{"id":448,"date":"2017-01-11T14:02:22","date_gmt":"2017-01-11T13:02:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=448"},"modified":"2017-01-11T14:02:22","modified_gmt":"2017-01-11T13:02:22","slug":"predigt-zum-israelsonntag-2009-10-so-n-tr-zu-lk-1941-48","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=448","title":{"rendered":"Predigt zum Israelsonntag 2009 (10. So. n. Tr. zu Lk 19,41-48)"},"content":{"rendered":"<p>\u201eJesus sah die Stadt Jerusalem und weinte \u00fcber sie und sprach: \u201eWenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient!\u201c <!--more-->(Lk 19,41-48, hier: 41f.)<\/p>\n<p><strong>1. So. n. Trinitatis Lutherkirche Altena \/ Ref. Kirche Wiblingwerde Israelesonntag, #Lk 19,41-48<\/strong><\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>Das ist der Kern des Evangeliums f\u00fcr den heutigen Sonntag, das wir vorhin vom Altar geh\u00f6rt haben. Jerusalem steht im Zentrum dieses Gottesdienstes. Warum dies? Was sucht Jerusalem im christlichen Gottesdienst? Man kann auch umgekehrt fragen: Was suchen Christen in Jerusalem? Sie suchen den Ort Jesu, den Ort seiner Kreuzigung und Auferweckung. Sie suchen \u2014 so ist zu hoffen \u2014 die Geschichte des Volkes, dem Jesus entstammte, die Geschichte Israels. Sie vergegenw\u00e4rtigen sich, dass der Bund Gottes mit diesem Volk nicht gek\u00fcndigt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deshalb feiern wir den Israel-Sonntag als einen wichtigen Sonntag im christlichen Kalender. Gott nimmt seine Verhei\u00dfungen nicht zur\u00fcck. Er bleibt dem Volk Israel treu. Sp\u00e4t erst haben wir erkannt, dass dies zum christlichen Bekenntnis geh\u00f6rt: Gottes Treue zu seinem Volk Israel. Auf schm\u00e4hliche Weise haben wir als Christen uns gegen diese Treue Gottes gegen\u00fcber seinem Volk vergangen. Auch in der christlichen Predigt geschah das. Deshalb begehen wir einen Israel-Sonntag. Er dient der Erneuerung des Verh\u00e4ltnisses von Christen und Juden. Deshalb steht Jerusalem heute im Zentrum unseres Gottesdienstes. Und mit ihm Jesus, der Jude, der \u00fcber Jerusalem weint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Alle jubeln, einer weint. Gerade ist Jesus nach Jerusalem eingezogen, unter dem Jubel der Massen. \u201eFriede sei im Himmel und Ehre in der H\u00f6he!\u201c So hatten die Menschen gerufen, ihre Kleider hatten sie ausgebreitet, mit Palmzweigen ihm zugewinkt. Aber der so Gefeierte schaut auf die Stadt Jerusalem, die Stadt des Friedens, den Zion Gottes und weint.<\/p>\n<p>Am Fu\u00dfe des \u00d6lbergs, im heutigen Jerusalem, liegt eine Kapelle, die hei\u00dft: \u201eDominus flevit\u201c, zu deutsch: \u201eDer Herr weinte\u201c.<\/p>\n<p>Als Christen erinnern wir uns daran, dass Jesus auf die Stadt seines Volkes sah, mit j\u00fcdischen Augen, j\u00fcdischem Glauben. Und: Dass <em>er<\/em> sich nicht \u00fcber sie. Er weinte \u00fcber sie. Auch heute kann keiner aufrichtig nach Jerusalem gehen, ohne zu weinen, wenn man diese geteilte Stadt und ihr Schicksal verfolgt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Dass Jesus weint, passt nicht ins gewohnte Bild. Schon in alter Zeit galt der weinende Jesus als \u00c4rgernis. Man konnte nichts mit ihm anfangen \u2013 bis dahin, dass rechtgl\u00e4ubige Christen beabsichtigten, den Satz \u00fcber das Weinen Jesu aus dem Neuen Testament zu streichen.<\/p>\n<p>Ein heulender Heiland, das ging \u00fcber ihre Vorstellungskraft!