{"id":4545,"date":"2019-03-03T12:00:53","date_gmt":"2019-03-03T11:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=4545"},"modified":"2019-03-03T12:21:34","modified_gmt":"2019-03-03T11:21:34","slug":"maria-und-martha-nichts-fuer-kirche-und-diakonie-sondern-fuer-den-moment","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=4545","title":{"rendered":"Maria und Martha &#8211; nichts f\u00fcr &#8222;Kirche und Diakonie&#8220;, sondern f\u00fcr den Moment"},"content":{"rendered":"<p>Maria und Martha \u2013 und Jesus, der Christus, auf dem Weg nach Jerusalem. So allt\u00e4glich diese Begegnung ist, so sehr setzt sie Bilder frei. In der Kunst sitzt Maria meistens and\u00e4chtig zu F\u00fc\u00dfen Jesu. Martha rackernd sich bei der Hausarbeit ab. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Erl\u00f6serkirche Haltern,\u00a0Sonntag Estomihi, 3. M\u00e4rz 2019,\u00a0Maria und Marta, Lk 10,38-42<\/strong><\/p>\n<p>Maria &#8211; oft mit einer aufgeschlagenen Bibel im Scho\u00df, Martha hingegen mit Weinkrug im Arm, die Sch\u00fcrze umgebunden.<br \/>\nSolche Bilder sind auch in uns &#8211; und werden \u00fcbertragen: Da ist die eine, die <em>emanzipierte<\/em> Frau, mit den J\u00fcngern auf Augenh\u00f6he, weil sie mit Jesus debattiert und autonom &#8211; man k\u00f6nnte auch sagen: egoistisch &#8211; alles drumherum vergisst. Und im Hintergrund das \u201eHeimchen am Herd\u201c, das f\u00fcrs Essen sorgt.<\/p>\n<p>Jahrhundertelang ist der Beitrag der Martha abgewertet worden: Als ob der Dienst bei Tische \u2013 griechisch \u00fcbrigens: \u201eDiakonie\u201c \u2013 weniger wert w\u00e4re als dem H\u00f6ren des Wortes!<\/p>\n<p>Jahrhundertelang stand der Maria-Dienst f\u00fcrs typisch Evangelische: Bibelzeugnis und Predigt stehen vorneweg. Kirch ist, wenn das Wort Gottes rein gepredigt und die Sakramente evangeliumsgem\u00e4\u00df gereicht werden, formulierte die Reformation. Dabei stellte die Reformation das H\u00f6ren auf Gottes Wort aber gar nicht gegen die helfende Tat, sondern gegen die Lehrgeb\u00e4ude des Papstes.<\/p>\n<p>Die Kirche stand Kirche jahrhundertlang eher bei Maria, selbst noch als Johann Hinrich Wichern die moderne Diakonie ausrief. Er proklamierte: &#8222;Die Liebe geh\u00f6rt mir wie der Glauben\u201c, also: Gott kann man genauso mit dem Glaubensbekenntnis wie der helfenden Tat bekennen!<\/p>\n<p>Die Martha hat es also dreifach schwer: schwere Hausarbeit, augenscheinlich weniger Akzeptanz bei Jesus \u2013 und dann ist sie oft noch irrt\u00fcmlicherweise Kronzeugin Vorrangigkeit der Wortkirche vor der Diakonie&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Ich finde: Die Geschichte von Maria und Martha ist viel zu fassettenreich und wunderbar, als dass man sie benutzen sollte oder k\u00f6nnte, um etwas \u00fcber &#8222;Kirche und Diakonie&#8220; zu sagen. Die Unterscheidung gab es zur Zeit des Evangelisten Lukas noch gar nicht: keine unterschiedene T\u00e4tigkeiten, erst recht keine getrennten Bereiche.<\/p>\n<p>In den Gemeinden, an die der Evangelist Lukas sein Evangelium richtete, waren beide, der Maria-Dienst und der Martha- Dienst, gleicherma\u00dfen von N\u00f6ten: Da gab es zum einen christliche Familien, die zu den ersten sesshaften Gemeinden geh\u00f6rten. Deren H\u00e4user, stand den umherwandernden Missionaren und Predigern offen. Das war weit mehr als Essenkochen (Hauswirtschaft als &#8222;\u201eOikonomia\u201c): Die wandernden Christen wurden bewirtet, bekamen eine Schlafstelle. Ohne solche Gastfreundschaft &#8211; und die Hauptverantwortung lag bei den Frauen &#8211; h\u00e4tte sich das Christentum niemals so schnell ausbreiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn Lukas also von Maria und Martha schreibt, werden seine Leser diese Erfahrung aus den eigenen Gemeinden vor Augen gehabt haben. Undenkbar f\u00fcr sie, dass der Tischdienst weniger wert gewesen w\u00e4re!