{"id":408,"date":"2017-01-11T12:43:29","date_gmt":"2017-01-11T11:43:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=408"},"modified":"2017-01-11T12:43:29","modified_gmt":"2017-01-11T11:43:29","slug":"ein-bisschen-schwund-ist-immer-3-so-n-tr-2005-zu-lk-154ff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=408","title":{"rendered":"Ein bisschen Schwund ist immer? (3. So. n. Tr. 2005 zu Lk 15,4ff.)"},"content":{"rendered":"<p>Als in der W\u00fcste der Abend gekommen war, holte der Hirte seine Herde zusammen. Er blickte \u00fcber seine Herde: Eins, zwei, drei, vier. \u201eDa fehlt ja eins.\u201c &#8211; Ein bisschen Schwund ist immer.\u201c<!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 3. So. n. Trinitatis (Kirche Villigst)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Predigtthema\/-text: Das wiedergefundene Schaf, Lk 15,1-7<\/strong><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag graste die Herde in der W\u00fcste. Als der Abend gekommen war, holte der Hirte seine Herde zusammen. Er blickte \u00fcber seine Herde: Eins, zwei, drei, vier &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDa fehlt ja wieder eins.\u201c [Z\u00f6gern. Ein wenig \u00c4rger:] \u201eEin bisschen Schwund ist immer.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So ging es auch die n\u00e4chsten Tage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am f\u00fcnften Abend, als die Hirte erneut ein Schaf verloren hatte, wurde er \u00e4rgerlich: \u201eDann muss ich wohl einen Zaun um meine Herde bauen!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>[II. Der Hirte, von dem Jesus erz\u00e4hlt]<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott sei Dank: Der Hirte, von dem Jesus erz\u00e4hlt, ist grundlegend anders. Ich lese Verse aus Lk 15:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>15:4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der W\u00fcste l\u00e4sst und geht dem verlorenen nach, bis er&#8217;s findet?<\/em><\/p>\n<p><em> 15:5 Und wenn er&#8217;s gefunden hat, so legt er sich&#8217;s auf die Schultern voller Freude.<\/em><\/p>\n<p><em> 15:6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Hirte geht den Seinen nach. Er will alle Hundert! Es geht ihm um jeden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er l\u00e4sst lieber die ganze Herde in W\u00fcste zur\u00fcck, begibt alle anderen damit sogar in Lebensgefahr \u2013 nur weil er dem einen verloren gegangenen Schaf hinterherl\u00e4ufen will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und: Dieser Hirte baut eben keinen Zaun um seine Herde, sondern l\u00e4sst jedem einzelnen Schaf seine Freiheit \u2013 ja sogar die Freiheit, sich von der Herde zu entfernen, wegzulaufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer handelt so wie dieser Hirte? \u2013 Wer ist so unvern\u00fcnftig, die ganze Herde unbesch\u00fctzt in der W\u00fcste stehen zu lassen und dem einen Schaf hinterherzulaufen? \u2013 Wem geht es um wirklich jeden? Und bei wem z\u00e4hlt nicht das Motto \u201eEin bisschen Schwund ist immer\u201c?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei Gott? \u2013 Bei Gott!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele Geschichte der Bibel zeugen von der Treue Gottes, und viele Menschen erfahren es in schwierigen Stunden, dass Gott wie ein treuer Hirte nicht von unserer Seite weicht. Das ist die Botschaft seit vielen Jahrhunderten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott geht es um jeden: Deshalb holt Jesus die \u201eOutsider\u201c wieder zur\u00fcck in die Mitte der damaligen Gesellschaft: die Gel\u00e4hmten, die er heilt, die Blinden, die er sehend macht. Den Zach\u00e4us, den Z\u00f6llner, den er vom Baum herunterholt und mit ihm isst. Als der verlorene Sohn nach Hause kommt, l\u00e4sst der Vater ein Festmahl herrichten: So gro\u00df ist die Freude, dass der Verlorene wieder da ist. Gott geht es um jeden \u2013 und gerade in den schweren Stunden: Als Jesus auf