{"id":428,"date":"2017-01-11T13:26:18","date_gmt":"2017-01-11T12:26:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=428"},"modified":"2017-01-11T13:26:18","modified_gmt":"2017-01-11T12:26:18","slug":"verkuendiger-sein-2-so-n-tr-2008-zu-1kor-919-23","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=428","title":{"rendered":"Verk\u00fcndiger sein (2. So. n. Tr. 2008 zu 1Kor 9,19-23)"},"content":{"rendered":"<p>Pfarrern, so sagte neulich eine Kollegin, geht\u2019s nur dann richtig gut, wenn sie jammern k\u00f6nnen. Sie jammern dar\u00fcber, dass sie die Menschen da abgeholt haben, wo die sie befanden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u00fcber 1. Korinther 9, 19-23 Wiblingwerde<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass sie die Tauffeier so gestaltet haben, wie die Taufeltern es wollten. Dass versucht haben, ihre Sprache zu sprechen. Und: Dass das alles nichts gefruchtet hat. \u00c4hnlich geht es Paulus, der sein Apostelamt \u2013 wenn auch nicht so jammernd \u2013 wie folgt beschreibt (1Kor 9,20-23)<\/p>\n<p><em> Obwohl ich also frei und von niemand abh\u00e4ngig bin, habe ich mich zum Sklaven aller gemacht, um m\u00f6glichst viele f\u00fcr Christus zu gewinnen. Wenn ich mit Juden zu tun habe, lebe ich wie ein Jude, um sie zu gewinnen. Ich selbst bin nicht mehr an das Gesetz des Mose, an die Tora gebunden; aber wenn ich unter Menschen bin, die noch daran gebunden sind, lebe ich wie sie nach dem Gesetz, um sie f\u00fcr Christus zu gewinnen. Wenn ich dagegen Menschen gewinnen m\u00f6chte, die nicht nach dem Gesetz leben, beachte ich es auch nicht. Das bedeutet nicht, dass ich das Gesetz Gottes verwerfe, aber ich bin an das Gesetz Christi gebunden! Wenn ich mit Menschen zu tun habe, deren Glaube noch schwach ist, werbe ich wie sie, um sie zu gewinnen. Ich stelle mich allen gleich, um \u00fcberall wenigstens einige zu retten. Das alles tue ich f\u00fcr die Gute Nachricht, damit auch ich selbst Anteil an dem bekomme, was das Evangelium verspricht.<\/em><br \/>\n(1. Korinther 9, 19-23 &#8211; \u00dcbersetzung nach <em>&#8222;Gute Nachricht Bibel&#8220;)<\/em><\/p>\n<p>Soll wirklich alles erlaubt sein, wenn es der Sache Jesu dient? Muss ich als Prediger so anpassungsf\u00e4hig sein, dass ich die Botschaft des Gekreuzigten jedermann und jederfrau mundgerecht machen, annehmbar verk\u00fcnden kann &#8211; H\u00e4ppchen-Christentum statt Vollwertkost? Oder gibt es Grenzen, nicht nur die des guten Geschmacks? Wann beginnt die Sprache des Botschafters die Botschaft zu ver\u00e4ndern, zu verf\u00e4lschen, zu erschlagen? Wann wird aus Anpassung blo\u00dfe Anbiederung?<\/p>\n<p>Das sind Fragen, die aktueller denn je sind: Denn l\u00e4ngst bewegt sich die Kirche auf einem \u201eMarkt der Religion\u201c, wo es mehrere Sinnanbieter gibt, die mit ihren Angeboten und Sinndeutungen werben.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Friedhofsvisitation im Kirchenkreis ist uns Pfarrerinnen und Pfarrern nochmals neu in Erinnerung gerufen worden: L\u00e4ngst dr\u00e4ngen sich freie Redner in das eigentliche Metier der Kirche, \u00fcbernehmen privatwirtschaftliche Unternehmer, was jahrhundertelang unser Handwerk: Trauungen (auch ganz ohne Kirchenmitgliedschaft), Bestattungen ganz nach dem Wunsch der Angeh\u00f6rigen: Sprechen Sie bei der Beerdigung nur nicht \u00fcber den Tod! Sprechen Sie ja nicht \u00fcber S\u00fcnde und dar\u00fcber, was im Leben vom Opa alles nicht gelungen ist! &#8211; \u2013 Salbungsvolle Worte werden als Dienstleistung gebucht. Je nach Wunsch formuliert\u2019s der Redner so oder so, wobei hier nicht verschwiegen werden soll, dass es auch manchmal berechtigerweise hei\u00dft: Machen Sie etwas liebevolle als es der Pfarrer das letzte Mal machte!