<\/p>\n<p>Wortgenau geht es auch darum, dass Maria das \u201egute Teil erw\u00e4hlt\u201c hat, nicht das \u201ebessere Teil\u201c. Und direkt vor \u201eMaria und Martha\u201c schildert Lukas das Gleichnis vom Barmherzigen Samariters, <em>die<\/em> Geschichte des Tuns \u00fcberhaupt\u2026<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Worum geht es dann? &#8211; Das Lukasevangelium hat einen weiten Spannungsbogen: Nur Lukas erz\u00e4hlt ausf\u00fchrlich von der Geburt Jesu, und seine Apostelgeschichte verl\u00e4ngert die Passions- und Ostergeschichte bis in die Zeit der jungen Kirche. Lukas nimmt uns mit auf den Weg Jesu, von Bethlehem nach Jerusalem, auf den, den wir im Kirchenjahr symbolisch mitgehen: Weihnachten, Passionszeit, Osterzeit.<\/p>\n<p>Auf diesem Weg gr\u00fcndet der Glauben an Jesus, dem Christus. F\u00fcr diejenigen, die ihm begegnen, wird er Grund ihrer Hoffnung. Sp\u00e4ter Fundament der Kirche.<\/p>\n<p>So ein entscheidender Moment ist auch die Begegnung mit Maria und Martha. Was &#8222;tut not&#8220;? Was ist jetzt dran? Was wird wichtig? &#8211; Die ganz \u00e4hnliche Frage wie vorher beim Barmherzigen Samariter: Was ist in diesem Moment dran? Helfen!<\/p>\n<p>Bei Maria: H\u00f6ren!<\/p>\n<p>Mein Bild von der Szene: Maria sitzt wissbegierig an seiner Seite, saugt alles auf, ist aufs \u00c4u\u00dferste gespannt, was Jesus Besonderes zu sagen hat. Warum kommt er gerade zu diesen Frauen?<\/p>\n<p>Maria sitzt buchst\u00e4blich Jesus im Weg.<\/p>\n<p>Im Hintergrund scheppert es, Jesus wird aufgefordert, dass er ihr doch sagen soll, Martha zu helfen &#8211; aber nein: Jesus erkennt und an-erkennt, was Maria jetzt wichtig ist. Das hebt er hoch: &#8222;Sie hat das [f\u00fcr sich] gute Teil erw\u00e4hlt!&#8220;<\/p>\n<p>Wir kennen das doch alle von Familiengeburtstage, dass die Martha-Rolle immer verteilt ist: \u201eIch muss mal eben nach dem Braten gucken!\u201c \u2013 \u201eSetz dich doch mal zu uns, sonst hast du ja nichts von deinen G\u00e4sten!\u201c<\/p>\n<p>Es gibt Pflegesituationen, in denen sich Ehepartner und Kinder ersch\u00f6pfen im Tun, Unmengen an Dingen organisieren. Aber wann ist die Zeit zum Reden, was noch geregelt sein muss, bevor die Situation schlimmer wird? Was soll noch besprochen sein, oft nach gemeinsamen Jahren und Jahrzehnten? Da w\u00fcnschte ich mir f\u00fcr Familien auch die Klarheit der Maria, sich zu setzen und zu h\u00f6ren \u2013 und wenn noch so viel drumherum zu tun ist oder zu tun w\u00e4re\u2026<\/p>\n<p>Auch in Kirchengemeinden gibts Maria und Marthas: Da schm\u00fccken Frauen den Altar oder die Kaffeetafel, da schleppt ein K\u00fcster unerm\u00fcdlich schwere St\u00fchle, und Finanzkirchmeister f\u00fchren NKF ein \u2013 damit \u2026 ja damit \u2026 was eigentlich sein soll? Eigentlich soll bei allen Gesch\u00e4ften das Wort Gottes zu h\u00f6ren und zu erleben sein. Manchmal kommt man gar nicht so weit \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Daher &#8211; bei aller Gesch\u00e4ftigkeit der Martha &#8211; die Frage an uns aus Sicht der Maria: Was tut not, wenn wir in diesen Wochen Jesus nach Jerusalem folgen? Was brauchen wir von ihm, was w\u00fcrden wir ihn fragen, was wollten wir von ihm empfangen? Oder &#8211; ums jetzt doch einmal tendenzi\u00f6s zu fragen &#8211; werkeln wir weiter wie gewohnt?