Golgatha am Kreuz h\u00e4ngt, gibt Gott ihn nicht auf, sondern erweckt ihn am dritten Tag und bel\u00e4sst diese Geschichte nicht im Unrecht und in der Bosheit des Menschen enden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So wie dieser Hirte handelt fraglos Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>[III. Der Mensch ist Hirte]<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allzu schnell \u00fcberlesen wir, dass Jesus hier in einem Gleichnis redet und vordergr\u00fcndig nicht von Gott, sondern von uns. \u201eWelcher Mensch ist unter Euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die 99 in der W\u00fcste l\u00e4sst und geht dem verlorenen nach, bis er\u2019s findet?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Welcher <em>Mensch!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich zeigt diese Geschichte uns nicht nur, wie Gott an uns Menschen handelt. Sondern wir, jede und jeder einzelnen von uns und wir als Gemeinde, sind angesprochen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wieder einer aus der gro\u00dfen Gemeinschaft der Arbeitnehmer herausf\u00e4llt und arbeitslos wird: Sind wir bereit, ihn als Mensch nicht fallen zu lassen? \u2013 In den seltensten F\u00e4llen haben wir als Einzelpersonen einen Arbeitsplatz f\u00fcr ihn, aber geraten Arbeitslose bei uns nicht allzu schnell an den Rand und f\u00fchlen sich ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Leben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder ein anderes Beispiel: Wenn eine ehrenamtliche Mitarbeiterin sich frustriert abwendet von der Gemeinde oder Menschen aus der Kirche austreten: Kommen wir gut ohne sie aus? Gilt, \u201eein bisschen Schwund ist immer\u201c oder geht es uns um jeden Einzelnen, auch und gerade um die, die sich abwenden? \u2013 Sicher gibt es Gemeindeglieder, die wir \u201edistanziert\u201c nennen, weil sie heute morgen hier nicht sitzen und selten zu Gemeindekreisen kommen. Sie selber w\u00fcrden sich nie als \u201eweggelaufene Schafe\u201c bezeichnen, weil sie der Kirche verbunden sind, auch wenn sie selten kommen. Hier gilt eben: Lasst uns keine Z\u00e4une um unsere Herde oder Kircht\u00fcrme ziehen, die die Schafe in ihrer Freiheit einengen. \u2013 Dennoch bleibt die Frage: Sind wir gute Hirten und haben wir alle im Blick, in welcher Entfernung zur Herde sie sich auch bewegen? Merken wir, wenn jemand verloren geht, wenn jemand in Gefahr ber\u00e4t? \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei jeder Ordination, besonders bei meiner eigenen in dieser Kirche im letzten Dezember \u2013 l\u00e4uft mir ein Schauer \u00fcber den R\u00fccken, wenn man als junger Pastor verspricht: <em>Gib keinen verloren.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist der k\u00fcrzeste Satz im \u201eOrdinationsvorhalt\u201c, aber auch der Satz, der mich am meisten erschreckt und fasziniert: \u201eGib keinen verloren.\u201c Entferne dich nicht mit deinen Predigten und deiner Theologie von den Menschen mit ihren Fragen und Hoffnungen, suche sie auf, tritt f\u00fcr sie ein, lass ihnen ihre eigenen Wege, aber behalte sie liebend und aufmerksam im Auge. \u201eGib keinen verloren.\u201c \u2013 Durch die Taufe sind alle Christen damit beauftragt, die Menschen, die uns anvertraut sind, nicht aus dem Blick zu verlieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch als Jesus dieses Gleichnis erz\u00e4hlt, geht es um simples menschlichen Verhalten, keinen verloren zu geben. Ich lese den Rahmen zum Gleichnis vom Verlorenen Schaf:<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>15:1 Es nahten sich ihm aber allerlei Z\u00f6llner und S\u00fcnder, um ihn zu h\u00f6ren. 15:2 Und die Pharis\u00e4er und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die S\u00fcnder an und i\u00dft mit ihnen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus, von dem es bei Johannes hei\u00dft, dass er der gute Hirte ist, hat sich so verhalten, dass keiner abseits steht: Als