<\/p>\n<p>Mir macht ein weinender Jesus keine Angst. Er befreit. Vor ihm braucht man sich nicht zu f\u00fcrchten. Ihn braucht man nicht aus dem Evangelium zu streichen. Er geh\u00f6rt in seine Mitte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nah an Jesus sind wird, wenn wir ihm zutrauen, dass er um Jerusalem trauert und um des Friedens willen weint. Die Tr\u00e4nen, die er \u00fcber Jerusalem vergie\u00dft, offenbaren uns das Geheimnis seiner Person. In seinen Tr\u00e4nen zeigt sich das Herz des barmherzigen Gottes. Es ist ein teilnehmendes Herz, ganz menschlich k\u00f6nnen wir sagen: ein Herz voll Sympathie. Die Tr\u00e4nen in seinem Angesicht zeigen uns, dass Jesus mit unserer Welt mit leidet, dass er den Frieden dieser Welt will, ganz besonders den Frieden f\u00fcr Jerusalem. Es sind Tr\u00e4nen des Mitleids aus Liebe zu und Solidarit\u00e4t mit dem von Gott erw\u00e4hlten Volk Israel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle jubeln, einer weint.<\/p>\n<p>Aber passt das Weinen zum Messias? K\u00f6nnen wir unser Leben an einem orientieren, der weint?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer Diskussion junger Leute mit einem Politiker fragte einer der Jugendlichen den Minister unvermittelt: \u201eK\u00f6nnen Sie eigentlich noch weinen?\u201c R\u00fcckfrage des Ministers: \u201eWarum wollen Sie das wissen?\u201c Darauf der junge Mann: \u201eIch m\u00f6chte nicht von jemandem regiert werden, der nicht mehr weinen kann.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus verlangt nicht, dass man alles \u201eganz frei von Emotionen betrachten m\u00fcsse\u201c. Er l\u00e4sst Emotionen zu, nein, er gibt ihr Raum: der Emotion der Teilnahme, in der sich das Herz Gottes zeigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Diese Empfindung Jesu war dem Evangelisten Lukas so wichtig, weil Lukas die Geschichte kannte. Als er im Jahr 80 sein Evangelium schreibt, wusste er, was bei Jesu Einzug in Jerusalem erst noch bevorstand. die Zerst\u00f6rung des Tempels in Jerusalem durch die R\u00f6mer im Jahre 70. Das war nicht die erste Zerst\u00f6rung des Tempels, sondern die zweite. Beide Zerst\u00f6rungen fanden im August statt. Beim ersten Mal waren es die Babylonier, beim zweiten Mal im Jahr 70 die R\u00f6mer. 640 Jahre lagen zwischen diesen beiden Zerst\u00f6rungen. Nach der ersten Zerst\u00f6rung wurde der Tempel wieder aufgebaut, damit er wieder die \u201eWohnung des Namens Gottes\u201c w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der zw\u00f6lfj\u00e4hrige Jesus geht in den Tempel, um dort zu lehren und von Gott zu reden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als er das zweite Mal wiederkommt, da ist kein Raum mehr f\u00fcr das Gespr\u00e4ch mit Gott und in der Runde andere Menschen von Gott. Daf\u00fcr muss erst wieder Raum geschaffen werden. Deshalb treibt Jesus die Geldwechsler und die Opfertierverk\u00e4ufer aus dem Tempel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zur Auslegungsgeschichte dieses Textes und zum christlichen Antijudaismus \u00fcber Jahrhunderte, dass man immer wieder die Geldwechsler im Tempel mit der angeblichen Habsucht und den \u201ekrummen Gesch\u00e4ften\u201c der Juden identifiziert hat. Das hat erst den Holocaust m\u00f6glich gemacht \u2013 und uns gen\u00f6tigt, wenigstens einmal im Jahr an einem Israelsonntag \u00fcber hoffentlich wieder ver\u00e4ndertes Verh\u00e4ltnis von Christe und Juden nachzudenken.<\/p>\n<p>Gegen alle Stereotypen: Die Geldwechsel tun in Wirklichkeit nichts Schlimmes. Sie bieten gutes israelitisches Geld f\u00fcr das schlechte r\u00f6mische. sie tauschen Geld, das die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr Opfertiere im Tempel ausgeben kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Haus soll ein Bethaus sein \u2013 Jesus geht es um nichts anderes als um das Reich Gottes und die Entscheidung zum gn\u00e4digen Gott. Er will im Tempel lehren, \u00fcber Gott sprechen, beten. Er m\u00f6chte, dass eine pers\u00f6nliche Gottesbeziehung besteht \u2013 Gott liebevoll \u201eAbba\u201c genannt werden darf, dass der Glaube nicht hinter formalen Korrektheiten und Vorschriften versteckt werden darf, wie es zu seiner Zeit einige seiner Glaubensgenossen tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das macht freilich aus einem Jesus, der weint, einen, der w\u00fctet. Der nicht nur Tr\u00e4nen der Entt\u00e4uschung vergisst, sondern auch Tr\u00e4nen der Wut, des Protestes, der Parteinahme f\u00fcr Gott. Warum erkennt ihr nicht, was zum Frieden dient? Warum verstellt ihr euch den Blick auf Gott?