{"id":444,"date":"2017-01-11T13:56:11","date_gmt":"2017-01-11T12:56:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=444"},"modified":"2017-01-11T13:56:11","modified_gmt":"2017-01-11T12:56:11","slug":"ostern-hinter-der-tuer-ostern-2009-zu-joh-201-19","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=444","title":{"rendered":"Ostern hinter der T\u00fcr (Ostern 2009 zu Joh 20,1-19)"},"content":{"rendered":"<p>H\u00e4tte ich Chancen, Sie zu \u00fcberzeugen, dass ich den Herrn gesehen habe, vorhin, 9.30 Uhr, als Sie leider noch nicht da waren? Da kam er durch die verschlossenen T\u00fcren, mitten in diese Kirche hinein und sagte \u201eFriede sei mit dir&#8220;&#8230;?<!--more--><\/p>\n<p><strong>Quasimodogeniti #Joh 20,1-19 (Der ungl\u00e4ubige Thomas)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wiblingwerde, 19. April 2009<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, allzu gro\u00dfen Glauben daran w\u00fcrde ich daf\u00fcr nicht finden. Und bevor Sie sich mit dem Protagonisten des heutigen Predigttextes identifizieren lassen, dem so genannten \u201eungl\u00e4ubigen Thomas&#8220;, werden Sie vermutlich einwenden, dass bei Thomas der Glaube wohl um einiges n\u00e4her gelegen h\u00e4tte als bei uns heute. Denn dem JohEv zufolge hatte Jesus seine Auferstehung nun wirklich hinreichend angek\u00fcndigt, und seine Kreuzigung liegt gerade einmal zwei Tage zur\u00fcck, als Jesus \u201eam Abend des ersten Tages der Woche&#8220; zu seinen J\u00fcngern kommt.<\/p>\n<p>Aber heute, im 21. Jahrhundert sind wir in einer anderen historischen Situation. Wir erwarten die Wiederkunft des Herrn wom\u00f6glich noch \u2013 aber heute? Eher unrealistisch!<\/p>\n<p>Aber so ist es streng genommen auch mit Ostern, das wenige Tage zur\u00fcckliegt: unrealistisch im positiven Sinne! Ostern ist ein Widerspruch gegen alles, was Menschen der Neuzeit realistisch erwarten und vermuten k\u00f6nnen. Ein Fest der unrealistischen Erwartung. Die Auferstehung von den Toten widerspricht allen Erfahrungsgehalten. Doch bei Gott hat der Tod nicht das letzte Wort. Ist das Leben und die Liebe st\u00e4rker sind, weil er, der Gott der Liebe und des Lebens, st\u00e4rker ist als der Tod.<\/p>\n<p>So sagt es der christliche Glaube. Und immer, wenn dies verk\u00fcndigt wird, wenn ein Mensch dies einem anderen erz\u00e4hlt, dann beginnt das alte Spiel zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Vertrauen und Vernunft, zwischen Gewissheit und Zweifel. Genau in dieses Spiel f\u00fchrt uns der Predigttext hinein. Diese beiden Pole, Zweifel, rationale Vernunft, Unglaube auf der einen Seite und Glaube, Vertrauen und Gewissheit, werden in der modernen Gesellschaft nicht selten auf das Gegen\u00fcber von modernem naturwissenschaftlichen Weltbild und Christentum verteilt.<\/p>\n<p>In der Schule wird gelegentlich, nicht zuletzt durch das Darwinjahr, der Gegensatz zwischen einem Sch\u00f6pfungsglauben, der im Religionsunterricht vermittelt wird, und Evolutionstheorie, die im Biologieunterricht gelehrt wird, wieder neu inszeniert. Auch wenn moderner Religionsunterricht vermittelt, dass der biblische Sch\u00f6pfungsbericht einem mythischen Weltbild entspricht, die sieben Tage nat\u00fcrlich nicht w\u00f6rtlich zu nehmen sind und der Sch\u00f6pfungsbericht nicht beweisbar ist. Der Glaube fragt gerade nicht nach der Wahrscheinlichkeit, sondern folgt der <em>\u201efeste[n] Zuversicht auf das, was man hofft&#8220; <\/em>(Hebr 11,1). Dies ist der Unterscheid zwischen Glauben und Nichtglauben.