die Schriftgelehrten mit ihren Regeln und Br\u00e4uchen kommen und ihn zurechtweisen, dass er mit den S\u00fcndern und Ausgesto\u00dfenen zu Tisch sitzt, da wehrt sich Jesus:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00fcrde nicht jeder gute Hirte seine Herde verlassen f\u00fcr ein verlorenes Schaf? \u2013 ist es nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass es um jeden geht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Jesus Brot und Wein geteilt hat mit den Menschen seiner Zeit, da war jeder willkommen in seiner Runde: die Z\u00f6llner, die Huren, die Kranken, die Besessenen. Wir tun gut daran, dass bei uns beim Abendmahl alle willkommen sind, die auf die Gegenwart Jesu trauen! Es ist ein Zeichen daf\u00fcr, dass wir uns unabh\u00e4ngig davon, wie viel wir glauben und wie sehr wie moralisch sauber sind, bei Jesus zu Tische setzen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>[IV. Das wiedergefundene Schaf]<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und an dieser Stelle sto\u00dfe ich wieder auf <em>Gott<\/em> als Hirte. Denn so sehr wir selber versuchen, gute Hirten zu sein, Menschen nachzugehen und sie im Blick zu haben \u2013 wir sto\u00dfen an unsere Grenzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So gerne wir in die Rolle des Hirten schl\u00fcpfen \u2013 oft finde ich mich wieder in dem Schaf. Es f\u00e4llt viel schwerer, sich in diese Rolle zu versetzen: Orientierungslos. Allein. Verstrickt. Verrannt. Gottverlassen. Gottbed\u00fcrftig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus wei\u00df das \u2013 und deshalb konfrontiert er die Schriftgelehrten auch nicht nur mit dem Anspruch, andere Menschen nicht auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sondern: Am Schluss des Gleichnisses erinnert Jesus an Gott als treuen Hirten, der sich seiner Schafe annimmt. Und seine Schafe sind eben nicht nur die, die ihm nahe sind. Gott blickt vielmehr auf die Menschen, ihn aus dem Blick verloren haben und mit Gott und der Welt nicht im Reinen sind. Jesus nennt sie \u201eS\u00fcnder\u201c, denen Gro\u00dfes verhei\u00dfen ist:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>15:7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein \u00fcber einen S\u00fcnder, der Bu\u00dfe tut, mehr als \u00fcber neunundneunzig Gerechte, die der Bu\u00dfe nicht bed\u00fcrfen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stellen wir uns das als gro\u00dfes Fest vor, so wie das Fest, als der Verlorene Sohn nach Hause kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wie ein fest nach langer Trauer<\/em><\/p>\n<p><em>Ein offnes Tor in einer Mauer, f\u00fcr die Sonne aufgemacht<\/em><\/p>\n<p><em>Wie ein Brief nach langem Schweigen,<\/em><\/p>\n<p><em>Wie ein unverhoffter Gru\u00df<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im afrikanischen Gottesdienst ist Sonntag f\u00fcr Sonntag die wichtigste Bewegung: Vom Kyrie, das Klagen, Not und Scheitern vor Gott bringt, zum lauten Halleluja auf die Gnadenzusage Gottes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>[V. Ein bisschen Schwund ist immer?]<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein bisschen Schwund ist immer? \u2013 Kein echter Hirte wird wahrscheinlich so denken, sondern vielmehr seinem einzelnen verlorenen Schaf nachgehen und es nicht aus den Augen verlieren. \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst recht gibt Gott keinen verloren. Die Geschichte vom Verlorenen Schaf ist letztlich eine Geschichte vom wieder gefundenen Schaf. Da liegt der Akzent \u2013 er wer\u2019s selbst erlebt hat, wieder gefunden worden zu sein, als er mal verloren war, der wird selber ein t\u00e4tiger Hirte werden \u2013 und auch ein dankbares Schaf, dem ein gro\u00dfes Freudenfest ausgerichtet ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als in der W\u00fcste der Abend gekommen war, holte der Hirte seine Herde zusammen. 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