{"id":440,"date":"2017-01-11T13:52:22","date_gmt":"2017-01-11T12:52:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=440"},"modified":"2017-01-11T13:52:52","modified_gmt":"2017-01-11T12:52:52","slug":"ent-taeschender-einzug-palmsonntag-zu-joh-1212-19","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=440","title":{"rendered":"Ent-t\u00e4uschender Einzug? (Palmsonntag 2009 zu Joh 12,12-19)"},"content":{"rendered":"<p>In diesen Tagen wimmelt es ja nur von Gipfeltreffen: G20-Gipfel in London, NATO-Gipfel in Stra\u00dfburg und Kehl. Und immer die gleichen Bilder: Da putzt sich eine Stadt heraus, da wird schon Tage lang vorher das normale Leben lahm gelegt wegen der Sicherheitsvorkehrungen. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt Palmarum 2009\u2013 Ort: Lutherkirche Altena<\/strong><\/p>\n<p><strong>Predigtthema\/-text: Joh 12,12-19<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da werden Podeste aufgebaut f\u00fcr das obligatorische Gipfel-Foto. Man will gar nicht dar\u00fcber nachdenken, wie viele Hotelbetten und Mittagessen gebraucht werden. Barak Obama allein kam mit 500 Mitarbeitenden zum Finanzgipfel nach London!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und das Volk: Es hat vor allem grenzenlose Erwartungen: Da kommen sie nun, die Politiker, die bitte sch\u00f6n die Finanzkrise in den Griff bekommen sollen. Da kommen sie nun, die den Fondmanagern endlich die Handfessel anlegen bei ihrer Zockerei. Da kommen sie nun endlich, die doch die Arbeitspl\u00e4tze retten sollen \u2026 Eine gigantische Erwartungshaltung!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich stelle ich mir die Erwartungshaltung vor, als Jesus in Jerusalem einzieht. Da kommt nun endlich einer, der den ungeliebten R\u00f6mer Beine macht. Der dem Volk wieder Ehre zur\u00fcckgibt. Der das Volk eint.<\/p>\n<p>Gro\u00dfartige Dinge erz\u00e4hlte man sich von diesem Mann. Er kann\u2019s doch \u2013 wenn nicht er, wer dann? Hatte er nicht viele Kranke geheilt? Hatte er nicht Blinden zum Sehen verholfen und Gel\u00e4hmte zum Laufen gebracht? Hatte er nicht Wasser in Wein verwandelt? Hatte er nicht mit wenigen Broten Tausende satt gemacht? Und das alles war noch gar nichts gegen die letzte Tat, die er vollbracht hatte und die nun wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund ging: Er hatte einen Toten zum Leben erweckt! Sollte diesem Mann \u00fcberhaupt etwas unm\u00f6glich sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und: Gott ist mit ihm. Schon mischt sich in das Jubelgeschrei der Ruf: \u201eK\u00f6nig von Israel!\u201c Schon hei\u00dft es: Hosianna!\u201c Hilf uns aus unserer Not! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!<\/p>\n<p>Gleich wird aus ihm der Messias: <em>O Tochter Zion, freue dich sehr, dein K\u00f6nig kommt zu dir! Ein Gerechter! Ein Helfer! <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Allerdings: Nicht alle sind begeistert. Im Hintergrund sammeln sich schon diejenigen, die in Jesus von Anfang an als St\u00f6renfried gesehen haben. Sie f\u00fchlen sich in ihren schlimmsten Bef\u00fcrchtungen best\u00e4tigt. Sie haben anscheinend als einzige die ganze prophetische Verhei\u00dfung im Ohr: \u201eUnd er reitet auf einem Esself\u00fcllen.\u201c<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich: Dieser Retter kommt auf dem Verkehrsmittel der armen Leute. Welch ein Symbolgehalt!<\/p>\n<p><em>Das <\/em>macht gef\u00e4hrlich. F\u00fcr die Pharis\u00e4er ist das Ma\u00df voll. H\u00e4lt dieser Jesus sich f\u00fcr den Messias? Gottesl\u00e4sterung! Und was k\u00f6nnte dar\u00fcber hinaus noch politisch passieren: Revolution? Krieg in der heiligen Stadt? Jesus muss weg. Notfalls mit Gewalt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dieser brodelnden Atmosph\u00e4re k\u00f6nnte man eines fast \u00fcbersehen, dass Jesus schweigend kommt. Er badet nicht in der Menge. Genie\u00dft nicht die jubelnde Zustimmung.Seine Geste ist &#8211; der Esel.<\/p>\n<p>Sein Auftreten: irritierend, ja f\u00fcr viele sicher entt\u00e4uschend. Die Massen laufen ihm entgegen und bereiten ihm einen grandiosen Empfang. Er aber nutzt die Gunst der Stunde nicht. Dabei w\u00e4re das doch ein Leichtes f\u00fcr ihn. Er k\u00f6nnte in die begeisterte Stimmung hinein eine z\u00fcndende Ansprache halten, gespickt mit Angriffen gegen die r\u00f6mischen Besatzer. Dann m\u00fcsste er das Volk nur noch an die vergangenen Zeiten nationaler Gr\u00f6\u00dfe erinnern und sich auf Gottes Verhei\u00dfungen berufen &#8211; und schon l\u00e4gen ihm alle zu F\u00fc\u00dfen. Dies macht ja das Talent von gro\u00dfen politischen F\u00fchrern aus: die Stimmung im Volk richtig einzusch\u00e4tzen, die allgemeinen Erwartungen aufzunehmen und darauf eine Antwort zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Nichts dergleichen geschieht. Die Sehnsucht der Jerusalemer nach dem Superstar, dem Erf\u00fcller ihrer Erwartungen, verpufft. Jesus geht in den Tempel und verscherzt sich alle Sympathien. Statt die R\u00f6mer aus der Stadt zu jagen, wirft er die Tempelh\u00e4ndler hinaus. Statt sich in Hasstiraden gegen die Besatzer zu ergehen, st\u00f6\u00dft Obrigkeit der eigenen Religion vor den Kopf. Statt eine Armee aufzustellen, sitzt er mit seinen engsten Freunden zusammen und feiert Abendmahl. Schlie\u00dflich: Statt sich zur Wehr zu setzen, l\u00e4sst er sich gefangen nehmen und wie ein Schaf zur Schlachtbank f\u00fchren.