{"id":432,"date":"2017-01-11T13:35:09","date_gmt":"2017-01-11T12:35:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=432"},"modified":"2017-01-11T13:35:09","modified_gmt":"2017-01-11T12:35:09","slug":"was-wir-getrost-feiern-koennen-reformationsfest-2008-zu-phil-212-13","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=432","title":{"rendered":"Was wir getrost feiern k\u00f6nnen (Reformationsfest 2008 zu Phil 2,12-13)"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland ist seit 1990 s\u00e4kularer und protestantischer zugleich. Die &#8222;neuen Bundesl\u00e4nder&#8220; haben nach der Wende den Reformationstag als Feiertag eingef\u00fchrt.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Reformationstag 2008 <\/strong><\/p>\n<p><strong>Phil 2,12-13, Lutherkirche Altena<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Sachsen, Th\u00fcringen und Sachsen-Anhalt mag man das noch als historische Reminiszenz ansehen, hier liegen die St\u00e4tten von Luthers Leben und Wirken, Erinnerungsorte, touristisch nutzbar. Aber Berlin-Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern? Vielleicht erinnerte man sich die Rolle evangelischer Pfarrer f\u00fcr das Zustandekommen der &#8222;Wende&#8220;. Vielleicht empfand man aber \u2013 trotz aller Entkirchlichung in \u00fcber vierzig Jahren SED-Herrschaft \u2013 den evangelischen Glauben als wesentliches St\u00fcck der eigenen historischen Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie auch immer: Im Westen Deutschlands ist der 31. Oktober, der Tag von Luthers Thesenanschlag, kein Feiertag, obwohl mit dem Thesenanschlag etwas ins Rollen kam, was das Gesicht der Welt ver\u00e4nderte \u2013 auch nicht nur zum Besten: Es dauerte nicht lange, da war Deutschland, ja halb Europa im Glauben gespalten und es gab Krieg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>Bildhaft haben wir die einschl\u00e4gige Filmszenen vor Augen: Wie Luther in seiner Kutte, mit dem gro\u00dfen Hammer bewaffnet, zur T\u00fcr der Wittenberger Schlosskirche schreitet, um dort das Blatt mit den 95 Thesen anzuschlagen, machtvoll, entschlossen, seiner Sache gewiss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber solche Bilder hinaus &#8211; woran erinnern wir uns aus diesem Anlass? Was feiern wir am Reformationstag? Kann man von &#8222;Feiern&#8220; \u00fcberhaupt sprechen? Ein Tag k\u00e4mpferischer Selbstdarstellung gegen\u00fcber dem Katholizismus ist das Reformationsfest heute kaum noch.<\/p>\n<p>Aber in den letzten Jahren ist es schon eher ein Tag zur Selbstvergewisserung geworden: Was hei\u00dft es, evangelisch zu sein? Was macht das Besondere der eigenen Konfession (lutherisch, reformiert, uniert) aus, die aus der Reformation erwachsen ist? Warum hat es auch heute Sinn, an dieser besonderen Pr\u00e4gung festzuhalten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einmal im Jahr d\u00fcrfen wir uns das schon fragen. Die meisten unter uns hat ja keiner gefragt, ob sie evangelisch werden wollten, wir sind in unsere Kirche hineingeboren, hineingetauft, und &#8211; hoffentlich &#8211; hineingewachsen. Da ist uns vieles selbstverst\u00e4ndlich und manches allzu selbstverst\u00e4ndlich. Was hei\u00dft es aber nun, ein evangelischer Christ zu sein? Bei der Beantwortung dieser Frage kann uns der Predigttext zum Reformationsfest anleiten: (abgedruckt)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>12 Also, meine Lieben, schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. 13 Denn Gott ist&#8217;s, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>Der Apostel Paulus macht oft lange S\u00e4tze, hier redet er wie der Sauerl\u00e4nder Franz M\u00fcntefering: Schaffet, dass Ihr selig werdet \u2026: Anpacken, die \u00c4rmel krempeln sich hoch. Los, pack an.<\/p>\n<p>Und wir m\u00fcssen uns nicht verstecken: Evangelische Christinnen und Christen \u00fcbernehmen Verantwortung f\u00fcr die Welt. Sie freuen sich, wenn im Gemeindhaus richtig was los ist. Sie packen zu \u2013 wie zuletzt beim Gemeindefest. Sie sind in den Stadtteilen und der Nachbarschaft unterwegs \u2013 unabh\u00e4ngig vom Dienst des Pfarrers. Sie treffen sich in Gruppen und Kreisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, schaffet! Aber <u>der Zweck<\/u> \u00fcberrascht gerade am Reformationstag: schaffet, <u>dass ihr selig werdet<\/u>!? Hat Luther uns nicht das Gegenteil gelehrt? H\u00f6rt auf, euch euer Heil selber zu schaffen. Verlasst euch auf Christus, auf sein Wort, seine Gnade, auf euren Glauben. Auf Gottes Barmherzigkeit, die uns frei macht und sicher! W\u00e4re das nicht der bessere evangelische Leitspruch f\u00fcr einen Reformationsgottesdienst: Lasst los, h\u00f6rt auf, alles in die eigenen H\u00e4nde nehmen zu wollen!?? <em>Gott<\/em> wirkt in euch das Wollen und das Vollbringen. Also: <em>Lasst los<\/em>, damit ihr selig werdet!