<\/p>\n<p>Wenn da der Auferstandenen in ihre Mitte kommt und zu ihnen spricht: \u201eFriede sei mit euch&#8220;, dann sind sie hoch erfreut. So erz\u00e4hlt es Johannes wenigstens von den J\u00fcngern, als Jesus zu ihnen kommt und ihnen seine H\u00e4nde und seine Seite zeigt. Von Erschrecken, Zweifel, Misstrauen, Abwehr ist nicht die Rede, es hei\u00dft nur: \u201eDa wurden die J\u00fcnger froh, dass sie den Herrn sahen.&#8220; Ebenso klar, wie das Erscheinen Jesu geschildert wird &#8211; Jesus kommt, tritt in ihre Mitte, entbietet ihnen den Friedensgru\u00dfe und zeigt H\u00e4nde und Seite &#8211; ebenso klar scheint auch die Reaktion der J\u00fcnger: Freude! Ein gro\u00dfer Gegensatz zu der Erz\u00e4hlung unmittelbar vor unserem Predigttext, in der eine viel komplizierter Begegnung erz\u00e4hlt wird: Maria von Magdala geht zum Grab, sieht den Stein weggerollt, erz\u00e4hlt es Petrus und dem Lieblingsj\u00fcnger, diese laufen zum Grab laufen und gehen hinein, Maria von Magdala hingegen steht vor dem Grab und weint, spricht mit zwei Engeln, dreht sich dann um und sieht Jesus, wei\u00df aber nicht, dass er es ist, erkennt ihn dann doch, darf ihn aber nicht ber\u00fchren &#8211; was f\u00fcr eine unglaublich komplizierte Geschichte.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu ist diese Erz\u00e4hlung doch wirklich einmal klar und deutlich: Kommen Jesu, Friedensgru\u00dfe, Zeigen der Wunden &#8211; Freude. Dann sendet Jesus seine J\u00fcnger, bl\u00e4st sie mit dem heiligen Geist an und spricht ihnen Vollmacht \u00fcber die S\u00fcnden andere zu. Sprachlos \u2013 die J\u00fcnger \u2013 vielleicht angesichts der Gewichtigkeit der Worte Jesus, angesichts der Gr\u00f6\u00dfe des Auftrags, angesichts der zugesprochenen Macht &#8230;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Schade nur, dass einer nicht dabei ist. Thomas. Ausgerechnet Thomas, ausgerechnet der J\u00fcnger, von dem wir einige Kapitel vorher (Joh 14,5) schon erfahren, dass er sich unsicher ist \u00fcber den Weg, den er mit Jesus gehen soll. Als Jesus seinen J\u00fcngern zuspricht, den Weg zu kennen, ist er es, der sagt:: \u201eHerr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie k\u00f6nnen wir den Weg wissen?&#8220; Ob er nur den Zweifel ausspricht, den auch andere Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger haben, oder ob er der einzige ist, der keine Gewissheit \u00fcber den Weg Jesu und seinen Weg mit ihm hat? Dass gerade er als St\u00f6rer der klaren, glatten Gewissheit und der \u00f6sterlichen Freude fungiert, d\u00fcrfte hingegen kein Zufall sein. Thomas war nicht da. Wo er war, warum er nicht da war, erfahren wir nicht. Er hatte sich hinausgewagt aus den verschlossenen T\u00fcren der glaubenden Gemeinschaft, ob freiwillig oder mit N\u00f6tigung, er hatte sich anderem zugewendet, vielleicht lebensnotwendigen Dingen, vielleicht Ablenkungen, vielleicht wollte er der gemeinschaftlichen Trauer entfliehen, ertrug die Enge nicht mehr. Wie auch immer.<\/p>\n<p>Nun erh\u00e4lt er eine schlicht erz\u00e4hlte Nachricht: \u201eWir haben den Herrn gesehen.