{"id":420,"date":"2017-01-11T13:09:06","date_gmt":"2017-01-11T12:09:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=420"},"modified":"2017-01-11T13:09:06","modified_gmt":"2017-01-11T12:09:06","slug":"satirischer-rueckblick-altjahresabend-2006-zu-joh-830-36","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=420","title":{"rendered":"Satirischer R\u00fcckblick (Altjahresabend 2006 zu Joh 8,30-36)"},"content":{"rendered":"<p><em>Jetzt sagen Sie nicht, es ist schon wieder Dienstag! <\/em>Mit diesem Satz hat der Kabarettist Volker Pispers in diesem Jahr w\u00f6chentlich seine Radio-Satire er\u00f6ffnet. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Altjahresabend 2006 &#8211; Hennen<\/strong><\/p>\n<p><strong>#Joh 8,30-36 <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin heute geneigt zu sagen: <em>Jetzt sagen sie nicht, es ist schon wieder ein Jahr rum!<\/em> Man muss sich nur einmal vor Augen f\u00fchren, welche Themen die Kabarettisten zu verarbeiten hatten, und man sieht, wie dieses Jahr im Flug vergangen ist:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>K\u00e4ltewelle im Januar \u2013 Hitzewelle zur Fu\u00dfball-WM.<\/p>\n<p>Gammelfleisch-Skandal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Johannes Rau und Paul Spiegel verstarben zwei gro\u00dfe Demokraten. Mohammed-Karikaturen und eine Papst-Rede in Regensburg erz\u00fcrnten die islamische Welt. Wer kannte vor diesem Herbst die Mozart-Oper Idomeneo?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kindernamen standen f\u00fcr unmessbares Leid: Stephanie aus Dresden. Dennis aus Cottbus. Kevin aus Bremen. Natascha aus Wien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00c4rzte streikten. Wir lernten die R\u00fctli-Schule in Berlin kennen. Ein Transrapid verungl\u00fcckte im Emsland, weil Streckenposten mit Zettel und Bleistift die Fahrt des modernsten Bahnfahrzeugs der Welt zu steuern hatten. Und: s\u00e4\u00dfen wir heute hier, wenn der St\u00f6rfall im schwedischen Kernkraftwerk Frostmark ein Super-Gau geworden w\u00e4re?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir diskutierten leidenschaftlich \u00fcber die \u201eUnterschicht\u201c, w\u00e4hrend sich unsere Oberschicht, die Manager von VW und Siemens, in Korruptionsskandalen verstrickten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Braunb\u00e4r Bruno r\u00fcckte auf den Fernsehbildschirm, w\u00e4hrend Ulli Wickert ihn verlie\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten die Jahresbilanz um all das erg\u00e4nzen, was in Hennen, in unseren Familien und uns ganz pers\u00f6nlich am eigenen Leib geschehen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bevor es laut wird, B\u00f6ller in die Luft fliegen und zum Neujahr mit Sekt angesto\u00dfen wird, bleibt vielleicht jetzt ein kurzer Moment, Bilanz zu ziehen: Was ist uns gelungen? Was ist misslungen 2006? Was beklagen wir \u2013 wof\u00fcr sind wir dankbar? Was nehmen wir gerne mit \u2013 und was lassen wir an dieser Schwelle zum neuen Jahr lieber hinter uns? <em>Wo bleiben wir?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich stelle immer zum Jahresende eine Musik-CD zusammen mit einem \u201esatirischen Jahresr\u00fcckblick\u201c, den ich Freunden und Bekannten schenke. Dann sinne ich \u00fcber das vergangene Jahr nach \u2013 und ich tue es gerne mit Ironie, Humor und ein wenig Sarkasmus. Auch das (gerade das!), was mich ge\u00e4rgert, entt\u00e4uscht, traurig gemacht hat, l\u00e4sst sich satirisch oft am besten bew\u00e4ltigen! Ob Satire und christlicher Glaube Gemeinsamkeiten haben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>[II. Bleiben im Wort Jesu]<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber vielleicht erst einmal zur wichtigen Frage: Wo bleiben wir am Jahresausklang? \u2013Der Predigttext f\u00fcr den Altjahresabend richtet uns neu aus auf den, dessen Geburt wir an Weihnachten gefeiert haben. Ich lese aus dem JohEv im 8. Kapitel:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dort spricht Jesus, der Christus zu gl\u00e4ubigen Juden:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>8,31b Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger<\/em><\/p>\n<p><em> 8,32 und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien. [&#8230;] <\/em><\/p>\n<p><em>8,36 Wenn euch nun der Sohn befreit, so seid ihr wirklich frei.