{"id":394,"date":"2017-01-11T12:07:32","date_gmt":"2017-01-11T11:07:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=394"},"modified":"2017-01-11T12:08:38","modified_gmt":"2017-01-11T11:08:38","slug":"pfingsten-zu-apg-21ff-nach-dem-oekumensichen-kirchentag-berlin-8-6-2003","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=394","title":{"rendered":"Pfingsten zu Apg 2,1ff.: Nach dem \u00d6kumensichen Kirchentag Berlin (8.6.2003)"},"content":{"rendered":"<p>Es n\u00fctzt nichts, sich dar\u00fcber zu beklagen, dass es an Pfingsten mehr um das Urlaubswetter und die Verkehrsnachrichten geht als um das wichtige Ereignis, von dem wir gerade in der Lesung geh\u00f6rt haben: Gott sendet seinen Geist aus, der die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger Jesu wie eine Windb\u00f6e packt und aufr\u00fcttelt. Sie sollen und k\u00f6nnen die Frohe Botschaft von diesem Gott weitersagen \u2013 allen Sprachbarrieren zu Trotz.<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sollen die Tragweite dieses Ereignis f\u00fcr uns hier und jetzt nicht untersch\u00e4tzen! &#8211; Die Geistausgie\u00dfung auf die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger Jesu ist das Ereignis, das die Kirche immer noch in Atem h\u00e4lt, weil es ihr Atem verschafft. Es ist das Geschehen, dass uns auch nach 2.000 Jahren verbindet mit der Hoffnung und dem Glauben der Nachfolgern Jesu. Und: Pfingsten verkn\u00fcpft wie ein Band die weltweite Kirche mit dem Herrn der Kirche, Jesus Christus, selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deshalb: Mitten in den Urlaubs- und Feriengeist dieser Tage hinein der Versuch, dieses Pfingstenerlebnis in unserer Welt aufzusp\u00fcren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>[I. Psalm 67 auf deutsch, polnisch, arabisch, kisuaheli \u2013 oder: Gottes Geist bewegt den ganzen Erdkreis] <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am vergangenen Sonntag kamen \u00fcber 100.000 Menschen zum Gottesdienst vor dem Reichtag: Abschluss des 1. \u00d6kumenischen Kirchentages in Berlin.<\/p>\n<p>An jenem Sonntag \u2013 da passt der Einleitungssatz der Pfingstgeschichte \u2013 \u201ewaren sie <em>alle<\/em> an einem Ort versammelt\u201c: Protestanten und Katholiken; Christen und Nichtchristen, Deutsche und viele tausend G\u00e4ste aus der weltweiten \u00d6kumene.<\/p>\n<p>Unterschiedliche Sprachen wurden gesprochen, auch im Gottesdienst: Der Psalm wurde erst auf Deutsch gelesen und dann in unterschiedlichen Sprachen wiederholt.<\/p>\n<p>Auf Polnisch: dem Papst-Land, dem EU-Beitrittsland.<\/p>\n<p>Auf Arabisch: Hinweis auf die Christen in der orientalischen und arabischen Welt, aber auch darauf, dass Moslems den Koran immer auch mit Blick auf die \u00e4lteren Worte des Alten und Neuen Testaments lesen.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich: Kisuaheli, die Sprache Ostafrikas \u2013 ein Fingerwei\u00df, dass diese Welt nicht nur aus der reichen Nordhalbkugel besteht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Das ist f\u00fcr mich das Pfingstwunder: Gottes Wort macht nicht halt vor politischen oder kulturellen Grenzen, nicht einmal vor den Grenzen der Religionen und erst recht nicht vor den Grenzen der Konfessionen: Welche Sprache man spricht, in welchem Dialekt man denkt, aus welcher Welt man kommt: Gottes Geist bewegt den ganzen Erdkreis.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und h\u00fcten sollten wir uns davor, Pfingsten als Gegengeschichte zur Turmbaugeschichte von Babel zu lesen: als die Welt noch mit einer Zunge sprach und Gott nach dem s\u00fcndhaften Turmbau das Sprachgewirr als Strafe geschickt haben soll. \u2013 Nein, das passt nicht: Auch an Pfingsten bleiben die unterschiedlichen Sprachen erhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verst\u00e4ndigung ist manchmal sehr schwer: In Geiseke bereits spricht man wom\u00f6glich eine andere Sprache als an St. Viktor, wenn es um die Ausgestaltung des Gemeindelebens geht. &#8211; Christen in Lateinamerika reden anders von Gerechtigkeit und Recht: Meine Freundin ist derzeit in Argentinien und lernt in einer evangelischen Gemeinde kennen, welche materiellen N\u00f6ten den Einzelnen bestimmen und welche wirtschaftlichen Zw\u00e4nge ein ganzes Land.