{"id":457,"date":"2017-01-11T14:20:08","date_gmt":"2017-01-11T13:20:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=457"},"modified":"2017-01-11T14:20:08","modified_gmt":"2017-01-11T13:20:08","slug":"komm-an-unsere-seite-ordinationspredigt-2004-zu-jes-6315ff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=457","title":{"rendered":"Komm an unsere Seite (Ordinationspredigt 2004 zu Jes 63,15ff.)"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWie sch\u00f6n das w\u00e4r\u2019: Nur einen Himmel g\u00e4be es und keine H\u00f6lle&#8220;, seufzt das M\u00e4dchen. Der Vater sitzt am seinem Bett und h\u00f6rt zu. In den Tagen zuvor ist der Irakkrieg ausgebrochen. In das Dunkel des Abends seufzt es.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Zwischen Himmel und Erde <\/strong><br \/>\n<strong> Predigt zur Ordination zu Jesaja 63,15-19b &#8211; 8.12.2004\/Kirche Villigst)<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWie sch\u00f6n das w\u00e4r\u2019: Nur einen Himmel g\u00e4be es und keine H\u00f6lle, \/ keine Religion, die sich f\u00fcr die einzig wahre h\u00e4lt,<\/p>\n<p>alle Menschen w\u00e4ren gleich, egal welcher Hautfarbe.<\/p>\n<p>[Wie sch\u00f6n das w\u00e4r, wie sch\u00f6n, wie sch\u00f6n das w\u00e4r\u2019]<\/p>\n<p>Wie sch\u00f6n, wie sch\u00f6n, wie wundersch\u00f6n das w\u00e4r.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Keiner m\u00fcsste mehr hungern, keiner w\u00fcrde mehr gequ\u00e4lt,<\/p>\n<p>keiner w\u00e4re geizig, selbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrde geteilt.<\/p>\n<p>Es g\u00e4be keine Gr\u00fcnde mehr f\u00fcr Terror, Hass und Neid.<\/p>\n<p>[Wie sch\u00f6n das w\u00e4r, wie sch\u00f6n, wie sch\u00f6n das w\u00e4r\u2019]<\/p>\n<p>Wie sch\u00f6n, wie sch\u00f6n, wie wundersch\u00f6n das w\u00e4r.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In diesem Lied von Wolfgang Niedecken tr\u00e4umt ein M\u00e4dchen den Himmel, kindlich und konkret. Und ich h\u00f6re gleichzeitig zwischen den Zeilen, wie ein M\u00e4dchen \u00fcber die Erde klagt.<\/p>\n<p>Hoffnung und Klage: Mich fasziniert, wie sich in den Tr\u00e4umen des M\u00e4dchen <u>Himmel und Erde ber\u00fchren.<\/u><\/p>\n<p>Wenn sich das M\u00e4dchen w\u00fcnscht, dass die Menschen teilen, hat es erfahren, wie habgierig und egoistisch Menschen sein k\u00f6nnen. Und wenn es am Sinn der Religion zweifelt, ahnt es, wie die F\u00fcrsten dieser Welt \u2013 h\u00fcben wie dr\u00fcben \u2013 ihre Religion f\u00fcr ihre eigenen Zwecke verraten.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><strong> Dem Vater klagen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Auch im Jesaja-Text ber\u00fchren sich <u>Himmel und Erde.<\/u> Auch wenn der Text eine Klage ist. Israel hat damals allen Grund, zu klagen, weil es nach dem Exil vor einem Scherbenhaufen steht: das Staatswesen vernichtet, das Volk zerschunden, der Tempel zerst\u00f6rt. In dieser Lage wendet der Beter seine Augen auf zum Himmel [Ps 121] und ruft nach Gott, er m\u00f6ge sich \u2013 verdammt noch mal \u2013 wieder blicken lassen:<\/p>\n<p><em>So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung. Bist du doch unser Vater; [&#8230;] Du, HERR, bist unser Vater; \u00bbUnser Erl\u00f6ser\u00ab, das ist von alters her dein Name. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Erfahrung sagt: Himmel und Erde sind zerrissen.<\/p>\n<p>&#8211; Gott hat sich entfernt: Er hat sich zur\u00fcck gezogen auf seinen himmlischen Thron. Auf einen entfernten Zuschauerplatz. Gerade er, der Sch\u00f6pfer von Himmel und Erde. Er mischt sich nicht mehr ein in das Leben \u2013 f\u00fcr das Volk Israel eine unglaubliche Vorstellung:<\/p>\n<p>Der Gott, der sein eigenes Schicksal eng an das seines Volkes gebunden hat, der als Feuers\u00e4ule durch die W\u00fcste f\u00fchrte und der Manna schickte, als das Volk hungerte \u2013 der will von seinem Volk und seinen eigenen Verhei\u00dfungen nichts mehr wissen? \u2013<\/p>\n<p>Auch heute machen Menschen diese Erfahrung, dass sie Gott gerne beim Wort n\u00e4hmen \u2013 ihn aber nicht finden. Es gibt Gebete, die unerh\u00f6rt bleiben, und Bitten, auf die Gott nicht antwortet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Erfahrung sagt: Himmel und Erde sind zerrissen.