{"id":412,"date":"2017-01-11T12:48:33","date_gmt":"2017-01-11T11:48:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=412"},"modified":"2017-01-11T12:48:33","modified_gmt":"2017-01-11T11:48:33","slug":"solange-die-erde-noch-steht-20-so-n-tr-2005-zu-gen-818-22","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=412","title":{"rendered":"Solange die Erde noch steht (20. So. n. Tr. 2005 zu Gen 8,18-22)"},"content":{"rendered":"<p>Die Sinnflut ist zu Ende. Noah und die Seinen verlassen die Arche, danken Gott mit einem Brandopfer. Gott antwortet: <em>\u201e22 Solange die Erde steht, soll nicht aufh\u00f6ren Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.\u201c<\/em><!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Paul-Gerhardt-Haus<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sonntag: 20. So. n. Trinitatis Datum: 09.01.2005<\/strong><\/p>\n<p><strong>Predigtthema\/-text: #Gen 8,18-22<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Satz scheint doch reichlich lapidar. Dass der Tag auf die Nacht, der Sommer auf den Winter folgt, dass Frost und Hitze sich abwechseln und Aussaat auch zur Ernte f\u00fchrt, das sind ja selbstverst\u00e4ndlich. Das kommt ganz von alleine. Die Natur hat ihren verl\u00e4sslichen Verlauf. Darauf k\u00f6nnen wir uns auch verlassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe noch die Bilder von den Hurrcans Kathrina und Rita in den USA vor Augen. Oder das Seebeben vor Asien am Jahresanfang. Da ist der Lauf der Natur alles andere als normal gewesen. Oder ich wei\u00df: Die Sommer werden immer hei\u00dfer. Das sind die Vorboten des Klimawandels; und der nat\u00fcrliche Ablauf von Sommer und Winter ist durchbrochen.<\/p>\n<p>Heute s\u00e4en viele Menschen auf der Welt aus, aber das Getreide verdorrt. Kein Wasser! Saat und Ernte wechseln sich nicht \u00fcberall ab.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt: Der Lauf der Dinge ist nicht so automatisch vorgezeichnet: Dass jeder junge Mensch schnell einen Ausbildungsplatz findet \u2013 nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Dass die einmal geschlossene Ehe f\u00fcr immer h\u00e4lt \u2013 schon zur Zeit Jesu nicht garantiert [Evangelium]. Oder: Es ist kein Selbstl\u00e4ufer, dass ich viele Jahrzehnte gesund durchs Leben gehe. Dass die Eltern vor mir sterben. Es kommt oft anders!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Will Gott bestrafen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wehe, es kommt anders als \u00fcblich! Dann ist unser Vertrauen in diese Erde ersch\u00fcttert. Wir fragen uns, wenn Fluten alles mit sich rei\u00dfen oder sich andere Katastrophen ereignen: Warum? Wieso dort? Wieso mich? Wieso die? Hat hier jemand etwas falsch gemacht? H\u00e4tte man das verhindern k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als New Orleans buchst\u00e4blich unter ging, hatten christlichen Fundamentalisten schnell eine Erkl\u00e4rung parat. Sie sagten: Der Herr straft die s\u00fcndigen Menschen \u2013 und New Orleans sei eine Stadt der S\u00fcnde gewesen: Voller Sex, Drogen, Gewalt, Alkohol.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Hurricane als eine Strafe Gottes? Eine zweite Sinnflut, so nach dem Motto?:<\/p>\n<p><em>\u201eAls aber der Herr sah, da\u00df der Menschen Bosheit gro\u00df war auf Erden und alles Dichten und Trachten des Herzens nur b\u00f6se war f\u00fcr immerbar, da reute es ihn, dass er den Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bek\u00fcmmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Memschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gew\u00fcrm und bis zu den V\u00f6geln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.\u201c (Gen 6,5ff.)<\/em> Und Gott schickte die Sinnflut \u00fcber New Orleans, die Stadt der S\u00fcnde.-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>bis auf den letzten Satz stehen diese S\u00e4tze tats\u00e4chlich am Anfang der Sinnflutgeschichte. Der Sch\u00f6pfer hat seine Gesch\u00f6pfe satt. Er will sie vernichten.