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und in unterschiedlichen Sprache \u00fcber den Glauben sprechen \u2013 das ist auch nicht einfach: Es gibt die (wahre oder gut erfundene) Geschichte vom \u00dcbersetzungscomputer, dem man in englischer Sprache den biblischen Satz eingab: \u201eDer Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.\u201c Man lie\u00df das den Computer ins Russische \u00fcbersetzen und zur\u00fcck ins Englische. Und aus dem Satz des Matth\u00e4usevangeliums war ein Satz geworden, der eher in einem Restaurantf\u00fchrer h\u00e4tte stehen k\u00f6nnen. Aus \u201eDer Geist ist willig, das Fleisch ist schwach\u201c war geworden: \u201eDer Schnaps ist gut, aber das Fleisch taugt nichts.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also, die unterschiedlichen Sprachen bleiben auch mit Pfingsten bestehen \u2013 mit allen Schwierigkeiten und der Notwendigkeit, sich zu verst\u00e4ndigen. Aber: Der Geist Gottes schafft eine Br\u00fccke, der Motor, aufeinander zugehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>[II. Kirchentag in Berlin \u2013 Das Stimmengewirr einer pluralistischen Gesellschaft]<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit sind wir bei einem zweiten Punkt: Dieses Pfingstgeschehen m\u00f6gen einige nicht greifen oder be-greifen zu k\u00f6nnen: Herbeigekommene meinen, die J\u00fcnger, die die Menschen in ihren eigenen Sprachen ansprechen, seien schlichtweg betrunken. Kopfsch\u00fctteln, ja Spott ernten sie auf die euphorische und offene Rede von Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Kirchentag konnte man zuweilen \u00c4hnliches erleben: Eine Journalistin spottete in der FAZ-Sonntagszeitung \u00fcber ein christlich-muslimisches Begegnungszentrum und schrieb: \u201eGanz Kreuzberg\u201c \u2013 das ein Berliner Bezirk, in dem viele Ausl\u00e4nder wohnen \u2013 \u201esei rund um die Uhr ein solches Begegnungszentrum, da m\u00fcssten sich Christen nicht extra engagieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allen Spott zu Trotz: Pfingsten macht die gro\u00dfen Taten Gottes \u00f6ffentlich. Und macht uns f\u00e4hig, diese Tagen weiterzusagen: nicht nur die Ordinierten auf evangelischen Kanzeln und nicht nur die Geweihten hinter katholischen Alt\u00e4ren, sondern alle! Gottes Taten geh\u00f6rten in alle \u00d6ffentlichkeit. In Berlin. In Schwerte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen sollen etwas sp\u00fcren k\u00f6nnen von christlichem Lebensmut, zu dem uns der Geist ermutigt. Von unserem langen Atem, den uns der Geist einatmet. Von unserer begr\u00fcndeten Hoffnung, dass dieser Geist Gottes wirklich weht, wo er will, und gerade uns dort T\u00fcren aufschlie\u00dft zu Menschen, die uns auf den ersten Blick fremd sind.<\/p>\n<p>Pfingsten markiert f\u00fcr die ersten Christen einen Wendepunkt: raus aus der trauten Versammlung, hinein in die \u00d6ffentlichkeit \u2013 auch wenn manche, die hinzukommen, sp\u00f6tteln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>[Dem deutschen Volk \u2013 Der Segen Gottes f\u00fcr die ganze Welt \u2013 oder: Zeugen zu sein]<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ein dritte Verkn\u00fcpfung zwischen Pfingsten und Kirchentag: Beim Abschlussgottesdienstes blickte ich auf den Reichstag. Dort die Aufschrift \u201eDem deutschen Volke\u201c. Darunter das Dach der Altarb\u00fchne mit der Aufschrift: \u201eGottes Segen f\u00fcr die ganze Welt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Widerspruch? Die Politik dem deutschen Volke verpflichtet? Der Gottes Segen aber f\u00fcr die ganze Welt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hier sto\u00dfen wir wieder auf die Pfingstgeschichte: Lukas nennt nicht umsonst haargenau und nervig detailliert alle V\u00f6lker, die in Jerusalem das Pfingstwunder miterleben: Pather, Meder, Elamiter, Menschen aus Mesopothaminen, Jud\u00e4a, Kappadozien &#8230; Und noch viele mehr: Insulaner und Menschen aus dem Vorderen Orient, Migranten und Einheimische.