<\/p>\n<p>&#8211; Der Mensch hat sich entfernt: Er f\u00fcrchtet Gott nicht mehr. Er kennt Gott nicht mehr. \u2013 Heute m\u00fcssen wir noch drastischer sagen: Viele Menschen haben nicht nur Gott vergessen, sondern: Sie haben auch vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Es spielt f\u00fcr sie gar keine Rolle mehr, ob sich Gott unserem Leben entzieht oder f\u00fcr uns da ist. Es l\u00e4sst sich auch ganz gut ohne Gott ganz gut leben.<\/p>\n<p>Wir be-klagen alles M\u00f6gliche, auch in der Kirche: Dass das Geld nicht mehr reicht, Geb\u00e4ude geschlossen und Mitarbeitende entlassen werden m\u00fcssen. Ihm dies alles zu klagen \u2013 das h\u00f6re ich in unseren Gottesdienste selten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und doch glaube ich: Auch in dieser alte Klage bei Jesaja <u>ber\u00fchren sich Himmel und Erde.<\/u><\/p>\n<p>Denn die Klagenden ersticken nicht in Mutlosigkeit und ergeben sich nicht achselzuckend in ihr Schicksal: Et k\u00fctt halt wie\u2019s k\u00fctt.<\/p>\n<p>Hier reden die Kinder Gottes mit ihrem Vater: Du bist doch unser Vater! Du, Sch\u00f6pfer, hast uns doch in und auf die Welt gesetzt. Komm da oben runter! Setz dich zu uns! Komm an die Orte unserer Sorgen und N\u00f6te und h\u00f6r uns zu!<\/p>\n<p>F\u00fcr damalige Ohren geradezu Gottesl\u00e4sterung: Gott als Papa \u2013 als Abba, wie Jesus ihn dann nennen sollte \u2013 gibt es nur zweimal im Ersten Testament. Zu nah, zu innig dieser Gottesname.<\/p>\n<p>Und gerade auf diesen Namen wird Gott verhaftet: Auf die v\u00e4terliche F\u00fcrsorgepflicht, auf die m\u00fctterliche Barmherzigkeit. Gott wird erinnert an seine eigene Verhei\u00dfung am Dornbusch, wo er Mose seinen Namen sagt: Ich bin f\u00fcr dich da.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer so den Vater ruft, der setzt doch seine Hilfe auf Gott. <u>Diese Klage rechnet mit Gott. <\/u>Mitten in die Gottesferne hinein, hofft das Volk: Er k\u00fct, Gott kommt. Kein schicksalhaftes &#8222;Et k\u00fctt halt wie\u2019s k\u00fctt&#8220;. Sondern: Er k\u00fct. Er kommt vom himmlischen Thron herunter auf die Erde. Quasi an unsere Bettkante.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>III. Einen neuen Himmel und eine neue Erde tr\u00e4umen<\/strong><\/p>\n<p>Wie antwortet der Vater auf die Klage \u2013 ich meine den Vater am Bett seiner Tochter? \u2013 In dem Lied weicht er aus. Er ist \u00fcberfragt.<\/p>\n<p>Und wir? Wenn Dein Kind Dich morgen fragt? (Dtn 6,20)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Christinnen und Christen \u2013 allzumal im Dienst der Wortverk\u00fcndigung \u2013 kommen wir um eine Antwort nicht herum: eine Antwort auf die Sorgen und Klagen der Menschen, und eine Antwort auf ihre Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Dein Kind Dich morgen fragt &#8230; \u2013 was antwortest Du?!<\/p>\n<p>Was sind Deine Visionen auf die Fragen:<\/p>\n<ul>\n<li><em>Wie k\u00f6nnen wir glauben? \u2013 <\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Gott scheint oft fern.<\/p>\n<ul>\n<li><em>Wie wollen wir leben? \u2013 <\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Zahllose Lebensentw\u00fcrfe sind m\u00f6glich.<\/p>\n<ul>\n<li><em>Wie sollen wir handeln? \u2013 <\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Alles h\u00e4ngt heute global zusammen und macht uns zunehmend hilflos und handlungsunf\u00e4hig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Dein Kind Dich morgen fragt &#8230; <u>Ich vertraue darauf, dass Gott f\u00fcr mich da ist<\/u>. Dass sich eben nicht Himmel und Erde trennen lassen in einen Himmel als Wohnung Gottes und eine Erde als Autonomiegebiet der Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Freilich gibt es Grund zur Klage: In meiner Klage m\u00f6chte ich mit Gottes (Entgegen-)Kommen rechnen. So bleibt die Klage nicht der Welt verhaftet.