{"id":446,"date":"2017-01-11T13:58:44","date_gmt":"2017-01-11T12:58:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=446"},"modified":"2017-01-11T13:58:44","modified_gmt":"2017-01-11T12:58:44","slug":"gottes-wort-ewig-75-jahre-barmer-theologische-erklaerung-pfingsten-2009","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=446","title":{"rendered":"Gottes Wort ewig (75 Jahre Barmer Theologische Erkl\u00e4rung, Pfingsten 2009)"},"content":{"rendered":"<p>Mitten in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone im Wuppertaler Stadtteil Barmen-Gemarke steht auf einem Sockel eine Menschenmenge, dicht gedr\u00e4ngt, auf Tuchf\u00fchlung. Sie bilden keinen Kreis, eher Reihen. Wenige sind einander zugewandt. Kaum einer schaut zur Seite. Was ist das? Eine Masse, eine Gemeinschaft?<!--more--><\/p>\n<p><strong>Pfingstsonntag Lutherkirche Altena<\/strong><\/p>\n<p><strong>75 Jahre Barmer Theologische Erkl\u00e4rung<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gruppe wirkt geschlossen. Ausscheren \u2013 schwer denkbar! Trotz unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe, Kopfbedeckung, unterschiedlichen Alters und Geschlechtes wirken die Personen uniformiert: die F\u00fc\u00dfe parallel, nebeneinander, den rechten Arm erhoben. Wohl keine Segenshaltung, sondern Erinnerungen an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Wenn diese Menschenmasse in Bewegung ger\u00e4t \u2013 dann marschiert sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem zweiten Blick erkenne ich: Eine unsichtbare Trennungslinie geht hindurch. Eine zweite Gruppe wird sichtbar, hinten. Aber wo schon ist hinten?<\/p>\n<p>Geht man um die Skulptur herum, stehen jene Anderen vorne [Vorderseite Programm]: Aber sie wirken nicht einheitlich, geschweige denn bedrohlich. Ihre Haltung ist anders, unterschiedlicher: Einander zugewandt, untereinander gibt es Verbindungen, keine geschlossene Linie. Die H\u00e4nde haben sie frei \u2013 um Kinder zu halten, sie dem N\u00e4chsten auf die Schulter zu legen, ein Buch zu tragen. Die Blicke sind nach vorn, zum Kind, zum andern, ins Buch gerichtet, vom Buch nach vorn. Vom Buch in die Welt.<\/p>\n<p><em>Das <\/em>eint: der Blick ins Buch. Und: Die Orientierung am Buch \u2013 das ist die unsichtbare Trennlinie zwischen den beiden Menschengruppen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>genau das f\u00fchrt uns genau in die Trennlinien zur Zeit der Barmer Theologischen Erkl\u00e4rung hinein, mit der wir uns in den letzten Wochen in Erwachsenenbildungsreihe in den Kirchengemeinden in Nachrodt, Wiblingwerde und Altena besch\u00e4ftigt haben. Dieses Zeugnis, das erste gemeinsame von reformierten und lutherischen Christen seit der Reformation, entstand 1934 \u2013 in einer Zeit, als der Nationalsozialismus versuchte, die Kirche gleichzuschalten, das F\u00fchrerprinzip in ihr einzuf\u00fchren und arische Rassenlehren bis hin zur Ausmerzung des Alten Testaments.<\/p>\n<p>Genau heute vor 75 Jahren wurde die Erkl\u00e4rung auf der Bekenntnissynode in Wuppertal-Barmen verabschiedet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gerade zu Pfingsten gilt: Ihre Bedeutung besteht in ihrer Vergegenw\u00e4rtigung und Aktualisierung des Wortes Gottes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun kann man einwenden, dass ein politisches Wort, z.B. gegen die Judenverfolgung und Gleichschaltung n\u00f6tig gewesen w\u00e4re. &#8211; Aber wom\u00f6glich ist das Ringen um Gottes Wort noch weitreichender und klarer als blo\u00df ein Wort zur politischen Lage. Denn es ging um nichts weniger als darum, welche Gruppierung f\u00fcr sich in Anspruch nehmen darf, Kirche zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die nationalsozialistischen Deutsche Christen beriefen sich wie die Bekennende Kirche auf die reformatorischen Bekenntnisse \u2013 da musste der R\u00fcckgriff auf das Wort Gottes selber die Trennlinie markieren. Die Trennline zwischen der Parole \u201eEin Volk, ein Reich, ein F\u00fchrer!