{"id":470,"date":"2017-01-11T14:40:39","date_gmt":"2017-01-11T13:40:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=470"},"modified":"2017-01-11T14:46:11","modified_gmt":"2017-01-11T13:46:11","slug":"ein-feste-burg-mittelaltermarkt-2010-zu-eg-362","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=470","title":{"rendered":"Ein feste Burg (Mittelaltermarkt 2010 zu EG 362)"},"content":{"rendered":"<p>[Ein feste Burg ist unser Gott wird auf einer kleinen Spieluhr eingespielt.]\u00a0 Wie lieblich es klingt \u2026 So passt es gar nicht zu einer stattlichen Burg (Burg Altena): Wehrhaft, m\u00e4chtig, angsteinfl\u00f6ssend<em>. <\/em>So klingt es eher wie ein Wiegelied\u2026<!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Luther-Kirche Altena <\/strong><\/p>\n<p><strong>Zum Mittelaltermarkt 1.8.2010<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ein feste Burg ist unser Gott (#EG 362)<\/strong><\/p>\n<p>So passt es gar nicht die <u>Wirkungsgeschichte<\/u> dieses Liedes: Kein Reformationsfest ohne \u201eEin feste Burg\u201c. Ein Lied, das oft missbraucht wurde: Auf Konfirmationsscheinen im 1. Weltkrieg zum Beispiel, 1917, zum 400. Reformationsjubil\u00e4um: oben das Eiserne Kreuz, \u201eGott mit uns\u201c, Trommel, Helm und Gewehr, die Einsegnung der Kriegsfreiwilligen. Ein deutscher Ritter, mit Schwert und Schild, darauf der Reichsadler. Und darunter: ein markiger Lutherkopf und der Schriftzug \u201eEin feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.\u201c<\/p>\n<p>Oder als Kampflied \u2013 selber im Nationalsozialismus. Am 31. Oktober 1945 sagte ein deutscher Bischof: \u201eWir haben genug vorn K\u00e4mpfen. Ich kann dieses Lied nicht mehr singen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was Luther wohl zu unserer Weise, wie wir es singen und h\u00f6ren, wie wir das Lied verstehen, sagen w\u00fcrde? Was ging ihm durch den Sinn, als er es dichtete?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Erstmals wurde es ver\u00f6ffentlicht im Fr\u00fchjahr 1529; geschrieben hat Luther es mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit bereits im Herbst 1527. Was bewegt den Reformator damals, genau 10 Jahre nach dem Thesenanschlag?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ist eigentlich das bestimmende Thema des Liedes? Gott als Burg? \u2013 Gott als Zuversicht und St\u00e4rke? (Psalm 46) Wom\u00f6glich! Aber vor allem d\u00fcrfte Luther \u201ealle Not, die uns getroffen hat\u201c, vor Augen gehabt haben:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[\u201eGro\u00dfe Not\u201c I:]<\/p>\n<p>Luther leidet seit Mitte des Jahres an einem Nierenleiden, wohl etwas psychosomatisch: Die kirchliche und politische Lage geht ihm buchst\u00e4blich an die Nieren. Erstmals ist einer seiner Anh\u00e4nger, Leonhard Kaiser, in Passau auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Sollte die deutsche Reformation enden wie in Prag, wo ein Jahrhundert vorher der Reformator Jan Hus ermordet wurde? Luther schreibt an seinen Freund Johann Agricola:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Gnade und Frieden in Christo! Ich danke Dir, mein lieber Agricola f\u00fcr den Trost, den Du mir dadurch gespendet hast, dass Du schreibst. Eure Gemeinde sei besorgt und bete f\u00fcr mich; der Herr tr\u00f6ste auch Euch in Eurer Anfechtung. Und ich bitte, la\u00dft nicht ab, mich zu tr\u00f6sten: und f\u00fcr mich zu beten, \u201edenn ich bin elend und arm\u201c (Ps. 86,1). (&#8230;) Der Satan w\u00fctet von selbst mit all seiner Macht gegen mich, und der Herr hat ihm mich, gleichsam als zweiten Hiob, zum Zeichen gesetzt und er versucht mich durch eine ungew\u00f6hnliche Schwachheit meiner Lebensgeister. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Luther zweifelt pl\u00f6tzlich an allem: War es das wert? Der Bruch mit der Kirche? So eine Eskalation? Es scheint, als ob er sich mitten im Kampf bef\u00e4nde, zwischen Gott und Teufel. Als ob mit seiner \u2013 menschlichen \u2013 Macht nichts getan sei. Als ob die Welt vor Teufel w\u00e4r\u2018.