{"id":434,"date":"2017-01-11T13:37:31","date_gmt":"2017-01-11T12:37:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=434"},"modified":"2017-01-11T13:37:31","modified_gmt":"2017-01-11T12:37:31","slug":"busse-und-traeumen-buss-und-bettag-2008-zu-jes-6517-24","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=434","title":{"rendered":"Bu\u00dfe und Tr\u00e4umen (Bu\u00df- und Bettag 2008 zu Jes 65,17-24)"},"content":{"rendered":"<p>Nie mehr h\u00f6rt man dort lautes Weinen. Es gibt es keinen S\u00e4ugling mehr, der nur wenige Tage lebt, und keinen Greis, der nicht das volle Alter erreicht. Menschen bauen H\u00e4user und bleiben, weil sie das Leben lohnt. Sie pflanzen \u2013 und ernten, was sie gepflanzt haben, kein anderer! <!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Bu\u00df- und Bettag #Jes 65, 17.19b-24<\/strong><\/p>\n<p><strong>Altena Lutherkirche<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So dieser biblische Traum!\u00a0 Wo kommt dieser Traum her?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der biblische Traum kommt aus einer Realit\u00e4t, die ganz anders ist: Man lebte damals nicht hundert Jahre, sondern allenfalls 40 Jahre. Viele Kinder starben fr\u00fch. Israel war ins Exil nach Babylon gef\u00fchrt: Man baute keine H\u00e4user, weil man sich nicht sicher sein konnte von Krieg und Vertreibung, Hungersnot, Sklaverei. Man bepflanzte keine Weinberge, weil man nicht sicher sein konnte, ob nicht die Unterdr\u00fccker im fremden Lande ernten w\u00fcrden. \u2013 und man selber leer ausgehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es br\u00e4uchte schon eine ganz neue Erde unter einem ganz neuen Himmel! Es m\u00fcsste sich einiges drehen, damit die Welt so w\u00fcrde, wie Gott sie sich w\u00fcnscht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein neuer Himmel, eine neue Erde: Die Propheten verwenden h\u00e4ufiger diesen Satz. Sie hoffen gegen alle Realit\u00e4t, dass Himmel und Erde nicht so bleiben m\u00fcssen wie sie sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber sie stellen sich den neuen Himmel und die neue Erde nicht als Jenseits vor, nicht auf Wolke Sieben. Neu strahlt Gottes Welt schon auf unserer Welt:<\/p>\n<ul>\n<li>Friede herrscht: innerer Friede, frei von Gewalt und Verbrechen.<\/li>\n<li>Sozialer Friede: frei von Not und Entw\u00fcrdigung.<\/li>\n<li>\u00c4u\u00dferer Friede: frei von Krieg und Terror.<\/li>\n<li>Friede mit der Natur: L\u00f6we und Lamm weiden miteinander.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Vision \u2013 oder eher eine Utopie, die unerf\u00fcllbar bleibt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Helmut Schmidt sagte als Bundeskanzler, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen! \u2013 Das umschrieb tats\u00e4chlich das Lebensgef\u00fchl einer technischen Welt in den 80er- und 90er-Jahre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber heute?<\/p>\n<p>Gerade in der Zeit, wo uns die Klimakatastrophe vor Augen steht, leben wir wieder in einer Zeit der Tr\u00e4ume:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eUSA stimmt Klima-Protokoll zu!\u201c<\/p>\n<p>\u201eUS-Au\u00dfenministerin Rice entschuldigt sich f\u00fcr die L\u00fcgen \u00fcber die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak!\u201c<\/p>\n<p>\u201eGuantanamo wird aufgel\u00f6st!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das sind ganz konkrete Tr\u00e4ume einer amerikanischen Aktivistengruppe. In der letzten Woche schreckten sie die M\u00e4chtigen ihres Landes hoch, weil sie diese Tr\u00e4ume als Zeitungsschlagzeilen verteilten: in einer t\u00e4uschend echt aussehende Ausgabe der New York Times. Als ob es schon Realit\u00e4t w\u00e4re!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst bei Datum, 4. Juli 2009, fiel die F\u00e4lschung auf. Hier wird sich eine Zukunft ausgemalt! \u2013 Und irgendwie ist es doch schon Realit\u00e4t!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Welt gewinnt wieder den Mut zu tr\u00e4umen. Jedenfalls verbindet sich das mit dem neuen amerikanischen Pr\u00e4sidenten Barak Obama. Sein Leitwort \u201eChange\u201c \u2013 Wandel -, ist ja letztlich nur der weltliche Begriff zu \u201eBu\u00dfe\u201c, zu \u201eUmkehr\u201c, wie wir es heute bedenken. Und unabh\u00e4ngig, dass dieser eine Mensch die vielen Erwartungen kaum erf\u00fcllen kann, so hat er es bisher geschafft, dass wieder \u00fcber die zu sehende Realit\u00e4t hinaus gedacht, getr\u00e4umt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tr\u00e4ume sind gemeinhin mehr als Sch\u00e4ume.