\u201c und dem Bekenntnis, das am Sockel der Skulpur steht: \u201eDes Herrn Wort bleibt in Ewigkeit\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute an Pfingsten k\u00f6nnen wir sagen: Genauso wie sich die Apostel nach der Himmelfahrt Christi um das Wort versammelten \u2013 und das Wort h\u00f6rten, jeder sogar in seiner eigenen Sprache &#8211; , genauso bedurfte es 1934 einer Zusammenkunft. Gegen das Stimmengewirr der Zeit, gegen allen zerst\u00f6rerischen und bedr\u00e4ngenden Zeitgeist sollte das Gottes Wort wieder geh\u00f6rt, ihm vertraut und ihm gehorchen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00c4hnlich hei\u00dft es in der 1. These (Unterschrift Skulptur): <em>Jesus Christus, wie er uns in der heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu h\u00f6ren, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verworfen wird in Barmen explizit der herrschende Zeitgeist, als ob neben Christus andere Ereignisse und M\u00e4chte (wie Volk oder politische F\u00fchrer) als Gottes Offenbarung anerkannt werden d\u00fcrften. Oder gegen die Versuche der Ideologisierung der Kirche wird gesagt: Es gibt kein Bereiche im Leben, wo man anderen Herren als Jesus Christus zu dienen h\u00e4tte. <em>Das <\/em>war der Geist, das Verst\u00e4ndnis des Evangeliums, das die Bekennende Kirche dem Zeitgeist entgegenhielt. Und das sorgte auch f\u00fcr politischen Sprengstoff!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>\u201eDas Wort Gottes bleibt ewiglich\u201c \u2013 aber: Das Wort Gottes scheint in unterschiedliche geschichtliche Situationen hinein eine ganz unterschiedliche Wirkung und Kraft zu entfachen. Anders klingt es. Es scheint Menschen anders zu bewegen, obwohl es doch das eine Wort, das ewige Wort Gottes ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ist das Wort Gottes? \u2013 Schaut man auf die 1. Barmer These, dann hei\u00dft es: <em>Jesus Christus, wie er uns in der heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das \u201eWort Gottes\u201c ist zun\u00e4chst nicht Buch, sondern Fleisch, Jesus Christus selbst, wie es am Beginn des Johannesevangelium hei\u00dft: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.<\/p>\n<p>Der zweite Schritt: Dieses eine Wort, dieser Christus, wird<em> bezeugt<\/em>. Dies hat mit der Pfingstgeschichte und ihrer Vorgeschichte zu tun: Der Auferstandene entzieht sich der Erde an Himmelfahrt. An Pfingsten k\u00f6nnen die Apostel nun selber die Sache Jesu vertreten. Ausgestattet durch Mut, Orientierung und die Gegenwart Jesu auf andere Weise \u2013 schlicht: durch das, was die Bibel Heiligen Geist nennt.<\/p>\n<p>Der dritte Schritt: das Zeugnis der Damaligen wurde verschriftlicht und ist mit dem Ersten Testament zum Buch, zur Bibel geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch Christus selbst, durch seine Zeugen und die Schrift bleibt das Wort Gottes <em>ewiglich<\/em> \u2013 aber es ist immer <em>aktuell <\/em>durch begeisterte Nachfolger in eine konkrete Lebenslage hinein zu bezeugen. Darum bitten wir um den Heiligen Geist \u2013 \u00fcbrigens viel zu selten in unsere Kirchen; wir \u00fcberlassen dies viel zu oft den pfingstlerischen Gruppierungen\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnen wir davon ausgehen, dass der Heilige Geist bei jeder Taufe wirksam wird. Alle Getauften, ab heute auch Louis und Alina, stehen in dieser verhei\u00dfungsvollen Kette: vom getauften Jesus, der seine J\u00fcnger zum Taufen aufforderte, \u00fcber die Apostel an Pfingsten, die den Geist empfangen haben, hin zu den vielen Generationen Christen, die durch die Taufe Anteil am Leben Jesu Christi haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Es gibt immer wieder erlebbare Momente, wo das Wort Gottes, das alte und ewige, so aktuell und so ergreifend