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u><br \/>\n<\/u><\/p>\n<p><u>Luther<\/u>s Zeit war eine Zeit der gro\u00dfen Angst: vor Seuchen und Krieg, vor Armut. Die Kirche spielte mit der Angst der Menschen: Tut fromme Werke! Spendet, gebt Geld in den Ablasstopf! Dann k\u00f6nnt ihr sicher sein, dass ihr nach den Leiden dieser Welt in den Himmel kommt. Wenn ihr gen\u00fcgend f\u00fcr Gott &#8211; und das hei\u00dft f\u00fcr die Kirche tut, wenn ihr damit Gott gn\u00e4dig stimmt, dann kann euch egal sein, was hier passiert, dann habt ihren einen Platz im Himmel.<\/p>\n<p>Luther ist an diesen Drohungen und diesem Anspruch fast zerbrochen. So sehr er sich auch anstrengte, so ernst er seine Gel\u00fcbde nahm, immer entdeckte er, wo er <em>noch<\/em> nicht richtig handelte. Wo er <em>noch<\/em> h\u00e4tte helfen k\u00f6nnen. Dass er <em>noch mehr<\/em> h\u00e4tte beten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist zu fragen, in oft wir heute aus Angst \u201eschaffen\u201c: ganz buchst\u00e4blich, um den Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Um uns Freundschaften und Einfl\u00fcsse zu erk\u00e4mpfen. Wir schaffen und schaffen, um fit, gesund und schlank zu bleiben, aus Angst, au\u00dferdem irgendeiner Norm zu landen. Diese \u00c4ngste l\u00e4hmen entweder oder f\u00fchren zu Aktionismus!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Paulus kann schreiben: Bem\u00fcht Euch um Euer Wohlergehen und um Euern N\u00e4chsten. Schafft mit Ernst, auch mit Ehrfurcht und mit Respekt gegen\u00fcber dem lebendigen Gott. Aber tut\u2019s nicht, um Euch Eure Erl\u00f6sung zu verdienen, sondern tut\u2019s aus lauter Dankbarkeit, weil Gott ja eben nicht Euer Heil von Euerm Schaffen abh\u00e4ngig macht:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war doch die Entdeckung der Reformation: Gott hat uns in seinem Sohn schon alles geschenkt, sodass es f\u00fcr uns dabei nichts zu verdienen oder hinzuzuverdienen gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sicher: Der Glaube schenkt keine Sicherheit, aber Gewissheit wie in einer Liebesbeziehung. <u>Gott geht mit uns nicht um wie mit leblosen Steinen oder Kl\u00f6tzen<\/u>, so hat es der Genfer Reformator Calvin einmal treffend ausgedr\u00fcckt. Rechtfertigung durch den Glauben, das ist nicht etwas, was wir auf auf der Habenseite eines Kontos ein f\u00fcr allemal eintragen k\u00f6nnen. Gottesbeziehung hat nichts mit Haben und Festhalten, sondern mit Erfahren und Bew\u00e4hren zu tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Schafft nicht aus Angst \u2013 sondern gegen die Angst!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Schaffen gegen die Angst unterscheidet sich vom <u>Weiterwursteln<\/u>. Denn es schaut auf Jesus und seinen Weg. Wo entspreche ich diesem Weg? Was w\u00fcrde Jesus zu meinem Weg sagen? Was w\u00fcrde er an meiner Stelle tun? Wie w\u00fcrde er mir Hoffnung geben, wie w\u00fcrde er mir Mut machen, andere zu tr\u00f6sten und zu st\u00e4rken?<\/p>\n<p>&#8211; Bei Schaffen gegen die Angst geht es nicht darum, dass ich <u>gut dastehe<\/u>. Nicht vor Gott und nicht vor den anderen. Es geschieht um Gottes und der N\u00e4chsten willen. Es geht um unser Heil, nicht nur um meines. Der ganzen Gemeinde, dem Leib Christi gilt unser Schaffen.<\/p>\n<p>&#8211; Schaffen gegen die Angst ist <u>Arbeit<\/u>, harte Arbeit; vielleicht hat der Protestantismus deshalb bei manchen zu Recht den Ruf anstrengend zu sein. Gott will, dass wir mit Jesus aufbrechen in Gottes neue Welt, in der Menschen friedlich, gerecht und frei mit sich, mit anderen, mit der Sch\u00f6pfung leben. Dazu braucht es Mut, dazu braucht es Hoffnung und Kraft. Das geht nicht von selbst!<\/p>\n<p>&#8211; Schaffen gegen die Angst ist heute oft vor allem ein <u>Lassen<\/u>. Ein: Gott zu Wort kommen lassen. Ein: Jesus den Weg vorgeben lassen. Sei es im Gebet, sei es im Singen: Paulus hat der Gemeinde in Philippi mit diesem Brief ein Lied geschickt, das Grundlied des Glaubens (Phil 2). Es erz\u00e4hlt von Jesus, der gehorsam war, so wie es die Philipper auch sind &#8211; und doch noch viel mehr. Es erz\u00e4hlt, wie Jesus den Weg des Lebens gegangen ist, hinab zu uns, unterwegs mit den Armen und Schwachen, wie er ermordet wurde von denen, die er gest\u00f6rt hat &#8211; und wie Gott ihn auferweckt und zum Herrscher unserer Welt gemacht hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eben dies ist es, was wir am Reformationstag feiern als das unterscheidende Merkmal evangelisch-christlicher Identit\u00e4t: Das Wissen darum, dass wir allezeit angewiesen und verwiesen sind auf Gottes Gnade. Gott schafft in uns schafft, das Wollen und das Vollbringen. Und wir k\u00f6nnen darauf bauen, dass uns dies befreit zum eigenen Schaffen \u2013 nicht aus Angst, sondern gegen die Angst! Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland ist seit 1990 s\u00e4kularer und protestantischer zugleich. 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