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir diesen Gottesdienst vorbereiteten, fielen uns viele kleine Tr\u00e4umereien ein, die wir genannt haben und uns wichtig geworden sind:<\/p>\n<p>&#8211; alte Menschen, die selbst bestimmt ihr Leben fristen k\u00f6nnen<\/p>\n<p>&#8211; Kinder, die \u2013 wo in diesem Lande ja nicht die Gefahr besteht, dass sie vor Hunger oder Krankheit fr\u00fch sterben \u2013 alle den gleichen Zugang zu guter Bildung haben.<\/p>\n<p>&#8211; eine Stadt, die lebenswert bleibt, auch wenn weniger Menschen in ihr wohnen, weil Nachbarschaften existieren.<\/p>\n<p>&#8211; schlie\u00dflich: der Traum vom Zusammenleben der verschiedenen Generationen: dass die arbeitenden Generationen sich Zeit nehmen \u2013 und dass die \u00e4lteren Generationen wahrgenommen werden, die ja Zeit haben!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bu\u00df- und Bettag hat diesem Text aus dem Jesaja-Buch nichts mit \u201ein Sack und Asche-Gehen\u201c zu tun. Hat nichts Niederdr\u00fcckendes, Schweres. Sondern etwas Erleichterndes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bu\u00dfe \u2013 im Gedankengang von Jesaja \u2013 hei\u00dft schlicht:<\/p>\n<ul>\n<li>den Blick wenden: von den oft erdr\u00fcckenden Realit\u00e4ten hin zu den Tr\u00e4umen, wie das Leben sonst sein k\u00f6nnte,<\/li>\n<li>den Blick wenden von sich selbst hin zu Gott, der einen neuen Himmel und eine neue Erde verspricht. Nicht nur eine neue Erde \u2013 nein, auch der Himmel, Gott selber, will sich ver\u00e4ndern, will st\u00e4ndig seine Verhei\u00dfungen erneuern und uns Menschen einen neuen Anfang anbieten.<\/li>\n<li>vom bangen Blick zur\u00fcck nach vorne in die Zukunft Gottes, die er bereith\u00e4lt.<\/li>\n<li>Eigene Schuld eingestehen: Wir geben uns viel zu h\u00e4ufig wunschlos gl\u00fccklich, weil wir schon alles haben (100 Jahre werden wir, wir leben in unseren eigenen H\u00e4usern, haben eine sichere Existenz und 61 Jahre Frieden in Europa \u2026).<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Volk Israel dauerte es drei Generationen, bis man aus dem Exil ins Gelobte Land zur\u00fcckkehren konnte. Der Traum wurde wahr, aber die Tr\u00e4umenden erlebten nicht, wie er sich erf\u00fcllte.<\/p>\n<p>Aber durch ihre Tr\u00e4ume ebneten sie dem Traum die Bahn, dass er Realit\u00e4t werden konnte f\u00fcr ihre Nachfahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor 40 Jahren hielt der schwarze Prediger Martin Luther King seine ber\u00fchmte Rede, \u201eI have a dream!\u201c \u2013 Ich habe einen Traum:<\/p>\n<p><em>Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. Ich habe einen Traum heute&#8230;<br \/>\nIch habe einen Traum, dass eines Tages in Alabama [\u2026]kleine schwarze Jungen und M\u00e4dchen die H\u00e4nde sch\u00fctteln mit kleinen wei\u00dfen Jungen und M\u00e4dchen als Br\u00fcdern und Schwestern. Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erh\u00f6ht und jeder H\u00fcgel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden gegl\u00e4ttet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einiges hat sich davon erf\u00fcllt. Es hat Zeit gekostet und Opfer gebracht. Aber Menschen haben an diesen Traum einer besseren Welt geglaubt und ihn gelebt \u2013 und weitergeben. Wie Israel im Exil an seine Nachkommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte uns ermutigen, Bu\u00dfe zu tun: n\u00e4mlich dass wir uns mit den Realit\u00e4ten nicht abfinden, sondern zu tr\u00e4umen beginnen; dass wir uns an diesen Gott halten, der einen neuen Himmel und eine neue Erde verspricht. Alles wird neu. Das macht er!<\/p>\n<p>Aber indem Gott dies verspricht, ist uns die Richtung gewiesen. Ein andere Richtung, als die wir gemeinhin gehen: Mehr Mut zum Tr\u00e4umen. Mehr Zutrauen, dass ein neuer Himmel und eine neue Erde bedeutet: Schon der alte Himmel, die alte Erde kann sich zum Guten ver\u00e4ndern lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir singen das Lied \u201eHalte deine Tr\u00e4ume fest\u201c: Es ist auch ein Bu\u00dflied in dem Sinne, als dass an das Festhalten von Tr\u00e4umen appelliert wird: N.N. hat es als Sozialarbeiter in einem Jugendheim gedichtet, nachdem ein Jugendlicher Selbstmord begangen hatte. Der Jugendliche hatte seine Tr\u00e4ume verloren \u2013 und sein Erzieher auch. Das Lied wurde schlie\u00dflich trotzig auf der Beerdigung gesungen: als Vergewisserung, dass \u00fcber alle Realit\u00e4t hinweg die gro\u00dfen Tr\u00e4ume und Ideale nicht aufgegeben werden sollen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nie mehr h\u00f6rt man dort lautes Weinen. Es gibt es keinen S\u00e4ugling mehr, der nur wenige Tage lebt, und keinen Greis, der nicht das volle Alter erreicht. 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