<\/p>\n<p>Maria ergreift ihre wohl einmalige Chance: Jesus &#8211; einmal leibhaftig!\u00a0 Sie geht keinen Umweg, bricht mit Konventionen und\u00a0 Regeln der H\u00f6flichkeit. Wom\u00f6glich hat Jesus einen knurrenden Magen. Das k\u00fcmmert <em>sie<\/em> nicht \u2013 und<em> das<\/em> sieht Jesus. Und er sieht es wohlwollend.<\/p>\n<p>Maria ist direkt, lebt den Moment, entscheidet unmittelbar. Ironischerweise ist sie damit dem Barmherzigen Samariter absolut nahe: Der tut auch das, was im Moment not ist, was dran ist &#8211; \u00fcbrigens auch gegen alle Konventionen und Widerst\u00e4nde.<\/p>\n<p>Lukas geht es nicht um eine Vorrangigkeit von H\u00f6ren und Tun, sondern um die Frage, was jeweils dran ist. Nicht verrennen &#8211; so wie wom\u00f6glich Martha. Nicht einmal ein Kompromiss (erst bereiten beide das Essen vor, dann h\u00f6ren beide Jesus zu). Nein, so ist es nicht!<\/p>\n<p>Daher nochmals: Was tut not, wenn wir in diesen Wochen Jesus auf dem Weg nach Jerusalem folgen?<\/p>\n<p>Was h\u00f6ren wir in diesem wunderbaren Lesungstext von der Liebe, die st\u00e4rker ist sogar als Glaube und Hoffnung?<\/p>\n<p>Welche Kraft f\u00fcrs Leben geht von diesem Jesus von Nazareth aus? Was fehlte uns ohne ihn?<\/p>\n<p>&#8211; Die Begegnung mit Maria ist mehr eine Twitterl\u00e4nge, sondern echt &#8222;geteiltes&#8220; und &#8222;geliktes&#8220; Leben. Mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit f\u00fcr andere w\u00fcnsche ich mir von mir selbst!<\/p>\n<p>&#8211; Oder weiter auf dem Weg, als Jesus im Garten Getsemane betet: Er selbst erlebt v\u00f6llige Gottverlassenheit! Aber genau darin ruft er ausgerechnet nach seinem Vater, als ob nur dieser die Antwort darauf sein k\u00f6nnte. Gott dann zu suchen, wenn er uns abhanden gekommen ist &#8211; das w\u00e4re etwas f\u00fcr eine s\u00e4kularer werdende Gesellschaft, auch immer wieder ein Neuaufbruch f\u00fcr eine kleiner werdende Kirche!<\/p>\n<p>&#8211; Dass Jesus wird verraten und verkauft wird: Er stirbt als Verbrecher am Kreuz. Damit stehen wir als Christinnen und Christen in der Nachfolge eines faktisch Gescheiterten. Wer beruft sich schon auf einen gefallenen Helden? Gr\u00f6\u00dfer k\u00f6nnte die Befreiung doch nicht sein, wo heute der Mensch optimiert und perfektioniert wird, und dann, wenn wir erleben, was Menschen Menschen antun, Fassungslosigkeit in blinden Hass umschl\u00e4gt. Das passiert t\u00e4glich, weil wir keinen realistischen Blick mehr auf den Menschen haben, der seine Grenzen, sein Scheitern, sein Lieben und Vers\u00f6hnen zusammenbringt.<\/p>\n<p>Was tut not?<\/p>\n<p>Maria sitzt Jesus wortw\u00f6rtlich im Weg.<\/p>\n<p>Wir sitzen dort auch, so wie wir andernorts und in anderen Momenten tun und machen. Wir kommen diesem Jesus nahe, dem &#8222;Licht der Welt&#8220;. &#8222;Welch ein Grund zur Freude!&#8220; (EG 401,1). Das tut not. Das ist heute &#8211; wenn auch nicht grunds\u00e4tzliche das bessere &#8211; doch das gute Teil.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maria und Martha \u2013 und Jesus, der Christus, auf dem Weg nach Jerusalem. So allt\u00e4glich diese Begegnung ist, so sehr setzt sie Bilder frei. In der Kunst sitzt Maria meistens and\u00e4chtig zu F\u00fc\u00dfen Jesu. 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