<\/p>\n<p>In jeder Beziehung tut er exakt das Gegenteil von dem, was man erwarten durfte.<\/p>\n<p>Aus dem Hosianna wird das \u201eKreuzige ihn!\u201c Hinweg mit diesem Mann, der unsere Erwartungen so bitter entt\u00e4uscht hat!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V<\/p>\n<p>Welche Erwartungen haben wir, die unerf\u00fcllt bleiben? Oder anders herum gefragt: Von wem erwarten wir, das sich m\u00f6glichst per Knopfdruck alles zum Guten ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Man kann Angst haben davor, wie viel Erwartungen in solche politischen Gipfeltreffen gesteckt werden \u2013 und wie viel Entt\u00e4uschungen Wut und Aggression ausl\u00f6sen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Denn die handelnden Akteure haben \u2013 weil sie eben anderen Menschen sind als Jesus &#8211; kaum die Kraft, so \u00fcber die Interessen hinwegzusehen.<\/p>\n<p>Welche Erwartungen haben wir \u2013 auch gegen\u00fcber unseren Ehepartner, unseren Familien? Unseren Arbeitskollegen? Sind die nicht auch oft unmenschlich hoch?<\/p>\n<p>Wie schnell nehmen wir teil am Hochjubeln von Menschen \u2013 wo wir eigentlich wissen k\u00f6nnten, dass sie im n\u00e4chsten Moment wieder fallengelassen werden: Deutschland sucht den Superstar \u2013 und wenn er gefunden ist, sucht Deutschland den n\u00e4chsten Superstar. Oder Heidi Klum sucht Germany\u2019s next Topmodell. Oder: Wenn das 17j\u00e4hrige Toptalent im Fu\u00dfball mit 18 Jahren keine Tore mehr schie\u00dft \u2013 was ist denn dann?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem begegnet uns zweimal im Kirchenjahr: am 1. Advent. Und am Anfang der Karwoche.<\/p>\n<p>Ich frage mich, wenn die Hirten aus der Weihnachtsgeschichte in Jerusalem dabeigewesen w\u00e4ren: W\u00e4ren auch ihre Erwartungen entt\u00e4uscht worden? Oder h\u00e4tten sie vielleicht gesagt: Irgendwie ist er sich treu geblieben! Er ist nie dem Erwartungsdruck der Massen erlegen. Schon damals nicht: Er kam als K\u00f6nig nicht im Palast zur Welt, sondern in einer Krippe \u2013 und das hat schon von Anfang an Erwartungen entt\u00e4uscht \u2013 Aber Gott sei Dank hat es das! Und genauso ist dieser K\u00f6nig sich und seiner Mission treu geblieben: Nun kommt er auf dem Esel, wo alle von ihm einen machtvollen Einzug erwarten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Ent-T\u00e4uschung (im Sinne von: eine T\u00e4uschung zerst\u00e4ubt) ist ma\u00dfgeblich \u2013 scheint geradezu notwendig.<\/p>\n<p>Wer in Jesus <em>nicht<\/em> einen gewaltsamen Anf\u00fchrer sieht, der verliert ja erst die Illusionen, dass man mit Gewalt die Welt retten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wer in ihm <em>nicht<\/em> nur einen frommen Wanderprediger sieht, sondern den Messias, der auf dem Esel einreitet, der merkt ja erst, dass Gott diese Welt l\u00e4ngst gerettet hat \u2013 trotz Finanzkrise, trotz Klimakatastrophe.<\/p>\n<p>Wer sich \u00fcber diesen Jesus nicht wundern kann, weil er nicht auf sich selbst blickt oder seinen Erfolg und sein Prestige, der wird selber nicht so frei, um sich seinem N\u00e4chsten zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist freilich alles sehr anstrengend. Der Anfang des Advents und das Ende der Passionszeit haben aber zweierlei gemeinsam: Falsche Erwartungen sollen platzen. Denn die Erwartung ist Gott selbst: \u201eDenn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus.\u201c (Lk 2,11)<\/p>\n<p>Und: T\u00e4uschungen sollen sichtbar werden \u2013 und wenn\u2019s so radikal ist wie am Kreuz Jesu. \u201eWahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!\u201c (Mk 27,54b) sagt der Hauptmann im Matth\u00e4us-Evangelium, als Jesus gestorben ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Paradox gesprochen, sagt der Einzug Jesu in Jerusalem: <em>Es h\u00e4tte sich nichts ge\u00e4ndert, wenn Jesus das ge\u00e4ndert h\u00e4tte, was die Menschen von ihm erwartet haben. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesen Tagen wimmelt es ja nur von Gipfeltreffen: G20-Gipfel in London, NATO-Gipfel in Stra\u00dfburg und Kehl. 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