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten uns auch in diese Aufz\u00e4hlung einreihen: Als Christen an einem ganz bestimmten Ort, mit einer spezifischen Herkunft und einer ganz bestimmten Lebenssituation, in der wir von Gottes Taten h\u00f6ren . Raus aus unserer Haut k\u00f6nnen wir nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und doch gilt das Weltumspannende: Petrus verweist auf den universalen Segen Gottes, der allen zugleich gilt: Gott gie\u00dft seinen Geist auf <em>alles<\/em> Fleisch aus, so prophezeit es bereits Joel, dessen Worte Petrus in seiner Predigt aufnimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und Gott will Zeichen und Wunder tun: am <em>Himmel<\/em> \u2013 also allumfassend, universal \u2013 und unten auf der <em>Erde<\/em>: schon heute, an unseren konkreten Orten, wo die Menschen in ihrer Sprache Gott h\u00f6ren und in ihrer Sprache von Gott reden. Genau so wie der Auferstandene, Jesus Christus selbst, beides verk\u00f6rpert: Er kam als Mensch an einen <em>konkreten Ort<\/em>, fassbar, geschichtlich, geradezu an-fassbar. Und durch seine Auferstehung umh\u00fcllt er den ganzen Erdkreis: \u201eEr sitzt zur Rechten Gottes.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch den Geist Gottes k\u00f6nnen wir selber von den gro\u00dfen Taten Gottes reden. \u201eWeissagen\u201c \u00fcbersetzt Luther die Worte des Joel. \u201eProphezeien\u201c k\u00f6nnen wir sagen, \u201eZeugen sein\u201c: Joel schreibt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Eure S\u00f6hne und T\u00f6chter k\u00f6nnen Zeugen sein.<\/em><\/p>\n<p><em> Eure jungen Leute k\u00f6nnen Visionen haben.<\/em><\/p>\n<p><em>und Eure Alten k\u00f6nnen Tr\u00e4ume haben.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gest\u00e4rkt und erm\u00f6glicht durch Gottes Geist: Atem zum Leben, erfrischender Wind, Tr\u00f6ster, F\u00fcrsprecher vor Gott.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde heute erg\u00e4nzen: durch Gottes Geist, der ein \u00dcbersetzer ist. Der uns \u00fcber-setzt zu Menschen, die uns zun\u00e4chst noch fremd sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Helmut Thielecke, 1986 verstorbener luth. Theologe (Erlangen) erz\u00e4hlt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eIch habe einmal, kniend im Steppensand, mit einigen Hereros in S\u00fcdwestafrika das Mahl des Herrn gefeiert. Keiner verstand auch nur einen Laut von der Sprache des anderen. Aber als ich mit der Hand das Kreuzeszeichen machte und den Namen \u201eJesus\u201c aussprach, strahlten ihre dunklen Gesichter auf.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir a\u00dfen dasselbe Brot und tranken aus demselben Kelch, und sie wussten nicht, was sie mir alles an Liebe erweisen sollten..<\/em><\/p>\n<p><em>Wir hatten uns nie gesehen. Soziale, geographische und kulturelle Grenzen standen zwischen uns. Und doch umschlossen uns Arme, die nicht von dieser Welt sind.<\/em><\/p>\n<p><em>Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich begann die Pfingstgeschichte zu begreifen.[&#8230;]\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleich am Tisch des Herrn w\u00fcnsche ich uns, dass wir diesen einen Geist unter uns sp\u00fcren. Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es n\u00fctzt nichts, sich dar\u00fcber zu beklagen, dass es an Pfingsten mehr um das Urlaubswetter und die Verkehrsnachrichten geht als um das wichtige Ereignis, von dem wir gerade in der Lesung geh\u00f6rt haben: Gott sendet seinen Geist aus, der die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger Jesu wie eine Windb\u00f6e packt und aufr\u00fcttelt. Sie sollen und k\u00f6nnen die &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=394\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201ePfingsten zu Apg 2,1ff.: Nach dem \u00d6kumensichen Kirchentag Berlin (8.6.2003)\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","footnotes":""},"categories":[12,5],"tags":[],"class_list":["post-394","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-pfingsten","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/394","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=394"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/394\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":395,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/394\/revisions\/395"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=394"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=394"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=394"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}