<\/p>\n<p>Das Grundproblem ist aber eben ein anderes: Ger\u00e4t der Pfarrer \u2013 gerade in dieser Konkurrenzsituation \u2013 nicht unter den Druck, es allen recht zu machen, steht er nicht in der Gefahr, zu einer konturlosen Pers\u00f6nlichkeit zu werden, die man nicht zu fassen bekommt &#8211; \u00e4hnlich dem Pudding, den man nicht die Wand nageln kann? <em>Ich bin allen alles geworden, <\/em>sagt selbst Paulus.<br \/>\n<strong>Verk\u00fcndigung des Evangeliums<\/strong><\/p>\n<p>Nun werden Sie sagen: Moment, der Pfarrer, die Pfarrerin verk\u00fcndigen doch das Evangelium. Doch auch das macht den Unterschied nicht mehr aus, denn freie Redner bedienen sich l\u00e4ngst biblischen Texten, Gebeten, dem Evangelium. Paulus nennt daher kurz vor unserem Predigttext ein anderes Unterscheidungsmerkmal (1Kor 9,16-18).<\/p>\n<p><em>16 Denn da\u00df ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht r\u00fchmen; denn ich mu\u00df es tun. Und [a] wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte<\/em>!-<\/p>\n<p><em>17 T\u00e4te ich&#8217;s aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich&#8217;s aber nicht aus eigenem Willen, so [a] ist mir doch das Amt anvertraut.<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr Paulus ist also das Entscheidende, dass er nicht aus und f\u00fcr sich selbst redet und auch kein Geld daf\u00fcr nimmt, um nicht den Hauch eines Verdachts aufkommen zu lassen, dass er sich an seiner Predigt und seiner Mission pers\u00f6nlich bereichern wollte. \u2013 Daher bekommt ein Pfarrer\/eine Pfarrerin auch von der Kirche das gleiche Gehalt \u2013 und nicht nach Anzahl von Besuchen, Gottesdiensten, Amtshandlungen \u2013 Gott sein Dank!)<\/p>\n<p>Paulus predigt nicht aus Privatvergn\u00fcgen, sondern weil ihm ein Amt anvertraut ist. Heute w\u00fcrden wir sagen: Wir Pfarrer predigen, weil wir eine \u00f6ffentliche Beauftragung durch Sie, die Gemeinde, dazu haben. <em>Das <\/em>ist der wesentliche Unterschied: Wenn <em>wir<\/em> Menschen bestatten, tun wir das \u2013 zumindest vom Kirchenbild her \u2013 aus der Gemeinschaft einer Kirchengemeinde heraus. Wenn wir predigen, geht es nicht darum, Interessen der Einzelnen zu bedienen, sondern aus einer Gemeinschaft heraus das Wort Gottes f\u00fcr die heutige Zeit auszulegen und damit die Gemeinschaft neu auszusenden in den Alltag.<\/p>\n<p>Ich bin kein religi\u00f6ser Dienstleister, sondern wir gemeinsam ringen in der christlichen Gemeinschaft um nichts weniger als die Wahrheit. Da habe ich die ungeheure Freiheit, Worte zu finden, die ich alleine, \u201eaus eigenen Willen\u201c, nicht f\u00e4nde und mich traute, zu sagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00dcber Grenzen hinweg f\u00fcr alle da?: <\/strong><\/p>\n<p>Warum aber passt Paulus sich dann in seinem Selbstverst\u00e4ndnis den Menschen an, wird den Juden zum Juden, den Heiden zum Heiden?