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Alle weinen, einer aber lacht. Als vier j\u00fcdische Rabbiner, darunter Rabbi Akiba, sich einmal dem zerst\u00f6rten Tempel in Jerusalem n\u00e4herten, kam ein Fuchs aus den Tr\u00fcmmern hervor. Da sp\u00fcrten sie, wie weit es gekommen war, und begannen zu weinen \u2014 bis auf einen, bis auf Rabbi Akiba. Rabbi Akiba lachte, zum Erstaunen, nein zum Erschrecken der andern. Er aber hielt ihnen entgegen: Wenn Gott seine Drohung wahr gemacht habe, Zion werde wie ein Feld umgepfl\u00fcgt, wie sollte er da nicht die Verhei\u00dfung wahrmachen, die sich beim Propheten Sacharja findet? Denn dort hei\u00dft es: \u201eEs werden noch Greise und Greisinnen in Jerusalem wohnen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom zweimal zerst\u00f6rten Tempel ist nur ein St\u00fcck \u00fcbrig geblieben, das heute die Klagemauer ist. Der Tempelberg selbst ist muslimisch. An der Klagemauer verrichten gl\u00e4ubige Juden ihr Gebet, mit einer Ausdauer, die auch gebetsge\u00fcbte Christen erstaunt und die bei Menschen, die das Beten verlernt haben, nur noch Unverst\u00e4ndnis ausl\u00f6st. Die rhythmischen Bewegung des Gebets, das leise Murmeln ihrer Worte, das Gleichma\u00df der Klage \u00fcber die Jahrtausende \u2013 in keiner anderen Weltreligion gibt es ein vergleichbares Beispiel f\u00fcr die religi\u00f6se Bedeutung, ja Hochsch\u00e4tzung der Klage wie in Jerusalem. In keiner anderen Religion nimmt der leidende Gottesknecht so vielgestaltige Formen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWenn doch auch du erkenntest, was dem Frieden dient!\u201c Als Christen in Deutschland sind wir nicht gut geeignet, Ratschl\u00e4ge zum Frieden zu geben. Noch immer werden wir danach gefragt, wie ernst uns die Absage an den Antisemitismus ist und wie endg\u00fcltig wir das Existenzrecht des Staates Israel anerkennen. Wieder und wieder sind wir durch die Anschl\u00e4ge im Gazastreifen aufgew\u00fchlt. Aber wir sollten uns davor h\u00fcten, zu den Rechthabern zu z\u00e4hlen. Stattdessen sollten wir uns an den weinenden Jesus halten. Wer weint, hat nicht Recht, sondern Kummer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eMein Jesus hat geweint um seine Stadt, ach, auch gewiss um mich hat er geweinet.\u201c Annette von Droste-H\u00fclshoff hat so gedichtet. Man nimmt das Weinen Jesu seiner Stadt Jerusalem nicht weg, wenn man bekennt: Es gilt auch uns. Er bleibt ein Sohn seines Volkes und ist doch der Messias der V\u00f6lker. Miteinander sind wir verbunden, Juden wie Christen, durch die Verantwortung f\u00fcr Vers\u00f6hnung und Frieden. In der Hoffnung nach Vers\u00f6hnung und Frieden.<\/p>\n<p>Und in der Einsicht: Bei jedem einzelnen f\u00e4ngt der Frieden an. Denn uns \u00f6ffnet Gott sein Herz. In dem Jesus, der weint und w\u00fctet. Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eJesus sah die Stadt Jerusalem und weinte \u00fcber sie und sprach: \u201eWenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient!\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[5,13],"tags":[],"class_list":["post-448","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-predigten","category-trinitariszeit"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/448","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=448"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/448\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":449,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/448\/revisions\/449"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=448"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=448"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=448"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}