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1. \u201eBleibt in meinem Wort\u201c ]<\/p>\n<p>Bleibt in meinem Wort: Die Johanneische Gemeinde wird schlicht und einfach daran erinnert, was dieser Jesus gesagt und gelehrt hat und dass er von sich selbst als Gottgesandter spricht:<\/p>\n<p>&#8211; Ich bin das Licht der Welt \u2013 warum solltet es dunkel sein in euerm Leben, wenn ihr euch an mich haltet?<\/p>\n<p>&#8211; Ich bin der gute Hirte \u2013 wer anders sollte euch durch das Leben, auch durch ein finsteres Tal f\u00fchren?<\/p>\n<p>&#8211; Ich bin der Weinstock \u2013 ihr die Reben. Wer in mir bleibt und ich ihn ihm, bringt gute Frucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[2. J\u00fcngerschaft]<\/p>\n<p>Die Menschen nach Ostern haben damit eine Antwort, wie sie weiterhin J\u00fcngerinnen oder J\u00fcnger Jesu sind: n\u00e4mlich indem sie sich an Jesu Worte erinnern, \u00fcber ihn h\u00f6ren und predigen. Zu ganz unterschiedlichen Anl\u00e4ssen ist das Wort Gottes auch in dieser Gemeinde verk\u00fcndigt worden: am Taufstein, an den offenen Gr\u00e4bern. Vor Trauleuten. Immer wieder Sonntags.<\/p>\n<p>Als Gemeinde werden wir zu J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern, indem sie so leben, wie Jesus es vorgelebt hat: solidarisch mit den Schwachen und Bedr\u00e4ngten. &#8211; Oft ergreifen die Kabarettisten gerade f\u00fcr die Schwachen und Bedr\u00e4ngten klarer und deutlicher Partei als die christliche Gemeinde. Ob es wohl an der Ironie liegt, derer sie sich bedienen, und die sie sch\u00fctzt, moralin oder allzu betroffen her\u00fcberzukommen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[3. Wahrheit erkennen]<\/p>\n<p>Wer in Jesu Wort bleibt, zieht seine Wege auch im neuen Jahr nicht planlos oder im Dunkeln: <em>Wir erkennen die Wahrheit, und sie wird uns befreien.<\/em> (8,32)<\/p>\n<p>Doch Vorsicht mit der Wahrheit! Es ist der Wunsch fundamentalistischer Schw\u00e4rmer, im Besitze der Wahrheit zu sein und sie\u2013 unabh\u00e4ngig der Situation \u2013herauszuholen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im JohEv erschlie\u00dft sich die Wahrheit im Bleiben, im Ausharren, im \u201eBei der Sache Bleiben\u201c. Immer wieder neu sollen wir uns auf dieses Kind in der Krippe ausrichten, auch dann, wenn Weihnachten vorbei ist, auch dann, wenn wir dieses Jesuskind seine Niedlichkeit verliert und es den Lauf der Welt, auch den Lauf unseres Lebens, geh\u00f6rig durcheinander bringt: Der erwachsene Jesus fordert Gerechtigkeit ein, wo Unrecht herrscht. Er \u00fcbt Barmherzigkeit, wo Hartherzigkeit an der Tagesordnung ist. Er setzt Menschen ins Recht, die l\u00e4ngst im Regen stehen gelassen werden.<\/p>\n<p>Christus <em>bewahrheitet<\/em> sich also in unserem Leben immer wieder neu: indem wir seine Botschaft am Gang der Welt \u00fcberpr\u00fcfen und sie \u00fcber-setzen in die Ereignisse heute. Wo hat sich Jesu Wort, seine Person im Jahr 2006<em> bewahrheitet<\/em> und unser Leben heil gemacht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin immer wieder fasziniert, wie sehr Kabarettisten <em>ihre<\/em> Wahrheiten beim Namen nennen, aber ebenso heilsamen Interpretationsl\u00fccken offen lassen: Wir sind gefordert, die Wahrheit hinter der Pointe f\u00fcr unser Leben, unsere Lebenslage, auszuloten. \u00c4hnlich sehe ich es mit der christlichen Wahrheit, auch wenn sie uns freilich von au\u00dferhalb unseres Menschseins trifft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[4. Befreiung]<\/p>\n<p>Wo sich Christus in unserm Leben bewahrheitet, wo unsere Existenz von ihm betroffen ist, atmet Freiheit. Freiheit, die unser \u00fcbliches Freiheitsverst\u00e4ndnis auf den Kopf stellt.<\/p>\n<p>Freiheit gilt heute hinl\u00e4nglich als \u201eRecht auf sich selbst\u201c (Kurt Hiller): Ich soll ein Recht haben, autonom mein Lebensstil zu leben \u2013 unabh\u00e4ngig auf wessen Kosten auch immer. Freiheit soll Befreiung von sozialer Verantwortung f\u00fcr Andere sein.