wird, dass man sp\u00fcrt: die alten Worte haben Kraft f\u00fcr genau unserer Leben. Hier und jetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Barmen entstand mit Sicherheit ein solcher Moment: \u201eGott hat uns hier zusammengepr\u00fcgelt\u201c, sagte der westf\u00e4lische Pr\u00e4ses Karl Koch einmal auf die Frage, warum Reformierte und Lutheraner nach fast 400 Jahren erstmals zu einem gemeinsamen Wort fanden. Der sp\u00e4tere Pr\u00e4ses Hans Timme berichtete noch Jahrzehnte sp\u00e4ter bewegt davon, dass \u2013 als dann um das letzte W\u00f6rtchen gerungen und die Erkl\u00e4rung fertig war \u2013 die gesamte Synode spontan \u201eNun danket alle Gott\u201c angestimmt h\u00e4tte. Ein Moment der gemeinsamen Sprache, des einen Geistes, der das Gottes Wort lebendig macht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch heute sind solche Moment m\u00f6glich. Das m\u00f6gen Momente sein, wenn Gemeinschaft sp\u00fcrbar wird \u2013 wo sonst das Gef\u00fchl des Alleinseins herrscht. Wenn schwere Momente durchstanden werden, f\u00fcr die man eigentlich meint, keine ausreichende Kraft zu haben. Wenn das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich wird, an das man nicht geglaubt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Solche Momente sind m\u00f6glich, wenn man auch den Mut zum Blick in die Schrift hat und den Mut zu Konsequenzen hat, klare Trennlinien zu ziehen \u2013 wie auf der Skulptur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wo also verl\u00e4uft etwa die Trennlinie, wenn wir wochenlang \u00fcber die Konsequenzen von Amokl\u00e4ufen debattieren und Killerspiele verbieten wollen \u2013 und dann werden in K\u00f6ln K\u00e4figk\u00e4mpfe zelebriert, die die Erniedrigung des Gegners zum Ziel haben, Gewalt verherrlichen und geradezu zur Gewalt enthemmen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder: Wo l\u00e4uft verl\u00e4uft die Trennlinie zwischen mittelst\u00e4ndischen Unternehmern, die nachhaltig Arbeitspl\u00e4tze zu sichern suchen und moderate Gewinne anstreben \u2013 und der Finanzwirtschaft, die nach kurzer Beseitigung der Sch\u00e4den den Casinobetrieb schon wieder neu aufnimmt und \u2013 um im Bild der Skulptur zu bleiben \u2013 schon wieder blind in die gleiche Richtung marschiert?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich denke \u2013 und da wurde das Wort Gottes schon bei unserer Erwachsenenbildungsreihe lebendig -, dass wir als Kirche andere Orientierungspunkte in die Diskussion einbringen k\u00f6nnen. Schlicht die Frage: Was w\u00fcrde Jesus heute dazu sagen? Oder theologisch ausgedr\u00fcckt: Was entbindet uns von heutigen Sachzw\u00e4ngen und Ideologien, von angeblichen Priorit\u00e4ten und Notwendigkeiten? Von was erlangen wir Freiheit beim Blick in das Buch der Freiheit, die Bibel?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn das ist augenscheinlich das paradoxe beim Blick auf die Menschen der Skulptur: Diejenigen, die sich um das Buch versammeln, erlangen Freiheit \u2013 gerade durch ihre Bindung.<\/p>\n<p>Die Menschen werden frei f\u00fcr einander. Statt starr geradeaus, entwickeln sie einen Seitenblick. Sie brauchen nicht uniform sein. Nicht einmal stark. Sie binden sich an das Wort Gottes \u2013 und gewinnen Handlungsspielraum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damals schon die Apostel an Pfingsten. Damals die Bekennenden in Barmen. Und heute? \u2013 Gottes Geist m\u00f6ge auch uns helfen: zu h\u00f6ren, zu glauben, zu gehorchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitten in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone im Wuppertaler Stadtteil Barmen-Gemarke steht auf einem Sockel eine Menschenmenge, dicht gedr\u00e4ngt, auf Tuchf\u00fchlung. Sie bilden keinen Kreis, eher Reihen. Wenige sind einander zugewandt. Kaum einer schaut zur Seite. Was ist das? 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