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der sonst so statthafte, der k\u00e4mpferische, der gewichtige Reformator \u2013 er wankt. Seinem Gem\u00fct nach ist eher Spieluhr dran als Kampflied.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[\u201eGro\u00dfe Not\u201c II:]<\/p>\n<p>Und dazu kommen die Alltagssorgen der Familie. In Wittenberg geht die Pest um. Am 1. November 1957 schreibt er seinem Freund Nikolaus von Amsdorf in Magdeburg:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eWie es dem Herrn gef\u00e4llt, so geschieht es, mein lieber Amsdorf, da\u00df ich, der ich bisher alle anderen zu tr\u00f6sten hatte, nun selbst allen Trostes bed\u00fcrftig bin. (..) In meinem Hause ist allm\u00e4hlich ein Hospital entstanden. Hanna, Augustins Frau, hat die Pest in sich gehabt, kommt aber wieder auf. Margarethe von Mochau hat uns durch ein verd\u00e4chtiges Geschw\u00fcr und andere Anzeichen Angst gemacht, obwohl auch sie wieder gesund wird. Ich f\u00fcrchte sehr f\u00fcr meine K\u00e4the, die der Niederkunft nahe ist, denn auch mein S\u00f6hnchen ist seit drei Tagen krank, i\u00dft nichts und f\u00fchlt sich schlecht. Man sagt es sei der Schmerz vom Z\u00e4hnekriegen, aber man glaubt, da\u00df beide in gro\u00dfer Gefahr sind. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allagssorgen. Sie bringen alles ins Wanken. Und doch schimmert bei Luther in den n\u00e4chsten Zeilen durch, was \u2013 wie es der Heidelberger Katechismus der Reformierten sp\u00e4ter formuliert \u2013 \u201eder einzige Trost im Leben und im Sterben ist\u201c, gerade angesichts der Zweifel, der b\u00f6sen M\u00e4chte. Er schreibt, wer dem Satan, dem Teufel die Stirn bieten kann:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>So sind \u00e4u\u00dferlich Kampfe, innerlich Angste, und sehr bittere. Christus sucht uns heim. Ein Trost bleibt, den wir dem w\u00fctenden Satan entgegensetzen, da\u00df wir wenigstens das Wort Gottes haben um,\u2018 die Seelen der Gl\u00e4ubigen zu retten, wenn er auch die Leiber verschlingt. Darum befiehl uns den Br\u00fcdern und Dir selbst, da\u00df Ihr f\u00fcr uns betet, da\u00df wir die Hand des Herrn tapfer ertragen und des Satans Macht und List besiegen, es sei durch Tod oder durch Leben\u2018 (Phil 1,20), Amen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wittenberg, am Tage Allerheiligen, im zehnten Jahr, nachdem der Ablass zu Boden getreten ist zu dessen Ged\u00e4chtnis wir in dieser Stunde trinken ganz und gar getr\u00f6stet, 1527.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In diesen Wochen schreibt Martin Luther \u201eEin feste Burg ist unser Gott\u201c. Erfahrungsges\u00e4ttigt. Zweifelnd, und gleichzeitig so wortm\u00e4chtig. Ein Trotz- und Trutzlied \u2013 und triumphal darin, dass Gott zur Hilfe eilt, was auch immer geschieht. Ein Lied der leisen T\u00f6ne [Spieluhr].<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Martin Luther \u2013 ein mittelalterlicher Mensch zwischen Gott und Teufel. Mitten hinein geraten in den Kampf zwischen Gott und Teufel, weil er den <em>gn\u00e4digen<\/em> Gott \u00fcberhaupt erst wieder als Widersacher des Teufels neu entdeckt hat. \u2013 Es ist ja Legende, dass er mit dem Tintenfass nach dem Teufel warf \u2013 aber genauso stelle ich es mir vor: \u201eTeufel, du kannst mich mal \u2026 Ich lass mich von Dir nicht unterkriegen! Denn Gott ist meine Burg!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir das heute so nachsprechen? \u2013 Oder: Sind wir nicht eher dazu angehalten, so schroffe Gegens\u00e4tze zwischen Gott und Teufel m\u00f6glichst zu vermeiden? Wie gesagt: Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde dieses Lied nicht von ungef\u00e4hr missbraucht. Es unterscheidet so schlicht und einfach zwischen Gut und B\u00f6se.