{"id":479,"date":"2017-01-11T15:01:13","date_gmt":"2017-01-11T14:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=479"},"modified":"2017-01-11T15:01:13","modified_gmt":"2017-01-11T14:01:13","slug":"christus-der-ist-mein-leben-ansprache-zur-kantate","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=479","title":{"rendered":"Christus, der ist mein Leben (Ansprache zur Kantate)"},"content":{"rendered":"<p><em>So bin ich willig und bereit,<\/em><em> \/ Den armen Leib, die abgezehrten Glieder, \/ Das Kleid der Sterblichkeit \/ Der Erde wieder<br \/>\nIn ihren Scho\u00df zu bringen. \/ <\/em>M<em>ein Sterbelied ist schon gemacht, ach d\u00fcrfte ich\u2019s heute schon singen!<\/em><!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Kantate \u201eChristus, der ist mein Leben<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lutherkirche &#8211; Okuli 2013<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wer kann so singen? Wer ist bereit? Ich liebe das Leben zu sehr \u2013 und ich hoffe, dass ich es lange lieben kann, um nicht eine solche Todessehnsucht zu entwickeln. Daf\u00fcr liebe ich die Welt auch zu sehr \u2026 &#8211; Daf\u00fcr tabuieren wir den Tod doch auch viel zu sehr, oder?<\/p>\n<p><em>Ach k\u00f6nnte mir doch bald so wohl geschehen,<\/em><em><br \/>\nDass ich den Tod,<br \/>\nDas Ende aller Not,<br \/>\nin meinen Gliedern k\u00f6nnte sehn;<\/p>\n<p><\/em><\/p>\n<p>So \u00e4hnlich sprechen sehr wohl Menschen, etwa diejenigen, die sich in Obhut der Schweizer Sterbeorganisation \u201eExit\u201c begeben. Immer wieder zur dunklen Jahreszeiten berichten die Medien \u00fcber das selbst-organisierte Lebensende, oder wenn ein prominenter Mensch so aus dem Leben scheidet: der Fu\u00dfballer Timo Koniezka, der an einer irreversiblen Krebserkrankung litt. Der Playboy G\u00fcnther Sachs, der sich im Fr\u00fchstadium einer Demenz das Leben nahm.<\/p>\n<p><em>L<\/em>ieber Sterben als ein Leben mit einer Erkrankung. Oder jenseits des bisherigen heilen Lebens. Kommen die Gedanken der Todessehnsucht und der Weltflucht nicht der Aussage des Eingangschores der Kantate sehr nahe?<\/p>\n<p>Oberfl\u00e4chlich betrachtet ist das so. Oberfl\u00e4chlich betrachtet k\u00f6nnten wir viele Gedanken der Kantate Selbstmord-Willigen in den Mund legen.<\/p>\n<p>Beim zweiten Blick aber m\u00fcssten wir schon Johann Sebastian Bach unterstellen, ebenfalls zu den Menschen zu geh\u00f6ren, die nicht mehr wollen oder nicht mehr k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>1723, als die Kantate zum ersten Mal aufgef\u00fchrt wurde, war Johann Sebastian Bach 38 Jahre alt und hatte gerade sein neues Amt als Thomaskantor in Leipzig angetreten. Sollte er da schon so lebensm\u00fcde gewesen sein, dass er entschlossen der Welt den R\u00fccken kehren will?<\/p>\n<p>Ich finde: Hinter der Todessehnsucht der Kantate verbirgt sich eine ganz andere Sicht als die, die wir schnell mit dem Etikett \u201eWeltflucht\u201c versehen, ohne genauer zu \u00fcberlegen, was eigentlich Sinn und Zweck dieser Jenseitsperspektive ist.<\/p>\n<p>Unstrittig ist, dass die Kantate einen distanziert anmutenden Blick auf die Welt wirft:<br \/>\n<em>Nun falsche Welt!<\/em><em><br \/>\nNun hab ich weiter nichts mit dir zu tun<br \/>\n<\/em>Ein solcher R\u00fcckzug aus der Wirklichkeit ist uns durchaus vertraut, wenn wir daran denken, wie viele Menschen sich zur\u00fcckziehen, weil ihnen die Welt un\u00fcbersichtlich geworden ist, weil sie das Gef\u00fchl haben, nicht mehr vorzukommen oder gebraucht zu werden: <em>\u201eWollustsalz&#8220; <\/em>und <em>\u201eSodoms\u00e4pfel&#8220;<\/em> \u2013 so beschreibt die Kantate in alten Worte die Entfremdung des Lebens.<\/p>\n<p>Doch im Gegensatz zu denen, die heute der b\u00f6sen, falschen Welt \u201eValet&#8220; sagen, also sich still und unauff\u00e4llig verabschieden ohne jede Aussicht auf eine Existenz hinter dem Tod, wird in der Kantate von Anfang an ein anderer Ton angeschlagen:<br \/>\n<em>Christus, der ist mein Leben,<\/em><em><br \/>\nSterben ist mein Gewinn.