&#8220; Vielleicht auch \u201eWir haben den Herrn gesehen&#8220; <em>(triumphierend gesprochen)<\/em> oder \u201ewir haben den Herrn gesehen&#8220; <em>(erstaunt gesprochen)<\/em> oder \u201ewir haben den Herrn gesehen (und du man nicht) <em>(schadenfroh gesprochen<\/em>). Wie auch immer er diese Botschaft geh\u00f6rt hat, wie auch immer die anderen Gewissheit habenden Freunde dabei erlebt hat, er reagiert mit dem ber\u00fchmten Satz: <em>\u201eWenn ich nicht in seinen H\u00e4nden die N\u00e4gelmale sehe und meinen Finger in die N\u00e4gelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich&#8217;s nicht glauben.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die anderen k\u00f6nnen ihm viel erz\u00e4hlen. H\u00f6rensagen reicht nicht aus. Worte sind Schall und Rauch. Das Zeugnis anderer kann noch so klar sein, es ersetzt nicht die eigene Erfahrung. Thomas st\u00f6rt die glatte und klare Erscheinungsszene. Er findet sich nicht damit ab, etwas erz\u00e4hlt zu bekommen, sondern er m\u00f6chte sich sein Urteil selbst bilden. Er m\u00f6chte sehen, verstehen, begreifen. Bitte auch noch f\u00fchlen. Alle Sinne einsetzen bei so einer unglaublichen Nachricht, die alle Wahrscheinlichkeiten und alle Logiken der Welt sprengt.<\/p>\n<p>Eine so unglaubliche Botschaft kann man nicht nur mit dem Verstand aufnehmen, da ist der ganze Mensch gefragt, mit seinen Sinnen: sehen, h\u00f6ren, tasten.<\/p>\n<p>Das klingt in meinen Ohren mehr als nachvollziehbar, zumal als Mensch des 21. Jahrhunderts. Einfach dem folgen, was einem jemand erz\u00e4hlt? Dar\u00fcber nicht nachdenken, sich damit nicht auseinandersetzen, es einfach abnicken? In die Masse einstimmen, einfach mitschwingen, ohne sich ein eigenes Urteil zu bilden? Oder: Die Chancen, es mit eigenen Augen zu sehen,? Man stelle sich vor, Thomas h\u00e4tte gesagt: \u201eAh ja, der Herr war hier? Er ist also wirklich auferstanden? Oh, das ist sch\u00f6n, ich freue mich auch.&#8220;<\/p>\n<p>Ehrlich gesagt, liebe Gemeinde, ich bin froh, dass Johannes eine so holprige Szene einstreut. Denn der Glaube an die Auferstehung wird so deutlich als das, was er ist: als das Unwahrscheinliche, Unglaubliche, Fragw\u00fcrdige und Zweifelhafte. Dass Gott Jesus von Nazareth von den Toten auferweckt hat, ist eine so ungeheuerliche Botschaft, dass sie manchmal Abwehr und Entsetzen, manchmal auch gro\u00dfe Freude, in jedem Fall aber Zweifel an ihr hervorruft.<\/p>\n<p>Thomas reagiert nicht nur menschlich nachvollziehbar, sondern auch der Nachricht angemessen! Der Zweifel geh\u00f6rt zur Auferstehungsbotschaft offensichtlich konstitutiv hinzu. Die Auferstehung kann in ihrer Sprengkraft, die die erwartbare weltliche Logik konterkariert, nur erfasst werden, wenn sie als gerade nicht logisch, sich nicht nahtlos einf\u00fcgend in die Erfahrung dargestellt wird. Sie entspricht nicht den Vorg\u00e4ngen in der Natur. Ostern ist nicht einfach ein Fr\u00fchlingsfest und vergleichbar mit dem Saatkorn, das in die Erde gelegt wird und aus dem Neues w\u00e4chst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Die Geschichte geht in noch einer anderen Weise holprig weiter. Thomas bekommt tats\u00e4chlich, was er braucht, um glauben zu k\u00f6nnen. Genau nach einer Woche, eine Woche nach dem Tag der Auferstehung, am heutigen Tage also, kommt Jesus ein weiteres Mal durch die verschlossenen T\u00fcren in den J\u00fcngerkreis. Und jetzt ist Thomas dabei. Friede sei mit Euch \u2013 dann geht Jesus auf direkt auf Thomas zu und fordert ihn auf, genau das zu tun, was er als Bedingung, glauben zu k\u00f6nnen, benannt hat:<em> \u201eDanach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine H\u00e4nde, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungl\u00e4ubig, sondern gl\u00e4ubig!