<\/p>\n<p>Paulus versucht, falsche Grenzziehungen, Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, Distanzen zu \u00fcberwinden. Sein Ziel ist: Menschen vom Evangelium zu \u00fcberzeugen. Dabei nutzt er die Menschenn\u00e4he der Botschaft Jesu aus. Und dieser ist schlie\u00dflich ein Freund der S\u00fcnder und Z\u00f6llner gewesen und hatte keine Bedenken, an die Hecken und Z\u00e4une zu gehen und sich mit zwielichtigen Gestalten an einen Tisch zu setzen. Das aber f\u00fchrt fast zwangsl\u00e4ufig zu Missverst\u00e4ndnissen und Widerspr\u00fcchlichkeiten.<br \/>\nNein &#8211; Paulus geht es im 1. Korintherbrief nicht um billige Kumpanei, um Anbiederung, bei der dann die Botschaft Jesu zur werbewirksamen Attit\u00fcde verkommt. Es geht nicht darum, die Sprache, die Argumente, die Lebensweise anderer unkritisch und bedenkenlos zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Etwas anderes ist wichtig: Paulus versucht, die Menschen zu verstehen, denen er das Evangelium nahe bringen will. Er stellt sich auf sie ein. Darum steht am Anfang seiner Mission auch nicht die Forderung: Werdet erst einmal so wie ich. Auch st\u00fclpt er den Menschen nicht irgendwelche Richtigkeiten oder Wahrheiten \u00fcber, die mit dem Leben der Menschen gar nichts zu tun haben bzw. die diese \u00fcberhaupt nicht mit ihren Ansichten in Beziehung setzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Damit weist Paulus uns auf eine unaufgebbare Voraussetzung jeder Verk\u00fcndigung: Wir m\u00fcssen erst einmal die Menschen, die wir vom Evangelium \u00fcberzeugen wollen, in ihren konkreten Lebensbez\u00fcgen, in ihren N\u00f6ten und Beschwernissen, in ihren Empfindungen und religi\u00f6sen Ansichten, in ihren Bed\u00fcrfnissen kennen lernen, ehe wir in der Lage sind, ihnen die Botschaft von Jesus Christus zu verk\u00fcnden. Dazu geh\u00f6rt auch, dass wir die H\u00fcrden bzw. Gr\u00e4ben sehen, die Menschen von der Botschaft Jesu, vom Glauben trennen.<\/p>\n<p>Vielleicht gibt es auch bald in unsere Gegend freie Redner, die sich gerne \u00fcber die Lebensbez\u00fcge der Menschen informieren, die sich die N\u00f6te berichten lassen, weil es ihr Beruf ist, aus diesen Informationen eine w\u00fcrdige Veranstaltung zu kreiieren.<\/p>\n<p>Ich bin aber der festen \u00dcberzeugung, dass eine christliche Gemeinde aber aus dem Dienst- und Gemeinschaftsgedanken heraus tragf\u00e4higere Beziehungen kn\u00fcpft. Dass ihre Pfarrerinnen und Pfarrer freier \u2013 und damit hilfreicher \u2013 reden k\u00f6nnen, weil sie nicht nur nicht ihre eigenen Worte benutzen, sondern auch nicht im eigenen Auftrag (\u201eaus eigenem Willen\u201c) sprechen, sondern als Beauftragte der christlichen Gemeinde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der ganzen Gemeinde anvertrauten Dienst <\/strong><\/p>\n<p>Die St\u00e4rke der christlichen Gemeinde \u2013 auf die macht schon Paulus aufmerksam! &#8211; Wenn wir so als ist, dass ihr als ganze der Dienst anvertraut ist. Gemeinde in Sachen \u201eFrohe Botschaft weitersagen\u201c aktiv sind, dann gilt es aber ein paar Einsichten zu beachten, die wir dem Apostel Paulus verdanken:<\/p>\n<p>1. Mission, Verk\u00fcndigung ist immer den Menschen zugewandt &#8211; unabh\u00e4ngig von ihrem Denken, ihren \u00dcberzeugungen, ihren St\u00e4rken und Schw\u00e4chen. So wie Jesus den Hausherrn im Gleichnis vom gro\u00dfen Abendmahl keine Bedingungen hat stellen lassen an die, die er eingeladen hat und die er schlie\u00dflich von den Hecken und Z\u00e4unen holte, so sollen wir auch keine Vorbedingungen stellen.