<\/p>\n<p><\/em><\/p>\n<p>Der Tod ist nicht die Mauer, an der das Leben zerschellt. Der Tod wird vielmehr als Durchgangsstadium angesehen, wie eine T\u00fcr zwischen dem Leben hier und dort, und:<br \/>\n<em>Der Tod ist mein Schlaf worden. <\/em>(Schluss des Eingangschors)<\/p>\n<p>Und nach dem Schlaf folgt das Entscheidende: der neue Morgen, das Aufwachen, das Verlassen des Grabes, das neue Leben. Mit einer lebendigen, immer neu \u00fcberraschenden musikalischen Farbigkeit verdeutlicht Bach: Wer als Christ\/als Christin das eigene Sterben in Augenschein nimmt, der kapituliert nicht vor dem Tod. Vielmehr schaut er hinter die Kulissen dieser Welt und des eigenen Lebens und entdeckt die neuen Ansichten, ja geradezu neue Aussichten, die uns durch Jesus, den Christus, er\u00f6ffnet werden. Dass l\u00e4sst unser irdisches Daseins in einem neuen Licht erscheinen: Es geht also nicht um Todessehnsucht in einer augenscheinlich schlechten Welt, sondern um die Himmelssehnsucht, um die Vorfreude, was da noch auf uns wartet.<\/p>\n<p>Wer diesen Gedanken mitgeht, wer dieses Gottvertrauen wagt, der vermag wohl die Wand zu durchsto\u00dfen, an der die scheitern, die nur ein trauriges Nichts erwarten, die den \u201eExit&#8220; suchen ohne neuen Eingang, der Abschied ohne einen Neuanfang.<\/p>\n<p>Gott segnet unseren Ausgang (aus diesem Leben) \u2013 und aber eben auch unseren Eingang (in das neue ewige Leben) \u2013 von nun an bis in Ewigkeit (Ps 121):<\/p>\n<p>Wer aber Gott hofft, der vermag in zweifacher Weise zu neuer Hoffnung gelangen:<br \/>\n\u2022 Zum einen muss er nicht alles auf dieser Erde in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod erreichen. Er muss nicht die Haltung haben, dass &#8211; wenn es mir versagt bleibt im irdischen Leben, dass ich einfach aussteige).<br \/>\n\u2022 Zum andern aber bestimmen jetzt schon die Aussichten Jesu mein Leben hier auf Erden und verleihen meinem Tun und Lassen Sinn und eine Richtung, einen Kompass. So wird aus der vermeintlichen Weltflucht eine Weltverantwortung und aus der Todessehnsucht entwickelt sich eine neue Lebensbejahung.<\/p>\n<p>Es ist ein gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis, wenn die Jenseitsperspektive des Glaubens immer wieder als billige Vertr\u00f6stung begriffen wird, mit der Missst\u00e4nde auf Erden besch\u00f6nigt werden. Nein: Der Blick vom Jenseits auf das Diesseits verleihen uns Menschen Trost, Kraft und St\u00e4rkung, sich nicht mit dem Tod und seiner Macht abzufinden.<\/p>\n<p>Jenseitshoffnung bedeutet: Leben nach dem Plan Gottes im Hier und Jetzt. Denken wir noch einmal an den biblischen Hintergrund der Kantate (Die Auferweckung des J\u00fcngling zu Nain, Lukas 7,11-16): dort bewegt sich der Trauerzug auf den Abgrund des Grabes zu. Doch bevor das Grab erreicht wird, kreuzt Jesus den Weg der Trauernden und ruft den Toten, ruft uns zu \u201eSteh auf!&#8220;. Das ist der \u201eExit&#8220; des Glaubens und der Eingang des Glaubens in ein neues Leben, so wie es im der Kantate hei\u00dft:<br \/>\n<em>Dein letztes Wort mein Auffahrt ist, <\/em><em><br \/>\nTodesfurcht kannst du vertreiben. Denn wo du bist, da komm ich hin, dass ich stets bei dir leb und bin \/ drum fah ich hin mit Freuden!<\/em><\/p>\n<p><em>Amen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So bin ich willig und bereit, \/ Den armen Leib, die abgezehrten Glieder, \/ Das Kleid der Sterblichkeit \/ Der Erde wieder In ihren Scho\u00df zu bringen. \/ Mein Sterbelied ist schon gemacht, ach d\u00fcrfte ich\u2019s heute schon singen!<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,5,19],"tags":[],"class_list":["post-479","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-passionszeit","category-predigten","category-weiterer-anlass"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/479","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=479"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/479\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":480,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/479\/revisions\/480"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}