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Jesus akzeptiert seinen Wunsch, seine Forderung, seine Bedingung! Das finde ich insofern bemerkenswert, weil die Evangelisten und vor allem Johannes nicht selten berichten, dass sich Jesus Erwartungen und W\u00fcnschen entzieht und gerade nicht nach menschlichem Wunsch und Willen handelt. Wie kurz vorher bei Maria von Magdala, der er eine Ber\u00fchrung untersagt hat. Hier jedoch bietet er Thomas an, genau das zu tun, um dadurch gl\u00e4ubig zu werden.<\/p>\n<p>Jesus akzeptiert offensichtlich nicht nur den Zweifel, sondern auch die Bedingungen, ihn \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen. Er akzeptiert den Weg des Thomas und geht ihn mit. Und es scheint mir nicht ausgeschlossen, dass auch der eine oder andere von den anderen J\u00fcngern sich hier ebenfalls wieder findet. Ein seelsorglicher, empatischer Jesus, kein fordernder, ungeduldiger!<\/p>\n<p>Und Thomas? Legt er den Finger wirklich in die Seite, jetzt als er kann und darf? Es bleibt offen. Dazu \u00e4u\u00dfert sich Johannes nicht, und vermutlich nicht zuf\u00e4llig. Nutzt er die Chance? Oder ist es nicht mehr n\u00f6tig, sie zu nutzen? Ist die Scheu doch zu gro\u00df? Erz\u00e4hlt wird nur die Antwort des Thomas: \u201eMein Herr und mein Gott&#8220;. Thomas glaubt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Aber kein wirkliches Happy end folgt, denn noch einmal bricht Johannes mit seiner Erz\u00e4hllinie. Jesus sagt<em>: \u201eWeil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!&#8220; <\/em><\/p>\n<p>Doch eine Kritik an Thomas? Vielleicht. Oder eine Ausnahme von der Regel? Muss man wom\u00f6glich doch auch sehen, um zu glauben? Was hei\u00dft das f\u00fcr uns, wo Jesus nicht sichtbar ist?<\/p>\n<p>Zum Abschluss hei\u00dft es: (Joh 20,31): \u201e<em>Diese (sc. Zeichen) aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Glauben ohne Sehen ist unsere Realit\u00e4t &#8211; und zu dieser Realit\u00e4t geh\u00f6rt der Zweifel hinzu. Jesus akzeptiert hier den Umweg \u00fcbers Sehen, er akzeptiert den Zweifel.<\/p>\n<p>Der Satz \u201eSelig sind, die nicht sehen und doch glauben\u201c zielt wom\u00f6glich auf die anderen J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Das ist auch unsere heutige Erfahrung: Gut ist es doch, wenn nicht alle gleichzeitig zweifeln. Und: Wenn die Anderen, die glauben, ohne gesehen zu haben, sich nicht moralisch \u00fcber den einen, der zweifelt, erheben. Die Gemeinschaft wird hier nicht aufgek\u00fcndigt. Vielmehr er\u00f6ffnet erst Thomas durch seine Zweifel eine zweite Begegnung mit dem Auferstandenen und eine neue Erfahrung: diesmal weniger glatt und klar, sondern anders, aber nicht weniger real.<\/p>\n<p>Glauben und Zweifel, Vertrauen und kritisches Hinterfragen sind keine Gegens\u00e4tze, weder damals noch heute. Es gibt wohl unterschiedliche Wege zum Glauben an die Auferstehung und unterschiedliche Grade von Gewissheit und Zweifel, die die Gemeinschaft der Glaubenden aush\u00e4lt.<\/p>\n<p>Gott sei Dank: Es gibt im Osterglaube keine verschlossenen T\u00fcren, hinter denen wir meinen k\u00f6nnten, uns in Gewissheit und Sicherheit zur\u00fcckziehen zu k\u00f6nnen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00e4tte ich Chancen, Sie zu \u00fcberzeugen, dass ich den Herrn gesehen habe, vorhin, 9.30 Uhr, als Sie leider noch nicht da waren? 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