterricht abw\u00e4hlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleichzeitig stimmt es aber auch, dass das Verlangen nach Religionsfreiheit auch aus dem Geist des christlichen Glaubens auch hervorgegangen ist, vor allem auch aus der Reformation:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Luther stand 1521 beim Reichstag in Worms vor dem Kaiser und sollte seinen Glauben und seine Lehre widerrufen. Er konnte nicht. Sein Gewissen war frei vor jeglichem Zugriff der Obrigkeit: Hier stehe ich, ich kann nicht anders.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn\u2019s um den Glauben geht, kann ihn keine Macht ber\u00fchren, keine Mehrheitsentscheidung unterbinden. Wenn es um die Wahrheit geht, wirkt im einzelnen Menschen \u2013 so hat Luther es f\u00fcr sich in Anspruch genommen \u2013allein der Heilige Geist. Das Gewissen ist von jedem menschlichen und staatlichen Zugriff frei, \u00fcbrigens auch von jedem kirchlichen Zugriff frei!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Religionsfreiheit ist \u2013 wie jedes Grundrecht \u2013 also ein Abwehrrecht gegen den Staat. Das Grundgesetz entstand durch die Erfahrung mit dem Nationalsozialismus: Nie wieder soll der Staat eine Ideologie oder Lehre oder Weltanschauung vorgeben.<\/p>\n<p>Dem Grundgesetz nach ist der Staat weltanschaulich neutral. Er g\u00f6nnt sich in der Frage nach der letzten Wahrheit eine L\u00fccke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der katholische Verfassungsrechtler <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/personen\/ernst-wolfgang-boeckenfoerde\/index\">Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde<\/a> hat den Satz gepr\u00e4gt: &#8222;Der freiheitliche, s\u00e4kulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er nicht selbst garantieren kann.&#8220;<\/p>\n<p>Eben weil der Staat des Grundgesetzes weltanschaulich neutral ist und keine bestimmte Religion favorisiert, erm\u00f6glicht er uns Freiraum, unsere Religion selber zu leben. Unser Staat verzichtet auf die <em>cura religionis:<\/em>\u00a0&#8222;Wessen das Land, dessen die Religion&#8220;, so lautete einst die Befriedungsformel nach den Konfessionskriegen im 17. Jhd.<\/p>\n<p>Heute gibt der s\u00e4kulare Staat ausdr\u00fccklich Raum f\u00fcr die starken \u00dcberzeugungen seiner B\u00fcrger, die die Zivilgesellschaft pr\u00e4gen und so das Gemeinwesen tragen. Er ist also kein s\u00e4kularistischer Staat, der Religion aus der \u00d6ffentlichkeit verdr\u00e4ngt, aber er sorgt f\u00fcr Fairness, indem er die Weltanschauungsfreiheit f\u00fcr alle garantiert.<\/p>\n<p>Daher geht der Art 4,2 GG weiter: \u201eEine ungest\u00f6rte Religionsaus\u00fcbung wird gew\u00e4hrleistet.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen uns \u00f6ffentlich zum Gottesdienst treffen. Viele Christen in anderen L\u00e4ndern k\u00f6nnen das nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unsere kirchlichen Schulen und Kinderg\u00e4rten werden sogar \u00f6ffentlich mitfinanziert, weil der Staat darauf angewiesen ist, dass andere als er selbst Werte vermittelt werden. Auch andere Religionen d\u00fcrften das.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Darum werden wir weiterhin gesch\u00e4tzt f\u00fcr unsere Altenheime und Pflegedienste, weil dort spezifische Werte vermittelt werden, ohne die unser Gemeinwesen \u00e4rmer w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daher geh\u00f6ren auch muslimische Vereine nicht in den Hinterhof, sondern sollen ordentliche \u00f6ffentliche Orte bauen d\u00fcrfen, an denen sie sich treffen und Andersgl\u00e4ubige zum Dialog einladen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich st\u00f6\u00dft die Religionsfreiheit an Schranken und es gibt gesellschaftliche Debatten, wo dann Rechtsg\u00fcter abgewogen oder Grundrechte m\u00f6glichst harmonisiert werden m\u00fcssen: Religionsfreiheit und Kindeswohl \u2013 wie bei der Beschneidungsdebatte. Religionsfreiheit und Schulfrieden \u2013 bei der Kopftuch-Debatte. Oder bei uns Christen: Religionsfreiheit und Streikrecht in der Frage, ob die Kirchen ein eigenes Arbeitsrecht haben d\u00fcrfen. Oder Religionsfreiheit und Erziehung, wenn fromme christliche Eltern aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden ihre Kinder vom Sexualkundeunterricht freistellen wollen oder gleich selbst den Unterricht \u00fcbernehmen wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Konflikte h\u00e4lt unsere Gesellschaft aus. Ich w\u00fcnschte mir nur manchmal, dass die, die in diesen Debatten keinen Sinn f\u00fcr Religion haben, sich mehr M\u00fche machten, Religion zu verstehen, um besser abw\u00e4gen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Passt die Religionsfreiheit des Grundgesetzes zu dem, was wir biblisch zur Freiheit sagen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Freiheit, die Paulus im Gal 5 beschreibt, ist dezidiert christliche Freiheit: Sie wird von Christus selber uns zugesagt. Er ist der Urheber aller Freiheit, indem er uns durch sein Leben und Sterben von Schuld und S\u00fcnde befreit. Er richtet uns auf aus lauter Gnade, wir m\u00fcssen kein Joch mehr tragen, keinem irdischen Herren \u00fcber unseren Glauben Rechenschaft ablegen. In seiner ber\u00fchmten Freiheitsschrift sagt Luther: \u201eIch bin ein freier Herr und niemanden Untertan!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleichzeitig aber ist die Freiheit in Christus verstanden als Freiheit nicht nur von etwas (Schuld und S\u00fcnde), sondern auch zu etwas, genauer zu jemanden hin: Sie zeigt sich in der Liebe und dem Dienst zum N\u00e4chsten (Gal 5,13). Luther schreibt entsprechend: \u201eGleichzeitig bin ich ein dienstbarer Knecht und jedem untertan!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Christ hat die Freiheit, von sich weg auf den N\u00e4chsten zu schauen. Christus macht mich frei von mir selbst und meiner Selbstbezogenheit: An das Gebot \u201eLiebe deinen N\u00e4chsten!\u201c erinnert Paulus bezeichnenderweise in Gal 5.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit ist die christliche Freiheit etwas anderes als die Freiheit, wo es um allein um die Autonomie des Individuums. Oder um die Freiheit, die rein materiell verstanden wird als die Freiheit, Eigentum anzuh\u00e4ufen. Eine solche Freiheit w\u00fcrde lediglich dort an ihre Grenzen kommen, wo sie die Freiheit anderer ber\u00fchren w\u00fcrde, quasi einen Freiraum abstecken, wie mit einem Zaun begrenzt an der Stelle, wo die vermeintliche Freiheit des anderen beginnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christliche Freiheit besteht aber in der Beziehung zum N\u00e4chsten, ist ein Kommunikationsgeschehen. Der andere Mensch, dem ich begegne, ist nicht die Schranke meiner Freiheit, sondern ihre Erg\u00e4nzung und Erm\u00f6glichung. Ich brauche ihn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christliche Freiheit besteht im \u00dcberschreiten und Einrei\u00dfen aller Z\u00e4ume, gerade derer Z\u00e4une, die im Namen der Freiheit vor dem N\u00e4chsten gezogen worden sind!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christliche Freiheit wird sogar die Angst \u00fcberwinden, dass mein N\u00e4chster anders sein oder glauben k\u00f6nnte als ich. Und ich werde ihm als Mensch, als N\u00e4chsten begegnen, nicht als Konkurrent, sondern als Gespr\u00e4chspartner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das passt zur Religionsfreiheit des Grundgesetzes, aus dem Privaten herauszutreten und den Gemeinsinn mitzuformen. Wir k\u00f6nnen \u00fcber alle Unterschiede hinweg das soziale, kulturelle und politische Leben mitgestalten. Wir Religi\u00f6se \u2013 verschiedener Str\u00f6mungen und Religionen \u2013 haben da sogar eine besondere Verantwortung, aber auch besondere M\u00f6glichkeiten, weil wir bestensfalls um unsere eigenen Standpunkte gut Bescheid wissen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir w\u00fcrden aus unserem Glauben heraus Verst\u00e4ndigung mit Menschen suchen k\u00f6nnen. Dies w\u00e4re ein Ausdruck christlicher Freiheit \u2013 und vielleicht auch ein kleiner Beitrag, dass dieser Welt wieder freier wird von Kontrolle, \u00dcberwachung, Terror und Misstrauen \u00fcber Kontinente und Religionsgrenzen hinweg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ist das naiv, gerade auch vor dem Hintergrund, dass im Namen der Religion auch heute wieder Gewalt ge\u00fcbt wird? \u2013 Oder ist es so die einzige Form der Freiheit, die wirklich tr\u00e4gt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4ren Sie jetzt gerne in Sotschi, Teil der olympischen Idee, dass sich die Jugend der Welt in Frieden und Freiheit begegnet?! 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