<\/p>\n<p>Und ich kann ihn verstehen:<\/p>\n<p>Als noch alles w\u00fcst und leer war, hat er eine Erde geschaffen, auf der alles gut ist:<\/p>\n<p>Das Licht, Tag und Nacht \u2013 war gut!<\/p>\n<p>Himmel und Erde, Meer und Land \u2013 war gut!<\/p>\n<p>Tiere \u2013 waren gut!<\/p>\n<p>Den Mensch schlie\u00dflich: er war <em>sehr<\/em> gut. Gott schuf ihn als seinen Vertreter und Verwalter auf der Erde: Der Mensch sollte die Erde bebauen und bewahren. Gott schuf den Menschen, um jemanden lieb haben zu k\u00f6nnen, um mit jemanden sprechen zu k\u00f6nnen. Er gab ihm viel Freiheit, denn das ist ein echter Liebesbeweis: Freiheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dann? \u2013 Der S\u00fcndenfall. Adam und Eva. Da ging es nicht um Sex, Drogen, Alkohol und Gewalt, was die Fundamentalisten in New Orleans \u201eS\u00fcnde\u201c verstehen. Sondern es ging um wirklich \u201efundamentale\u201c Frage: Kommen wir Gesch\u00f6pfe auch gut ohne unserern Sch\u00f6pfer aus? Brauchen wir wirklich seine Gebote? (Hier lauert die eigentliche S\u00fcnde.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und direkt danach: Kain schl\u00e4gt seinem Bruder Abel den Sch\u00e4del ein \u2013 der erste Mord der Menschheitsgeschichte gleich im vierten Kapitel der Bibel! \u2013 Was ist aus dem freien Menschen, dem Gottesgesch\u00f6pf, geworden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott nimmt sich vor, zu strafen. Er sieht seine Liebe verraten. Der f\u00fchlt sich um sein gro\u00dfes Herz betrogen: <em>Warum war ich nur so naiv, den Menschen so lieb zu haben, dass ich ihm alle Freiheiten gab, selbst die Freiheit, sich und seine Beziehungen zu zerst\u00f6ren?<\/em> <em>Ich sende eine gro\u00dfe Flut, die alles platt macht. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> [Gottes Kertwende]<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Haben also die fundamentalistischen Christen recht, wenn sie den Hurricane von New Orleans als Strafe Gottes deuten? Ist Gott ein r\u00e4chender Gott? (Allzu oft wird behauptet, dass Gott im Alten Testament ein r\u00e4chender Gott, w\u00e4hrend Gott im Neuen Testament dargestellte Gott der g\u00fctige und liebende Vater Jesu Christi ist. Stimmt\u2019s?)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Gott sei Dank geht die Sinnflut-Geschichte geht anders weiter. \u00dcberraschend anders. Und das macht das Versprechen Gottes, dass Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht nicht aufh\u00f6ren m\u00f6ge, zu alles anderem, nur nicht zu einer Lapalien!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott rettet durch die Sinnflut hindurch den Noah und die Tiere. Noah verl\u00e4sst nach langer Zeit der Angst die Arche.<\/p>\n<p><em>18 So ging Noah heraus mit seinen S\u00f6hnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner S\u00f6hne, [a]<\/em><\/p>\n<p><em>19 dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle V\u00f6gel und alles Gew\u00fcrm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Noah dankt Gott f\u00fcr die Errettung aus der Flut durch ein Brandopfer:<\/p>\n<p><em>20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem [a] reinen Vieh und von allen reinen V\u00f6geln und opferte Brandopfer auf dem Altar.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Und dann wird die Kehrtwende Gottes deutlich. Als ob er sich daf\u00fcr sch\u00e4mt, was er den Menschen angetan hat:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Gott, der kurz zuvor noch mit seiner Sch\u00f6pfung abschlie\u00dfen wollte \u2013 der will den Menschen nicht mehr verfluchen. Gerade noch sollte Saat und Ernte <em>nicht<\/em> mehr einander folgen, auf Sommer kein Winter mehr kommen, dem Tag <em>nicht <\/em>mehr die Nacht folgen, geradezu kein Stein mehr auf dem anderen bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch Gott hat seinen Plan umgeworfen. Und nun wird das augenscheinlich Selbstverst\u00e4ndliche ein gro\u00dfes