<\/p>\n<p>Die Freiheit des Menschensohnes ist anders: Sie befreit gerade vom Blick auf mich selbst \u2013 und damit auch von den \u00dcberforderungen, die ein Leben allein nach eigenen, menschlichen Ma\u00dfst\u00e4ben mit sich bringt.<\/p>\n<p>Die Freiheit des Menschensohnes befreit mich davon, mein Herz an Reichtum, Gesundheit, Sch\u00f6nheit oder Karriere zu h\u00e4ngen \u2013 alles Werte, die den Menschen nur um sich kreisen lassen, nicht aber um den Mitmenschen.<\/p>\n<p>Die Freiheit des Gottessohnes bindet mich allein an Gottes Wort und Gebot. Und Gott bindet sich an mich, wie es Ps 139 ausdr\u00fcckt:<\/p>\n<p><em>Ob ich sitze oder stehe, du wei\u00dft es!<\/em><\/p>\n<p><em>Du kennst meine Pl\u00e4ne!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dieser Bindung und in diesem Vertrauen, dass Gott uns nahe ist und uns begleitet, kann ich das vergangene Jahr loslassen und mutig und sicheren Schritts ins neue Jahr eintreten: frei auch vom Belastendem, befreit zum klaren Blick auf alles, was 2007 n\u00f6tig und sinnvoll ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>[III. Satire kratzt an der Macht]<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich meinen satirischen Jahresr\u00fcckblick erstellt habe, habe ich tats\u00e4chlich Gemeinsamkeiten zwischen Kabarett und Glaube entdeckt:<\/p>\n<p>Satire legt den Respekt vor Normen und Zw\u00e4ngen ab. Auch Satire kratzt an allem, was Macht \u00fcber uns haben will. Insofern ist Satire auch widerst\u00e4ndig. Satire befreit \u2013 im psychologischen Sinne.<\/p>\n<p>Und wenn uns gar nicht zum Lachen zu Mute ist: Satire schafft \u2013 zumindest kurzfristig \u2013 eine heilsame Distanz zu dem, was uns bedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich sehe 2006 mit einem L\u00e4cheln, mit frohem Mut \u2013 trotz allem. Indem ich Spott treibe, kann ich loslassen, ohne die Wirklichkeit zu verdr\u00e4ngen. Und leicht, erleichtert, kann ich 2007 beginnen. Dazu kein ernstes, aber ernsthaftes Rezept von Katharina Elisabeth Goethe, der Mutter von Johann Wolfgang von Goethe, das f\u00fcr mich christliche Leichtigkeit ausdr\u00fcckt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Man nehme 12 Monate, putze sie sauber von Neid, Bitterkeit, Geiz, Pedanterie und zerlege sie in 30 oder 31 Teile, so dass der Vorrat f\u00fcr ein Jahr reicht. Jeder Tag wird einzeln angerichtet aus 1 Teil Arbeit und 2 Teilen Frohsinn und Humor. Man f\u00fcge 3 geh\u00e4ufte Essl\u00f6ffel Optimismus hinzu, 1 Teel\u00f6ffel Toleranz, 1 K\u00f6rnchen Ironie und 1 Prise Takt. Dann wird die Masse mit sehr viel <a href=\"http:\/\/www.gedichte-garten.de\/suchet2l.shtml?domains=www.gedichte-garten.de&amp;q=Liebe&amp;sa=Suchen&amp;sitesearch=www.gedichte-garten.de&amp;client=pub-7838389089760602&amp;forid=1&amp;channel=7712914364&amp;ie=ISO-8859-1&amp;oe=ISO-8859-1&amp;flav=0001&amp;sig=whic8ehL1Ne-FQ3P&amp;co%20\">Liebe<\/a> \u00fcbergossen. Das fertige Gericht schm\u00fccke man mit Str\u00e4u\u00dfchen kleiner Aufmerksamkeiten und serviere es t\u00e4glich mit Heiterkeit.<\/p>\n<p><\/em><\/p>\n<p>Dazu helfe und bef\u00e4hige uns der wahrhaft gewordene und befreiende Gott. Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt sagen Sie nicht, es ist schon wieder Dienstag! Mit diesem Satz hat der Kabarettist Volker Pispers in diesem Jahr w\u00f6chentlich seine Radio-Satire er\u00f6ffnet.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,9],"tags":[],"class_list":["post-420","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-predigten","category-weihnachten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/420","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=420"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/420\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":421,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/420\/revisions\/421"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=420"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=420"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=420"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}