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und: Haben wir heute noch solche Teufelsvorstellun-gen? Oder ein Weltbild, als ob das Heil oder Wehe der Welt \/ im Kampf zwischen Gott und Teufel gekl\u00e4rt wird? \u2013 Wie ist es mit unserer Vorstellung eines Gottes Zebaoth? \u2013 Der Zeboath ist eigentlich der Kriegsf\u00fchrer. Haben wir ein Gottesbild von einem gegen seine Widersacher milit\u00e4risch k\u00e4mpfenden Gott?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Lied ist kein Lied f\u00fcrs Rechthaben \u2013 nicht der Mensch hat zu entscheiden, welche Kr\u00e4fte g\u00f6ttlich sind und welche Kr\u00e4fte die Achse des B\u00f6sen bilden. Nein: Dieses Lied animiert uns dazu, neu hinzuh\u00f6ren und zu vertrauen: dem Vater Jesu, der angesichts der erlebten Anfechtung sich als Burg zeigt, als Zuversicht, als Hilfe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Lied kann ich gut als Spieluhr-Lied h\u00f6ren. Kein Triumpflied, mehr ein Trostlied: Es ist ein Lied f\u00fcr kranke, angefochtene, mitleidende, traurige Menschen, weil es geschrieben wurde von einem, der krank, angefochten, mitleidend und traurig war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Lied schl\u00e4gt eine Br\u00fccke von den Leid-Erfahrungen dieser Welt zu dem Mann, \u201eden Gott hat selbst erkoren\u201c:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><em> Mit unserer Macht ist nichts getan \/ wir sind gar bald am Ende \/ es streit f\u00fcr uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren \/ Fragst Du wer er ist? Er hei\u00dft Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein anderer Gott. Das Feld muss er behalten.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Herr Zebaoth kommt nicht milit\u00e4risch-triumphierend ins Spiel, der dem Teufel eins auswischt. Sondern: Der Herr der himmlischen Heerscharen ist greifbar und nah in Christus, dem Gekreuzigten. Der hat selber auf Golgatha alle H\u00f6llenqualen erlitten und gottverlassen geschrieen hat. In diesem gottverlassenen Jesus begegnet der Herr Zebaoth. In ihm kann sich Martin Luther wieder finden \u2013 in seiner Lebensnot.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Hier <\/em>liegt der Vergleichspunkt: in diesem Herrn Zebaoth, der zu uns in die Tiefe kommt. In die N\u00f6te heute. In gewisser Weise ist die Welt ist \u201evoll Teufel\u201c: voller teuflischer Computern, die Menschen programmiert haben, um die Finanzm\u00e4rkte zu steuern; voller teuflischer Bohranlagen, die Menschen in immer gr\u00f6\u00dferen Tiefen richten, um das zu Neige gehende \u00d6l zu holen. Voller teuflischer Sorglosigkeit, die bei der Loveparade Menschenleben gefordert hat. Die Welt ist voller teuflischer Krankheiten, die uns treffen k\u00f6nnen \u2026<\/p>\n<p>Es geht nicht um die Frage, ob der Teufel spitze Ohren hat. Entscheidend ist doch, ob wir es uns heute, \u201eselbst wenn die die Welt vor Teufel w\u00e4r\u201c\u2018, resignieren, abstumpfen, traurig werden. Oder ob wir es uns leisten k\u00f6nnen, uns <em>nicht<\/em> zu f\u00fcrchten. Ob wir es uns tr\u00f6sten und aufrichten lassen.<\/p>\n<p>Ob wir <em>nicht trotz<\/em>, sondern <em>in<\/em> allen N\u00f6ten einem Gott trauen, der \u2013 wo wir wanken \u2013 eine Burg wird. Der &#8211; wo wir zweifeln \u2013 eine Zuversicht wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Ein feste Burg ist unser Gott \u2026 &#8211; Ein Trostlied. Es darf auch leise und z\u00f6gerlich erklingen. [Spieluhr] <em>Hinh\u00f6ren<\/em> sollen wir \u2013 auf das tr\u00f6stende Wort Gottes, Mensch geworden, uns nahe gekommen in Jesus, dem Christus. Und trotzig es heraus posaunen: \u201eDas Feld muss er behalten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Ein feste Burg ist unser Gott wird auf einer kleinen Spieluhr eingespielt.]\u00a0 Wie lieblich es klingt \u2026 So passt es gar nicht zu einer stattlichen Burg (Burg Altena): Wehrhaft, m\u00e4chtig, angsteinfl\u00f6ssend. 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