Wunder: Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht \u2013 sie sollen sich doch weiterhin abwechseln. Gott hat sich anders entschieden: Er h\u00e4lt an seiner Sch\u00f6pfung und an uns Gesch\u00f6pfen fest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott ist hier nicht der unbewegte Urheber aller Dinge, der einmal die Erde geschaffen hat und sie dann zur\u00fcckgezogen hat. Das ist nicht irgendein absolut h\u00f6chstes Wesen, unendlich und leidensunf\u00e4hig, wie die Philosophie Gott denkt. Sondern: Gott liebt und bereut. Wie ein Mensch \u2013 und er wird dann ja auch Mensch. Gott ist ein \u201eDu\u201c, ein Gegen\u00fcber, so pes\u00f6nlich und nah wie ein Vater. Jesus hat ihn \u201eV\u00e4terchen\u201c genannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Kertwende Gottes macht es mir unm\u00f6glich, beim Hurricane an eine Strafe Gottes zu denken. Solange die Erde steht, schickt nicht Gott nochmals eine solche Sinnflut, lautet sein Versprechen. Daran halte ich mich!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> [Der Mensch vor Gott]<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Gott \u00fcbersieht nicht, wie der Mensch ist. Er hat so seine Erfahrungen gemacht:<\/p>\n<p><em>21b Denn das [a] Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist b\u00f6se von Jugend auf.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber obwohl \u2013 ja gerade weil! \u2013 er wei\u00df, dass der Mensch fehlbar ist, h\u00e4lt er an ihm fest. Kain und Abel laufen auch durch unsere Stra\u00dfen heute. Der Griff zu den verbotenen Fr\u00fcchten ist auch uns nicht fremd. Und wie h\u00e4ufig bringen die guten Weisungen, die Gebote Gottes unsere Augen nicht zum Leuchten (Wochenpsalm 19), sondern erscheinen uns als unn\u00f6tig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil Gott das sieht, wei\u00df er auch, dass er mit seiner Liebe immer in \u201eVorleistung\u201c gehen muss. Dass er entt\u00e4uscht werden kann. Aber er tut\u2019s trotzdem \u2013 uns zur Liebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er schr\u00e4nkt uns nicht ein: Er bel\u00e4sst es bei unserer Freiheit. Mehr noch: Er best\u00e4tigt am Ende der Sinnflut unsere Freiheit neu. Er best\u00e4tigt den Rahmen f\u00fcr unser Leben: die die guten Ordnungen der Sch\u00f6pfung mit Saat und Ernte, Frost und Hitze, mit Sommer und Winter, Tag und Nacht. Vieles lie\u00dfe sich erg\u00e4nzen!<\/p>\n<p>In diesen Rahmen sind wir frei und es ist uns m\u00f6glich, diese Welt zu bewegen, zu bepflanzen, zu bebauen:<\/p>\n<p>Wir haben die Freiheit, zu ernten und miteinander zu teilen, was die Erde hergibt [Abendmahl]. Es reicht f\u00fcr alle!<\/p>\n<p>Wir haben die Freiheit, uns f\u00fcreinander Zeit zu nehmen, denn Tag und Nacht wechseln sich ab, solange die Erde steht. Es d\u00fcrfte keiner einsam sein!<\/p>\n<p>Wir sind so frei, \u00fcber diese Erde zu staunen: Welch ein Wunder sind die Jahreszeiten, welche in Wunder, dass die Ernte eingefahren werden konnte. [Daf\u00fcr haben letzte Woche beim Erntedankfest gedankt.] Es m\u00fcsste nicht mehr gedankenverloren die Erde ausgebeutet werden!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Glaubte ich an einen strafenden Gott, w\u00e4re mir diese Freiheit genommen. Dann k\u00e4me ich um vor Angst. Dann k\u00f6nnten mir Menschen Angst machen mit Gott, wie es oft genug Fundamentalisten machen. Dann trennte sich die Welt in die, die sich f\u00fcr gut genug erachten, von Gott belohnt zu werden, und in die, die bestraft werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier aber tritt uns der liebende Gott gegen\u00fcber. Er greift uns unter die Arme mit einem Versprechen, dass alles andere als selbstverst\u00e4ndlich und lapidar ist:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4hlich, so ist es: So lange die Erde steht, soll nicht aufh\u00f6ren Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sinnflut ist zu Ende. 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