<\/p>\n<p>2. Wer andere Menschen \u00fcberzeugen will, muss selbst \u00fcberzeugt sein. Voraussetzung aller Mission ist: Dass wir selbst ergriffen sind von Jesu Botschaft, und dass wir das glaubw\u00fcrdig vertreten und leben, was wir anderen als unverzichtbare Hoffnungskraft anempfehlen.<\/p>\n<p>3. Der \u00fcberzeugte Glaube, die Erfahrung der Gnade schenkt uns die innere Freiheit, angstfrei auf die Menschen zugehen, die unsere \u00dcberzeugungen nicht teilen, sie ablehnen, deren Lebensweise und Sprache uns abschrecken. Von dieser Freiheit, das sch\u00f6nste Geschenk des Glaubens, gilt es, Gebrauch zu machen &#8211; auch im Blick darauf, dass wir die Vielfalt des Denkens und Glaubens als grunds\u00e4tzlich positiv bewerten. Allerdings sollte uns bewusst sein: Wer immer sich auf den Markt der sinnstiftenden Angebote begibt, wer sich mit seinem Glauben dem rauen Klima des Pluralismus aussetzt, gibt ein St\u00fcck Sicherheit seines Glaubens auf.<\/p>\n<p>4. Auch als Kirche, als Gemeinde haben wir dieses Risiko einzugehen, wenn wir uns den Menschen zuwenden, aus unseren Gem\u00e4uern heraustreten, unsere T\u00fcren \u00f6ffnen. Dann m\u00fcssen wir damit rechnen, dass auch Menschen zu uns sto\u00dfen, denen wir erst einmal zuh\u00f6ren m\u00fcssen, um sie zu verstehen. Deren Sprache wir lernen m\u00fcssen, um zu begreifen, was sie bewegt.<\/p>\n<p>5. So entspricht die Missionsstrategie des Paulus dem, was ein wesentlicher Bestandteil einer auf Verst\u00e4ndigung angelegten und in der Feindesliebe wurzelnden Friedensethik ist: Vom anderen her denken, sich zun\u00e4chst auf seine Bed\u00fcrfnisse, Fragen, \u00c4ngste einlassen. Das ist kein Zeichen von Schw\u00e4che, sondern erfordert die St\u00e4rke befreiten Glaubens.<\/p>\n<p>6. Aber dann gilt es auch Farbe zu bekennen &#8211; wenn dies \u00fcberhaupt noch n\u00f6tig ist. Denn wenn wir den Menschen so begegnen, wie dies Paulus getan hat, dann ist das schon in sich Verk\u00fcndigung: Verzicht auf eigene Anspr\u00fcche, Neugier auf das Gegen\u00fcber. Dem Menschen sagen: Du bist mir wichtig, nicht als Objekt meines missionarischen Eifers, sondern als Mensch, als Gesch\u00f6pf Gottes, dessen Lebenswert nicht vom Erfolg meiner Bem\u00fchungen abh\u00e4ngt. Es kommt mir darauf an, dass du etwas erf\u00e4hrst von der Rechtfertigung deines Lebens vor Gott.<\/p>\n<p>Wir m\u00f6chten die Menschen verstehen &#8211; auch das verstehen, was Menschen abh\u00e4lt, Jesus Christus nachzufolgen (und manchmal sind wir selbst ja die Schwellen, die anderen un\u00fcberwindlich erscheinen). Und wir m\u00f6chten den Menschen das nicht vorenthalten, was jeder Mensch dringend zum Leben brauchen: Die Ma\u00dfst\u00e4be der Gebote und die Botschaft Jesu, dass jeder Mensch von Gott geachtet und zum Leben eingeladen ist, selbst der, der sich zun\u00e4chst hinter den Hecken und Z\u00e4unen versteckt.<\/p>\n<p><em>Und der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfarrern, so sagte neulich eine Kollegin, geht\u2019s nur dann richtig gut, wenn sie jammern k\u00f6nnen. 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