<\/p>\n<p>Freilich gibt es auch Hoffnung \u2013 wie die Menschen in der Ukraine uns gezeigt haben, als sie f\u00fcr Demokratie wochenlang auf den kalten Pl\u00e4tzen ausgeharrt haben. Auch in meinen Hoffnungen m\u00f6chte ich mit Gottes (Entgegen-)Kommen rechnen \u2013 damit die Hoffnungen nicht weltfl\u00fcchtig werden, sondern ganz konkret mit dieser Welt zu tun haben.<\/p>\n<p>Wie die Tr\u00e4ume des M\u00e4dchens.<\/p>\n<p>Wie die gro\u00dfen Hoffnungss\u00e4tze vom \u201eneuen Himmel und der neuen Erde&#8220; (Jes 65), wie sie wenig sp\u00e4ter im Jesaja-Buch folgen:<\/p>\n<p><em>Kein Kind muss fr\u00fch sterben. <\/em><\/p>\n<p><em>Heimatlose bauen H\u00e4user. <\/em><\/p>\n<p><em>Es gibt gute Arbeit.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Solche Visionen protestieren gegen die Welt, wie sie ist; aber sie schweifen nicht in die Ferne. Sie gehen \u00fcber uns hinaus, aber wollen uns hier zum Handeln befreien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nehmen wir die Hoffnungen dieses M\u00e4dchens: <em>Alle Menschen sind gleich. Sie teilen. Sie foltern nicht<\/em>. Diese Hoffnungss\u00e4tze sind doch durch und durch \u201eLeidenschaft f\u00fcrs M\u00f6gliche&#8220; (Kierkegaard). Sie machen mit den M\u00f6glichkeiten ernst, die unsere Welt durchziehen:<\/p>\n<p>Wer sagt, es wird nie Frieden sein \u2013 der muss mir erkl\u00e4ren, ob Krieg quasi ein Naturzustand ist, den es immer geben wird. Wer sagt, es wird nie Gerechtigkeit geben \u2013 der muss mir erkl\u00e4ren, warum wir nicht wenigstens mehr Gerechtigkeit wagen. Und wer sagt, es kommt zwangsl\u00e4ufig zum Kampf der Kulturen, der muss mir erkl\u00e4ren, warum meine Vision vom friedlichen Miteinander weniger realistisch sein soll. Drehen wir die Beweislast um: Nicht wer Frieden und Gerechtigkeit versucht, soll sich erkl\u00e4ren m\u00fcssen, sondern wer Krieg und Unrecht \u00fcbt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><strong> Da ber\u00fchren sich Himmel und Erde <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig warten wir im Advent darauf, dass ein Kind zur Welt kommt und zur Hoffnung der Welt wird. Mitten in der noch nicht erl\u00f6sten Welt naht unsere Erl\u00f6sung [Wochenspruch: Seht auf und erhebt eure H\u00e4upter, weil sie eure Erl\u00f6sung naht, Mk 21,28b]. Bis es am Ende der Zeit zum \u201eneuen Himmel und zur neuen Erde&#8220; kommt, verspricht uns Gott, der nahe Gott: Schon jetzt ber\u00fchren sich Himmel und Erde.<\/p>\n<p>Wie sch\u00f6n, wie sch\u00f6n, wie wundersch\u00f6n das ist! &#8211; Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWie sch\u00f6n das w\u00e4r\u2019: Nur einen Himmel g\u00e4be es und keine H\u00f6lle&#8220;, seufzt das M\u00e4dchen. Der Vater sitzt am seinem Bett und h\u00f6rt zu. In den Tagen zuvor ist der Irakkrieg ausgebrochen. In das Dunkel des Abends seufzt es.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,5,19],"tags":[],"class_list":["post-457","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-advent","category-predigten","category-weiterer-anlass"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/457","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=457"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/457\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":458,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/457\/revisions\/458"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=457"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=457"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=457"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}